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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

Acht Achtel Brot



Von Martin Bettermann

Geteiltes Leid ist halbes Leid! Dass wir nicht lachen!

Denn geteiltes Brot ist nicht einfach halbes Brot, sondern es sind zwei halbe Brote. Und mit dem Leid ist es nicht viel anders. Auch bei den Gemütszuständen regiert die Arithmetik: Nach dem Satz von der Erhaltung des Mir-geht’s-nicht-gut findet man nach dreimal geteiltem Leide acht Leidende vor.  Und dann heißt es auch noch: Geteiltes Glück sei doppeltes Glück. So beschönigend kann das Rechnen mit Brüchen sein. Doppelt heißt zwar zweifach, aber eben zweimal die Hälfte.

Freitag noch habe ich Sylva versprochen, diesen Artikel über das Wochenende fertig zu kriegen. Aber ich musste mich sofort an den geschätzten Douglas Adams erinnern, der zu diesem Thema meinte, er liebe Abgabetermine genau so wie das zischende Geräusch, das sie machen, wenn sie verstreichen.*

Montag früh war ich dann mit dem Schreiben so weit, wie ihr jetzt mit dem Lesen.

Also habe ich zähneknirschend Verlängerung erbeten bis Dienstagmorgen. Das stimmt nicht ganz, zähneknirschend war nicht die Bitte, sondern das Gewähren. Jetzt liegt der Dienstagmorgen wenige Stunden vor mir und das knirschende Geräusch geht schon wieder in das zischende über. Dabei würde ich so gern andere Dinge tun. Zum Beispiel eine Live-Übertragung vom Urknall sehen. Es gibt Menschen, die schaffen es nicht, ihren Scheffel unter das richtige Licht zu setzen. Doch auch ich  möchte einmal dazu gehören, wenn die Kinder ins Bad geschüttet werden. Zusammen mit den Klammern aus dem Beutel. Ich glaube, ihr könnt das verstehen.

Wenn nicht, dann habt ihr es mit einer Hirnfehlfunktion zu tun. Das muss nicht schlimm sein, kann sogar wohl tun.

Ich komme damit zu meiner zweiten Literaturempfehlung für heute. Auf den ersten Blick ein populärmedizinisches Fachbuch, auf den zweiten aber auch eine Argumentationshilfe gegen ungeliebte Zeitgenossen.**

Dabei muss man die Argumente, die man beim Lesen erhält, gar nicht offen aussprechen. Es reicht, wenn man (oder frau) sie sauber geputzt und einsatzbereit in seinen (oder ihrem) Munitionsspeicher auf Vorrat hält.

Das Buch schildert den modernen Stand der Hirnforschung. Für den Anfang der Lektüre empfiehlt es sich, davon auszugehen, dass es sich nicht um den Stand der Forschung am eigenen Gehirn handelt. Denn der Wissensvorsprung um den Zustand anderer Hirne kann schon ein gewisses Vergnügen bereiten.

Grundgedanke ist folgender: Das Ich ist eine nicht-hierarchische Selbstorganisation verschiedener Teil-Ichs. Dazu gehören das Körper-Ich, das Verortungs-Ich, das perspektivische Ich, das Ich als Erlebnis-Subjekt, das Autorschafts- und Kontroll-Ich, das autobiografische Ich sowie das selbstreflexive Ich, das sprachliche Selbst und das ethische Ich. Jedem dieser Iche ist ein bestimmter Hirnbereich zugeordnet und das ist keine bloße Theorie. Das ethische Ich zum Beispiel ist vornehmlich eine Funktion des orbitofrontalen Cortex. Ein Klatsch darauf und die Menschen mit Schädigungen in diesem Bereich verhalten sich typisch unmoralisch bzw. unethisch.

Dieses Wissen kann man nun heran ziehen, um sich oder andere zu entschuldigen bzw. zu erklären.

Politiker, die sich an ihre gestrigen Versprechen nicht mehr erinnern können, werden wohl an einer Fehlfunktion  des Schläfenlappens und des Übergangs zum Scheitellappen leiden. Möglicherweise ist auch die Funktion ihres prä-supplementär- motorischen Areals in Zusammenarbeit mit dem parietalen und präfrontalen Cortex eingeschränkt. Sind sie sich ihrer Lügen jedoch bewusst, dann versagt wohl eher der orbitofrontale Cortex. In diesem Falle werden sie sich aber wohl einer wirksamen Therapie entziehen. Ist die Schädigung jedoch groß genug, sind sie dazu nicht mehr in der Lage. So hilft die Krankheit der Gesundheit.

Aber mal ganz ohne Mist: die Hirnforschung trägt auch eine ganze Menge zum Thema „Freier Wille“ bei. Diese Kapitel sind wirklich lesenswert und Juristengenerationen werden darüber zu streiten haben.

Der freie Wille meines persönlichen Cortex` schickt mich aber jetzt ins Bett. Mein  mit-dem-Schreiben-aufhörendes Selbst kann nichts dafür. Übergerumpelt ist es. Gute-Nacht-sagend.

 

* Douglas Adams, „Lachs im Zweifel“

** Gerhard Roth, „Aus Sicht des Gehirns“