Specialcamp in Sebeta
Die Sonne ging gerade unter, als das Flugzeug den afrikanischen Kontinent erreichte. Mir wurde deutlich wie nahe doch dieser fremde Ort an Europa liegt. Ein bisschen mulmig war mir schon, denn beim Blick aus dem Fenster war auf der Erde, bis auf ein paar kleine Feuer, einfach nur Schwärze zu sehen. Dann wieder elektrische Lichter. Wir flogen die Hauptstadt Addis Abeba an. Die Halle des Flughafens war modern, sauber und angenehm ruhig. Beim warten auf den Stempel für meinem Reisepass, kam ich mit einer Gruppe deutscher Geologie Studenten ins Gespräch. Im Vergleich zu mir waren sie hervorragend ausgerüstet. Bekleidet mit festem Schuhwerk und einem Gürtel an dem allerlei überlebensnotwendige Dinge befestigt waren. Sogar die typischen Safarimützen hatten sie schon auf! Kein Wunder, die jungen Deutschen waren nun auf einer Exkursion ins äthiopische Hochland. Ich vermute aus Aufregung und Unsicherheit handelte unser erstes Gespräch von Impfungen. Dabei wurde ich gleich noch einmal daran erinnert, dass ich nicht gegen Tollwut geimpft bin und wie gefährlich das doch sei. Ja, ich wusste es. Aber nach den vielen Impfungen hatte ich keine Lust mehr auf diese. Noch nie hatte mich ein Tier gebissen, daher wohl mein Mut. Tollmut. Ok, nicht verrückt machen lassen. Jeder ist für sich selbst verantwortlich.
Die Fahrt mit dem Taxi in die Stadt war unspektakulär. Es waren wenig Menschen auf den Straßen und von der Umgebung konnte man wegen der spärlichen Beleuchtung kaum etwas sehen. Ich gehörte zu den letzten Ankömmlingen. Wir trafen uns in einem Haus in der Stadt. Ich freute mich, die durchaus gemischte Gruppe wiederzusehen. Man kannte sich schon vom Seminar und die Grüppchenbildung wurde fortgesetzt. Der Moment, an dem ich am nächsten Morgen auf die Straße trat, werde ich nie vergessen. Mein Blick schien durch die Filmkamera eines Dokumentarfilmers zu gehen. Doch alles war echt. Ich sah mir unbekannte japanische Autos, dazwischen einige Ziegen, Karren von Eseln gezogen, Gemüsestände und Menschen in schönen Kleidern. Alles bestahlt von der hellen Sonne. Mein neugieriger Blick wurde erwidert. Sammel- Taxis sind hier wohl das am meisten genutzte Verkehrsmittel. Dauernd stiegen Menschen ein und aus. Die Fahrer schreien die Zielorte und Zwischenstationen durch das Fenster. Mit zwei solcher Taxis brachen wir am Nachmittag in Richtung Sebeta auf.
An diesem Ort, welcher kaum eine Stunde von der Hauptstadt entfernt ist, fand unser Workcamp statt. Zu diesem Zeitpunkt war unser Gruppe schon mit den äthiopischen Studenten, übrigens allesamt männlich, durchmischt. Beide Seiten verhielten sich nicht nur während der Fahrt, sondern auch in den nächsten Tage noch recht schüchtern. Zudem bezogen die Gruppen im Hotel in Sebeta getrennte Bereiche. Erdgeschoss: Äthiopier, 1. Stock: Deutsche. Anzumerken ist, dass uns die Äthiopier aus Gastfreundschaft die komfortableren Zimmer überließen. Das hatte ich nun wirklich nicht erwartet: zwei oder drei Leute auf einem Zimmer mit eigenem Klo, Dusche und kuschelweichem Bett!
Unsere Arbeit sollte am nächsten Tag beginnen. Bei dem Projekt ging es darum, im nahe gelegenen Kloster einen Wassertank, welcher dann zur Bewässerung der eigenen Gärten verwendet wird, zu bauen. Das Kloster mit Waisenhaus finanziert sich aus dem Verkauf von Gemüse aus den eigenen Gärten. Von dem Tank aus, dessen Standort auf einem Berg geplant war, sollte eine Wasserleitung in Richtung der Gärten verlegt werden. Unsere Aufgabe war es, die Gräben für diese Leitung zu graben. Eine Ingenieur, der hin und wieder auftauchte, sorgte dafür, dass wir keine krummen Gräben gruben. Die anspruchsvollen Arbeiten, wie das betonieren des Fundamentes für den Tank, wurden von ausgebildeten Arbeitern ausgeführt. Für einen verkopften Studenten wie mich war die körperliche Arbeit regelrecht entspannend. Dazu trugen auch die wunderschönen Gärten des Klosters bei. Man sah was man tat und nach einiger Zeit bekam man Übung im Pickeln und Graben und wurde motivationssteigernd effektiver (Jedoch lange nicht so geübt wie ein einheimischer Arbeiter, der Ungefähr mit einem Schlag des Pickels die dreifache Menge, meines Schlages, wegpickeln konnte).
Die Arbeitszeiten waren durchaus erträglich. Pro Tag arbeiteten wir kaum länger als sechs Stunden. Um der heißen Sonne zu entgehen, machten wir zur Mittagszeit eine längere Pause. Im Hotel, welches nur wenige Minuten vom Kloster entfernt war, wurde zweimal täglich ein sehr feines Essen für uns zubereitet. Unsere Gruppe wurde begleitet von zwei sehr netten Köchinnen. Zur Unterstützung arbeitete jeder Workcampler mindestens einmal in der Küche. Gerade war Fastenzeit im orthodoxen Äthiopien und deshalb gab es meistens vegetarisches Essen. Hauptnahrungsmittel in Äthiopien ist Injera, dies ist ein leicht säuerlich schmeckendes Fladenbrot, belegt mit verschiedenen gekochten Gemüsen. Nach einer Verdauungspause folgte die zweite Arbeitsschicht.
Vom späten Nachmittag bis zum frühen Abend konnte jeder seine eigene Freizeit gestalten. Manche gingen mit den einheimischen Kindern Fußball spielen, manche lasen oder spazierten durch die Gegend. Einmal wurden wir dazu Eingeladen, die Schule des Klosters und das Waisenhaus zu besichtigen. Wir nahmen sogar an einem Englisch- Unterricht teil. Betrachtet von grinsenden Kindergesichtern saßen wir dort auf den kleinen Schulbänken. Auch besuchten wir die Weberei des Klosters, in der die Nonnen Stoffe für den Eigenbedarf und den Verkauf herstellen. Man muss sich daran gewöhnen, dass man auffällt. Betritt man die die Straße ist normal, dass man von einer Schar Kindern begleitet wird. Die einen betteln, die anderen sind einfach nur neugierig und wollen sich unterhalten. Reiseführer sagen, wenn man den Kindern etwas gibt, erzieht man sie zu Bettlern. Ich denke, jeder sollte dies für sich entscheiden.
Durch die Gegend spazieren ist also immer mit etwas Anstrengung verbunden. Verlassene Orte, wie man sie hier kennt, sind besonders in der Nähe der Verkehrsstraßen schwer zu finden.
Für einen unserer beiden gemeinsamen Ausflüge stellte uns die Deutsche Welthungerhilfe zwei Jeeps bereit. Mit mehreren Zelten im Gepäck fuhren wir in Richtung Süden. Dort hatten wir die Möglichkeit uns einige Projekte der Welthungerhilfe anzusehen. Darunter war ein massiv gebauter Kornspeicher, in dem die Einwohner des Dorfes ihr überschüssiges Korn einlagern konnten. Dadurch ist das Saatgut vor der Witterung und den Nagetieren geschützt. Wir nächtigten am Langano- See. Zur Abenddämmerung kamen wir dort an und zumindest die deutsche Gruppe begann gleich damit, sich mit insektenabeweisenden Mitteln einzureiben. Im dem Gebiet um den See wurde von sehr wenigen Malaria- Fällen berichtet. Trotzdem begegnet man mit diesem Wissen einem Moskito mit einem komischen Gefühl. Den Abend ließen wir gemeinsam, gemütlich um eine Lagerfeuer sitzend, ausklingen. Neben uns feiernde, vermutlich betuchtere, Afrikaner. Genauso wie bei uns ist Bier ein beliebtes Getränk. Nach einer Woche waren sich die Gruppen näher gekommen. Man erzählte sich viel und es entstanden Freundschaften. Es war sehr interessant, die unterschiedlichen und gemeinsamen Ansichten kennenzulernen. Dabei veränderte sich mein Bild von Afrika und ich konnte von unserer bzw. meiner Welt berichten.
Die drei Wochen vergingen sehr schnell. Der Arbeitsalltag wurde routiniert und entspannt. Doch an jedem Tag erlebte man immer wieder neue Dinge. Besonders die kleinen Momente sind es, die mir bis heute im Gedächtnis geblieben sind. Sei es die Empörung einiger Camp- Teilnehmer über ein schwer verletztes Pferd am Straßenrand, um das sich niemand kümmerte. Oder den Englisch- Lehrer, den ich kennen lernte, als ich mich gerade im Schatten eines Baumes ausruhte. Unvergesslich bleibt mir die unendliche Ruhe und die Klarheit seines Blickes. Wir redeten über unsere beiden Länder, und mir wurde wieder bewusst wir ähnlich sich doch alle Menschen sind. Als das Camp zu Ende war, musste ich mich erst daran gewöhnen, alleine, ohne eine Gruppe, zu existieren. Mit der Vorfreude auf meine Rückkehr folgte nun für mich und meinen Begleiter eine mehrtägige Reise nach Gondar, der alten äthiopischen Königsstadt des 17. und 18. Jahrhunderts. Ich sammelte auf der Reise viele schöne und lehrreiche Erfahrungen, von denen ich gerne berichte. Und ich habe die Gewissheit etwas kleines bewegt zu haben. Von meinen Muskeln, die sich bei der Arbeit aufbauten, ist leider nichts übrig geblieben.


