Specialcamp in Sebeta
November 2003:
Ich bin auf der Arbeit und die Gedanken kreisen um den wohlverdienten Urlaub. Ich habe Zeit, mir über mich und mein Leben Gedanken zu machen und wieder einmal erwacht ein alter Traum: Afrika. Aber wenn irgend möglich in Sinn stiftender Weise! Geht das überhaupt? Die Internetrecherche dauert: wie kann ich mit über 30, ohne Vorkenntnisse, für nur 3 Wochen (mehr Urlaub habe ich nicht), an einem sinnvollen Projekt in einem afrikanischen Land mitwirken? Die meisten Projekte gehen über einen Zeitraum von 3-6 Monaten, haben Altersbegrenzungen oder verlangen einen Immatrikulationsnachweis. Schließlich werde ich fündig: die IJGD ist mein Ansprechpartner! Angeboten wird ein Afrika - Special Camp in Äthiopien für den Zeitraum von 3 Wochen! Ziel des Projekts: Ausbau des Bewässerungssystems eines Klosters nahe der Hauptstadt, um die Selbstversorgung mit Wasser und Landwirtschaft zu ermöglichen. Stunden später faxe ich die unterschriebene Anmeldung an das IJGD-Büro zurück und mein Herz hüpft! Das 4-tägige Vorbereitungsseminar findet in Berlin statt: erster Kontakt zu den Mitreisenden also und außerdem zu Rückkehrern, auf dessen Erfahrungen ich gespannt bin. Es wird gekocht (äthiopische Spezialitäten), gegessen und gespielt, alles eingebunden in jede Menge Infos und einem Vorgeschmack auf die amharische Sprache. Nun kommt die Zeit der Vorbereitung: Impfung (Gelbfieber), Visa und div. Besorgungen wie Moskitonetz und entsprechender Kleidung.
5. Feburar 2004:
Nach einer schlaflosen Nacht begebe ich mich auf die Reise. Gegen 12 Uhr Ortszeit (24 Uhr europäischer Zeit) werde ich von der Gruppenleiterin Angela und anderen, bereits eingetroffenen Teilnehmern des Camps auf dem Flughafen in Addis in Empfang genommen. Zum ersten Mal betrete ich afrikanischen Boden und atme die trockene, herb schmeckende Nachtluft ... Die erste Nacht verbringen wir im Haus der Gruppenleiterin auf dem nackten Fußboden; ich ahne, dass ich mich in den folgenden Wochen von einer völlig neuen Seite kennenlernen werde. Am nächsten Morgen gibt es noch immer kein fließend Wasser, ein häufig wiederkehrender Zustand in vielen Häusern Äthiopiens. Ich bin mit einer ungewohnten Situation konfrontiert und der Lerneffekt ist eindringlich: wie selbstverständlich nehme ich doch all die Annehmlichkeiten meines komfortablen Zuhause! Nun bin ich hier, in Äthiopien, und Äthiopien ist arm. Am nächsten Tag treffen wir den Rest der Gruppe und fahren auf zwei Pick-ups verteilt Richtung Sebeta (30 km von Addis), wo sich die Klosteranlage befindet. Eine völlig andere Welt zieht an mir vorbei: die pralle Sonne bescheint die Haupstraße Richtung Sebeta, an beiden Seiten zahllose Wellblechhütten. Neugierig betrachte ich die am Straßenrand entlang laufenden Menschen und auch sie schauen uns interessiert nach, sobald sie begriffen haben: Ferenji - Ausländer! Ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass wir, sobald wir irgendwo auftauchen, für die meisten Einheimischen die Sensation schlechthin sind. Ich frage mich, ob diese ahnen, wie gerne auch ich Genaueres über jeden Einzelnen erfahren würde. Stunden später liege ich, voll von den ersten Eindrücken, mit meiner Zimmernachbarin Maria im Bett, über uns das aufgeschlagene Moskitonetz, nicht ahnend, dass uns weniger die Mücken, als einige andere lästige Mitbewohner dieses sehr einfachen, aber für äthiopische Verhältnisse komfortablen Guest Houses demnächst „auf die Pelle rücken“ werden.
Die Arbeit, die Freizeit:
Am nächsten Morgen geht es nach einem üppigen Frühstück (Erdnussbutter, Honig, Früchte, der berühmte äthiopische Kaffee) los zur Arbeit: Wir beginnen mit der Aushebung der Erde für ein Wasserresevoir, d.h. Ärmel hoch und mit der Spitzhacke und Schaufel den Boden bearbeiten. Der Himmel ist strahlend blau, es ist angenehm warm. Ich beäuge neugierig unsere äthiopischen Workcampkollegen: wer sind sie und was denken sie über uns? Es wird noch ein wenig Zeit brauchen bis wir uns wirklich näher kommen. Einige äthiopische Arbeiter, die in den Klostergärten beschäftigt sind, werden uns demnächst bei unserer Arbeit unterstützen. Zum Mittagessen geht’s zurück ins Guest House. Herut und Mulu, zwei Freundinnen der Gruppenleiterin, haben sich bereit erklärt, die nächsten 3 Wochen für unser leibliches Wohl zu sorgen und sie machen es ganz wunderbar: es gibt Injera, eine Art Fladenbrot, die man zu jeder Mahlzeit bekommt. Es dient als „eßbarer Teller“ für die Beilagen, wie frittiertes Gemüse (grüne Bohnen, Karotten, Tomaten) und der sog. Soßen, bestehend aus div. scharf schmeckenden Linsen oder Kichererbsen; den Geschmack von Injera finde ich anfangs seltsam, aber schon nach einigen Tagen kann ich nicht genug davon bekommen. Gegessen wird übrigens mit der Hand. Dazu gibt es Sprudelwasser oder Cola. Wir ruhen uns aus und dann geht’s zur zweiten Tagesetappe Richtung Baustelle. 2 Stunden Arbeit noch, die ziemlich schnell vergehen. Es ist 17:00 Uhr und bis zum Abendessen haben wir freie Zeit. Wie wäre es mit Fußball? Auf einem riesigen staubigen Platz, eine beeindruckende Bergkette als Hintergrundkulisse, findet ein spannendes Fußballmatch statt: wir Workcampteilnehmer und als gegnerische Mannschaft Jugendliche (meist barfüßige, hervorragende Spieler) aus dem Dorf Sebeta. Es wirkt ein wenig befremdlich auf sie, dass ich als Frau mitspiele, aber mit einem Schulterklopfen am Ende (Sebeta siegt 5:0) zeigen sie mir: es ist ok , dass eine „Sister“ sich das Mitspielen nicht nehmen lässt. Mit einem atemberaubenden Sonnenuntergang geht dieser Tag zu Ende. Nach dem Abendessen haben die Workcampteilnehmer ausgiebig Zeit sich kennenzulernen. Gesprochen wird auf Englisch und in den folgenden 3 Wochen entstehen nach und nach Zuneigung und Freundschaft. Wir reden, hören Musik, tanzen; die Äthiopier Alex und Aaron haben jede Menge Reggae dabei.
Das erste Wochende
Der erste Ausflug, raus aus Sebeta, etwas mehr von Äthiopien sehen! Unser Ziel ist der Langano- See (180 km von Addis entfernt). Auf dem Weg dorthin werden wir Zwischenstopps in mehreren Dörfern machen, in denen Hilfsorganisationen wie die Welthungerhilfe Projekte verwirklicht haben, z.B. den Bau eines Brunnens oder einer Kornkammer, in dem überschüssiges Saatgut der Bauern aufbewahrt und somit u.a. vor Diebstahl geschützt wird. Auf dieser extrem anstrengenden Fahrt kommen wir nun in Kontakt mit der Landbevölkerung: kaum sind wir auf dem Hauptplatz eines Dorfes ausgestiegen, umzingeln uns Frauen, Männer und Kinder und betrachten uns neugierig. Sie leben weit ab von den Städten: mitten in der flirrenden Hitze, scheints im Nirgendwo, in einer weiten, imposanten, extrem trockenen Gegend, wohin sich nur Wenige verirren. Es ist mir völlig unverständlich, wie die Dorfbewohner ohne diesen Brunnen (der erst kürzlich erbaut wurde) leben konnten; mir wird bewußt, dass die Hauptbeschäftigung für alle darin bestand jeden Tag etliche km zu Fuß zurückzulegen, um Wasser zu holen. Wieder offenbart sich mir der quälende Mangel an den notwendigsten Dingen; ich sehe mich konfrontiert mit einer Armut, die grausam und schwer verständlich ist.
Die Armut: sie durchzieht das gesamte Land. Es fehlt an allem, von der Infrastruktur bis hin zur medizinischen Versorgung in vielen Gebieten. Egal, wo man sich als ferenji befindet, man zieht sofort alle Aufmerksamkeit auf sich und ist in der nächsten Sekunde völlig überfordert von den vielen entgegengestreckten Händen, die an einem zupfen, und den Stimmen, die bis zuletzt um Geld bitten („You! Money!“), selbst wenn man schon im Pick-up sitzt und die Türe sich schließt. Viele sind der Überzeugung, wir als Ausländer, als Weiße, kämen direkt aus dem Paradies. Schließlich erreichen wir den See, eine der „Enklaven der Reichen“: gut betuchte Äthiopier und Ausländer machen hier, abgeschieden von der Landbevölkerung, Badeurlaub oder Wochenendausflüge. Es wird langsam dunkel: wir schlagen die Zelte auf und ruhen uns am Ufer des romantisch anmutenden Sees aus.
Zurück im Camp:
Wir haben unser Projekt mit der Aushebung eines 300 m langen Grabens, der für die neue Wasserrohrverlegung vorgesehen ist, fortgesetzt. Mittlerweile habe ich mich an die Arbeit gewöhnt und freue mich über unsere Fortschritte. Die Nonnen des Klosters haben unsere Arbeit begutachtet und sind zufrieden. Sie laden uns zu einem Mittagessen in ihr Haus ein. Im Empfangsraum hängen viele Fotos, die die Geschichte des Klosters dokumentieren. Wir stehen ehrfürchtig und leise da, mit großem Respekt vor den Leistungen der Nonnen. Sie leiten nebenbei ein Waisenheim, eine Schule und ein Krankenhaus, welche sie selbst aufgebaut haben, um die lokale Bevölkerung zu unterstützen. Mit der verbesserten Wasserversorgung, für die wir unseren Beitrag leisten, werden sie die Nahrungsmittelversorgung erheblich steigern können!
Ich fühle mich immer geborgener in der Gruppe; besonders mit Fitsum, einem 23-jährigen Studenten aus Addis, verstehe ich mich sehr gut. Wir tauschen uns aus und im Laufe der Zeit entdecken wir trotz unserer Verschiedenheit doch auch jede Menge Gemeinsamkeiten. Er bleibt bis jetzt mein intensivster Kontakt nach Äthiopien. Eine neue Freundschaft, eine neue Kultur und das Gefühl, nicht nur genommen, sondern etwas Nützliches hinterlassen zu haben: die Reise hat sich mehr als gelohnt.
Herzliche Grüße, Mithra





