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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

weltwärts - Aus Sicht einer Rückkehrerin

"Trotz des verhältnismäßig stabilen, recht zuverlässigen Organisationsrahmens, in dem mein Freiwilligendienst stattfand, dauerte es dann doch eine ganze Weile, bis sich, auch bezüglich der Frage nach der Sinnhaftigkeit und des Nutzens meines Tuns, Zufriedenheit, eine gewisse innere Ruhe und Gelassenheit bei mir einstellte. Ich musste mir eingestehen, wie sehr doch die Herkunftskultur die eigene Persönlichkeit und Identität eines Menschen, auch meine, sein Denken, Fühlen und Handeln, auch meins, prägen, wie die Kultur ein so wesentlicher Teil davon ist, der sich nicht so einfach ausziehen und wiederanziehen lässt wie ein Mantel.
Ich musste erkennen, wie sehr in einem anderen Kontext doch die gewohnten Normen ihre Gültigkeit verlieren, wie sich Kategorien wie "richtig" und "falsch" ein Stück weit auflösen, wie sehr wir Europäer, vor allem auch wir Deutsche doch sehr stark in Kategorien denken und auch gerne ihre universelle Gültigkeit behaupten, wie wir dann erstaunt, entrüstet sind, wenn sich die Lage, wo und wie auch immer, plötzlich ganz anders darstellt.
Früher oder später muss man einfach einsehen, und das musste auch ich, dass man sich mit europäischen Denkweisen Probleme konstruieren kann, die für die Menschen hier (in Vietnam - Anm. der Red.) so überhaupt nicht bestehen. Oder sich eben ganz anders darstellen. Meine Erwartungen an mein eigenes Tun waren teilweise viel zu hoch, mein Denken viel zu erfolgs-, fortschritts- und ergebnisorientiert. In diesem Zusammenhang klammerte ich mich auch an die Idee eines routinierten, strukturierten Arbeitsalltags, wie man ihn von zuhause her kennt, mit festgelegten Aufgaben und Arbeitszeiten. Verzweifelt und mit aller Kraft habe ich versucht, mir einen solchen zu schaffen, um dann am Ende festzustellen, dass es so einfach nicht funktioniert, dass sich unsere Vorstellung von Arbeit mit strukturiertem Alltag, mit festgelegten Zeiten und Aufgaben auf die hiesigen Verhältnisse einfach nicht übertragen lässt. Vermutlich besteht der Alltag, insbesondere der Arbeitsalltag, für uns Freiwillige nicht so sehr in der Routine, in dem ganz sicher Wiederkehrenden, sondern darin, mit all dem Unbeständigen, all dem Plötzlichen zurecht zu kommen, immer gefasst zu sein, auf alles Mögliche.
Ich habe gelernt, im Moment zu sein, zu leben, hier und jetzt und immerzu das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen, ganz bewusst zu handeln und zu erleben. So habe ich versucht den Wert meines Tuns im Tun selbst, im Prozess, in der Arbeit in jedem Augenblick zu sehen. Welche Ergebnisse sollten am Ende auch stehen? Und es ist ja auch den Menschen vor Ort, den Projektpartnern, den Kindern, allen Beteiligten gegenüber nicht fair, unter den gegebenen Umständen, vor dem Hintergrund ihrer ganz eigenen Lebensgeschichte solch hohe Erwartungen an sie zu richten. Und überhaupt, was maße ich mir denn eigentlich an zu fordern und einzuklagen, ich, die in vielerlei Hinsicht selbst Ahnungslose, sowohl professionell, vor allem auch kulturell, deren Möglichkeiten, etwas zu geben ja wiederum hier und da und ganz konkret auch sehr begrenzt waren?"