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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV mit YPSA

Eindrücke von meinem Freiwilligendienst in Bangladesh

Als ich in Bangladesh ankam, war einer meiner Beweggründe, dorthin zu gehen, der Wille, etwas Positives in einem Land beizutragen, in dem materieller Reichtum nicht wie in Deutschland reichlich vorhanden ist – in meinem Heimatland kamen mir so viele Leute weder wirklich zufrieden mit ihrem Leben vor noch sich ihres Lebens wirklich bewußt, sich beklagend über fast alles aber gleichzeitig darauf eingestellt sowieso nichts ändern zu können. Als ich mich dafür entschied nach Bangladesh zu gehen – ich krabbelte gerade irgendwie durch mein Japanologie-Studium und konnte keinen wirklichen Sinn dahinter ausmachen – war es mir am wichtigsten, mein eigenes Gefühl zu überwinden, dass ich doch sowieso gegenüber all der weltweiten Ungerechtigkeiten und Unausgeglichenheiten vollkommen hilflos wäre. Ich empfand oft – und empfinde es manchmal immer noch – dass ich zu naiv sei um irgend etwas an den schlechten Zuständen, in denen sich Teile unserer Erde befinden, zu ändern, und dass ich zu reich und zu verwöhnt aufgewachsen sei um jemals die Lage eines Menschen in Armut wirklich verstehen zu können, und dass ein Mensch – in diesem Fall ich – sowieso nie erwähnenswerte Verbesserungen an den gegenwärtigen Zuständen bewirken könnte. Schon gar nicht in einem Entwicklungsland, in dem so viele Teile der Bevölkerung ausgebeutet, unterdrückt oder ignoriert werden. Schließlich habe ich dann aber doch dem pathetisch anmutenden Satz „Der Mut eines einzelnen können die ganze Welt verändern“ eine Chance gegeben und mich entschlossen, einfach mal loszugehen. So stieg ich also am 29. Juli 2003 schwer bepackt mit Rucksack und vielen neugierigen und teilweise auch ängstlichen Erwartungen an das Unbekannte in das Flugzeug, das mich nach Bangladesh bringen würde. Um ein bisschen von dem Eindruck wiederzugeben, den ich an meinem ersten Tag von diesem Land hatte – ich kam mir ein bisschen vor wie Alice im Wunderland -, schreibe ich wohl am besten den Tagebucheintrag ab, den ich am Abend desselben Tags schrieb:

30. Juli 2003: Chittagong, Bangladesh

Erster Tag in Bangladesh, und der Kopf zum Platzen voll mit Eindrücken!

Ankunft 9 Uhr morgens in Dhaka, Blick aus dem Flugzeugfenster während der Landung – ist das etwa alles überflutet?! Zuallererst dachte ich, wie braun die Landschaft hier ist, bis ich dann auch mal kapiert habe dass das alles Wasser ist!! Einfach so überall, auf den Feldern, zwischen den Hütten, ... außerdem: Palmen (was für eine Neuigkeit für mich Kind des kalten Nordens!), Boote, Hütten bis 1m vor der Flugzeuglandebahn. Dafür hab ich mittlerweile schon eher Verständnis – hier in Bangladesh ist irgendwie sowieso dauernd so ein Lärmpegel, bestehend aus Hupen (Nationalsportart?), Autos+Laster+Babytaxis, Fahrradklingeln, und alle machen Lärm, und noch vieles mehr, sodass so ein bisschen Flugzeuglärm das Kraut auch nicht mehr fett macht. Nach der Landung erste große Anna-Paranoia („Wo ist mein Rucksack gelandet?“). 45 schier ewig dauernde Minuten Warten am Gepäckband. Dann, als außer ein paar seltsam verpackten Paketen nix mehr drauf ist auf dem Band, kommt einer und fragt, ob er mir helfen kann, und geht dann kundig zu einem ganz anderen Gepäckband, wo mein Rucksack extravaganterweise gelandet ist.

Dafür ist Akef, der Koordinator von YPSA, schon da und fischt mich gleich aus der Menge, Taxifahrt ohne Gurte und im absoluten Mördertempo, erste Begegnung mit bengalischen Straßenverhältnissen: irgendwann hab ich dann aufgehört, die Situationen zu zählen in denen ich dachte, dass es gleich einen Zusammenstoß mit mehreren Toten und Verletzten geben würde. Der Anblick von Menschen die auf einem fahrenden Zug stehen (!), ist in echt doch nochmal heftiger als durch Erzählungen gehört.
Das Wetter ist absolut grau-in-grau aber trotzdem ist es affenheiß! Sehr seltsam: Wenn es in Deutschland draußen so verregnet und grau aussieht, dann zieht man automatisch den Schluß das es auch mindestens kühl bis kalt sein muß. Hier ist das anders: es ist total schwül und die hohe Luftfeuchtigkeit tut zur Klebrigkeit der Klamotten ihr Übriges dazu.

Dafür fahren wir dann aber ganz luxuriös mit einem klimatisierten Überlandbus, die Begrüßungsmucke scheint wohl original Heiliger Koran oder sowas zu sein, und mein Bruder hätte den Fahrer unter Garantie als AlQuaida- oder Taliban-Clubmember verdächtigt. (ich bin zum ersten Mal in einem islamischen Land!) Letzendlich bin ich dann zu dem Schluß gekommen, dass man schon viel Vertrauen auf Allah, kenntlich durch Rauschebart, Kopftuch und Muezzin-Mucke, haben muß wenn man so unbeirrt und waghalsig durch den bengalischen Verkehr (ich wiederhole: Kamikaze!!!) steuern will. Oder besser gesagt, drängeln.

Unterwegs: heftige Ausblicke auf Bangladesh! Ich penne fast immer weil ich so müde bin, und wenn ich dann zwischendurch von besonders lautem Gehupe aufgeweckt werde und diese seltsame Welt am Busfenster vorbei ziehen sehe dann komme ich mir jedesmal wie in einem seltsamen Traum vor.

Die wichtigste Erkenntnis die ich in Bangladesh von Anfang an erfahren habe war die Tatsache dass die oben beschriebenen Zweifel die ich vorher hatte über die Wirkung des Engagements einzelner, die sich um den Zustand ihrer Gesellschaft und über die Bedürfnisse der Armen und der Benachteiligten Gedanken machen, also die Motivation aus der „meine“ Organisation, bei der ich war, entstanden war, dass diese Zweifel schlicht unnütz sind wenn ich irgend etwas erreichen möchte, davon abgesehen dass sie ganz einfach nicht stimmen. Wenn ich mich öffne für Möglichkeiten etwas zu verbessern, dann werde ich auch mit Sicherheit etwas finden. Vielleicht ist es aus europäischer Sicht nur ein kleiner Schritt ein Jugendzentrum mit digitaler Ausstattung zu gründen, in dem Jugendliche aus den umliegenden Dörfern mit Dingen wie Computern und Internet in Berührung kommen ohne dafür bezahlen zu müssen und wo sie die nötigen Fähigkeiten erwerben können, mit diesen Möglichkeiten umzugehen. Für mich war es jedoch in diesem Ausmaß neu, dass es keinesfalls so selbstverständlich ist mit dem Internet in Berührung zu kommen, wie es in Europa oft scheint. Im Gegenteil: Die meisten der Jugendlichen, die in das Jugendzentrum kamen, hatten das Wort „Internet“ noch nie gehört geschweige denn eine Ahnung was es bedeutet, und es gab genug Jugendliche die es sich, auch wenn sie lesen und schreiben können, schlicht nicht leisten können, sich Kenntnisse über Computer anzueignen – es war bisher nie ein wichtiger Aspekt ihres Lebens und schon gar nicht des Lebens ihrer Eltern gewesen, aber plötzlich während der letzen Jahre wurden auch in Bangladesh Computerkenntnisse vielfach zur Hürde in den Arbeitsmarkt der Städte, der aus der Armut heraus führt. Als Europäerin mag ich vielleicht genervt sein von der Tatsache, dass meine Handschrift für offizielle Zwecke nicht mehr ausreicht, aber für mich ist es weder besonders schwierig, Möglichkeiten zu finden mir die nötigen Kenntnisse anzueignen, noch mit dem technischen Fortschritt mitzuhalten. Es ist also einfach für mich – aber was ist mit denen, die es sich nicht leisten können, solche Möglichkeiten zu nutzen? Die haben ja das gleiche Potential wie ich – wie jeder Mensch – aber wie können die denn jemals ihre finanziellen Hürden überwinden, die sie also unter Umständen sehr wohl daran hindern, ihr Potential zu verwirklichen?

Vielleicht ist es aus europäischer Sicht auf den ersten Blick nur ein kleiner Schritt, so einen „Treffpunkt“ aufzubauen, aber was ich daraus gelernt habe, ist: Der Optimismus, der am Anfang da war bei den wenigen die idealistisch genug waren die nötigen Aktivitäten auszuführen, dieser Optimismus ist für jeden einzelnen, der hier Fähigkeiten erwirbt die ihm dabei helfen unabhängig zu werden, ein riesen Schritt. Und die allermeisten von den Jugendlichen die zu diesem Treffpunkt kommen erzählen wiederum anderen davon und inspirieren sie so, das gleiche zu tun!

Die zweite wichtige Erfahrung die ich machte, nachdem ich meinen „Kulturschock“ so halbwegs in den Griff bekommen hatte und angefangen hatte, mich nach Arbeit umzusehen, war der Wahrheitsgehalt eines Satzes, den ich ziemlich oft von einem bengalischen Freund dort zu hören bekam: „Things don’t work the way you think they do.“ Mein Wunsch war ja dass ich etwas an diesem Ort für seine Menschen beitragen wollte, aber ich musste ziemlich bald feststellen dass nicht ich diejenige war, die etwas für die anderen tat, sondern dass ich diejenige war die von dem was die anderen taten lernte. Ausserdem musste ich zum ersten Mal bemerken, dass ich mehr als ich mir vorher je bewusst war, eine deutsche – oder vielleicht westliche – Tendenz zu eigen gemacht hatte, die mich wegen ihrer Beschränktheit beschämt: wir glauben zu wissen, wie die Welt funktioniert, weil wir alle Möglichkeiten an der Hand haben, wie z.B. gute Schulbildung oder das Internet, uns darüber zu informieren, also wissen wir natürlicherweise auch am besten wie man die Welt verbessert. Welche Arroganz!

Als Enttäuschung entpuppte sich die Annahme, dass ich nach Bangladesh fahre und keinen Qualifikationen außer meinem Abi und ein bisschen Englischnachhilfe-Erfahrung konkret etwas tun und ausrichten kann. Aber ich hatte nicht erwartet, dass es dort schlicht und ergreifend für mich überhaupt nichts zu tun geben könnte. Der Effekt war, dass ich total frustriert war; wofür zur Hölle war ich schließlich gekommen, und warum zur Hölle hatte meine Organisation mich als Freiwillige angenommen und eingeladen, wenn es überhaupt gar nichts gibt wo ich meine Ärmel hochkrempeln könnte?

Ich war anfangs in die lokale „Kindergartenschule“, die von meiner Organisation geleitet wurde, geschickt worden, um dort Englisch zu unterrichten. Aber nach fünf Wochen enttäuschte ich mich dann selber indem ich dieses Unterfangen aufgab. Nachdem ich erstmal wochenlang nicht selber unterrichten durfte sondern nur den fast ausschließlich auf Bangla unterrichtenden Lehrern zuhörte – es waren bald Prüfungen und da sollte noch der letzte Stoff in der gewohnten Routine aufgearbeitet werden – hatte ich dann endlich die Gelegenheit, selber zu unterrichten. Was soll ich sagen... ich gab ziemlich schnell auf. Wie konnte ich erwarten, kleine bengalische Kinder unterrichten zu können, wenn sie ganz einfach kein Wort von dem verstanden, was ich ihnen zu verstehen zu geben versuchte... ich fand es ziemlich verzwickt, mit meinem lausigen Bangla die Kinder verstehen zu machen was ich von ihnen wollte. Ein Mangel an Erfahrung meinerseits; dazu kam, dass es dem Verständnis der anderen Lehrer nach lediglich meine Aufgabe war, den Kindern so schnell wie möglich so viel wie möglich an auswendig Gelerntem einzutrichtern, und ich fühlte mich sowohl unfähig, mich an diesen Unterrichtsstil anzupassen, als auch zu unsicher, diese Vorgabe ganz einfach zu ignorieren. Die anderen Lehrer erwarteten von mir, ihre offiziellen Lehr- und Zeitpläne einzuhalten sowie mich strikt an die gegebenen Bücher zu halten, aber dazu hätte ich Bangla sprechen müssen, denn die Kinder verstanden von dem, was in den Büchern stand, nichts. Außerdem war der Unterricht an sich schon ein seltsames Schauspiel: Die Schüler, 8- und 9-jährige Kinder, machten, was sie wollten, zuweilen groben Unfug der für meine Begriffe zu weit ging (z.B. kleinere Prügeleien während des Unterrichts unter den Jungen), aber meine Versuche, solche Eskalationen gewaltlos zu lösen, scheiterten, und die Methode der anderen Lehrer – kleine Weidenruten mit denen eben den Unruhestiftern bei Bedarf eins über die Finger gebraten wurde – wollte und konnte ich nun gar nicht übernehmen. Bei mir machte sich schnell Frustration breit – und ich gab nach nicht einmal zwei Wochen „aktivem“ Unterrichten auf, nicht nur zu meiner eigenen Enttäuschung sondern auch der der anderen Lehrer, der Kinder und der Eltern der Kinder.

In der Schule aufzuhören gab mir aber dafür die Gelegenheit, mit den „field workers“ meiner Organisation in die Dörfer zu gehen. Es war für mich als „Bideshi“, als Ausländerin, interessant und beeindruckend so unmittelbar etwas über das Leben der Menschen dort zu erfahren.

Wenn ich mit den Mitarbeitern meiner Organisation in einem Dorf zu einer Familie nach Hause ging, wurde ich mit überwältigender Herzlichkeit von den Menschen willkommen geheißen. Die Menschen brachten mir unglaublich viel Aufmerksamkeit entgegen – oft mehr, als mir lieb war, weil es in den wenigsten Fällen noch was mit dem ursprünglichen Zweck des Besuches zu tun hatte – und ich wurde kaum gehen gelassen ohne vorher nicht noch von allen Familienmitgliedern (und allen anderen, die von der weißen Besucherin gehört hatten) begrüßt zu werden, und etwas Gebäck, wie z.B. selbstgemachten Kuchen, gegessen, und einen „Cha“, einen heißen Tee, getrunken zu haben. Ich hatte in dem Moment regelrechten „Promi-Status“. Vor allem anfangs hat mich das oft nahezu beschämt – ich wollte den Leuten keine Umstände bereiten, sondern etwas von ihrem Leben erfahren – aber irgendwann lernte ich, diese Gastfreundschaft als Teil der bengalischen Kultur zu akzeptieren und zu genießen. Ich frage mich, wie ein Bangladeshi die deutsche Art und Weise, Fremde zu empfangen, empfinden würde, vermutlich als ziemlich feindselig.

Die Kombination aus field visits in die Dörfer – oft zu Familien mit behinderten Kindern – und der Lektüre über Behinderte in Bangladesh fesselte meine Aufmerksamkeit. Studien zufolge beträgt die Behindertenrate im Süden von Bangladesh, wo meine Organisation arbeitet und wo ich demnach auch hauptsächlich war, fast 18 Prozent der Gesamtbevölkerung. Eine Zahl, die man sich mal auf der Zunge zergehen lassen muss: 18 Prozent, wenn ich eine Familie in der Größe meiner eigenen deutschen Familie, aus der ich komme, nehme – die für bengalische Verhältnisse lächerlich klein ist, Elternpaar mit ihren drei Kindern – dann müsste ein Familienmitglied statistisch gesehen behindert sein. Bengalische Familien sind aber meist viel größer... es kam mir absurd vor, mir vorzustellen dass wahrscheinlich so gut wie jede der Familien in und um Sitakund, dem schläfrigen Kleinstädtchen in dem ich drei Monate lang lebte, mindestens ein behindertes Familienmitglied hatte: denn wenn ich durch Sitakund lief, waren kaum je Menschen mit Behinderungen zu sehen. Bizarr, sich einerseits dieser hohen Prozentzahl der Menschen mit Behinderungen und andererseits ihrer relative Unsichtbarkeit bewusst zu werden. Ich fand aus Gesprächen heraus dass die Menschen mit Behinderungen zumeist in den Häusern ihrer Familien versteckt gehalten werden, aus Aberglauben und seltsamen pseudoreligiösen Vorurteilen wie der Annahme, dass ein behindertes Kind die Strafe Gottes für die Sünden seiner Eltern wäre, bzw. ein Mensch, der im Laufe seines Lebens behindert wird, hiermit von Gott für seine Sünden bestraft wird. Dieser Logik zufolge ist ein behindertes Kind eine Schande für eine Familie und man möchte auf keinen Fall, dass andere Dorfmitglieder von dieser Schande wissen. Dazu kommt der Aberglaube, dass der Kontakt mit einem Behinderten Unglück bringt – nicht gerade förderlich für die Rehabilitation der betroffenen Behinderten, die oft in versteckten Hinterzimmern vor sich hinvegetieren und von einem menschenwürdigen Leben weit entfernt sind.

Mich hat diese Pseudoreligiosität oft wütend und traurig gemacht, ich hatte oft den Eindruck dass die Unterdrückung und Ausgrenzung unterprivilegierter Mitglieder der Gesellschaft, wie Frauen und Behinderter, durch eigenartige „religiöse“ Pseudodogmen gerechtfertigt werden, die mit der ursprünglichen Religion meines Erachtens nach nicht mehr viel zu tun haben. Nur als Beispiel: Während meiner Zeit in Sitakund wurde in einem Nachbarort ein 13-jähriges Mädchen vergewaltigt, am hellichten Tag; als die Eltern des Mädchens diese Grausamkeit zur Anzeige brachten, wurde nicht der Vergewaltiger behelligt, sondern das Mädchen von den religiösen Dorfältesten aus dem Dorf und damit in ein entwürdigendes Dasein als Bettlerin oder Prostituierte auf die Straße verbannt, mit der Argumentation, es sei ihre eigene Schuld, wenn sie den Mann verführt habe, vermutlich hätte sie sich nicht sittlich genug verhalten, und sie im Dorf zu behalten würde den Zorn Gottes auf das Dorf ziehen... man kann sich vorstellen, wie schockiert ich war von so einer perversen Denkweise und Skrupellosigkeit und solch einem schamlosen und vollkommen unkritischen Mißbrauch der Religion und der Menschen zum Machterhalt derjeniger (Männer?), die das Sagen haben und behalten wollen.

Ich bin überzeugt, auch durch den Kontakt und die Auseinandersetzung mit befreundeten Muslimen in Deutschland und Auseinandersetzung mit dem Thema „Islam“ allgemein, dass es wohl kaum die ursprüngliche Intention des Islam war, solche Barrieren und Machtstrukturen in der Gesellschaft zu schaffen, die die Einzelnen daran hindern, ihr Potential und ihre Fähigkeiten zu entfalten. Aber in Bangladesh musste ich mir diese Überzeugung manchmal ziemlich stark selber „vorbeten“. Gut, dass ich auch Menschen, darunter auch gläubige Muslime, in Bangladesh getroffen habe, die sich über diverse menschenverachtende Ansichten hinwegsetzen und die Menschen gleich welchen Geschlechts, welcher Religion, ob behindert oder nicht, als Individuen mit unantastbarer Würde grundsätzlich respektvoll behandeln und damit diverse verkrustete Denkstrukturen hoffentlich mehr und mehr aufzubrechen vermögen. Solche Begegnungen haben mich dann immer sehr ermutigt. Denn Vorurteile und verkrustete Denkstrukturen gibt es leider auch in Deutschland, das habe ich nach meiner Rückkehr viel stärker wahrgenommen als vor meiner Zeit in Bangladesh!

Nun bin ich schon seit längerer Zeit in Deutschland zurück. Was kann ich, rückblickend, zu dieser Zeit in Bangladesh sagen? Sie hat mich zweifelsohne stark geprägt. Es hat mich tief bewegt zu sehen, welche Folgen die Armut bei den Menschen verursachen kann, aber auch welche Lebensfreude die Menschen dort trotz der Armut, in der sie teilweise leben, aufbringen können.

Mir ist vor allem auch klar geworden dass das, was wir hierzulande als „gesunden Menschenverstand“ bezeichnen, nicht so selbstverständlich ist wie ich immer dachte, sondern vermutlich zu großen Teilen von Erziehung und Bildung beeinflusst wird – ich habe mich oft gefragt wieviele Mißstände verhindert werden könnten wenn die Menschen lernen würden ein bißchen problemlösungsorientierter zu denken? Ich war teilweise schockiert über das mangelnde Bewußtsein darüber dass viele Maßnahmen zur Sicherstellung der Grundrechte und der Versorgung diverser Grundbedürfnisse nicht unbedingt eine reine Frage des Geldes, sondern auch des Bewusstseins und der Kenntnis über gewisse „basics“ sind die ich vorher immer für selbstverständlich gehalten hatte (wie z.B., dass auch ein Behinderter durchaus selbständig denken kann und sich in der Gesellschaft aktiv einbringen kann, wenn man ihn/sie nur läßt und vielleicht noch dazu ermutigt).

...aber auch die Erkenntnis: Sich für ein Land wie Bangladesh zu engagieren kann nicht zwangsläufig heißen, Bengalis deutsches Denken beizubringen, genauso wenig wie ich mit bengalischer Denkweise in Deutschland weit komme. Die „Wahrheit“ liegt, vermutlich, irgendwo in der Mitte, oder, möglicherweise, im Dialog: Es geht nicht darum, wer recht hat, sondern vielleicht darum, herauszufinden, welche gemeinsamen Werte wir über alle Unterschiede hinweg entwickeln und verwirklichen können. Und dabei kann ich dort anfangen, wo immer ich gerade stehe. Ein Anfang für mich persönlich ist die Freundschaft, die mich seit meiner Reise nach Bangladesh mit diesem Land und seinen Menschen verbindet. Ein großer Wert, den ich in meinem Leben nicht mehr missen möchte. Ich werde auf jeden Fall wiederkommen!

Hamburg, September 2004,

Anna-Maria Petri