E.A.R.
Zur Verwendung von Abkürzungen auf Schildern
Von Martin Bettermann
Wer Ohren hat der höre: EAR ist also die geniale Abkürzung für Ein Achtel Rot. Wie nah beieinander können Abkürzungen, Schilder, Verderben, Tod und gelegentlich auch Auferstehung eigentlich sein?
Auf einer Fahrradtour durch England fiel mir nach einer Phase in der ich angestrengt und zögerlich den Linksverkehr akzeptieren lernte, der seltsame Pelzbesatz vieler Straßen auf. Als mein Unterbewusstsein schon viel weiter in seinen Erkenntnissen war, schlug sich mein Bewusstsein noch recht lange mit abenteuerlichen Theorien herum. Der pelzige Belag war nicht ganz gleichmäßig. Frische, flauschige Häufchen wechselten sich ab mit schon etwas unansehnlicheren kurzhaarigen Huckeln. Waren das tatsächlich unachtsam verstreute gefütterte Arbeitshandschuhe von winterlichen Reifenwechseln? Diese Hoffnung wurde zwar immer stärker, jedoch auch abstruser.
Man will es lange nicht wahrhaben, aber irgendwann wird es selbst der beschaulichste Radfahrer schwer haben, nicht eines jener Zwergkaninchen oder Minihasen, die sich in zweifellos selbstmörderischer Absicht auf die Straßen wälzen, durch seine Speichen quirlen zu lassen. Selbstmörderisch, weil sie auf den Wiesen in solcher Häufigkeit anzutreffen sind, dass sie wohl selbst keine andere Chance sehen, ihre Populationsstärke irgendwie zu regulieren !
In Schweden dagegen war ich mit einem Auto unterwegs. Natürlich sieht man dabei pro Zeiteinheit nicht mehr, sondern eher weniger als mit dem Rad. Aber man überblickt doch eine längere Strecke. Deswegen fielen mir dort auf den Straßen nicht nur tote Hasen sondern auch tote Hunde, tote Katzen, tote Rehe, tote Füchse, tote Dachse und sogar tote Fische auf. Aber was soll ich sagen, nicht ein einziger toter Elch!
Die Straßen sind auch voll von Schildern, dass man Elche nicht tot fahren soll! (Obwohl die Deutschen angeblich soviel von diesen Schildern klauen). Ich halte das für ein hervorragendes Beispiel erfolgreicher Ausschilderung und wage die Behauptung, dass sich vieles Leid auf der Welt hätte verhindern lassen können, wenn wir rechtzeitig ordentlich ausgeschildert hätten.
Am Roten Meer habe ich tote Schafe und tote Hunde am Badestrand gesehen, kann aber im Nachhinein nicht mehr sagen, ob es der Badestrand war, denn er war als solches nicht ausgeschildert.
Weil wir aber gerade in dieser Region sind, fallen mir auch lustige Schilder auf der Straße von Jerusalem zum Toten Meer ein. Nein, ich meine nicht die: "Sie befinden sich jetzt 200m unter dem Meeresspiegel" oder "… 300m unter dem Meeresspiegel". Die geübte Geogräfin (oder der geübte Geograf) unter uns kann solche Bemerkungen richtig einordnen.
Bereits kurz hinter Jerusalem, dort wo die Straße am steilsten ist, fällt ein Achtungszeichen auf mit dem Text: "Please control your brakes". Ich glaube nicht, dass viele Autofahrer das wirklich tun. Ich hoffe, dass die meisten, die es tun, danach beruhigt weiter fahren. Diejenigen, die etwas aufgeschreckt feststellen, dass ihre Bremsen nicht funktionieren, werden wenig Muße verspüren, auf die nächsten schriftlichen Hinweise zu achten. Was mit denen später geschieht, weiß ich nicht. Was mit solchen geschieht, die das nächste Schild trotz aller Aufregung aufmerksam befolgen, habe ich dagegen gesehen. Denn auf der folgenden Tafel steht: "If your brakes fail, turn to the right." "Rettung naht" möchte man sagen, denn auf der rechten Straßenseite zweigt ein kleiner Weg ab, der sich aufwärts an den Berg schmiegt und einen antriebslosen Wagen irgendwann unweigerlich zum Stehen bringt. Aber wehe, wenn dein Auto nicht sehr bald hält. Denn der Abzweig bricht nach wenigen Metern recht abrupt ab und entpuppt sich als kleine Abschussrampe, hinter deren Kante sich schon einige Wracks stapeln.
Jetzt brauchen wir noch den Bogen von den Schildern zu den Abkürzungen. Wo es doch aussagekräftige Schilder an der Autobahn gibt wie "GVZ" und "LPG".
Schöner noch in der Wolgaster Innenstadt, wo vor einer unübersichtlichen Kurve, die dem verantwortungsvollen Autofahrer volle Konzentration abverlangt, unter dem Achtungszeichen folgender Text prangt: "Stop in 20m wenn LSA keine Signale sendet".
Nach einer gewissen Bedenkzeit, die selbst bei Schrittgeschwindigkeit weit über 20m in Anspruch nehmen wird, werden sich die Signale als die Lichter einer Ampel (Lichtsignalanlage) entpuppen, die hoffentlich gerade gesendet wurden.
Im altehrwürdigen "Eulenspiegel", der satirischen Wochenzeitschrift, wurde einmal folgender kurioser Vorgang berichtet. Vor der Eröffnung eines neuen Ambulatoriums (weitgehend mit Ärztehäusern vergleichbar, der Windows-Rechtschreibung aber nicht geläufig, weil politisch unerwünscht) wurde eine Firma mit der Herstellung der Toilettenbeschilderung beauftragt. In Auftrag gegeben wurden mehrere Kunststoffschilder für Herrentoiletten mit Piktogramm für Mann und für Damentoiletten mit Piktogramm für Frau. Und tatsächlich wurden auch folgende Schilder geliefert:
Herren
(mit Piktogramm für Mann)
Damen
(mit Piktogramm für Frau)
Die ehrfürchtigen Auftragnehmer hatten den Begriff Piktogramm offensichtlich für eine schwierige, vielleicht schmerzvolle Behandlungsmethode gehalten und nicht vermutet, dass er aus dem Bereich ihres eigenen Fachjargons stammte.
Entlang der Gehwege vor dem schiefen Turm in Pisa gibt es folgende Schilder: "Auf der Wiese wird das Laufen unzulässig"
In Anlehnung daran möchte ich uns angesichts der ijgd-Praxis bei JPTen und MVen daran erinnern: "In Anwesenheit von Mitmenschen, die unsere Fachsprache und unsere Abkürzungen nicht verstehen, wird deren Verwendung widersinnig."
