Workcamp Elfenbeinküste 2010
Name : Merle Christine B.
Partnerorganisation: POYA international
Projekt: Soutienscolaire, Yopougon
Inhaltliche Ausrichtung: Pädagogische Arbeit (Unterrichten und Animation)
Zeitpunkt: 11. August - 02. September 2010
Dauer: 3,5 Wochen
Die Zeit zwischen Schulende und Studienbeginn wollte ich sinnvoll durch Engagement in einem sozialen Projekt nutzen. Gleichzeitig war die Neugierde auf den afrikanischen Kontinent, der mich schon immer faszinierte, sehr groß. Durch die Organisation „ijgd“, welche unter anderem Workcamps in Afrika, Asien und Lateinamerika vermittelt, konnte ich meine beiden Wünsche miteinander vereinen. Es wurde mir also ermöglicht, Menschen in einem Land mit ganz anderer Kultur und Lebensweise kennen zu lernen. Außerdem begeisterte mich der internationale Gedanke des Workcamp-Programms, da dieser zu Abbau von Vorurteilen und Intoleranz führen kann. Ich nahm mir also vor, nicht nur von Afrika zu sprechen und zu träumen, sondern es zu erleben und bei Problemen zu helfen, soweit es mir möglich sein sollte.
Die Elfenbeinküste hatte ich mir aus zwei Gründen ausgesucht. Einerseits, da ich in den letzten Jahren meiner Schulzeit den Leistungskurs Französisch belegt habe und nun meine Sprachkenntnisse durch aktives Reden mit Muttersprachlern vertiefen wollte – Eine Herausforderung bei dem in Abidjan gesprochenen Akzent. Andererseits aufgrund der Tatsache, dass die Elfenbeinküste noch nicht sehr touristisch ist, also noch sehr „ursprünglich“, was mich besonders reizte.
Untergebracht war ich bei dem Leiter der Organisation „POYA international“, der dortigen Partnerorganisation von „ijgd“. Zusammen mit mir lebten dort vier französische Freiwillige, die, genau wie ich, an dem Schul- und Animationsprojekt teilnahmen. Mädchen- und Jungenzimmer waren getrennt voneinander, alles weitere wurde jedoch geteilt.
Wie zu erkennen, war mein Workcamp also nicht, wie im Vorhinein erwartet, besonders international. Zwar arbeitete teilweise noch ein ivorischer Freiwilliger mit uns, jedoch hätte ich es schön gefunden, wenn beispielsweise noch Engländer, Spanier oder sonstige Nationalitäten mit uns in dieser Zeit gelebt und gearbeitet hätten. Denn so war ich die Einzige, deren Muttersprache nicht Französisch war, was bei Diskussionen ab und zu von Nachteil war. Dennoch habe ich jeden Tag etwas besser verstehen können, und Einzelgespräche mit Einheimischen oder den Franzosen bereiteten mir nach ein paar Tagen kaum mehr Probleme.
Unser Arbeitsalltag war in ein Vormittags- und Nachmittagsprogramm gegliedert.
Die Vormittage (08.00 bis 12.00 Uhr) verbrachten wir, jeder einzeln, in verschiedenen Klassen der „GroupeScolaireGhandi“, einer Privatschule direkt in Yopougon. Diese erreichten wir täglich nach 5 Minuten Fußweg von unserer Unterkunft.
Das ivorische Schulsystem ist stark an das Französische angelehnt. Wie bei den Franzosen ist der Unterricht frontal gestaltet und zielt darauf an, möglichst viel Gelerntes auswendig zu beherrschen.
In den ersten Tagen fungierte ich in der Klasse „CP2“ (Vier- bis Sechsjährige) mehr oder weniger als „Helferlein“ des Klassenlehrers, jedoch wurde ich immer stärker in den Unterricht eingebunden.
Oft beschäftigte ich mich in Einzelarbeit mit den „Problemkindern“, bei denen der Erklärungsbedarf größer war, als vom Lehrer gedeckt werden konnte, da dieser den vorgesehenen Unterrichtsstoff vermitteln musste. Es hat mir richtig Spaß gemacht zu erkennen, dass diese Kinder plötzlich Aufgaben verstanden und nicht nur auswendig aufsagten.
Die Kinder wurden von Tag zu Tag zutraulicher, begrüßten mich ganz selbstverständlich mit „Bonjour, la maîtresse!“, fragten mich bei verschiedenen Angelegenheiten um Erlaubnis und gaben mir ihre Hefte mit den Hausaufgaben, um diese zu kontrollieren.
Ab der zweiten Woche kam es des Öfteren vor, dass ich, laut dem Direktor, „mal kurz“ mitkommen sollte und dann spontan zwei bis drei Stunden ganz allein in vollkommen neuen Klassen unterrichtete. Erstaunlicher Weise waren diese Unterrichtsstunden absolut genial! Die Kinder arbeiteten richtig gut mit mir und zeigten sehr viel Freude an dem Gelernten, da ich hauptsächlich spielerisch vermittelte.
Das Arbeiten und Unterrichten in der Schule hat mir insgesamt sehr viel Freude bereitet, bis ich mit ansehen musste, wie Kinder mit einem Stock geschlagen wurden, sobald sie gewisse Aufgaben nicht lösen konnten. Offiziell ist das Schlagen der Kinder wohl verboten, aber daran wird sich nicht gehalten. Mir kamen fast die Tränen, jedoch stößt man, sobald man dieses Thema anspricht, keineswegs auf Verständnis. Viele Ivorer, die ich während meines Aufenthaltes kennengelernt habe, sind der Meinung, dass Erziehung ausschließlich Sache der Lehrer und nicht der Eltern ist und es deswegen völlig in Ordnung sei Kinder zu schlagen, wenn sie nicht verstehen und / oder unaufmerksam sind. Ich musste erst lernen, dass ich diese schreckliche Tatsache akzeptieren muss und nicht konkret eingreifen kann. Es ist nun mal nicht meine Mentalität und meine Kultur und letzten Endes war auch ich nur Gast in diesem Land. Und trotzdem hat mich der Gedanke daran in den ganzen Wochen nicht losgelassen. Als jedoch der Lehrer meinte, dass auch ich den Stock zum Schlagen nehmen solle, verweigerte ich und glücklicherweise wurde das dann auch nach anfänglicher Skepsis akzeptiert.
Nachmittags (15.00 bis 17.00 / 17.30 Uhr) organisierten wir fünf Freiwilligen gemeinsam Spiele - für alle Kinder, die Lust dazu hatten. Wir luden vormittags in der Schule bereits für den Nachmittag ein, so dass uns jeden Tag ca. 50-70 Kinder schreiend und jubelnd vor dem Schulhof erwarteten.
Die Spiele waren ganz einfach (beispielsweise „Plumpssack“), jedoch waren die Kinder absolut glücklich. Es baute sich Tag für Tag ein stärkeres Wir-Gefühl auf, denn normalerweise haben die Kinder keine Möglichkeit, sich in solch organisiertem Rahmen nachmittags zu treffen.
An unserem letzten Tag veranstalteten wir „olympische Spiele“, machten also einen Parcours aus Geschicklichkeitsspielen wie „Luftballontanz“ und „Eierlauf“. Das begeisterte die Kinder unheimlich und war für mich persönlich der Höhepunkt unserer Nachmittagsanimation.
Insgesamt haben mir die vielen Stunden in der prallen Nachmittagssonne gezeigt, dass es nichts Schöneres gibt, als absolutes ehrliches Kinderlachen oder Kinder, die ihre Freude damit ausdrücken, dass sie mit weit geöffneten Armen auf einen zu rennen und einen unglaublich herzlich umarmen.
Neben der teils getrennten, teils gemeinsamen Workcamp-Arbeit, teilten wir Freiwilligen, wie bereits erwähnt, die Unterkunft. Also aßen wir auch gemeinsam und alle Wochenendausflüge fanden immer mit der gesamten Gruppe statt. Wir besichtigten drei weitere Orte, Jacquesville, Toukouzou und Grand Bassan (alle drei landschaftlich wunderschön und direkt am Meer). Bei letzterem hatten wir sogar etwas Zeit zum Einkaufen auf einem traditionellen Künstlermarkt. – alles Handarbeit!
Abgesehen von diesen Ausflügen, die teilweise aufgrund mangelnder Organisation und ivorischer Mentalität bis zu 10 Stunden spektakulären Transport in Kleinbussen bedeuteten (das müsst ihr einfach selbst erleben!), war es recht schwierig, sich im Alltag spontan allein oder zu zweit zu bewegen. Aus Sicherheitsgründen sollte immer eine ivorische Begleitung dabei sein (einer der vielen Mitarbeiter von POYA). Diese waren zwar oft bei uns in der Wohnung, jedoch auch gelegentlich unzuverlässig im Einhalten von Treffpunkten und Uhrzeiten. So kam es nicht selten zu großen Verzögerungen oder gar zu Absagen unserer Ausflüge, was die Laune etwas drückte. Denn man hätte noch so viel mehr von Stadt, Land und Leuten sehen können.
Jedoch bereicherte bereits ein kleiner Spaziergang durch die eigene Straße, denn es herrschte immer Leben auf den Straßen.
Wieder in Deutschland angekommen, werde ich ganz oft gefragt: „War’s schön?“
Darauf antworte ich meist, dass „schön“ irgendwie das falsche Wort ist. Es war auf jeden Fall „prägend“ und „faszinierend“ und ich bin sehr froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Niemals werde ich die Lebensfreude der Ivorer, die sich durch Gesang, Tanz und Trubel auf der Straße ausdrückt, vergessen. Trotz der an vielen Orten herrschenden Armut und den oftmals schweren Lebensbedingungen der Ivorer, wirkt dieses Land und seine Einwohner bunt und „lebendig“. Mir gegenüber reagierten die Einheimischen absolut vorbehaltlos spontan mit einem Lachen auf jede Ansprache. Auch wenn man ständig „la blanche“ genannt wird, so ist das nicht böse gemeint, und unterhält man sich zwei Minuten lang mit einer / einem Einheimischen, so wird man sehr schnell zur „macopine“.
Und trotzdem empfinde ich das Wort „schön“ nicht als richtige Bezeichnung für das, was ich erlebt habe. Diese so vollkommen andere Kultur birgt auch Ansichten, die für mich absolut unverständlich geblieben sind. Das dort vollkommen akzeptierte Schlagen der Kinder ist nur ein Beispiel, weiter geht es mit der fest verankerten hierarchischen Ordnung (sorgt immer wieder für Missverständnisse zwischen Einheimischen und Freiwilligen!) und der stark verbreiteten Untreue ivorischer Männer…
Letzten Endes überwiegt jedoch die Flut an positiven und „anderen“ Eindrücken, die man einfach nicht komplett wiedergeben kann, weder mit Worten, noch mit Fotos. Das afrikanische Leben muss man selbst erlebt haben um zu wissen, wie es sich anfühlt. – Von daher eine Aufforderung und Bemutigung an alle, die jetzt gerade vielleicht noch am Zweifeln sind: Geht offen und vorbehaltlos in dieses Land, und ihr werdet ganz sicher mit viel Wärme aufgenommen werden!







