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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

Fanny in Jerusalem



Blick auf das French Hospital
Fanny mit einer Patientin
Schwester Monika und Fanny

Über einen eindrucksvollen Dienst im Hospiz

Sylva Ullmann

"Scheynes Meydele", sagt die alte Frau im Rollstuhl. Fanny streicht ihr über die Schulter. Die 21-Jährige Berlinerin trägt enge Jeans, ein Ringelshirt und ein Tuch um den Hals, ihre Augen strahlen. Sie spricht von beeindruckender Atmosphäre, großartigen Menschen, einer guten Wahl. Fanny Lindemann ist eine von vier ijgd-Freiwilligen in Israel. Während ihres  Freiwilligen Sozialen Jahres im Ausland arbeitet und lebt sie in dem Hospiz, in dem Menschen in der letzten Periode ihres Lebens betreut werden.

Es ist ein alt ehrwürdiges Gebäude gegenüber der Mauer zur Altstadt. Im Eingangsbereich des French Hospitals riecht es nicht nach Krankenhausatmosphäre. Das Haus wurde als Krankenhaus im 19. Jahrhundert in einer Kooperation des Französischen Konsulates und der katholischen Kirche errichtet, beherbergt aber seit den 1970er Jahren ein Hospiz. Fünfzig Patienten - Krebskranke im fortgeschrittenen Stadium oder chronisch kranke, ältere Menschen nach Schlaganfällen und Koma-Patienten – werden hier von 60 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie 27 Freiwilligen aus verschiedenen Ländern betreut. "Die Aufenthaltsdauer der Patienten schwankt. Es können zwei Stunden aber auch 19 Jahre sein", berichtet die Leiterin Schwester Monika Düllmann.
Wie kommt eine junge aufgeweckte Frau in solch eine Umgebung? Fanny sagt: "Ich wollte nach Israel gehen, in einem Krankenhaus arbeiten." Die Arbeit mit Kindern wäre ihr jedoch lieber gewesen, weil sie im letzten Jahr in Deutschland auch mit Kindern gearbeitet hatte. Aber ijgd habe ihr dieses Projekt angeboten. Obwohl das Angebot nicht ganz ihrer ursprünglichen Vorstellung entsprach, hatte sie sich dann doch für das French Hospital und die Arbeit mit älteren Menschen entschieden. Mit gemischten Gefühlen kam sie nach Jerusalem. Jetzt ist sie mit ihrer Wahl sehr zufrieden.

Es herrsche eine gute Atmosphäre bei der Arbeit und auch danach. Die Menschen, die hier arbeiten seien sehr unterschiedlich. Die Freiwilligen kommen aus Italien, Polen, den Niederlanden, Nigeria, Frankreich – mehr als die Hälfte sind Deutsche. Fanny teilt sich mit Ricarda einer anderen Freiwilligen aus Deutschland ein Zimmer. Unter den Angestellten sind auch Araber aus dem Westjordanland. Die Ordensschwestern kommen auch aus unterschiedlichen Ländern. "Die Deutschen geben so etwas wie einen Rahmen, eine Struktur, die Araber lockern dies wieder auf. Das ist ein guter Mix", sagt Fanny. Alles geschehe mit viel Herz. Und es werde viel improvisiert.

Zu den Arbeiten der Freiwilligen gehören das Waschen, Drehen, Füttern, und die Patienten nach draußen zu bringen. Ein Zweier-Team betreut jeweils acht Patienten täglich. Die zu betreuenden Personen wechseln, wie auch die Teamzusammensetzung. Schwester Monika ist für den Arbeitsplan zuständig, der natürlich immer ungerecht gestaltet sei. Sie lacht. "Manchmal geht die Arbeit auf den Rücken", meint Fanny, doch das wäre kein großes Problem. Die Arbeit sei beeindruckend: Patienten seien dankbar und immer höflich, lächeln viel. Und alles funktioniere sehr gut, trotz der sehr verschiedenen Menschen.

Schwester Valerie, die Koordinatorin der Freiwilligen, sagt: "Mit Krebskranken muss man anders umgehen, als mit Komapatienten. Komapatienten muss man berühren. Körpersprache ist sehr wichtig. Krebs- oder chronisch Kranke kommen teils in guter Verfassung hierher. Und dann siehst du, wie sie verfallen. Du musst mit ihnen kommunizieren. Das fordert viel von den Freiwilligen ab." Doch Fanny entgegnet: "Es ist schön, wenn Patienten sprechen können. Sie erzählen interessante Dinge über ihr Leben, ihre Familie." Eine Patientin gibt ihr Anweisungen, was zu tun ist. Sie sei geistig sehr fit und es gäbe einen interessanten Austausch. Fanny möchte nach dem FSJ Medizin studieren. "Ich habe es erwartet, dass es so ist, wie es ist. Und das ist großartig."

Es klingt fast schwärmerisch, doch Fanny sieht einige Dinge auch kritisch. Obwohl sie ihr FSJ in Israel machen wollte, sagt sie nach zweieinhalb Monaten: " Ich mag Jerusalem nicht. Ich vermisse die Natur, es gibt viel Lärm." Sie sei kein großer Israel-Fan. "Am Anfang war es hart für mich, aber jetzt habe ich einige schöne Orte für mich gefunden." Dienstags singt sie im Chor der Erlöserkirche, der deutschen evangelischen Kirche in der Jerusalemer Altstadt. Außerdem hat sie ihre Klarinette von zu Hause mitgebracht und nun ein Jugendorchester gefunden, in dem sie mitspielen kann. Zum Orchester gehörten sehr viele Jugendliche und es sei für sie komisch, wenn sich 16-oder 17-Jährige über den bevorstehenden Militärdienst unterhielten. Den Ulpan, das ist die Bezeichnung für den Hebräischsprachkurs in Israel, habe sie allerdings aufgegeben. "In Deutschland habe ich angefangen hebräisch zu lernen, doch ich brauche diese Sprache eigentlich kaum. Englisch und deutsch reichen aus."

Was macht die Arbeit im French Hospital so besonders? Zum einen sind es die Patienten. Es wird nicht unterschieden zwischen Palästinensern und Israelis, Juden, Christen, Moslems oder Ungläubigen. Alle gehen freundlich, höflich mit einander um, begegnen sich mit Respekt. Ein israelischer Soldat, der seine Mutter besucht, fragt den arabischen Krankenpfleger nach dem Befinden der Mutter: "Sie hat schon geduscht. Jetzt isst sie." Ein normales Gespräch, nur hier in diesem Land, in dieser Stadt alles andere als normal. In dem christlichen Haus werden sowohl jüdische als auch muslimische Speisegesetze befolgt. So können Patienten aller religiösen Bekenntnisse dort leben. Schwester Monika sagt schmunzelnd: "Das ist der weltweit einzige katholische Konvent mit koscherer Küche und einem Rabbi."

Zum anderen ist das Haus ein Konvent, es wird von der französischen Josephs-Schwesternschaft geleitet. "Wir leben zusammen, wir arbeiten zusammen, wir beten zusammen. Wir alle gaben unser Leben Jesus und folgen ihm. Das heißt: Wir leben ohne eigene Familie, um entsandt werden zu können, wo immer wir gebraucht werden", erklärt Schwester Monika, die studierte Theologin und ausgebildete Krankenschwester. Dazu gehöre auch, dass die Schwestern kein persönliches Eigentum haben. Können sie einmal nicht mehr arbeiten – aufgrund des Alters oder einer Krankheit – sorgt die Gemeinschaft für sie. So gibt es auch eine Altersresidenz für Schwestern des Ordens. Schwester Valerie, die aus Malta stammt, sagt: "Wir machen keine Missionsarbeit. Wir haben verschiedene Religionen hier oder Ungläubige. Juden und Moslems sind in einem Zimmer und sprechen miteinander, helfen einander. Die Freiwilligen können in verschiedene Kirchen gehen. Wir versuchen niemanden zum Beten zu bringen."

Humor ist auch hier zu Hause. Eine Geschichte wird gerne erzählt: Während der Teilung Jerusalems zwischen 1948 und 1967 war die Altstadt in jordanischer Hand. Das Krankenhaus lag außerhalb der Altstadtmauern direkt gegenüber aber auf israelischem Territorium. Vor der Tür lag das Niemandsland, das keinesfalls betreten werden durfte. Eines Tages fiel einer älteren Dame das Gebiss aus dem Mund. Dummerweise direkt aus dem Fenster ins Gras des verbotenen Niemandslandes. Ein großes Problem – das Gebiss war sehr teuer und das Land unzugänglich. Es blieb den Schwestern nichts anderes übrig, als das Außenministerium zu kontaktieren und eine Waffenruhe zu beantragen. Der Antrag wurde bewilligt und eine Delegation, bestehend aus einem englischen, jordanischen und israelischen Soldaten sowie einer Schwester mit weißer Fahne, konnte das Niemandsland betreten und nach dem Gebiss suchen. Sie hatten Erfolg und noch heute amüsiert man sich über diese Story.

Die Arbeit im Hospiz wirkt auch nach außen: Schwester Monika Düllmann wurde am 5. Oktober 2009 mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. Und vor zwei Jahren erhielt das French Hospital den Mount Zions Award. Dieser Preis wird alle zwei Jahre für Verdienste im jüdisch-christlichen Dialog oder im Trialog von Judentum, Christentum und Islam verliehen. Die Schwestern waren sehr überrascht, denn das Hospiz ist keine Organisation des interreligiösen Dialogs und auch keine Friedensakademie. "Ich habe sehr viel darüber nachgedacht, warum wir den Preis bekommen haben. Vielleicht ist wirksame Arbeit für Frieden, dass wir in eine Richtung schauen. Und diese Richtung zeigt auf unsere Patienten", resümiert Schwester Monika.