Workcamp in Großbritannien
Rollercoaster Playscheme in Stourbridge, England 2009
von Nora Eiermann
Hey du, ich komm von der Zeitung und soll dich über dein Workcamp ausquetschen.
Na dann schieß mal los.
Okay... erste Frage, die ist obligatorisch: Wie war es denn???
Weißt du was, ansonsten ist es immer schwer, so eine allgemeine Frage in einem Wort zu beantworten, aber diesmal fällt mir das ganz leicht: SMASHING!!
„Smashing“?? Ich kann zwar Englisch, aber das Wort hab ich noch nie so gehört...
Hehe, hatte ich vorher auch nicht, aber irgendwie ist es dann zum runnning joke in unserem Camp geworden, das verwendet man im „black country accent“ in der Nähe von Birmingham immer, und es heißt so was wie super, toll, perfekt, absolut klasse...
Aha, verstehe. Das heißt also, dein Camp hat dir gefallen. Was war denn am besten???
Hm, jetzt wird es schon komplizierter. Am besten waren viele Dinge auf einmal. Am besten war unsere Multikultikommune, in der wir Freiwilligen in den 3 Wochen gewohnt haben... Mann, wir hatten so einen Riesenspaß, was wir für Quatsch gemacht haben... Aber am besten waren auch die Kids, mit denen wir zusammen waren... das war halt eine ganz andere Art von am besten. Und am besten waren irgendwie auch die ganzen lokalen Freiwilligen und Organisatoren, die total cool zu uns waren... Und am besten war einfach England als Land!!! Hab mich total verliebt!!
Okay, okay, mal der Reihe nach. Wie viele Freiwillige wart ihr denn?
Wir waren 9, zwei aus Israel, zwei aus Katalonien, eine aus Italien, eine aus Korea, eine aus England und zwei aus Deutschland... die Mischung machts, würd ich sagen!!! Die Italienerin hat das leckerste Essen gemacht (jeden Abend war eine andere Nationalität dran mit kochen), die Spanier waren die besten Tänzer, die Koreanerin hat uns die witzigsten englischen Versprecher geliefert... jeder hatte irgendwas Besonderes, und zusammen waren wir einfach die unschlagbare Quaker-House-Crew...
Wer oder was ist denn Quaker??
Das ist eine Religionsgemeinschaft, in deren Meeting House wir wohnen durften. Habt ihr schon einmal in einem Haus geschlafen, das aus dem 16. Jahrhundert stammt, mit angebauter Kirche und alle in einem Raum?? Total abgefahren...
Klingt cool... jetzt mal zu eurer „Arbeit“. Du hast was von Kids gesagt??
Ja, unser Projekt war das „Rollercoasters Playscheme“, also ein Ferienprogramm für Kinder mit Behinderung. Alle sitzen im Rollstuhl, und die meisten haben auch eine kognitive Behinderung. Die Kinder kommen alle aus der Gegend, und in diesem Playscheme wird ihnen die Möglichkeit gegeben, 3 Wochen lang super viel Spaß zu haben, Freunde zu treffen und ganz viel zu unternehmen... Das Ganze sieht so aus: Wir kommen morgens im „Hauptquartier“ an, einer für die Zeit gemieteten Schule, und bereiten alles vor. Nach und nach trudeln auch die Kids ein, und wenn alle da sind und fertig, schnappen wir uns einen Minibus mit total netten Fahrern und machen einen Ausflug. Wir waren zum Beispiel auf dem Bauernhof, Eislaufen (total witzig und viel einfacher, wenn man sich an einem Rollstuhl festhalten kann ;-), sind mit dem Harry-Potter-Express gefahren, der „animal man“ kam zu uns und die Kids konnten Schlangen, Eulen und sogar Vogelspinnen streicheln, und und und... An den sogenannten base days sind wir in der Schule geblieben, und haben gespielt, gesungen, gebastelt... und natürlich für den letzten Tag geprobt, als die Familien kamen und jede Gruppe ein paar Musicalsongs performt hat! Meine Gruppe hatte das Dschungelbuch, und ich muss sagen wir waren echt umwerfend als Affen, Tiger und Elefanten... ;-)
Wie viel Kinder waren denn da, und wie war das Ganze organisiert?
Ich glaube, es waren 42 Kinder. In jeder Gruppe waren so um die 6 oder 7 Kinder, und jedes Kind hatte seinen ganz persönlichen Ansprechpartner, also eine 1:1-Betreuung, was ja auch sein muss, damit jedes Kind im Rollstuhl geschoben werden kann. Neben uns 9 internationalen Freiwilligen haben also auch noch eine Menge lokale Freiwillige mitgemacht, und dann natürlich noch die ganzen Leute, die das jedes Jahr organisieren und in die Wege leiten... eine super Mannschaft, auf jeden Fall!! Die haben echt so tolle Ideen und Einfälle, und am besten hat mir gefallen, dass sie es wirklich schaffen, den Kindern die gleichen Ausflüge und Aktivitäten zu ermöglichen wie „normalen“ Kindern, siehe z.B. Eislaufen, oder Cricket spielen, und so weiter... Alles mit den entsprechenden Hilfestellungen natürlich, aber eben so, dass die Kids nie das Gefühl haben, von etwas ausgeschlossen zu sein. „Mein Kind“ heißt Chloe, und sie ist eine ganz Liebe. Sie ist 8 Jahre alt und total kitzelig, was natürlich zu vielen Lachattacken geführt hat... Ansonsten musste ich ihr ganz oft „Twinkle twinkle little star“ vorsingen, oder „The wheels on the bus go round“, denn dann kann sie sogar ein bisschen mitsummen!! Das ist wie ein kleines Wunder, denn sprechen kann sie ansonsten nicht. Die anderen Kids in meiner Gruppe waren Rachel, Adam, Joe, Bethany und Liam... alle total cool, und jedes Kind für sich was super Einzigartiges.
Du klingst ja echt begeistert...
Ja, das bin ich auch, weil das Zusammensein mit diesen Kindern einfach so etwas Besonders war und ist, und man so unglaublich viel dazu lernt, weil so viel Fröhlichkeit im Raum ist und man einfach merkt, wie glücklich die Kinder über ein bisschen Aufmerksamkeit und Zuwendung sind, und wie viel man ihnen mit nur ein bisschen Einsatz geben kann... Aber bevor ich jetzt hier noch ins Schwärmen gerate: Macht einfach selbst die Erfahrung!!
Das ist sicherlich ein guter Tipp. Zum letzten Thema: Wie hat dir denn England an sich gefallen??
England hat mich begeistert!! Es ist ein so schönes und vielfältiges Land... Wir Freiwilligen haben einen Ausflug nach Oxford gemacht, da ist es natürlich wie im Film, wie in „Harry Potter“... dann waren wir auch noch in Wales, und die Landschaft dort ist einfach atemberaubend!! Wieder wie im Film, diesmal vielleicht eher wie in „Herr der Ringe“. ;-) Die Engländer sind richtig richtig nett und gastfreundlich, und eine der besten Erfindungen sind natürlich die ganzen Pubs...
Ich seh schon, hehe. Okay, ein Wort zum Schluss, um unseren Lesern einen Anreiz zu geben, das Gleiche zu machen??
Für mich waren es 3 unvergessliche Wochen, zusammen mit den anderen Freiwilligen hatte ich einfach nur eine Riesenmenge Spaß, das Zusammensein mit den Kindern hat mir ganz viel gegeben, ich habe gesehen wie unglaublich freundlich und witzig die Engländer sind, was für ein bezauberndes Land sie haben... Ich vermisse das Workcamp total!! Es waren für mich 3 Wochen voll Lachen und neuer Erfahrungen, und ich weiß, dass wir den Kindern das Gleiche bereitet haben.
Nora Dorothea Eiermann, „Rollercoasters Playscheme“ in Stourbridge, England, August 2009



