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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

Drei Tage ohne Sprache





Beim Gebärdensprachkurs verließen sich 15 FSJlerinnen auf ihre Augen anstatt der Ohren

Von Dorothea Baierl

Drei Tage ohne Sprechen - für einen Haufen Mädels eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Doch für diejenigen, die im Seminar den Workshop „Gebärdensprache“ wählten, wurde diese „schreckliche“ Vorstellung Wirklichkeit. Vom 22. bis 26. Februar 2010 fand das dritte Seminar der FSJ’ler von ijgd in einem verwunschenen Schloss in Peseckendorf statt. Drei Seminargruppen trafen aufeinander und teilten sich für eine Woche in verschiedene Workshopangebote wie Antigewalttraining, Musikinstrumente bauen, Kunst, ein Hörspiel gestalten und Gebärdensprache ein.

Für den Gebärdensprachkurs fanden sich fünfzehn mutige TeilnehmerInnen, die ihre Lautsprache außerhalb des Workshopraumes ließen und sich ganz auf ihre Sinne verlassen mussten - insbesondere auf ihre Augen. Die Motivationen von uns FSJlerInnen waren verschieden; viele waren einfach neugierig auf die eigenständige Sprache der Hörgeschädigten und wollten sie kennenlernen, andere hatten bereits Erfahrung mit dieser Sprache gemacht (u.a. auch in der Einsatzstelle) und wünschten sich mithilfe des Kurses Einblick und Verständnis in die Kultur und Sprache der Gehörlosen, um dies in der Einsatzstelle umsetzen zu können.

Workshopreferent war Peter Schick, Dozent der Hochschule Magdeburg-Stendal, selbst gehörlos. Schüchtern wurde sich begrüßt, keiner von uns wusste so recht, wie man mit ihm umgehen und vor allem, wie man mit ihm kommunizieren kann. In der ersten Workshopzeit war noch eine Dolmetscherin anwesend, doch trotzdem herrschte eine seltsame Atmosphäre; alle Augen huschten staunend und gespannt zwischen Peter Schick und Dolmetscherin hin und her. Schließlich ging die Dolmetscherin und der „Unterricht“ konnte beginnen. Ziemlich bald stellte sich heraus, dass die Kommunikation ohne Dolmetscherin überhaupt kein Problem war; eine große Tafel füllte sich schnell mit Wörtern, Peter Schick beherrscht das Lippenlesen und uns wurde bewusst, wie gut man sich auch stumm, nur mit Händen und Füßen verständigen kann. Nach einem anstrengenden Tag wurden schon viele alltagsgebräuchliche Vokabeln beherrscht und als Hausaufgabe sollte das Fingeralphabet geübt werden, mit dessen Hilfe am nächsten Tag Fragen und Antworten buchstabiert werden konnten. Als Auflockerung für zwischendurch führte Herr Schick kleine Spiele durch, die unsere Mimik und Gestik auf lustige Art und Weise sensibilisierten. Dadurch wurde uns bewusst, wie ungelenk und steif wir im Gesicht sind, da wir Mimik nur unterstützend zur Lautsprache verwenden, sie aber für die Gehörlosen ein entscheidender Teil der Sprache ist. Bei Pantomimespielen kamen wir uns ebenfalls alle etwas merkwürdig vor - so überzeugend und ohne Scheu wie Peter Schick konnten wir keine Tiere imitieren.

Am letzten Tag kam nochmals eine Dolmetscherin, um beim Resümee der Woche zu helfen. Der gesamte Kurs war restlos begeistert von der Art und Weise Peter Schicks, den Unterricht zu gestalten und von der Fülle der Informationen und Vokabeln, die wir erhalten haben. Abschließend gab er jedem von uns eine Namensgebärde, die auf einem auffälligen äußeren Merkmal basiert.

Nach nur drei Tagen hatten wir schon ein großes Repertoire an Vokabeln kennen gelernt - Zahlen, Farben, Tiere, Familienmitglieder - so dass wir schon eigene Sätze bilden und verstehen konnten. Bei der Abschlusspräsentation aller Workshops war unsere Gruppe die leiseste - aber vielleicht die verblüffendste.

Letztendlich stellte sich das Schweigen als gar nicht so schlimm heraus - im Gegenteil, es hallten doch Töne aus unserem Workshopraum, nämlich lautes Lachen, verursacht durch Peter Schicks lustiges Wesen und seiner Fähigkeit, uns viele kleine Anekdoten leicht verständlich durch Gebärden nahe zu bringen.

Dorthea Baierl ist FSJlerin in der Freien Ganztagsschule Neinstedt/Sachsen-Anhalt.