MTV in Swedru
Ghana
Juni-September 2006
Im Sommer 2006, eine Woche nach meiner Abiturabschlussfeier, bin ich für ca. 3 Monate nach Ghana, Westafrika aufgebrochen, um dort in einer Gastfamilie zu leben, in einem HIV/Aids-Projekt zu arbeiten und das Land bereisen zu können. Nachdem ich mich übers Internet und durch Reiseführer ausgiebig über Ghana und seine Geschichte informiert und an beiden Vorbereitungsseminaren teilgenommen hatte und dort auch ausführlich mit ein paar Rückkehrern mich hatte austauschen können, fühlte ich mich mehr oder wenig gut gerüstet für die kommende Zeit.
Ich wollte unbedingt aus dem Alltag ausbrechen, meine Zeit zwischen Schule und Studium, was leider nur 3 Monate waren, effektiv nutzen und etwas Neues, Unbekanntes erleben, anstatt den ganzen Sommer über nur zu arbeiten und vielleicht ab und zu in den Urlaub zu fahren. Für Ghana entschied ich mich im Laufe der 2 Vorbereitungsseminare, da für mich zum einen Südamerika auf Grund der Sprache rausfiel (dafür ist und war mein Spanisch einfach zu schlecht) und mich die Projekte von ARA, der ghanaischen Partnerorganisation, am meisten reizten.
Vollgepackt mit Gastgeschenken, Medikamenten, Mückenschutz und einer Menge Illusionen stieg ich dann Ende Juni in das Flugzeug, das mich über Mailand und Lagos nach Accra bringen sollte. Dort angekommen, völlig ausgelaugt von dem Flug und auch ein bisschen verängstigt von den vielen neuen Eindrücken und der kommenden Zeit, musste ich erst mal zu meinem Schrecken feststellen, dass mein Gepäck, mein Ein und Alles, nicht mit mir nach Accra geflogen, sondern irgendwo auf der Strecke geblieben war. Nach langwierigem Anstehen und Ausfüllen von massenhaft Formularen (typisch ghanaische Bürokratie) und dem Abwimmeln von lästigen Gepäckträgern konnte ich dann endlich den Flughafen verlassen und Ausschau nach Kingsley, dem Leiter der Organisation ARA, halten. Nachdem ich ihn dann in der Masse von Wartenden ausgemacht hatte und durch eine liebe Umarmung begrüßt wurde, fuhren wir zu ihm nach Hause und ich konnte mich erst mal ausschlafen und ein bisschen erholen.
Nach ein paar Tagen in Accra, wo ich neben dem „Auf-das-Gepäck-Warten“ auch ein bisschen von der Stadt sehen konnte, wurde ich von Henry, unserem Projektmanager, abgeholt und nach Swedru gebracht, wo meine Familie und mein Projekt auf mich wartete. In Swedru, einer kleinen Provinzstadt, ca. 30 Minuten vom Meer entfernt, lebte ich die kommenden 2 Monate in einer Lehrerfamilie mit 3 Kindern auf dem Gelände eines Internats und arbeitete in dem dort staatlich geführten Krankenhaus auf verschiedenen Stationen.
Unter der Woche sah mein Tagesablauf relativ eintönig aus: Morgens um 5 wurde ich entweder durch den Ruf des Imam, durch Hühnergegacker oder meine Gastgeschwister geweckt und quälte mich so langsam, aber sicher aus meinem Bett, schälte mich aus meinem Schlafsack und durch mein Moskitonetz (das dringend von Nöten war, da einen ab 4 Uhr nachmittags spätestens alle möglichen Insektenarten aufs brutalste attackieren), immer in der Hoffnung, dass heute kein Stromausfall ist und der Wasserhahn funktionieren wird. Gegen 8, nach einem ausgiebigen Frühstück (Porridge in allen möglichen Variationen mit Kondensmilch, Zucker und einer Art Weckchen), machte ich mich entweder mit dem Taxi oder zu Fuß auf dem Weg zum Krankenhaus, wo ich die nächsten 5 Stunden, bis ca. 1Uhr, verbringen würde.
Die Arbeit dort war teilweise super interessant, ich habe neben den „alltäglichen“ Krankheiten wie Malaria und Anaemia einen tiefen Einblick in die Arbeit in diesem sehr kleinen Krankenhaus bekommen und durfte bei fast allen anstehenden Operationen, Behandlungen und Geburten zuschauen oder sogar assistieren. Nachmittags hatte ich entweder die Möglichkeit, nach Hause zu meiner Familie zu gehen und dort evtl. beim Vorbereiten des Dinners zu helfen oder Briefe zu schreiben, Zeitung oder Bücher zu lesen.
Meistens jedoch hab ich mich entweder mit anderen Volontären getroffen, die es dort massig gab, oder die von ARA geführten Workcamps besucht und dort etwas mit den Ghanaern und Deutschen unternommen oder ich bin auf dem Markt und Umgebung auf Souvenir- und vor allem Stoffsuche gegangen, um mir Kleidung oder Taschen schneidern zu lassen.
Mehrmals habe ich an den Sonntagen meine Familie zur Kirche begleitet, was manchmal sehr anstrengend war, da man als „Obrunii“ natürlich alles und jedem gezeigt und vorgestellt werden musste und oft die Predigt in Twi oder Fanti, der in Swedru am meisten gesprochenen Sprachen, gehalten wurde und man nichts verstanden hat (bzw. nur sehr wenig). Aber andererseits war es auch toll, mal Kirche anders zu erleben, mit viel Tanz, Gesang, Trommelei und frei gehaltenen, also nicht abgelesenen Predigten. Für mich war es beeindruckend und erschreckend zugleich, welch großen Stellenwert Kirche und Glaube in der ghanaischen Gesellschaft spielen und ich musste mich anfangs stark an die für uns Deutsche sehr konservativen Einstellungen z.B. bzgl. Partnerschaften oder Homosexualität gewöhnen, habe aber auch schnell begriffen, dass in Ghana der Glaube Berge versetzen kann und man von dem aus dem Glauben und dem Vertrauen in Gott resultierenden Verhalten viel lernen kann.
Das Zusammenleben mit einer ghanaischen Familie hat mir persönlich, glaube ich zumindest, sehr viel gebracht. Zum einen durch das innerfamiliäre Verhältnis, d.h. wie die einzelnen Familienmitglieder miteinander umgehen und wie z.B. das Rollenverhalten in der Familie ist, zum anderen auch durch die Kontakte der Familienmitglieder selbst, d.h. durch Besuche bei Verwandten und Freunden, in der Schule, bei Partys, in Bars oder kulturellen Veranstaltungen habe ich die Möglichkeit bekommen, einen tieferen Einblick in den Alltag eines Ghanaers zu bekommen, sein Verhalten, seine Einstellungen oder Vorurteile vielleicht besser verstehen zu können.
Welche Musik hören die Jugendlichen in Ghana? Warum lassen Jungs sich die kleinen Fingernägel lang wachsen? Was haben die Schnitte im Gesicht zu bedeuten? Warum z.B. entstehen solche Idealbilder von Europa? Oder wieso ist vorehelicher Sex verpönt? Oder warum kleiden sich die ghanaischen Frauen so und nicht anders?
Nach 3 Monaten bin ich definitiv kein Experte, aber ich durfte manche Dinge miterleben, konnte mich manchmal jedenfalls als „Tochter“ meines Gastvaters fühlen, mit meinen Gastschwestern rumalbern, mit ihnen über ihre Sicht der Dinge reden oder einfach nur auf Twi mit einem Taxifahrer reden. All diese Dinge hätte ich niemals, jedenfalls nicht mit dieser Intensität, als Touristin erleben können, die einfach nur durch das Land reist und der die vielen kleinen Dinge, die vielleicht manchmal im Verborgenen liegen und sich erst mit der Zeit rauskitzeln lassen, nicht auffallen.
Doch ich habe versucht, auch diesen touristischen Aspekt in meinen Aufenthalt einzubauen und einfach mal Ghana, die vielen schönen landschaftlichen und kulturellen Aspekte, die mir noch unbekannt waren, teils durch die örtliche Festlegung durch den Wohnort und vielleicht auch durch die fehlende Distanz zu den Ghanaern (beim Reisen kennt man ja einfach niemanden), kennenzulernen.
Nach 2 Monaten entschloss ich mich dazu, den letzten Monat zusammen mit 2 anderen Mädels, die ich in Ghana kennengelernt hatte, rumzureisen und auch mal den Norden des Landes anzuschauen (den größten Teil des Südens hatte ich schon während der Wochenenden bereist, jedenfalls die wichtigsten und wohl schönsten Orte). Dieser letzte Monat war in meinen Augen ein Highlight meines Aufenthalts in Ghana. Durch die vorhergegangenen 2 Monate kannte ich mich schon ein wenig mit der ghanaischen Mentalität und den dortigen Sitten und Gebräuchen aus, konnte mich oberflächlich in einer der dort gesprochenen Sprachen unterhalten, d.h. Smalltalk betreiben, und fühlte mich auch in den absolut engsten und klapprigsten Bussen nicht unwohl. Zusammen mit den 2 Mädels konnte ich weitere tolle Seiten Ghanas kennenlernen, traumhafte Strände, einsame Wasserfälle, unbeschreibliche Natur in den Nationalparks, die schöne und saubere Stadt Kumasi, die muslimische Kultur im Norden Ghanas...
Am Anfang meines Aufenthalts in Ghana hatte ich schon zwischendurch großes Heimweh nach der Normalität, Ruhe und Sauberkeit in Deutschland, aber nach und nach gewöhnt man sich an alles, lernt die wirklichen eigenen Grenzen kennen und beginnt andere Dinge, wie z.B. die ghanaische Freundlichkeit, Selbstlosigkeit und Hilfsbereitschaft, die Gastfreundschaft und Offenheit völlig fremder Leute, zu schätzen und lieben zu lernen.
Ich würde jedem, der den Wunsch verspürt, endlich mal von zu Hause wegzugehen, und sei es nur für 3 Monate, und etwas völlig Neues, Anderes und manchmal auch Seltsames zu entdecken und kennenzulernen, ein solches MTV und vor allem Ghana als absolut sicheres und noch relativ wohlhabendes Land (im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern) dringend empfehlen und wünsche jedem, der sich traut und einen Schritt in diese unbekannte Welt wagt, so tolle und unvergessliche Erfahrungen wie ich sie dieses Jahr machen durfte.
Daniela Vorwerg