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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV in Ghana

Name: Judith M

Name der Partnerorganisation: ARA in Ghana

Name und Ort des Projektes: Health Care, Agona Swedru

Inhaltliche Ausrichtung: Health

Zeitpunkt: Juli – Dezember 2008

Dauer (in Wochen oder Monaten): 6

 

 

Zwischen Operationssaal und Großfamilie
Seitdem ich in der 13. Klasse war und mein Abschluss immer näher rückte, stellte sich für mich immer dringlicher die Frage: Was mache ich nach dem Abitur? Ich wusste, nun bin ich meines Glückes Schmied und die Gestaltung meiner Zukunft liegt ganz allein in meinen Händen. Mein Berufswunsch war eigentlich klar, ich wollte Ärztin werden. Aber gleich nach der Schule mit dem Studium anfangen, das wollte ich auch nicht. Schließlich ist die Zeit zwischen dem Ende der Schule und dem Anfang der Ausbildung wie dafür gemacht, sich sozial zu engagieren und die vertraute Heimat zu verlassen.
Dass es ins Ausland gehen sollte, hatte ich schon beschlossen. Mein Aufenthalt sollte aber auch etwas mit dem medizinischen Bereich zu tun haben, damit ich ihn mit meiner Zukunftsplanung vereinbaren konnte. Und nach Afrika zog es mich schon immer. Das ganze sollte sich aber natürlich auch finanzieren lassen können. Als ich bei meinen Recherchen die Seite des ijgd besuchte, sah ich, dass sich hier alle meine Wünsche und Vorstellungen vereinbaren ließen.

Also bewarb ich mich um ein MTV und schon ein paar Monate später befand ich mich auf dem Vorbereitungsseminar.
Inzwischen war mir auch klar, dass Ghana mein Zielland sein sollte, in der Schule hatte ich mich im Rahmen einer Arbeit ausreichend mit dem Land beschäftigt.
Von dem Seminar kam ich recht desillusioniert nach Hause zurück: Ich, die gerade mal ihre Schule beendet hatte, wollte einen Freiwilligendienst in einem Entwicklungsland leisten, aber was konnte ich schon nachhaltig ausrichten? Mache ich es nicht doch eher nur für mich und meine Zukunft, als mich sozial zu engagieren? Hat mein Vorhaben überhaupt für jemanden außer mir einen Sinn? Auf alle diese Fragen konnte ich mir jedoch erst nach meinem Aufenthalt Antworten geben.
Nach dem Vorbereitungsseminar ging dann alles ganz schnell, ich habe meine Klausuren geschrieben, mich mit einem Moskitonetz und anderen wichtigen Utensilien ausgestattet und 4 Tage nach meinem Abiball saß ich schon im Flugzeug nach Accra.
Und irgendwie wusste ich doch nicht mehr richtig, was ich hier eigentlich gerade tat.

Im Nachhinein kann ich jedoch sagen, dass es genau das richtige war, mir nicht viel über meinen Aufenthalt Gedanken zu machen, wahrscheinlich hätte ich mich im Vorfeld viel zu verrückt gemacht.

Meine größte Angst, nicht vom Flughafen abgeholt zu werden, bestätigte sich glücklicherweise nicht, Kingsley von der Partnerorganisation ARA stand wirklich da und begrüßte mich mit einer festen Umarmung.
Die ersten Tage habe ich dann bei ihm in Accra verbracht, was für mich als Orientierung sehr gut war. Mit ihm habe ich die ersten Fahrten durch Accra gemacht, mein erstes Tütenwasser getrunken (das Wasser lässt sich in einem 0,5 l Beutel kaufen, man beißt die Tüte an der Seite auf und trinkt) und bin sehr lieb von ihm und seiner Familie mit dem Land vertraut gemacht worden, in dem ich die nächsten 6 Monate meines Lebens verbringen würde.

Einen Moment werde ich von diesen ersten Tagen nie vergessen: Kingsley hatte mich zum Schwimmen mit zum Meer genommen, auf einmal kam uns ein kleines Fischerboot entgegen und wir haben frischen Fisch direkt vom Boot gekauft. Jetzt wusste ich, ich bin wirklich in Ghana.

Eine Woche nach meiner Ankunft fuhr ich mit Henry, dem Projekt-Manager von ARA, in meine neue Heimat: Agona Swedru in der Central Region, eine halbe Stunde von der Atlantikküste entfernt. Dort wurde ich auch gleich meiner Gastfamilie vorgestellt und zog in mein neues Heim ein.
Von nun an war ich Teil einer Großfamilie: Ich lebte mit meinen Gasteltern und 5 anderen Geschwistern in einem kleinen Häuschen im Stadtzentrum Swedrus zusammen. Wir hatten 3 Zimmer und eines von diesen Zimmern teilte ich mir mit meiner Gastschwester.
Die ersten Tage musste ich noch nicht arbeiten, sondern hatte genug Zeit, mich in meinem neuen Zuhause einzugewöhnen. Meine Gasteltern waren sehr nett und herzlich, ich war von Anfang an ihre “sweet daughter“ und sie waren “Mum and Dad“ für mich.
Meine Gastgeschwister, vor allem die jüngeren, haben mich anfangs ein bisschen skeptisch und ängstlich beäugt, aber auch wir haben uns schnell aneinander gewöhnt und für mich war es eine einzigartige Erfahrung, Teil einer so großen Familie zu sein, da ich selbst Einzelkind bin und so ein Leben sonst nie so kennen gelernt hätte.
Die Verständigung klappte von Tag zu Tag ein bisschen besser, ich habe meine ersten Brocken Fanti gelernt und auch mit meiner Mutter, die leider kein Englisch sprechen konnte, konnte ich mich gut verständigen, zur Not eben mit Händen und Füßen.

Nach ein paar Tagen hatte ich nach einer kurzen Vorstellung auch meinen ersten Tag im Agona Swedru Government Hospital. Ich hatte mir das Theatre als Station ausgesucht, also den OP, auch alle Notfälle wurden dort aufgenommen.
Hier war die Eingewöhnung etwas schwieriger, schließlich war ich keine ausgebildete Krankenschwester und alles musste mir gezeigt und erklärt werden.
Das bedeutete zusätzliche Arbeit für die Schwestern, Pfleger oder den Doktor und hat von beiden Seiten aus sehr viel Geduld und Zeit erfordert. Zudem fiel mir anfangs auch noch die Verständigung schwer, da sich das Englisch schon von dem unterschied, was ich in der Schule gelernt hatte. Außerdem haben sich alle anderen nur auf Fanti unterhalten, wodurch es mir anfangs schwer fiel, mich im Team zu integrieren.
Ich merkte jedoch schnell, dass, je länger ich arbeitete und je mehr ich versuchte, mich einzubringen, desto mehr Vertrauen wurde mir entgegengebracht. Ich durfte mit der Zeit immer mehr Aufgaben übernehmen: Anfangs habe ich viel geputzt, den OP morgens vorbereitet und hinterher wieder aufgeräumt, später durfte ich bei der Versorgung von Wunden helfen. Am Ende meines Aufenthalts durfte ich sogar bei Operationen assistieren.

Während meines Einsatzes habe ich gelernt, wie wichtig Eigeninitiative und Geduld sind, wenn man etwas erreichen will. Man darf einfach nicht aufgeben, auch wenn es mal Probleme oder Konflikte gibt. Außerdem muss man lernen, sich anzupassen, ansonsten hätte ich in einem Team, das eigentlich sehr eingespielt war und auch ohne meine Hilfe ausgekommen wäre, keine Chance gehabt.

Zeitgleich mit mir waren immer mal ijgdler auch auf anderen Stationen eingesetzt, aber hauptsächlich hatte ich mit anderen Freiwilligen während des „Obruni (=Weiße)-Meetings“ Kontakt. Dieses fast schon traditionelle Treffen einmal wöchentlich in einer kleinen Bar in Swedru bot uns die Möglichkeit, unsere Erfahrungen auszutauschen oder unsere Reisen übers Wochenende zu planen. Dieser Kontakt hat mir sehr geholfen, da es doch immer mal wieder Momente gab, in denen ich mich allein gefühlt habe, und da hat es schon gut getan, einfach mal ein bisschen Deutsch zu reden.

Die Höhepunkte meines Aufenthalts waren ganz klar die Feste, die ich mit meiner ganzen Familie besucht habe. Neben den sonntäglichen Kirchgängen, die immer mit viel Tanz und Musik begangen wurden, fuhren wir übers Wochenende, z.B., nach Kumasi (Zentralghana), um Verwandtschaft zu besuchen. Dabei konnte ich z.B. an einer Beerdigung teilnehmen, die einfach ganz anders ablief, als ich es bisher von Beerdigungen kannte. Auch hier spielten Musik und Tanz eine große Rolle.
Zu den Highlights gehörten aber auch meine vielen Reisen: Die Reisen übers Wochenende sowie meine 1-monatige Reise zum Ende meines Aufenthaltes. Hier hatte ich die Möglichkeit zu erfahren, wie sich die Landschaft in Ghana verändert, je weiter nördlich man reist, die wunderschöne Volta-Region im Osten des Landes zu erleben oder die älteste Moschee Ghanas in Larabanga zu besuchen.

Durch die gute Vorbereitung des ijgd auf mein MTV und die fast schon familiäre Atmosphäre mit den ARA-Leuten und deren gute Betreuung vor Ort wurde mein Ghana-Aufenthalt ein voller Erfolg.
Aber ich habe zudem gelernt, dass das Gelingen eines solchen Freiwilligendienstes vor allem bei mir selbst angefangen hat. Ohne Eigeninitiative und die Bereitschaft, sich in einem völlig neuen Kulturkreis zurecht zu finden, wäre mein halbes Jahr in Swedru noch nicht einmal halb so schön gewesen.

Ghana hat mich vieles gelehrt:
Dass man geduldiger sein muss und mehr darauf vertrauen sollte, dass sich manche Dinge im Leben einfach finden und dass es für ein Ziel mehrere Lösungen und Wege gibt; dass nicht nur mein Weg der richtige ist. Wenn einmal ein Tro-Tro (= Linienbus) nicht dann kommt, wann es kommen soll, dann bietet sich immer noch irgendeine Möglichkeit, doch pünktlich zum Zielort zu kommen, z.B., indem man mitgenommen wird. Ich bin lockerer geworden und kann besser mit Stresssituationen umgehen. Mir ist bewusst geworden, wie wichtig es ist, dass wir Menschen uns gegenseitig unterstützen und helfen, nicht nur innerhalb der Familie, sondern auch außerhalb, und dass man selbst nicht der Mittelpunkt der Welt ist. Oder dass es manchmal nicht schlimm ist, wenn Dinge nicht sofort geschehen, sondern das vieles auch noch einen Tag Zeit hat.
Wenn ich Probleme während meines Aufenthalts hatte, haben mir auch wildfremde Menschen geholfen, ohne dass diese direkt einen Nutzen aus ihrem Verhalten schlagen wollten, und diese Selbstlosigkeit habe ich so in meinem Kulturkreis nur selten erleben können.
Ich habe gelernt, dass meine Lebensweise in Deutschland auch Auswirkungen auf den Alltag in anderen Ländern hat und das alles miteinander in Zusammenhang steht. Mein Weltbild hat sich von Grund auf verändert, ich sehe jetzt nicht nur noch mich, sondern die Welt als Ganzes.Meine innere Rangordnung für Dinge, die wichtig sind und für die, die unwichtig sind, hat sich geändert. Dabei sind materielle Werte ganz nach hinten gerutscht.
Ich bin toleranter geworden, verständnisvoller, kann besser mit Konflikten und schwierigen Situationen umgehen, bin erwachsener, offener für andere Kulturen und Lebensweisen und nehme mich selbst nicht mehr so ernst.

Und auch, wenn ich durch meine Arbeit keine Verbesserung der Lebenssituation der Menschen in Ghana bewirken konnte, habe ich mich am interkulturellen Austausch beteiligt, habe Freundschaften fürs Leben geschlossen und hoffentlich ein paar Vorurteile gegen Europäer/Deutsche entkräftet.
Ich kann jetzt allen erzählen, dass Ghana mehr ist als das typische Bild von Afrika, was die Medien oft vermitteln: Ghana ist Gastfreundschaft, Herzlichkeit und pures Leben