MTV in Ghana 2010/11
Name: Eva H.
PO: Agricultural and RuralDevelopment, Ghana
Einsatzstelle: Arbeit im Kinderheim und dazugehöriger Schule
Zeitraum: August 2010 bis März 2011
Dauer: 7 Monate
Nach meinem Abi 2010 wollte ich unbedingt ins Ausland und am liebsten irgendwohin, wo noch nicht so viele vorher waren. Afrika hatte mich schon immer fasziniert, Ghana als offenstes und stabilstes Land Westafrikas sprach mich besonders an. Ein bisschen Zweifel an meiner Entscheidung befielen mich schon, als ich am 13.8.2010 in den Flieger stieg, ich kannte dort ja niemanden und hatte auch nur kurz zuvor wenig Kontakt mit der Partnerorganisation gehabt. Am Flughafen dann mein erster Eindruck von meiner neuen Heimat: Totales Chaos. Hier sollte ich 7 Monate leben? Alle rannten auf mich zu und redeten auf mich ein, nur leider war zudem niemand da, um mich abzuholen. Ein sehr netter Ghanaer wartete mit mir, bis alle Missverständnisse aufgeklärt waren und ich endlich abgeholt wurde. Ich verbrachte die ersten Tage zur Aklimatisierung in Botianor, einem entspannten Küstenort.
Henry, von der Organisation, brachte mich zu meiner Gastfamilie in der Nähe von AgonaSwedru, die mir einen sehr liebevollen Empfang bescherte. Ich hatte 7 Gastgeschwister und zahlreiche Nachbarn, die praktisch auch zur Familie gehören. Meine Gasteltern waren Farmer und unser Haus einfach, aber sehr sauber. An das Plumsklo inklusive Kakerlakenparty in der Nacht, hab ich mich ebenso schnell gewöhnt, wie die Eimerdusche ohne fließendes Wasser. Mein Arbeitsplatz, das Kinderheim, war mein Nachbarhaus, sodass ich es morgens nicht weit hatte. Als ich ankam waren noch Sommerferien, in denen den Kindern in der Schule von den Freiwilligen ein bisschen Programm geboten wird. Zuerst war ich verwirrt, weil mir niemand genau sagte, was ich tun sollte, ich wurde einfach in eine Klasse gesteckt und sollte diese unterrichten. Das ist gar nicht so leicht wenn kein Kind Englisch, sondern nur die Regionalsprache spricht und man sie pausenlos davon abhalten muss aufzustehen (die Räume haben keine Türen) oder rumzulärmen (die Wände waren nur aus Holz).
Außerdem dachte ich, ich würde vielmehr Zeit im Kinderheim verbringen und nicht in der Schule. Mit der Zeit machte das Unterrichten aber echt Spaß und ich begann Spenden per Mail zu sammeln und Bücher für die Schule zu kaufen, was den Unterricht um einiges erleichterte. Nachmittags spielte ich mit den Kindern im Heim, machte Hausaufgaben mit ihnen oder versuchte aufzuräumen. Wir waren zwischen 2 und 7 Freiwilligen, was zwischenzeitlich sehr viele waren, aber nach einiger Zeit habe ich gelernt, mir meine eigenen Aufgaben im Kinderheim zu suchen. Niemand sagt einem wann man arbeiten soll, ich habe mir den Tag also selbst eingeteilt.
Durch die Nähe zum Projekt verschmolz mein Alltag mit der Arbeit und die Kinder sind mir mit der Zeit sehr ans Herz gewachsen. Ich startete eine große Spendenaktion, die es ermöglichte Toiletten im Kinderheim bauen zu lassen und somit ihre hygienische Situation zu verbessern. Zu meinem Arbeitsalltag gehörte es auch mit den Kindern im Krankenhaus auf einen Arzt zu warten wenn sie krank waren oder ihre kaputten Klamotten mit einer uralten Nähmaschine zu flicken.
Agona Swedru ist mittlerweile zu einer regelrechten Freiwilligenhochburg geworden, man lernt schnell Leute aus der ganzen Welt kennen, mir war das fast schon zu viel. Andererseits ist es sehr einfach und billig an den Wochenenden zu reisen und Freunde zu finden die mitkommen. Meine Gastmama sprach kein Englisch, trotzdem konnte ich von der ghanaischen Kultur einiges mitbekommen. Wir waren auf Familienfesten, haben zusammen Fufu, das Nationalgericht, zubereitet und sind an den Strand gefahren. Meine Gastgeschwister waren sehr an meiner Kultur interessiert und ich hoffe, ich konnte einige Vorurteile aufklären.
Ich war erstaunt wie frei man sich in Ghana bewegen kann. Ich hab mich niemals bedroht oder unsicher gefühlt und konnte am Wochenende sogar ausgehen- die Ghanaer feiern gern. Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich und offen, über die zahlreichen Heiratsanträge muss man als Frau mit Humor hinwegsehen. Mit meiner Partnerorganisation hatte ich über mein MTV verteilt nicht viel Kontakt, Unabhängigkeit und Eigenengagement sind in Ghana eher gefragt.
Ich habe zahlreiche positive Erfahrungen gemacht und nur einmal ein kleines Tief als ich krank war und ins Krankenhaus musste, die sehen in Ghana ein bisschen anders aus als bei uns. Nun schätze ich den Service und Komfort den wir hier in Deutschland genießen umso mehr und hoffe, dass dieses Bewusstsein nie verschwindet. Die Menschen in Ghana leben von einen Tag in den nächsten, Zeit hat eine völlig andere Dimension dort und die Gemeinschaft und Familie stehen im Zentrum des Lebens. Ich kann jedem der noch zweifelt diesen Schritt zu wagen nur empfehlen: TUT ES! Euer Blick über den Tellerrand wird sich lohnen und ihr werdet in der ein oder anderen Situation über euch hinauswachsen. Ihr werdet wunderschöne Landschaften sehen, warmherzige Menschen treffen und immer in dieses Land zurückwollen!




