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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV in Ghana 2011

Name: Niklas D.
Name der Partnerorganisation: ARA
Name und Ort der Einsatzstelle: Herman Preparatory School, Nankese
Inhaltliche Ausrichtung: Teaching
Zeitpunkt: Januar - März 2011
Dauer: 3 Monate

 

„Obruni! Did Jesus give you your hair?“, fragte mich der kleine Junge auf dem Weg zur Schule. Eine Kindermeute stand hinter ihm und starrte mich erwartungsvoll an. Wie war ich in diese Situation nur hineingeraten?

Nach dem Abitur interessierte ich mich für einen kurzfristigen Aufenthalt in einem afrikanischen Land. Im Oktober 2010 bewarb ich mich bei IJGD für einen dreimonatigen Freiwilligendienst im Ausland. Nach dem informativen Vorbereitungsseminar stand für mich fest, dass ich nach Ghana reisen wollte, um dort im Waisenhaus oder einer Schule tätig zu sein. Wenige Wochen später bekam ich einen Platz in einem Schulprojekt der Partnerorganisation ARA (Agricultural and Rural Development Association). Dann ging ich zur Tropenärztin, besorgte mein Visum, buchte den Flug und machte die letzten Vorbereitungen. Was mich genau erwarten würde? - Keine Ahnung.

Mitte Januar stieg ich in den Flieger zum Zwischenstopp nach Lagos. Der Blick aus dem Fenster. Blau. Mittelmeer. Ein bisschen schlafen. Wieder rausgucken. Rotgelb. Wüste. Sahara. Sehr beeindruckend. Dann schlafen. Rausschauen. Dunkelheit. Das war so mein erster Eindruck vom afrikanischen Kontinent. Wir näherten uns Lagos. Einer riesigen Stadt, doch wo war sie? Ich spähte in die Finsternis. Ein erstes Licht. Dann noch eins. Plötzlich ein paar mehr. Häuser? Mehr Lichter. Kleine leuchtende Punkte auf dem schwarzen Untergrund. Dann die erste Straße. Spärlich beleuchtet, immerhin eine dünne Linie bildend. Und so ging das weiter und weiter und weiter. Mehr Lichter, mehr Strassen, aber kein leuchtendes Meer, wie ich es vielleicht erwartet hatte. Das erste Klischee stimmte: Die afrikanischen Nacht kann wirklich finster sein.
Von Lagos dann nach Accra. Raus aus dem Flieger, rein in den Airport. „Akwaaba!“ prangt über dem Eingang: Willkommen!
Dann Gepäck holen und Geld umtauschen. Ich wurde von einer ARA-Mitarbeiterin abgeholt. Als ich aus dem kühlen Flughafen nach draußen trat und wir in ein Taxi stiegen, umfing mich die tropische Nacht - schwül und warm, nach warmem Asphalt und Rauch riechend.

Die ersten Tage verbrachte ich mit der Organisation in der Nähe der Hauptstadt, wo ich eine Art Vorbereitungsseminar bekam.
Schließlich wurde ich zu meiner Gastfamilie nach Nankese gebracht. Nankese ist ein kleines von hügeligen Wäldern umgebenes Dorf in der Nähe der Provinzhauptstadt Koforidua in der Eastern Region, etwa zwei bis drei Stunden von  Accra und dem Golf von Guinea entfernt.

Ich wohnte zusammen mit meiner Gastmutter und zwei Gastbrüdern, die ungefähr in meinem Alter waren. Die Verständigung auf Englisch (der offiziellen Amtssprache Ghanas) klappte gut und bald wurde ich ein Teil der Familie. Daneben gibt es die lokalen Sprachen, in meiner Region vor allem Twi, was in Abwandlungen von etwa der Hälfte der Gesamtbevölkerung verstanden wird. Ich versuchte ein paar Wörter zu lernen und löste mit meinen wenigen Brocken häufig kräftiges Lachen und Begeisterung aus.

In meinem Dorf wohnte eine andere Freiwillige aus Deutschland. Eine Dreiviertelstunde  durch den Dschungel entfernt arbeiteten nochmal drei in einem Waisenhaus. Und in Koforidua (zwanzig Minuten entfernt mit dem Tro) eine ganze Horde. Manchmal tat es gut mit Leuten zu sprechen, die teilweise ganz ähnliche Probleme und Gedanken hatten wie ich.

Ich war der erste Freiwillige in der Familie und in der Schule, was einerseits interessant war, andererseits aber auch eine besondere Verantwortung bedeutete. Also versuchte ich mich noch genauer an die guten Sitten zu halten, wie zum Beispiel immer die rechte Hand zu benutzen (zum Grüßen, Essen, Zeigen, Sachen reichen, etc.).

Ich hatte ein eigenes, schlichtes Zimmer zum Hof, an den unser Haus grenzt. An diesen kleinen Hof grenzt auch die Zimmer der kinderreichen Nachbarsfamilien, die mich rasch in ihre Gemeinschaft integrierten.

Morgens wachte ich um sechs vom Hahnengekrähe und den Geräuschen der putzenden Nachbarn auf. Anschließend duschte ich mich aus einem Eimer heraus ab. Wer hätte gedacht, dass man auch mit fünf Litern sauber werden kann? Das Wasser kam vom Brunnen. Also kein fliessend Wasser. Die Dusche war eine kleine Nische, vor die ich mein Handtuch hing. Die Toilette nebenan war ein Plumsklo. Dann frühstückte ich weisses Brot mit salziger Margarine, dazu manchmal Brei. Zwischen acht und neun machte ich mich auf in die nahegelegene Schule. Dort wurden Kinder von der Vorschule bis zum neunten Schuljahr des ghanaischen Schulsystems unterrichtet. Meistens ging ich in die Klassen, die grade keinen Lehrer hatten. Dort brachte ich den Kindern ein bisschen Deutsch bei, sang mit ihnen Lieder oder spielte Spiele mit ihnen (ein mitgebrachtes UNO-Spiel stieß auf Begeisterung!). Teilweise gab es für mich leider nur wenig zu tun.

In der Schule aß ich Mittag, und wenn ich nach Hause kam, fuhr ich entweder nach Koforidua (wo das nächste Internet-Café war) oder setze mich vor unser Haus in die Abendsonne. Um sechs wurde es ziemlich schnell dunkel und es gab Abendbrot. Anschliessend verbrachte ich Zeit mit den Gastbrüdern oder verschwand müde von den vielen neuen Eindrücken früh im Bett.

Das Essen in Ghana ist generell ziemlich schmackhaft und auch für Vegetarier (!) geeignet, wenn man sich ein bisschen einschränken kann. Mein Betreuer von ARA war für mich erreichbar und die Verständigung klappte gut.

Die drei Monate in Ghana haben mich geprägt und für Themen, wie Armut/Reichtum, Kulturunterschiede, Gerechtigkeit und die Wertschätzung dessen was man hat, sensibilisiert.
„Die“ Ghanaer sind ein äußerst liebenswertes Volk. Sie sind so freundlich, offen und hilfsbereit, dass sich manche Deutsche davon mal inspirieren lassen sollten. Ein Beispiel:
Ich und andere Freiwillige wollen den lokalen Palmwein kaufen. Eine Frau sagt uns, wo wir diesen finden können, schickt aber noch einen Nachbarjungen mit, der uns den Weg zeigt. Er führt uns in ein von außen unscheinbares Bretterbüdchen. Drinnen wartet eine ältere Frau vor einer grossen Plastiktonne mit selbstgebranntem Wein. Wir wollen gerne zwei Flaschen kaufen. Sie versteht fast kein Englisch. Ein Mann kommt und übersetzt. Ein Problem: Es gibt nicht genügend Flaschen. Kein Thema, der Mann rennt schnell nach Hause und holt eine saubere Plastikflasche. Der Mann handelt einen guten Preis aus. Alle Leute in der Kneipe lächeln. Ich sage „Medase.“ (Vielen Dank), der Mann lacht herzlich, schüttelt mir die Hand, und freut sich einen ab. Der Junge führt uns zurück, obwohl wir den Weg inzwischen auch kennen.

In Ghana lernte ich, viele Kompromisse zu machen. Wie also lautete meine zugegebenermaßen etwas schwammige aber mit einem Lächeln vorgetragene Antwort an den wissbegierigen Jungen auf meinem Schulweg? - „Well, maybe.“