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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV bei Antigua

Meine Reise nach Guatemala

Nach drei Jahren Abendgymnasium, wo ich außer Spanisch und Englisch auch viel über Entwicklungsländer gelernt hatte, überfiel mich eine solche Reiselust, dass ich mir von überall her Informationen einholte. Mir waren zeitliche Grenzen gesetzt, da ich nur über die Sommerferien frei verfügen konnte. Außerdem wusste ich genau, wenn ich so eine Reise jetzt nicht mache, werde ich es nie wagen. Ijgd vermittelt eigentlich nur junge Menschen, aber Ausnahmen nach oben, vom Alter her, werden gemacht, hieß es in den Unterlagen. – Da bin ich, mit 49 Jahren , die Ausnahme, das war mir sofort klar. Bei den beiden Vorbereitungsseminaren wurden wir intensiv auf eine spannende aber auch ungewisse Reise vorbereitet. Viele Eventual-Fälle wurden in Gruppen erarbeitet und im Rollenspiel vorgeführt. So hatten wir schon vor der großen Fahrt viel Spaß und Erfahrungsaustausch.

In Hamburg haben mich mein Mann und unsere acht Kinder schweren Herzens ziehen lassen. In London saß ich drei Stunden im Flugzeug auf dem Rollfeld fest, ohne das sich was tat. Dadurch habe ich den Anschlussflug in Miami verpasst (in Amerika steht man ja sowieso schon Schlange) und bin schließlich mit Umbuchung sieben Stunden verspätet, um Null Uhr in Guatemala–City angekommen. Auch mein Gepäck hatte den Anschlussflug verpasst und so stand ich nun, nie von zuhause weggewesen, ganz allein im Aeropuerto de Guatemala. Tatsächlich waren nach der Gepäckreklamation nur noch wenige Menschen da. Ich traute mich nicht in die Dunkelheit hinaus. Hier bleibe ich die Nacht, das stand für mich fest. Im Flughafengebäude fühlte ich mich einigermaßen sicher. “Wir schließen das Gebäude über Nacht“, das stand für das Personal fest. Draußen standen zwei uniformierte Männer und hielten Schilder hoch mit „Marriot“ und „Radison“, war aber nicht meine Preislage. Ein dunkelhäutiger Typ vor eine Rostbeule sagte: “Taxi?“ Das Auto sah weder von außen nach Taxi aus, noch deutete im Inneren irgend etwas auf Taxi hin. Was hätte ich machen sollen?

Auf der Fahrt nach Antigua habe ich in meinem besten Spanisch von meinen acht Kindern erzählt, von dem Entwicklungshilfeprojekt, wo ich arbeiten wollt und habe ihn, der sich bei mir als Carlo mit Handschlag vorstellt, über Guatemala-City und meinem Ziel Antigua ausgefragt. Er hat mich nach 45 Minuten Fahrtzeit für 25$ bis vor die Tür gefahren. Nach mehrmaligem heftigen Klopfen hat mich meine Gastmutter, in Begleitung ihrer Tochter und ihres Schwiegersohns um 1 Uhr nachts in mein Zimmer geführt. Nach einer 24stündigen Reise, ohne Koffer, Nachthemdchen und Zahnbürste war ich so froh ein Bett zu haben in dem ach so kleinen Zimmer. Es war einfach aber sauber. Den Tipp einer kolumbianischen Freundin aus Hamburg – schau nicht unter die Matratze – habe ich die sechs Wochen strickt eingehalten. Nachdem ich mir schon Ersatzklamotten gekauft hatte, kamen meine Koffer nach drei Tagen. Tita, meine Gastmutter, beherbergte noch weitere zwei Gäste, mit denen ich das WC und die Dusche teilte. Das Wasser der Dusche war eher kalt als warm, aber das hatte ich auch so erwartet.

Vier der fünf erwachsenen Kinder leben unter dem Dach der 60jährigen Mutter, die ein strenges Regiment führt. Mit Enkelkindern waren das vierzehn Personen. Mittags hat sie für alle gekocht. Das Essen war gut. Es gab viel Reis und Gemüse, aber wenig Fleisch. Bei Tisch ergab sich immer eine fröhliche Gesprächsrunde.

Die ersten vierzehn Tage in der APPE-Schule waren sehr schön. Mit meiner jungen Lehrerin habe ich außer Vokabeln, unregelmäßigen Verben, Zeiten usw. auch sehr viel über Land und Leute gelernt. Wir haben Draußen im Innenhof unter Bäumen gesessen. Jeder Schüler hatte seinen eigenen Lehrer, der ganz speziell auf den Leistungsstand und die Wünsche seines Schülers eingehen konnte. Manche haben sich sogar am Nachmittag privat mit dem Lehrer getroffen um auf dem Markt einzukaufen und hinterher zu kochen. Die Schule ging von 8 – 12 oder 1 Uhr. Danach war Mittagessen in der Familie. Von Montag bis Freitag bietet die Schule am Nachmittag ein freiwilliges Freizeitangebot an, z. B. Stadtführung, Museumsbesuche, Besichtigung einer Plantage oder eines Maya-Dorfes. Sogar eine Vulkan-Besteigung stand auf dem Programm.

Mir kam Antigua wie ein Treffpunkt vieler junger Menschen aus aller Welt vor. Die Vergangenheit der Guatemalteken ist durch den Bürgerkrieg eher traurig, die Zukunft für viele Menschen ungewiss – aber die Gegenwart ist sehr intensiv. Die Menschen, so unterschiedlich sie auch sind, sind fröhlich und immer optimistisch. In den hoffnungslos überfüllten Bussen quetschen sich immer noch mehr Leute. Körbe voller agrarischer Produkte, die auf dem Markt verkauft werden sollen, fahren auf dem Dach des Busses mit. Die Maya-Mütter tragen ihre Babies und Kleinkinder in Tüchern am Körper. Trotz der manchmal schweren Last haben sie immer ein Lächeln auf den Lippen.

Nach zwei Wochen Schule wurde ich in mein Projekt geführt. 25 kleine Kinder schauten mich mit schwarzen Knopfaugen an. Der Kindergarten war eher ein Hinterhof mit Betonboden, wo die Kinder rumrennen konnten. Es war das Zuhause der Erzieherin, die die Räumlichkeiten bereitstellte. Es gab eine Hängematte, zwei Kinderkarren und zwei Kinderstühle, wo die ganz Kleinen ihren Platz hatten. Die 5 –6jährigen machten am Vormittag „Schule“. Eine Lehrerin kam von 9 bis 12 Uhr und hat sie unterrichtet. Es waren ungefähr dreizehn Kinder in einen kleinen Raum, wo auch gefrühstückt wurde und das Mittagessen stattfand.

Kinder sind überall auf der Welt gleich. Sie zappeln und kaspern rum und können sich noch nicht so lange am Stück konzentrieren. Sie spielen mit den Stiften – und die Radiergummies sind für sie Autos. Ich habe beim Schreiben und Rechnen geholfen, aber meistens habe ich die ganz Kleinen von vier Monaten bis vier Jahren draußen im Hof betreut. Es waren ungefähr zwölf Kinder. Sie mussten gewickelt und gefüttert werden (Pampers gab es keine, auch keine Stoffwindeln, lediglich Stoffreste, die mit einem Band um den Popo gebunden wurden). Ich habe ihnen hoppe-hoppe-reiter beigebracht und sie getröstet, wenn sie weinten oder krank waren.

Das Leben kann man sich ungefähr so vorstellen, wie bei uns vor 30 bis 40 Jahren. Die Wasserleitung funktioniert nur eine Stunde am Tag, in dieser Zeit laufen alle Behälter voll, die bis zum nächsten Morgen aufgebraucht werden. Die Kinder müssen parieren. Wer den Teller nicht leer ist wird eingesperrt oder manchmal sogar geschlagen.

Die kleinen Kinder aus Maya-Familien leiden leider noch unter den Vorurteilen aus der eigenen Bevölkerung. Eine 20jährige Mutter von drei kleinen Kindern konnte durch dieses Projekt, wo ihre Kinder betreut wurden, erst mal die spanische Sprache erlernen (sie sprach zu Hause nur die Maya-Sprache), um sich dann beruflich etwas aufzubauen, um für sich und ihre Familie eine Zukunftsperspektive zu haben. Ihre Kinder trugen weder Strümpfe noch Unterwäsche, nur T-Shirt, kurze Hose und Lederstiefel wie aus alter Zeit. Leider gibt es viele Maya-Männer, die dem Alkohol sehr zugetan sind. Die Verantwortung für die Familie haben meistens die Frauen.

Die Zuwendung die ich den Kindern im Projekt entgegenbrachte habe ich über sie zurückbekommen. Als ich nach vier Wochen ging, bin ich heulend rausgegangen mit dem festen Vorsatz: Ich komme wieder.

Um eine Schule besuchen zu können, ca. ab dem 7. Lebensjahr, müssen die Kinder eine Uniform tragen, die viele Eltern nicht bezahlen können. Die Kinder in den Dörfern, manchmal 30 bis 50, erhalten ein Mal in der Woche Unterricht über einen Lehrer, der aus der Stadt im Pick-Up über Sandwege dorthin gelangt. Eine Busverbindung um die Kinder in die Stadt zu fahren ist wegen der schlechten Infrastruktur nicht möglich. Außerdem ist es die Einstellung der Mayas, ihren Kindern alles Wichtige zum Überleben in der Landwirtschaft selbst beizubringen.
Die unterschiedlichen Lebensweisen sind sehr krass. Die Menschen in den Dörfern leben ohne viel Zivilisation und Komfort. In Antigua oder Guatemala-City, nur 30 bis 40 Minuten Entfernung gibt es alles zu kaufen, wie in Europa oder den USA.

An den Wochenenden bieten Reiseunternehmen unterschiedliche Ausflüge an. Die Shuttle-Busse fahren zu den Sehenswürdigkeiten und locken den Touristen die $ aus der Tasche. Ich war im Norden in Tikal und habe mir im tropischen Regenwald die Maya-Pyramiden angesehen. Auch die Mangroven-Wälder an der Pazifikküste waren mein Ziel. Sehr eindrucksvoll ist der Atitlan-See, umringt von Vulkanen und ortstypischen Dörfern. Reisebusse werden zur Sicherheit gelegentlich von der Touristenpolizei begleitet, denn die Kriminalitätsrate ist nicht unerheblich.

Ich bin reich an Erfahrungen aber auch nachdenklich nach Hamburg zurückgekehrt. Diese einmalige Reise wird nicht einmalig bleiben – denn ich werde wiederkommen. Guatemala ist ein Land der Gegensätze. Es hat landschaftlich sehr viele Facetten und Menschen mit den unterschiedlichsten Lebensweisen.