MTV mit Hogares Comunitarios in San Antonio Aguas Calientes bei Antigua
MTV (Medium Term Volunteership) in Antigua Guatemala
Hallo, ich bin Lisa, 23 Jahre alt. Nach einem Jahr Jobben und zwei Jahren Uni hatte ich eine Auszeit nötig. Und seitdem ich das erste Mal davon gelesen hatte, war mir war die Möglichkeit, ein MTV zu machen, im Kopf geblieben. Jetzt ist es schon ein paar Monate her, dass ich in Antigua Guatemala war, um genau zu sein, fünfeinhalb. Insgesamt habe ich zehn Wochen in Guatemala verbracht, davon vier an der Sprachschule APPE (Asociacíon de los profesores de español), fünf in einem Projekt, und eine mit Reisen. Für mich war es der erste Aufenthalt in einem lateinamerikanischen Land. Die Idee, alleine zu reisen, hat mir keine Angst gemacht, war aber schon etwas Besonderes für mich.
Die Vorbereitung
Die Vorbereitungsseminare des IJGD gaben mir die Möglichkeit, Fragen zu stellen und Leute zu treffen, die Ähnliches schon vor mir gemacht hatten oder machen wollten. Mit Rückkehrern zu sprechen, hat mir vor allem geholfen, um mich für ein Projekt zu entscheiden, mit dem ich schließlich auch sehr zufrieden war. Es war gut, schon im Vorhinein etwas über Antigua und Guatemala zu erfahren, wobei viele dieser Informationen auch in Reiseführern zu finden sind
(An dieser Stelle empfehle ich den Lonely Planet für Guatemala mit praktische Tipps über Preise und Reiserouten, und den Reiseführer Guatemala von Frank Herrmann, im Stefan Loose Verlag erschienen. Darin findet man recht gute Artikel zur Geschichte des Landes, den Bräuchen, der Flora und der Fauna.).
Ich habe Leute kennen gelernt, mit denen ich mich später wieder in Antigua getroffen habe. Die Seminare waren eine gute Begegnungsplattform für Menschen mit ähnlichen Interessen. Obwohl ich finde, dass auch Backpacker, Individualreisende und Volunteers sehr verschieden seien können. Manchmal freut man sich dann, in einem fremden Land auch mal wieder ein paar Freunde zu treffen, mit denen man nicht mehr das übliche wer-woher-wohin-wieviel-Spiel spielen muss.
Die Anreise
Auch wenn der Flug mit Umsteigen in Newark/NY, USA, mit den dort stattfindenden Kontrollen und der insgesamt etwas chaotischen Abfertigung bei nur einer Stunde Aufenthalt etwas stressig wurde - aber so was weiß man vorher ja nicht und wenn man drinsteckt, im Chaos, bleibt einem nichts anderes übrig als Augen zu und durch – ging am Ende alles gut. Ich bekam den Anschluss, und mein Gepäck kam auch zur gleichen Zeit an wie ich.
Als ich in Guatemala City ankam, wartete zwar eine Horde Taxifahrer am Flughafen, aber nicht der Taxifahrer von APPE. Ihn habe ich erst dank einer Dame gefunden, die mir hilfsbereit ihr Handy im Tausch für einen kleinen Obolus auslieh. Nach dem Anruf bei der Direktorin von APPE manifestierte sich der Taxifahrer dann doch. Er ist ein genauso netter Kerl wie die anderen Leute von APPE, aber im Gegensatz zu ihnen schien er mir nicht allzu zuverlässig.
Die Gastfamilie
Meine Gastfamilie, sechs andere Gaststudenten und ich wohnten sehr nahe am Zentrum Antiguas in der 6ta Avenida norte. Das war praktisch, denn in abgelegeneren Teilen der Stadt abends alleine herumzulaufen ist wirklich nicht empfehlenswert. Dort passieren oft bewaffnete Überfälle. Dagegen patroullieren im Zentrum vor allem nachts alle paar Minuten Polizeistreifen.
Mit meiner Gastfamilie hatte ich sehr wenig zu tun. Das Haus war groß, die Familie relativ wohlhabend und wir Studenten waren bei den Mahlzeiten immer unter uns. Wir lebten eher wie in einem kleinen Hotel. Es kam zwischen uns jungen Gästen natürlich oft zu angeregten Gesprächen, jedoch wenig zu kulturellem Austausch, zumindest anders als vor der Reise erwartet, da wir alle wie auch die meisten Touristen, die sich in Antigua zur gleichen Zeit aufhielten (August bis Oktober) aus Deutschland, den Niederlanden und Belgien kamen.
Antigua Guatemala
Antigua ist ein Ferienparadies vor allem für Europäer, Nord-Amerikaner, Ost-Asiaten, Australier und Israelis. Es hat eine überschaubare Größe, die Strassen sind eher Gassen mit roten, blauen, weißen, gelben und grünen einstöckigen Häusern im Kolonialstil. Ab und zu passiert man die Ruine einer Kirche im spanischen Barock, und tagsüber flanieren unzählige Touristen vom Café zum Reisebüro, zur Salsa- oder Sprachschule oder zum nächsten Laden. Im Parque Central sitzen die Touristen und Spanischschüler in der Sonne und unter großen, schattenspendenden Bäumen um den Springbrunnen. Sie unterhalten sich untereinander oder mit einheimischen Jugendlichen. Dazwischen findet man ein paar guatemaltekische Familien oder sich zärtlich umarmende Liebespaare. Auch nicht fehlen dürfen in diesem Bild die Mayafrauen in bunter Tracht, die versuchen, ein paar Waren an Touristen zu verkaufen, und die kleinen Jungs mit ihren schwarzen Schuhputzkästen auf der Jagd nach Spaziergängern, die keine Wandersandalen aus Synthetik tragen. Mir schien das Geschehen auf der Plaza Central den widersprüchlichen Zwiespalt zwischen erster und dritter Welt zu resümieren. Es hat mich bedrückt, und mir war es oft wohler in meinem Projekt, dort gab es weniger diesen unauflösbaren Zwiespalt als konkrete Dinge, die ich tun konnte und wollte.
Das Projekt
Von Hogares Comunitarios (einem guatemaltekischen Hilfsprojekt) organisiert, liegt „mein“ Projekt in San Antonio Aguas Calientes, 14 Kilometer von Antigua entfernt. „Kubin Junan“, „Lass uns gemeinsam gehen!“ ist sein Name. Dieses Projekt wird teils vom Sekretariat der Prima Dama (Präsidentengattin) finanziert und teils durch Patenschaften. Die im Projekt mit eingebundenen Familien sind sehr arm. Um von den Leistungen des Projektes profitieren zu können, müssen sie ihre Kinder in die Krippe bringen, sie im Projekt impfen und regelmäßig untersuchen lassen, außerdem gibt es verschiedene Informationsveranstaltungen, deren Besuch verbindlich ist. Als Gegenleistung erhalten die Familien eine bestimmte Menge Nahrung pro Monat und einen Kredit, um ein Haus zu bauen oder ein anderes Projekt zu verwirklichen.
Die Krippe ist das Herzstück des Projekts. Dort habe ich zusammen mit einer Guatemaltekin gearbeitet. Die etwa 18 Kinder waren null bis acht Jahre alt. Wir haben uns die Arbeit mit zwei Küchenfrauen geteilt. Die beiden kümmerten sich vor allem um die Kleinsten, die Größeren haben wir unterrichtet. Meine Kollegin und ich kamen zur selben Zeit ins Projekt, deshalb ergab sich zwischen uns sofort ein sehr kollegiales Miteinander. Wir trafen auf recht chaotische Verhältnisse – und die Tatsache, dass wir beide neu waren, trug wahrscheinlich auch noch etwas zu diesem Chaos bei. Die Kinder hatten sehr wenig Spielzeug, alles war schmutzig und oft auch kaputt. Wir planten also einerseits, einen neuen Unterrichtsplan zu machen und andererseits Spielzeuge zu beschaffen. Wir hatten weder viel Geld noch Material. Aber Chaos und Geldknappheit gaben uns sehr viel Freiheit zur Neugestaltung und forderten unsere Phantasie; im Rahmen unseres kaum vorhandenen Budgets war alles möglich. Und als wir dann unseren Kaufladen mit leeren, klebebandüberzogenen Originalverpackungen eröffneten, waren die Kinder total begeistert. Das war schön.
Nachdem wir die Unterichts-und Spieleinheiten einige Zeit lang recht konsequent organisiert hatten und wir dann aber eines Tages alles etwas weniger geregelt verlaufen ließen, fragte uns eines der größeren Kinder, wann wir nun endlich mit dem Unterricht anfingen. Wir hatten es geschafft, die Kinder für den Unterricht zu interessieren (obwohl Fußballspielen auf dem staubigen Platz vor dem Projekt immer Lieblingsbeschäftigung Nummer eins blieb).
Andere Projekte
Nicht alle Projekte bieten auf den ersten Blick soviel Handlungsfreiraum. Manche der Volunteers, die ich Antigua traf, fanden oft, dass sie in ihren Projekten überflüssig waren oder nicht von ihren guatemaltekischen KollegInnen akzeptiert wurden. Manchmal waren auch mehrere Voluteers in einem Projekt, was dazu führte, dass die Volunteers einen Block bildeten und die GuatemaltekInnen einen anderen. Wir diskutierten darüber, wie man das Problem lösen könnte und kamen zu dem Schluss, dass vor allem das Gespräch mit den KollegInnen sehr wichtig ist. Man muss sich immer wieder daran erinnern, dass es nicht darum geht, Arbeitsweisen zu korrigieren oder zu bewerten, sondern kennenzulernen und gleichzeitig vielleicht ein paar eigene Vorschläge einzubringen. Projekte wie meines bieten sicherlich offensichtlichere Angriffspunkte, aber auch scheinbar eingefahrene Projekte können interessant werden, wenn man nicht sofort aufgibt. So die Erfahrung einer Niederländerin, Mitte fünfzig, Kindergärtnerin von Beruf, die nach einer Durststrecke in ihrem Projekt die Flucht nach vorn ergriff und beschloss, ihr Fachwissen mit einzubringen. Vielleicht sind gerade die Projekte, die nach aussen weniger problematisch scheinen, weil genug Spielzeug und Geld da sind und das Personal ein etabliertes Team ist, besser für ältere und berufserfahrene Volunteers, weil sie selbstbewusster und gleichzeitig diplomatischer sind.
Spanisch oder nicht spanisch?
Es war wahrscheinlich von Vorteil, dass ich schon etwas Spanisch sprach, als ich nach Guatemala kam. Allerdings ist der Unterricht von APPE recht gut und man kann in einem Monat intensiven Spanischlernens schon soweit kommen, dass man sich gut verständigen kann. Viel wichtiger ist es aber, einfach den Kontakt mit seinen Kollegen zu suchen, egal wie gut man spricht. Ich hörte oft, dass meine guatemaltekischen Kolleginnen es traurig fanden, wenn sich die Freiwilligen abkapseln aus Angst, Fehler zu machen.
Reisen in Guatemala
Guatemala ist recht klein, und man erreicht viele Sehenswürdigkeiten auch am Wochenende. Um dorthin zu gelangen gibt es viele günstige bis teure Möglichkeiten. Selbst das Reisen mit dem billigsten Bus war okay, und sogar alleine reisen als Frau empfand ich nicht als lebensgefährlich. Allerdings ist es schon angenehmer, die Sehenswürdigkeiten mit ein paar Leuten zusammen anzuschauen – erstens ist es lustiger und zweitens ist man als einzelne Frau immer noch ein Kuriosum, auch für einige (männliche) Backpacker.
Nach dem MTV
Das MTV und alles drum herum waren für mich sehr bereichernd. Viele Situationen in Guatemala, die Menschen, auf die ich traf oder Sachen, die ich erfuhr, haben mich tief berührt, manche auch wütend gemacht oder mich dazu gebracht, an Dingen zu zweifeln, die mir vorher als selbstverständlich erschienen. Ich kam nach Hause mit dem Kopf voll Gedanken, Fragen, aber auch einigen Antworten und dem sehr guten Gefühl, von zu Hause weggegangen zu sein und mich selbst wieder gefunden zu haben. Und dieses Gefühl dauert länger als nur ein paar Tage. Jetzt versuche ich den Kontakt mit meinem Projekt zu halten, mal sehen, wie das weiter geht...