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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

Workcamp auf Island

Visual arts and environment in the eastern
Fjords, Eskifjördur 2011

von Danny Kirchner

 

Auf Island habe ich eine solche Fülle an Erfahrungen gewonnen, die nur in Ansätzen in diesem Bericht wiedergegeben werden können. Am 4.Juni des Jahres 2011 sollte es mit dem Flugzeug von Berlin Schönefeld zum internationalen Flughafen Reykjaviks gehen. Nachdem ich lange Zeit das Blau des Atlantiks sehen durfte, schloss sich eine karge, braune Mondlandschaft an, die in großen Abständen von menschlichen Behausungen unterbrochen wurde. Angekommen, brach ich mich mit dem FlyBus zur Hauptstadt auf, um irgendwann müde vor einem kleinen, recht unscheinbaren Häuschen in der Innenstadt stehen zu bleiben, das meine vorübergehende Herberge sein sollte. Ich klopfte am Eingang, doch niemand öffnete die Tür. „Na nu.“ Selbst weitere Versuchen fehlten. Wie ein Obdachloser, der in einem fremden Heim Zuflucht sucht, schritt ich leise durch den Hintergang und fand eine recht spartanische Inneneinrichtung vor, die aber alles bot, was man zum Leben brauchte. Es war totenstill. Kaum zum Schlafen präpariert, klingelt es an der Tür. Ich öffnete und..., plötzlich preschte ein angetrunkener Isländer mit seiner italienischen Freundin durch diese. Tiefmüde musste ich mir vom lallenden Isländer eine gute Stunde erklären lassen, wie die isländischen Frauen so tickten. Das war meine erste, große interkulturelle Erfahrung... und ich habe gelacht und mich köstlich dabei amüsiert! Später hatte ich dort meine erste Begegnung mit dem eigentlichen Rest meiner Workcamp-Familie (19 bis 64 Jahre). Mit dem Kanadier, mit dem ich mich schnell anfreundete, erkundete ich Reykjavik, um am nächsten Tag 13 Stunden mit dem Bus von der Hauptstadt, die mehr als die Hälfte der Einwohner des Landes umfasst, Richtung Ostküste zu fahren.

Unsere Fahrt war lebendig, der Mexikaner und Kunsthistoriker, der tatsächlich fast ununterbrochen zu reden schien, erzählte mir viel über die kulturellen Eigenheiten seines Landes, brachte mich gemeinsam mit dem Kalifornier Sam zum Lachen und präsentierte mir seine religiösen Zeichnungen. Später fuhren wir noch oft mit dem Bus, machten Witze, lösten Rätsel, sangen Bruder Jakob oder suchten den Franzosen, den wir – bereits im Bus – bei den Wasserfällen vergessen hatten. Wir hielten nicht nur an mehreren von diesen, sondern knipsten im Laufe des gesamten Camps Photos von schwefeligen Quellen, blauen Lagunen, steilen Klippen, Seen mit Eisbergen,  Vulkankratern, schneebedeckten Bergen, Rentieren und vielen anderen Dinge, die in vielen europäischen Ländern nie jemand zu sehen bekommt. Schließlich kamen wir an der alten Schule an, wo wir die nächsten zwei Wochen schlafen sollten.

Auch diese Unterkunft war recht spärlich eingerichtet, aber es reichte aus: Eine Küche, ein Essensraum, zwei Toiletten und zwei Schlafräume, wo die Matratzen dicht an dicht lagen. Manche durfte ich dem Schnarchen meines französischen Nachbarn lauschen, das gemeinsam mit dem der anderen zu einem wahren Konzert gipfelte. Da fast alle von uns sowieso so lange aufblieben, bis sie sehr, sehr müde waren, schliefen wir meist flott ein und Schlafprobleme wegen der Schnarcherei stellten sich nicht ein, auch nicht, obwohl es fast nur hell war.

An einem normalen Arbeitstag standen wir gegen 7:30 Uhr auf, frühstückten und fuhren für vier bis acht Stunden zur Arbeitsstelle. Danach hatten wir oft Freizeit. Viele nutzten diese um Photos zu schießen, die warmen Bäder von Eskifjördur zu genießen, die 30min Fußmarsch entfernt waren, im Internetkaffee die Mails zu checken, trotz hoher Preise einzukaufen oder sich “Zuhause“ mit den anderen auszutauschen, Karten zu spielen und den Rest der Sippe mexikanisch, koreanisch, amerikanisch oder andere “Nationalgerichte“ zu kochen. Die langen UNO-Abende oder der Walzertanz mit der Hausorgelbegleitung der Südkoreanerin werden mir ewig im Gedächtnis bleiben. Die Woche unterteilte sich in 20 Arbeitsstunden und den Rest Photographieren.Gearbeitet haben wir viel im Wald. Dort sammelten wir das von den Bäumen herumliegende bzw. abgesägte Holz, um es zu einem Platz außerhalb des Waldes zu transportieren. Die isländischen Wälder sind putzig. Ein Bewohner erzählte folgenden Witz:
Frage: “Was macht man, wenn man sich in einem isländischen Wald verirrt hat?“
Antwort:“Man steht einfach auf!“

Der Wald wirkte wegen seiner geringen Größe und der Lichtflut ganz anders als die
brandenburgischen Wälder. Darüber hinaus pflanzten wir Blumen, gruben mit Spaten die Erde der Beete um, zupften Unkraut oder düngten das Gras. Unser Arbeitsplatz selbst lag selten in der Kleinstadt, in der wir wohnten. Während es Workcamps lernte ich nicht nur intensiv die Teilnehmer des Camps und deren kulturellen Hintergründe kennen, sondern machte auch Kontakt mit den ruhigen, freundlichen Isländern. Dieser bot sich an, wenn wir die Bäder besuchten, die es fast in jedem Ort gab, oder wenn   neugierige junge Isländer selbst an der Tür unserer Unterkunft klopften, um mit uns zu reden, zu essen oder Karten zu spielen. Ein Jugendlicher hat der Israeliten und mir seine eigenen komponierten Lieder vorgesungen. Er hatte eine wunderbare Stimme. Mit dem Text konnten wir verständlicherweise wenig anfangen.

Um zu photographieren, wurden wir nicht selten in Gruppen aufgeteilt: eine Gruppe für Architektur, Natur, Wasser, die Isländer. Von Haustür zu Haustür zu laufen, und die Bewohner zu fragen eintreten zu dürfen, um außerhalb des windigen Wetters Photos von ihnen zu schießen, hat reichlich Spaß gemacht, auch wenn der ein oder andere die Tür verschlossen hielt. Gemeinsam mit der Belgierin Sofie und der Polin Kinga traf ich auf humorvolle Rentnerehepaare, freche Halbstarke, russische Brüder oder Jugendliche, die sich die Langeweile mit Skateboardfahren zu vertreiben versuchten. Die Photos werteten wir am gleichen Abend aus. Dazu kam es tatsächlich nur ein einziges Mal, was sich bei den nächsten Workcamps ändern soll.

Island verließ ich mit einem weinenden und einem lachenden Auge. Trotz all der kargen, einzigartigen Schönheit und den interessanten, freundlichen Menschen, vermisste ich Deutschland. Doch ein Teil des Workcamps kam zu mir nach Fürstenwalde (Nähe Berlin). Schließlich fand ich dort Freunde. Die Südkoreanerin und die Polin besuchten mich kurze Zeit später in meinem Heimatstädtchen. Wir erkundeten Berlin. Mit der Belgierin und dem Weißrussen habe ich mir vorgenommen  nächsten Sommer nach Seoul zu fliegen. Mit vielen halte ich per Facebook Kontakt. Mein Englisch kann ich dadurch noch weiter schulen.