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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

Workcamp auf Island

Lost in Iceland - Hveragerði 2011

von Nadine Thomas 

 

Da es mich schon seit jeher ins Ausland zieht und ich genug vom reinen Touristen-Dasein hatte, habe ich mich dieses Jahr für eine besondere Art von Urlaub entschieden: Ein zweiwöchiges Workcamp in Island. Viele fragten mich vorab nicht wenig skeptisch, wieso ich mich denn ausgerechnet für Island entschieden habe. Zugegebenermaßen war ich vor meiner Abreise selbst ein bisschen verunsichert – die Engländer werden schon ihre Gründe gehabt haben, als sie das Land „Iceland“ tauften. Aber glücklicherweise habe ich mich damals dann doch auf mein Bauchgefühl verlassen.
So stand ich also am Sonntagmorgen, den 14. August dieses Jahres, am Frankfurter Flughafen und habe mich dennoch darüber geärgert, dass jetzt, wo ich Deutschland verlasse, der Sommer zurückkommt. Aber spätestens bei der Landung meines Flugzeuges in Keflavík hatte ich diese Gedanken schon vergessen. Berauscht von den ersten neuen Eindrücken und dem Gefühl, dass mein kleines Abenteur nun endlich richtig losging, verließ ich mit meinem Gepäck den Flughafen und machte mich auf nach Reykjavík. Im dortigen Volunteer-Hostel würde ich meine erste Nacht auf Island verbringen, bevor es dann am Montag richtig losgehen würde.


Die erste Erfahrung, die ich auf Island gemacht habe:
Als Volunteer bleibt man nicht lange alleine.
Schon auf dem Weg zum Hostel lernte ich die ersten Leute kennen und im Hostel lernte ich dann weitere nette Leute kennen, darunter auch meine erste Workcampgenossin, eine Russin.
Am nächsten Tag ging es dann endlich los: Der Volunteer-Bus holte uns vor dem Hostel ab und führte uns durch einen der beeindruckensten Orte der isländischen Natur: Den Goldenen Zirkel. Nach und nach verließen immer mehr Gruppen den Bus und gegen Abend erreichte auch unsere Gruppe ihr Ziel: Hveragerði, der auf Grund seiner Blumenvielfalt wohl bunteste Ort Islands.

 

Mein erster Eindruck war nicht gerade der beste:
Es war grau, es war kalt und der ganze Ort schien nur aus der Gesundheitsklinik zu bestehen, in der ich und die anderen elf Volunteers in den nächsten zwei Wochen arbeiten sollten. Doch was ich auch schnell gelernt habe auf Island:
Ein erster Eindruck ist nun mal nur ein erster Eindruck und kann sich schnell ändern. Und so erlebte ich wunderbare zwei Wochen auf Island, in denen ich von dem anfänglichen Unbehagen nicht viel spürte.


Zuerst einmal möchte ich unsere Gruppe vorstellen:
Wir waren ein multikulturelles Team von Leuten aus Israel, Japan, Russland, Polen, Spanien, Frankreich, Österreich und eben ich aus Deutschland, zwischen 18 und 30 Jahren alt. Untergebracht waren wir in einem Bungalow auf dem Gelände der Gesundheitsklinik, der sehr Volunteer-freundlich ausgerüstet war: Doppel- und Einzelzimmer, Bad, kleine Küche, Waschraum und Aufenthaltsraum. Gegen die ansonstige Volunteer-Manier mussten wir nicht selbst kochen, sondern wurden von der Gesundheitsklinik bekocht und nahmen unser Essen mit den Mitarbeitern ein. (Was uns natürlich trotzdem nicht davon abhielt, selbst zu kochen.)
Auch sonst wurden wir sehr verwöhnt: Wir hatten freien Eintritt zu dem Schwimmbad, dem Fitnessstudio und der Bibliothek mit W-Lan auf dem Gelände. Gerade in der ersten Woche, wo die Gesundheitsklinik noch als Hotel diente verbrachten wir die freie Zeit nach der Arbeit oft gemeinsam im Pool, der bis 22:00 Uhr geöffnet hatte.


Da sind wir auch schon beim Thema: Die Arbeit.
Es war ein Umweltprojekt und die meiste Zeit arbeiteten wir in den Treibhäusern hinter der Klinik, wo hauptsächlich Tomaten und Gurken, aber auch Salat und Kräuter angepflanzt wurden. Manche werden sich jetzt fragen, was man fünf Stunden in einem Treibhaus machen will. Zugegeben, besonders spannend ist es nicht: Meistens haben wir die Tomaten bzw. Gurken, die an Fäden hochgezogen waren, morgens festgebunden (dann war meistens schon Mittag) und abends  wieder gelockert (dann war meistens Feierabend). Zwischendurch haben wir auch die reifen (oder unreifen) Tomaten und Gurken gepflückt, gewogen und verpackt. Oder Johannisbeerblätter gepflückt, die dann getrocknet und zu Tee geschnitten wurden, natürlich auch von uns. Oder Holz im Wald gesammelt, Unkraut gejätet oder – Fenster geputzt.
Ich möchte ehrlich sein und kein Blatt vor den Mund nehmen: Manchmal war die Arbeit grenzwertig. Denn eigentlich waren wir gekommen, um etwas für die Umwelt zu tun. Doch mit der Zeit schlich sich bei uns das Gefühl ein, etwas ausgenutzt zu werden. Die Tomaten, die wir pflegten und ernteten wurden zum Teil auf dem Markt verkauft, wir waren also billige Arbeitskräfte für die Gesundheitsklinik. Das entspricht natürlich nicht ganz dem Sinn von Freiwilligenarbeit. Hinzu kam das Verhalten mancher Klinikmitarbeiter uns gegenüber, die uns zu verstehen gaben, dass wir hier nur geduldet werden. Und das es am besten ist, wenn uns die Klinikbesucher gar nicht sehen.
Die meiste Zeit hatten wir dennoch viel Spaß bei der Arbeit, haben Musik gehört und cucumbers gelowert, Kaffeepausen in der Sonne verbracht, nette und interessante  Unterhaltungen mit unserem isländischen Aufseher Jónas gehabt. Aber ich bin trotzdem der Meinung, dass man solche Vorfälle nicht verschweigen sollte.
Gerade in der zweiten Woche, als es vom Hotel wieder zur Gesundheitsklinik wurde und es voller wurde, hatten wir auch Kontakt mit den Isländern – die meisten waren zwar schon alt, aber es waren trotzdem immer sehr nette Unterhaltungen, ich habe mich zum Beispiel jeden Abend mit einem netten alten Isländer in der Bibliothek unterhalten und viel über die isländische Geschichte erfahren.


Natürlich hatten wir auch Freizeit. Unter der Woche blieb nicht viel Zeit für große Ausflüge, daher blieben wir meistens in Hveragerði, sind durch den Ort geschlendert, haben die Sonne genossen (ja, es gab VIEL Sonne !) und den Pool ausgekostet. Ich und Anya, die Russin, haben auch die Gelegenheit beim Schopf gepackt und die isländische Natur vom Pferd aus bestaunt. Ein unvergessliches Erlebnis!
An den Wochenenden hatten wir dann Zeit, auch mal aus Hveragerði hinauszuschauen. Das erste Wochenende verbrachten wir in Reykjavik, das nur 55km von unserem Ort entfernt war und das wir dank der  hilfsbereiten Isländern problemlos per Trampen erreichen konnten. Wir waren sogar richtige Glückspilze: Genau an dem Wochenende, wo wir in Reykjavik waren, war „Cultural Day“, ein riesen Fest mit Musik und Feuerwerk, das genau einmal im Jahr stattfindet. So kamen wir also in den Genuss, das verrückte isländische Nachtleben kennen zu lernen.
Unser zweites Wochenende verbrachten wir  alle zuammen auf den Vestmannaeyjar, einer Inselgruppe vor Island. Obwohl die Entfernung dieses Mal deutlich größer war, hatten wir auch dieses Mal keine Probleme mit dem Hinkommen – Trampen auf Island ist einfach der Wahnsinn, die Leute sind so freundlich und wir standen nie länger als zwei Minuten (!).

 

Nach zwei Wochen Island viel es mir schwer, mich wieder von der kleinen Insel im Atlantik trennen zu müssen. Zwar blieben fast alle von uns noch mindestens eine Nacht auf Island, die wir dann auch zusammen in Reykjavík verbrachten. Doch leider ging mein Flug schon am nächsten Morgen – und das ist der dritte und letzte Tipp, den ich für alle Workcampinteressierte habe: Reist nicht gleich wieder nach Ende des Workcamps ab! Bleibt lieber noch ein paar Tage, Wochen oder auch Jahre und erkundet Land und Leute, ihr werdet sicher nicht alleine sein.