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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV in Indien: Kundapura/Mulki

Maike Ottmers

FSL- Indien

Kundapura/Mulki

Oktober- Dezember 2006

 

MTV in Indien

Ich sitze im Zug von Würzburg nach Aachen. Über sieben Stunden Zugfahrt mit dem RE quer durch Deutschland. Draußen scheint die Sonne, ich fahre durch eine wunderschöne grüne Landschaft. Hier drinnen grölen Fussballfans auf dem Weg nach Köln…welcome back to Germany!

 

Eine Zugfahrt regt zum Nachdenken an…

Nun bin ich schon seit vier Wochen wieder in Deutschland. Vieles, was ich sechs Monate lang vermisst habe (ich habe nach dem MTV noch weitere Praktika in Indien gemacht), ist schon wieder zur Normalität geworden. Die Zeit in Indien erscheint mir manchmal fast wie ein Traum - so unwirklich im Vergleich zu dem gewohnten Leben hier.

 

Doch zum Glück gibt es auch immer wieder Momente, in denen ich merke, dass es kein Traum war. Zum Beispiel, wenn mir klar wird, wie sich mein Blickwinkel verändert hat und ich meine Umgebung tatsächlich einmal aus einer anderen Perspektive wahrnehmen kann.

 

Aber ich möchte vorne anfangen - das bedeutet vor über einem Jahr, als ich mich dafür ent-schieden habe, ein MTV in Indien zu machen.

 

Warum ein MTV und warum in Indien?

 

Ich studiere Medizin und habe schon mich schon seit einiger Zeit mit dem Gedanken beschäftigt, mich nach dem Studium in der Entwicklungszusammenarbeit zu engagieren und für eine gewisse Zeit ins Ausland zu gehen.

Da ich aber diesbezüglich bisher noch keine Erfahrungen gemacht hatte, wollte ich heraus-finden, ob ich überhaupt in einem Land leben und arbeiten kann, dessen Kultur sich so stark von meiner Kultur unterscheidet und ob ich wirkliche Armut sehen kann.

Dazu kam natürlich auch viel Neugierde und etwas Abenteuerlust, die wohl einfach dazu gehören.

 

Indien hat mich schon immer interessiert, weil es mich fasziniert, wie so viele Gegensätze in einem Land so eng nebeneinander und miteinander existieren können.

 

Nach zwei Vorbereitungswochenenden von IJGD ging es also los nach Bangalore und von dort aus nach Kundapura, einer kleinen Stadt an der Westküste Südindiens, in der die Partner-organisation FSL ihren Hauptsitz hat. Dort habe ich auch einige Leute aus den Vorbereitungs-seminaren wieder getroffen und außerdem noch viele andere Freiwillige aus verschiedenen Ländern.

 

Wir hatten eine gemeinsame Einführungswoche, die zwar lange nicht so effektiv war wie die Vorbereitungsseminare von IJGD. Trotzdem war es ein schöner Einstieg in Indien und die  Gelegenheit, sich mit den anderen auszutauschen.

 

Danach wurden wir auf verschiedene Projekte verteilt - Anja (eine andere Deutsche) und ich wurden zusammen der „Gajani Foundation“ zugeteilt in dem Dorf Chitrapu ca. 2 Stunden Busfahrt von Kundapura entfernt. Viele andere Freiwillige sind direkt in Kundapura geblieben.

 

In Chitrapu angekommen wurde uns schnell klar, was das Wichtigste war, das wir in der Einführungswoche gelernt hatten: „Expect the unexpected!“

 

Die Gajani Foundation ist eine sehr kleine Organisation, die eigentlich einmal monatlich ein Wochenend-Camp für HIV-Positive organisiert.

 

Ja - “eigentlich“…denn als wir ankamen, erfuhren wir, dass die traditionellen Palmenhütten, in denen die Teilnehmer dieser Camps bisher untergebracht wurden, ein paar Monate zuvor durch den Monsun zerstört worden waren. Das bedeutete, dass in der Zeit, in der wir dort waren, keine Camps stattfinden konnten.

 

Unsere Aufgabe bestand dann hauptsächlich in Büroarbeit (Aufräumen, Bücher abstauben und sortieren, Zeitungsartikel ausschneiden,…) und in der Leitung eines Kinderclubs, der einmal wöchentlich stattfand.

 

Das klingt zunächst einmal sehr enttäuschend und wir waren tatsächlich kurz davor, abzubre-chen. Wir haben uns dann aber doch dafür entschieden, zu bleiben - eine Entscheidung, über die ich im Nachhinein unglaublich froh bin. Denn ich hätte nie erwartet, was wir in diesen 2½ Monaten alles erleben und erfahren durften!

 

Suresh, Gründer der Gajani Foundation, arbeitet gleichzeitig als Sozialarbeiter in einer anderen Organisation in Mangalore, der nächsten größeren Stadt. Durch seine Kontakte konnten wir einen Einblick in die verschiedensten Aktivitäten bekommen. So haben wir zum Beispiel an einem Workshop zum Thema „Gender and Sexuality“ teilgenommen (ein Tabu-Thema in Indien!) und konnten eine Theatergruppe begleiten, die auf den Straßen und Schulen ein Stück zum Thema Kinderrechte aufgeführt hat.

Auf unser Anfragen hin, konnten wir gegen Ende auch regelmäßig in einem kleinen Kranken-haus hospitieren, was für mich natürlich sehr spannend war.

 

Die schönste Erfahrung war für mich aber der Kontakt zu den Menschen. Ich hätte nie ge-dacht, dass wir in so kurzer Zeit so enge Kontakte aufbauen könnten!

 

Die Gajani Foundation hat nur eine feste Angestellte: Kavitha, unsere Kollegin und Freundin. Von ihr haben wir viel über die Kultur und Sprache gelernt und wir konnten auch ihre Familie und ihr Dorf - eine eher ärmliche Gegend - kennenlernen.

Dort durften wir an der Frauen - Selbsthilfegruppe teilnehmen. Ich habe selten eine so schöne Atmosphäre erlebt!

 

Untergebracht waren wir in der Familie von Suresh, unserem Chef (das heisst bei seinen Eltern und Geschwistern). Das Büro befand sich im gleichen Haus, so dass wir quasi rund um die Uhr mit der Familie zusammen waren.

 

Das war teilweise natürlich sehr anstrengend und auch kompliziert. Es erfordert ein hohes Maß an Anpassungsbereitschaft und Sensibilität - und trotz all unserer Anstrengungen kam es zu Missverständnissen aufgrund der Sprachbarriere und der unterschiedlichen Kulturen.

 

Dennoch wurden wir - als Ausländerinnen(!) - von der Familie fast wie eigene Töchter aufgenommen. Es ist erst einmal ungewohnt und nicht immer schön, sich plötzlich wieder als ‚Tochter’ zu fühlen und für Dinge um Erlaubnis fragen zu müssen, die in Deutschland selbstverständlich sind. Aber es ist auch eine wunderschöne, einmalige Erfahrung, wenn es plötzlich gelingt, anfängliche Barrieren zu überwinden (zum Beispiel dadurch, dass wir uns in der Regionalsprache Kannada langsam immer besser verständigen konnten).

Ich bin mit meinem MTV also alles in allem sehr zufrieden. Ich habe herausgefunden, was ich herausfinden wollte: Dass ich mir die Arbeit in einem so ‚fremden’ Land wie Indien zutrauen würde. Aber ich weiss jetzt auch, welche Schwierigkeiten wahrscheinlich auf mich zukom-men würden. Ich müsste zum Beispiel noch lernen, mich manchmal mehr zu distanzieren und mit meinen Kräften sparsamer umzugehen.

 

Die ‚Freiwilligenarbeit’ war bei der Gajani Foundation anders, als ich sie mir vielleicht gewünscht hätte. Aber ich denke auch, dass man an ein solches Vorhaben realistisch herangehen sollte. Man kann mit Sicherheit nicht erwarten, dass man als Ausländer, ohne die Sprache und Kultur richtig zu kennen, in ein paar Monaten große Dinge bewegen kann.

 

Trotzdem glaube ich, dass es überall möglich ist, kleine Aufgaben zu finden, ein paar Vorurteile abzubauen und vor allem viel voneinander zu lernen.

 

Ich habe mir fest vorgenommen, dass die Erfahrungen, die ich in Indien machen durfte, für mich nur ein Anfang sind. Und so hoffe ich sehr, dass ich eine Möglichkeit finden werde, sie zu nutzen, um mich hier in Deutschland oder anderswo sinnvoll zu engagieren.

 

Aber zunächst einmal werde ich, glaube ich, noch etwas Zeit brauchen, um wieder hier in Deutschland anzukommen und die Erlebnisse der letzten sechs Monate etwas zu verdauen…