MTV in Indien
Januar-Februar 2008
Mein Motiv, an einem MTV in Asien teilzunehmen, war ein sehr egoistisches: Ich wollte eine neue Kultur kennenlernen! Nicht als Tourist und als Durchreisender, sondern als jemand der mit den Menschen lebt und sie in den verschiedenen Situationen ihres Alltags begleitet. Da ich selber Lehramt studiere, hatte ich natürlich auch großes Interesse daran, etwas über die Situation der Kinder in diesem Land zu erfahren. Ich habe mich daher für ein Straßenkinderprojekt entschieden und hatte großes Glück, letztendlich in das Tent-School- Teaching-Project zu kommen. Es entsprach genau dem, was ich mir unter einem sozialen Projekt in Indien vorgestellt hatte. In diesem Projekt unterrichtete ich Kinder, die mit ihren Familien in Zelten an der Straße leben. Sie verbringen ein halbes Jahr in Kundapur, dem Ort, in dem das Projekt stattfindet, um dort z.B. als Straßenarbeiter oder Fischer zu arbeiten und ein halbes Jahr in ihrem Herkunftsland, dem „Motherland“, wo sie ihre eigenen Felder bewirtschaften.
Meine Arbeit bestand also darin, den ersten Monat alleine und im zweiten zusammen mit einer anderen deutschen Voluntärin, den Kindern Englisch, Mathe und teilweise auch Kannada- Buchstaben (die Landessprache des Staates Karnataka) beizubringen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich im kleinen Rahmen kreativ zu entfalten und sich in Gruppenspielen sozial zu integrieren und auszuleben.
Die Arbeit war in zwei Teile aufgeteilt: morgens fand es in Kundapur in einem leer- stehenden Gebäude statt. Unterrichtet wurde in Kooperation mit zwei indischen Lehrerinnen, von denen eine gutes Englisch und die andere gar kein Englisch sprach. Der nachmittägliche Unterricht, ca. 15 Busminuten von Kundapur entfernt, fand nur mit der nicht-englisch- sprechenden Lehrerin statt – eine sehr wenig funktionale Lösung, da so pädagogische Aspekte der Arbeit sowie ganz allgemeine Planungen des Unterrichts nur zusammen mit der anderen Lehrerin morgens besprochen werden konnten. Hier gab es keinen Raum, in dem der Unterricht abgehalten wurde. Stattdessen versammelte man sich unter einem großen Wassertank im Zentrum der kleinen Zeltgruppe, breitete zwei Yoga- Matten aus und nahm auf ihnen Platz. Für Materialen wie Yoga-Matten, Tafeln, Kreide, Papier und Stifte gab es eine Box, die in einem der Zelte gelagert und jeden Tag für den Unterricht herausgeholt wurde.
Das Lehren fand dann zum Teil in Gruppenspielen und zum Teil in Einzelsituationen statt. Da alle Kinder andere Lernausgangslagen und Vorkenntnisse haben und zudem das Alter zwischen 2 und 12 Jahren variierte, war ein frontales Unterrichten nicht möglich. Stattdessen saß man am Boden und jedes einzelne Kind kam mit seiner Tafel zu mir, so dass man, je nach Fähigkeiten, Aufgaben verteilen konnte die dem Kind entsprachen. Die größte Schwierigkeit bestand hier darin, die Vorkenntnisse der Kinder herauszubekommen, um sie weder zu über- noch zu unterfordern. Da leider vor mir zwei Wochen kein Voluntär im Projekt gewesen war und ich somit keinen Ansprechpartner hatte, musste ich mir dieses Wissen mühsam erarbeiten.
Insgesamt hat es sehr lange gedauert, bis ich in dem Projekt richtig arbeiten konnte. Es bedurfte einiger Zeit, die Kinder kennen zu lernen, ihre Fähigkeiten einschätzen zu können und zu realisieren, dass die indischen Lehrmethoden sich total von den deutschen unterscheiden und, dass ich meinen Unterricht darauf aufbauen muss. Als ich ankam, hatte ich meine Erwartungen und Ziele zu hoch gesteckt, wollte offene Methoden anwenden und ging von einer festen Klasse aus, mit der ich jeden Tag rechnen konnte. Alles kam anders: Die Kinder kamen unregelmäßig und wenn sie da waren, ließen sie sich nicht auf meine Unterrichtsmethoden ein, die ich ja, aufgrund meiner geringen Kannada- Kenntnisse auch nicht begründen konnte. Die Kinder sind reines Nachsprechen, Wiederholen und Abschreiben gewohnt.
Das Projekt dauerte, inklusive der Busfahrt, von 9:30 AM bis 16:00 PM.
Wenn ich also mit der Arbeit fertig war, ging es zurück in meine Gastfamilie! Das Leben hier gestaltete sich äußerst angenehm. Meine Familie hatte vor mir bereits zehn andere Voluntäre und war somit schon an die europäische Lebensart, den europäischen Magen und einen Fremden im Haus gewöhnt. Der Umgang war herzlich und unkompliziert. Ich akzeptierte die Regeln der Familie (Nach-Hause-Kommen vor zehn Uhr abends, indisch angepasste Kleidung,…) und konnte so in den zwei Monaten ein freundschaftliches Verhältnis zu Mutter und Tochter des Hauses aufbauen. Die Tochter konnte sehr gutes Englisch, die Mutter ausreichendes für den Alltag, so dass die Kommunikation meist reibungslos klappte.
In regelmäßigen Abständen hatte ich Treffen mit meinem FSL- Koordinator um mein Projekt, meinen Aufenthalt in der Gastfamilie und eventuell aufkommende Probleme oder Anregungen zu thematisieren und zu besprechen. Die Gespräche mit meinem Koordinator waren für mich wichtig und ich konnte so mein eigenes Tun reflektieren und mögliche Verbesserungsvorschläge einholen, um die Effizienz meiner Arbeit zu steigern. Vorschläge, wie zum Beispiel ein Erste-Hilfe-Koffer in der Schule, konnten so in die Tat umgesetzt werden.
Die Vorbereitung, die ich durch ijgd erfahren habe, hat mir eine gute Ausgangslage für meine Zeit im Projekt gegeben. Ich wusste, dass ich nicht den Anspruch haben konnte, den Kindern mehr beibringen zu können als irgendjemand, der die Landessprache spricht. Mir war klar, dass es zunächst um den interkulturellen Austausch geht und, dass daraus langsam das Vermitteln von „anderem Wissen“ erwachsen kann. Dieses Vorwissen hat mich wohl vor einer herben Enttäuschung bewahrt.
Insgesamt kann ich sagen, dass diese Erfahrung meinen Blick auf die Welt stark verändert hat. Ich wurde in Indien, meinem Projekt und meiner Gastfamilie, mit einer Kultur konfrontiert, die sich zu 100 % von meiner unterscheidet. Dabei konnte ich Vorteile und Nachteile beider Kulturen feststellen und habe mich so manches Mal mit mir und meiner eigenen Identität auseinandersetzen müssen. Ich habe Menschen getroffen, die nichts hatten und die dennoch die glücklichsten Menschen der Welt zu sein schienen. Ich habe gesehen, was es wirklich bedeutet, wenn einem Mensch das Recht auf Bildung verwehrt bleibt und wie Talente und Fähigkeiten in so einer Gesellschaft unbeachtet bleiben. Mir wurde bewusst, dass das Leben, das ich in Deutschland führe, wo es selbstverständlich ist, dass niemand hungern muss und auf der Straße leben, jeder in die Schule geht und sich trotzdem darüber beschwert, dass er es muss, ein privilegiertes ist. Ich werde alles was ich habe, meine Rechte als Frau und als Bürger der Bundesrepublik, mehr zu schätzen wissen und in Zukunft bewusster damit umgehen und leben.