MTV in Indien
Janina C.
FSL India
Shanti Ashram, Vijayadka
Orphanage & Teaching
November 2009-März 2010
Dauer: 5 Monate
Auszug: Leben in Shanti Ashram
Gestern haben wir den Jungen Alvin ins Krankenhaus gebracht. Zwei der Heimkinder, Johnson und Geevan, sind bei ihm geblieben. Alvin kann nicht laufen. Seit ich vor dreieindhalb Monaten ins Kinderheim gekommen bin, habe ich ihn ein einziges Mal laufen gesehen. Seine Mutter war zu Besuch. Sie stützte ihn beim Gehen. Das war vor 3 Monaten.
Heute bin ich wie gewöhnlich 5.30 Uhr morgens aufgestanden. Vor vier Tagen hat mich die letzte der drei Freiwilligen verlassen, mit welchen ich das Alltagsleben der Kinder betreue. Aber nun teile ich mit niemanden das Zimmer. Mit Ausnahme von den zahlreichen Geckos, die mir beim Kampf gegen Insekten helfen, die sich in den relativ großen, rustikal eingerichteten Raum verirren.
Wie gewöhnlich bereite ich das Masala zu, welches später zur Würzung der Sambar dienen wird. Dann dämpfe ich Muthli, für mich und die Haushälterin Teja-Bai. Wie fast alles Essen hier, bestehen Muthli aus Reis. Es sind eine Art Reisbällchen mit Kokosraspeln drin.
Ich gehe auf mein Zimmer um zu Frühstücken, damit ich den Kindern um 8 Uhr ihr Essen aus- geben kann. Sobald ich die Reste des Essens in die Eimer für Kuh, Schwein und Hund verteilt habe, mache ich mich ans Gemüse schneiden. Das passiert auf einem Hocker der an einer Seite eine Halbsichel montiert hat. Vinoth kommt vor der Schule zu mir, um sich seinen gerade blutig aufgeschlagenen Zeh verarzten zu lassen. Nach erledigter Arbeit putze ich noch die Küche und wasche die überflüssigen Töpfe aus. Für den Nachmittag schäle ich einige Kokosnüsse, die ich später zu Raspeln verarbeiten will. Zur Mittagszeit kommt die Schwester Luciana. Sie teilt mir in gebrochenem Englisch mit, dass Johnson angerufen hätte. Das Krankenhaus wolle einen Erwachsenen dabei haben. Keiner der Familienangehörigen ist dazu bereit sich um Alvin zu kümmern. Da ich weiß, dass die Schwester Luciana ihrer Aufgabe als Schulleiterin und Autoritätsperson im Heim nachgehen muss, schlage ich ihr vor hinzufahren. Sie freut sich sehr darüber und ich erkenne ihre Erleichterung darüber, dass ich ihren Wunsch erkannt habe.
Das ist die indische Art: sage nie was du von jemandem erwartest, das er tun soll...Für mich heißt das also: Augen offen halten, erkennen und umsetzen!
Schon sitze ich im Bus. Zum Glück ein Fensterplatz. Leider erst nach einer Stunde Fahrt. Der Bus kommt durch viele Dörfer. Die Straßen sind schmal und kurvig. Hänge die auf der rechten Seite emporsteigen und auf der linken Seite hinabstürzen. Obwohl der Bus maximal 50 km/h fährt, erscheint es einem erstaunlich schnell. Gerade wenn ein anderes Fahrzeug in der Kurve in Sicht kommt und sich der Bus, in scheinbar rasanten Tempo, an diesem vorbeizwängt. Der Wind der durch die nichtvorhandenen Fenster weht, erleichtert von der unbarmherzigen Hitze. Eine Stelle eröffnet sich an der man weit über die Region sehen kann. Ein Urwald breitet sich in alle Richtungen aus, an manchen Stellen sieht man die Straße oder Felsen hervorspitzen. Die Fahrt dauert zwei Stunden. Aber was sind schon zwei Stunden?! Im Verhältnis zur Landmasse und den Strecken die zwischen zwei Großstädten liegen, kann man bei zwei Stunden von keiner Entfernung sprechen. Der Bus fährt nach Mangalore hinein. Dabei passe ich auf wo wir uns bereits befinden. Inzwischen kenne ich die Stadt gut genug, um eigenständig die beste Haltestelle zu finden . Ich signalisiere dem „Conducter“, dass ich aussteigen will und springe schnell aus dem noch leicht rollenden Bus. Nach fast 5 Minuten Fußweg durch die pralle Sonne, erreiche ich das Gebäude der Pädiatrie des städtischen Krankenhauses. Im zweiten Stock treffe ich auf den Arzt von Alvin. Nachdem ich erklährt habe, dass ich stellvertretender Vormund für ihn bin, stellt er seine Diagnose. Es sähe nicht gut aus für Alvin. Noch seien sie nicht 100% sicher, aber fast alles spreche dafür, dass Alvin „dechene muscular distrophy“ hätte. Muskelschwund. Eine unheilbare Erbkrankheit bei der sich die Muskeln immer weiter verkürzten und schwächer werden. Patienten die davon betroffen seien, kämen über das Alter von 22 Jahren nicht hinaus.
Als ich mit dieser Information zu Alvin, Johnson und Geevan komme, habt mich die Tragweite dieser noch gar nicht erreicht. Als mich die Kinder entdecken breitet sich ein strahlendes Lächeln auf ihren Gesichtern aus. Ich lächle zurück.
Anhang: Da es ein direkter Auszug ist aus etwas Erlebten ist, blieben einige Fragen vielleicht unbeantwortet. Dazu jetzt mehr: ijgd hat mir im Vorhinein gute Denkanstöße gegeben, aber Erfahrungen muss man eben doch selbst sammeln, dabei hat mir meine Partnerorganisation zwar nicht großartig geholfen, dafür aber mein Ansprechpartner im Projekt. Was meiner Meinung nach auch wichtiger ist, da man dort die meiste Zeit verbringt und auf Zusammenarbeit angewiesen ist. Die Verständigung mit Kindern geht immer, auch mit wenig Sprachkenntnissen. Gestik und Mimik, sowie das Erlernen von ein paar Wörtern in der lokalen Sprache helfen über den Rest ;-)
Alles in allem kann ich jedem eine solche Reise empfehlen. Eins meiner prägensten Erfahrungen habt ihr oben gelesen, wobei es fast unmöglich ist Erfahrungen zu benennen. Man macht zu viele. Die Auswirkung wird sich vermutlich erst nach einiger Zeit zeigen. Hauptsächlich sind es Ansichten und Einstellungen zum Leben und die kann man nicht gleich offensichtlich erkennen.



