Workcamp in Indien 2009
Erfahrungsbericht Nadine Z.
FSL India - Waisenhaus, Pondicherry
Kids/Contruction
September 2009 - Zwei Wochen
Zuerst die Enttäuschung. Nach zwei schlaflosen Nächten, die eine im Nachtzug nach Frankfurt, die andere in den Flugzeugen nach Mumbai und Chennai, wartete ich völlig übermüdet in Pondicherry auf die anderen Workcampteilnehmer. Ich wartete und wartete und wartete. Meine Müdigkeit und anfängliche Freude darüber es in aufregenden Rikscha- und Busfahrten problemlos von Chennai nach Pondicherry geschafft zu haben, schwing langsam in Angst um. Was, wenn niemand kommen sollte? Als fünf Minuten vor dem vereinbarten Treffpunkt immer noch weit und breit kein europäisches Gesicht zu sehen war, wurde ich fast panisch. Ich redete mir ein, dass man es in Indien mit der Pünktlichkeit nicht so nehmen würde, dass andere Teilnehmer sicher noch auf der Anreise waren und später dazu stoßen würden... und dann endlich, kam ein junger Inder auf mich zu: Pratap, unser Teamleiter. Ich war erleichtert. Allerdings nur bis ich die Teilnehmerliste sah, auf der vier Namen standen. Vier! Ich hatte mich darauf eingestellt, dass das Workcamp chaotisch ablaufen könnte und wir am Ende eventuell keine Arbeit hätten, mit einer so kleinen Gruppe hatte ich jedoch nicht gerechnet. Noch weniger damit, dass drei von uns aus Deutschland kamen und die beiden anderen Deutschen, ein Pärchen, ausgerechnet in Dresden studierten, meiner Heimatstadt. Die Welt ist ein Dorf, auch in Indien. Ich wollte Koreaner, Belgier, Italiener, Kanadier, Franzosen –viele internationale Jugendliche kennenlernen und wir sollten nur zu viert sein! Ich war bitter enttäuscht. Zu Unrecht, wie sich am Ende herausstellen sollte.
Denn wir vier – zu uns drei Deutschen, gesellte sich später eine Französin, waren ein Spitzenteam und verbrachten miteinander eine eindrucksvolle Zeit. Während des ganzen Camps, gab es trotz der Nähe weder Streit, noch waren wir mit dem Verhalten der anderen unzufrieden. Auch die Beziehung zu unserem Teamleiter war sehr gut und zur großen Überraschung aller, war das Camp hervorragend organisiert.
Vormittags machten wir uns mit einer Rikscha auf zu einem Waisenhaus, wo wir bis mittags Malerarbeiten leisteten und nach dem Lunch spielten wir mit den Kindern. Insgesamt hat die Arbeit mehr Spaß als Schweiß gebracht. Am Anfang waren wir zwar etwas frustriert, weil wir die Wände mit Farbe aus Muschelkalk weißten und sich das Ergebnis nur schwer erahnen ließ. Der Freiwilligendienst hatte somit den Anschein einer ABM. Die zweite Woche sind wir jedoch dazu übergegangen mit Ölfarbe zu streichen. Außerdem hatten wir Gelegenheit uns kreativ auszuleben, wir haben die Wände mit bunten Fischen dekoriert – und waren am Ende stolz auf unser Ergebnis. Richtige Glücksgefühle kamen auf, wenn die Kinder uns strahlend zuschauten und mit Daumen und Zeigefinger super signalisierten.
Für den Nachmittag mit den Kindern, war unser Improvisationstalent gefragt. Hier kann ich nur Jedem, der auch mit Kindern arbeitet empfehlen, sich bereits zu Hause Gedanken zu machen und Materialien mitzubringen, am Besten eine Unmenge an Luftballons und Seifenblasen, evtl. kleine Bälle, ebenso Farbe oder Stifte zum Malen und Knete. Spiele, die uns einfach erschienen, aber erklärt werden mussten, sind häufig an der Übersetzung gescheitert. Unser Teamleiter gestand zudem gleich am Anfang nicht geübt mit Kindern und wenig kreativ zu sein.
Dafür war er umso hilfsbereiter was unsere Freizeitgestaltung betraf. Am Anfang stellten wir eine „Suggestionlist“ zusammen und Pratap trug dazu bei, dass unsere Wünsche nicht nur auf dem Papier blieben. Wir besichtigten einen Tempel, gingen gemeinsam ins Kino, lernten Cricket, indisch Kochen und wie man einen Sari bindet. Außerdem machten wir einen Ausflug in die futuristische Stadt Auroville und über das Wochenende reisten wir nach Mamallapuram. Der einzig wirklich negative Punkt, war die Verpflegung. Obwohl Indien durchaus reich an Obst und Gemüse ist, bekamen wir davon kaum zu essen. Zum Mittag aßen wir in einem Restaurant, dessen Speisekarte wir bereits nach zwei Tagen auswendig kannten und abends gingen wir stets in eine Garküche mit ebenso beschränktem Angebot in Nähe unserer Unterkunft. Gewohnt haben wir übrigens auf dem Gelände eines Swimming-Pool-Centers – sehr praktisch für Erfrischungen nach denen man sich im tropisch-heißen Indien mehrmals täglich sehnt.
Insgesamt kann ich jedem offenem Menschen, der eine Spur Abenteuerlust mitbringt, ein Workcamp wärmstens empfehlen. Es bietet eine fantastische Gelegenheit ein Land näher kennenzulernen, als es ein jeder Hotel- oder Backpackerurlaub ermöglichen würde. Außerdem ist ein Workcamp eine hervorragende Ausgangslage um sich zunächst an unbekannte Regionen heranzutasten und sie im Anschluss selber zu erkunden. An dieser Stelle möchte ich auch jeden ans Herz legen den Mut aufzubringen nach dem Workcamp weiterzureisen. Die Chance, nicht alleine zu sein, steht gut. Ich bin nach dem Camp in Pondicherry mit der Französin aufgebrochen und habe im Anschluss noch eine Woche in Auroville verbracht und auch dort wundervolle Menschen kennengelernt.
Am Ende kam vieles anders als gedacht, doch ich würde es wieder tun.





