Workcamp in Indien 2009
Erfahrungsbericht
Christoph B.
FSL India - Hampi FSL-WC 445
Soziales/Denkmalpflege/Erziehung
September 2009 (2 Wochen)
Abenteuer Indien
I. Motivation
Ich hatte schon seit einiger Zeit den Wunsch, ein fernes Land zu bereisen und eine fremde Kultur kennenzulernen. Doch einfach so durch die Gegend touren, Naturschutzgebiete zertrampeln, uralte denkmalgeschützte Tempel mit Müll aller Art zupflastern und sich auf Kosten Einheimischer mit teurem Essen zustopfen, das wollte ich nicht. Ich wollte lieber den dort lebenden Menschen behilflich sein anstatt ihnen zu schaden. Auch wenn ich die dort herrschende Armut nicht wirklich vollständig bekämpfen konnte, so wollte ich wenigstens einen kleinen Beitrag leisten, der durchaus auch für die Menschen dort von Nutzen sein könnte.
II. Der Reiseweg
Natürlich kann man sich als Europäer, auch wenn man sich gut auf die Reise nach Indien vorbereitet hat, nicht vorstellen, was einen wirklich erwartet. Für mich war alles neu und fremd: der Akzent der Inder, der die Verständigung auf Englisch mitunter schwierig gestaltete, das Preisaushandeln mit den Taxifahrern, die Gerüche, die Lautstärke, die vielen Menschen und der Verkehr in der Großstadt Bangalore, das Umrechnen von Rupien auf Euro usw. Man wird gewissermaßen überrollt und benötigt erstmal ein wenig Zeit, sich in der neuen Umgebung zurechtzufinden.
Da ich auf sehr gastfreundliche und hilfsbereite Menschen traf, konnte ich z. B. mit Hilfe eines Passanten meinen ersten Erfolg an einem indischen Geldautomaten verbuchen…
Äußerst spannend ist auch das Zug fahren. Ich würde jedem empfehlen, die Fahrkarten für den Schlafwagen schon im Voraus zu buchen. Sonst besteht die Gefahr, dass man nicht mitgenommen wird oder einfach 24 Stunden auf den nächsten Zug warten muss. .. Da mein Zielort Hampi zu den historisch bedeutenden Gegenden gehört, traf ich z. B. im Zug einige Touristen aus Frankreich, Asien, Großbritannien. Dann fühlt man sich gleich etwas heimischer. Um eine Erfahrung reicher wurde ich im Schlafwagenabteil: Hinter einer geschlossenen Metallsäule versteckte sich ein Waschbecken – hab ich natürlich erst später entdeckt. Ein kleiner Tipp: stellt die Klimaanlage im Abteil in der Nacht ruhig ab, sonst wacht Ihr mit einem Schnupfen auf. In den offenen Abteilen ist ein Fahrradschloss zur Befestigung des Gepäcks zu empfehlen – man kann ja nie wissen. Mir ist aber nichts passiert.
Immer, wenn ich an einem Bahnhof ausgestiegen bin, wurde ich sofort von Rikscha-Fahrern oder Taxifahrern umringt. Es ist auch wunderbar bequem, mit einer Rikscha chauffiert zu werden. Ich war gewissermaßen direkt als „Touri“ oder „Europäer“ erkennbar und galt als „lebensnotwendige Einnahmequelle“…Wenn man an manchen Ecken die Ärmlichkeit sieht, kann man die Rikschafahrer schon verstehen…
III. Projekte/Arbeit
Im Rahmen unseres Workcamps waren wir durchgängig an zwei verschiedenen Projekten beteiligt. Vom Vormittag bis zum frühen Nachmittag haben wir einen Pfad, der zu einem häufig besuchten Tempel führt und vorwiegend von Einheimischen genutzt wird, benutzerfreundlicher gestaltet und umgebaut. Dafür wurden die großen Steine herausgenommen und später in eine günstigere Position gebracht. Die Lücken haben wir dann mit kleineren Steinen aufgefüllt. Die kleinen Steine haben wir vorher an bestimmten Plätzen aufgesammelt und in Plastiksäcken zu unserem Arbeitsplatz getragen. Obwohl die Arbeit staubig und anstrengend war, hatten wir trotzdem Spaß und freuten uns, dass wir gemeinsam so viel schafften. Sogar die regionale Presse und das indische Fernsehen wurden auf unser Projekt aufmerksam. Zwei Artikel über uns erschienen in der Zeitung und ein Bericht im Fernsehen wurde gesendet.
Jeden Nachmittag haben wir eine Schule besucht, die auch zu karitativen Zwecken gegründet worden ist. Dabei handelt es sich um den sogenannten „Hampi Children’s Trust“, der Kindern aus ärmeren Familien (vor allem Mädchen) einen einfacheren Zugang zur Bildung ermöglicht. Zurzeit wird diese Einrichtung von etwa 30 Jungen und Mädchen aus der näheren Umgebung besucht. Wir als Freiwillige sollten uns für jeden Tag eine andere Aktivität ausdenken, die wir den Kindern vorgeführt und dann natürlich auch mit ihnen praktiziert haben. Einmal haben wir ihnen z. B. eine kleine Einführung in die japanische Kunst des Papierfaltens (Origami) dargeboten, mal haben wir Lieder gesungen, mal haben wir zusammen Galgenmännchen gespielt usw.
Dinesh (unser indischer Teamleiter) hat uns mit seinem tänzerischem Talent dabei unterstützt. Er war uns eine große Hilfe, da es sich mitunter sehr schwierig gestaltete, die Kinder im Zaum zu halten. Und außerdem hat es nicht nur den Kindern, sondern auch uns Freiwilligen einen Heidenspaß gemacht, bei den von ihm vorgeführten Tänzen (u. a. Macarena) mitzumachen. Außer uns waren an einigen Tagen auch zwei junge Frauen aus Italien, ein französisches Studentenpärchen, eine Amerikanerin und eine internationale Schülergruppe aus Indien dort zu Besuch.
IV. Weggefährten
Ursprünglich waren für unser Team fünf Freiwillige vorgesehen. Da aber zwei spanische Mädchen kurzfristig ihre Teilnahme abgesagt hatten, waren wir nur noch zu dritt. Trotzdem kamen wir alle gut miteinander klar und hatten zusammen eine Menge Spaß. Vor allem Dinesh, unser Teamleiter, war nicht nur ein guter Kumpel für uns, sondern auch ein prima Unterhalter. Wir haben fast an jedem Abend nach unserer Teambesprechung Karten gespielt.
Alicia, eine 24-jährige ehem. Geografiestudentin aus Hongkong, hat von uns dreien am besten Englisch gesprochen – und das als Chinesin! Dinesh konnte zwar auch gut Englisch, hin und wieder habe ich aber genauer hinhören müssen – der Akzent der Inder ist mitunter schwer zu verstehen. Naja, immerhin spricht er etwa fünf Sprachen fließend.
Akihiko aus Japan (22 Jahre) dagegen konnte sich leider nur gebrochen auf Englisch ausdrücken, sodass es für ihn manchmal schwierig war, sich zu verständigen, geschweige denn zu verstehen, was andere soeben gesagt hatten. Dementsprechend oft griff er zu seinem elektronischen Wörterbuch. Er studiert Wirtschaft und Verwaltung in Tokio, wobei er ursprünglich aus Nagano stammt.
Und dann war da noch Pampa, einer der indischen Betreuer, der speziell für die Workcamper als Ansprechpartner zur Verfügung stand, und uns als ortskundiger Bürger alle wichtigen Fragen beantworten konnte, die uns auf dem Herzen lagen. Er hat uns mit tatkräftiger Hilfe bei der Arbeit zur Seite gestanden und maßgeblich zum Erfolg beigetragen. Zudem führte er uns an drei Tagen durch Hampi und Umgebung und erzählte uns einiges über die Tempel und Orte, die wir besuchten. Durch seine Arbeit als Fremdenführer wusste er sehr gut darüber Bescheid. Allerdings habe ich mir nur sehr wenig davon merken können.
V. Unterbringung
Unsere Unterkunft war zwar relativ einfach eingerichtet, aber mal ganz abgesehen davon habe ich mich dort die ganzen zwei Wochen über rundum wohlgefühlt. Besonders über den Gästehausbetreiber und seine Familie habe ich nur Gutes zu berichten. Es sind überaus nette und zuvorkommende Leute, die mir bei jedem Anliegen gerne weitergeholfen haben. Vor allem werden mir Gangadars zwei kleine Töchter, und besonders Ratshikha (ich bin mir nicht sicher, ob ich das jetzt richtig geschrieben habe) in Erinnerung bleiben. Wir hatten unglaublich viel Spaß mit ihnen, uns ist auch nie wirklich langweilig geworden.
Anfangs habe ich mit Alicia ein Zimmer geteilt, bin dann aber schon am zweiten Abend zu Akihiko gezogen, da dies aus Dineshs Sicht besser wäre. Allerdings mussten wir schon nach zwei Tagen wieder unser Zimmer räumen, weil es von neu ankommenden Touristen benötigt wurde. Somit wohnte ich dann wieder mit Alicia zusammen.
Ein großer Nachteil aller Zimmer des Gästehauses war, dass sich das Badezimmer mit Toilette und Dusche eingeschlossen zwischen dem Bett und der Hauswand befand und nicht über ein vernünftiges Fenster verfügte. So kam es, dass wir bei Stromausfällen (und das war nicht selten der Fall) im Dunkeln duschen bzw. auf Toilette gehen mussten, und eine Taschenlampe als Hilfsmittel unentbehrlich wurde.
VI. Essen
Es gab immer drei Mahlzeiten pro Tag: Frühstück, Mittag- und Abendessen. Zum Frühstück gab es mal Eieromelettes, mal „Porridge“ (Haferbrei) mit Bananenstückchen, mal Toast mit Marmelade (die eigentlich keine ist, da künstlich). Dazu haben wir jeden Tag ein Glas heißen Chai (für alle diejenigen, die nicht wissen, was das ist – das ist so eine Art Tee, der vorwiegend in Vorder- und Südasien getrunken wird) getrunken.
Zwischen Mittags- und Abendessen bestand eigentlich kein großer Unterschied hinsichtlich der Essensauswahl. Meistens gab es verschiedene Arten von Chutneys, deren Zusammenstellung variierte (Kohl/Zwiebeln, Karotte/Tomate/Gurke, Rote Bete), manchmal auch Dal (Linsen) oder Bohnen. Dazu wurde in der Regel Chapati-Brot (sieht ungefähr so ähnlich aus wie Wraps) zum Aufnehmen der Nahrung gereicht. Falls man danach noch Hunger hatte, wurde einem noch eine Hand voll Reis auf den Teller gepackt und mit einer scharfen Suppe übergossen. Das Ganze hat man dann mit den Fingern gegessen.
Alles in allem war das Essen dort sehr scharf und würzig, aber ich habe es noch einigermaßen ausgehalten. Fleisch gab es so gut wie gar nicht – die Inder sind größtenteils Vegetarier. Doch das habe ich verkraften können. Um dem nicht-indischen Gaumen ein wenig gerecht zu werden, hat die Großmutter eines Abends Nudeln gekocht. Einmal haben wir in ihrem Haus diniert. Da haben wir auf dem Boden gesessen und u. a. süß gefülltes Brot, das mit Ghee (so etwas ähnliches wie Honig) und Milch übergossen und anschließend vermengt wurde (sehr lecker), gegessen.
VII. Ausflüge/Sehenswürdigkeiten
An den Wochenenden waren wir von unserer Arbeit befreit, sodass diese jeweils für die frei organisierbare Freizeitgestaltung zur Verfügung standen. Und so haben wir am Samstag den Virupaksha-Tempel besucht, der nur einen Katzensprung vom Gästehaus entfernt lag. Direkt hinter dem Eingang war ein indischer Elefant als Touristenattraktion aufgestellt. Dort trafen wir noch ein paar andere Touristengruppen, unter anderem eine aus Südkorea. Für eine Führung durch den Tempel war uns unser Geld dann aber doch zu schade. Alicia hat sogar extra 50 Rupien dafür bezahlen müssen, dort fotografieren zu dürfen. Im hinteren Teil des Tempels wurden wir dann Zeugen eines äußerst seltenen Phänomens: der Schatten des Eingangstores wird nämlich durch ein schmales Fenster hindurch auf die gegenüberliegende Wand so projiziert, dass er auf dem Kopf steht. Ein Wunder der Optik, das aber nur bei Tageslicht zu beobachten ist. Ebenfalls beobachten konnten wir eine Gruppe junger Priesterschüler, die zum Auftakt der 9-tägigen Festwoche des Mahalya-Festes durch den Tempel gezogen sind.
Am nächsten Tag wollten wir dann mit gemieteten Motorrädern durch die umliegenden Gebiete fahren und so viele Sehenswürdigkeiten wie möglich besichtigen. Anfangs gab es noch Unstimmigkeiten aufgrund der ausstehenden Erlaubnis für uns, kostenlos Eintritt gewährt zu bekommen. Später gab man uns dann aber doch grünes Licht dafür, und so durften wir ungehindert die Anlagen betreten. Am ersten Tempel hat Pampa für uns noch einen Vortrag über die mythologischen Zusammenhänge gehalten, danach sind wir dann ohne ihn weitergezogen (Fotos von den einzelnen Plätzen sind beigefügt).
Nachdem wir am Nachmittag noch einmal eine Spritztour mit den Motorrädern unternahmen, um weitere Tempel anzusteuern, trafen wir im Anschluss noch den Direktor, der uns erlaubte, den Vittala-Tempel zu betreten. Am darauffolgenden Tag sind wir dann mit Pampa zusammen zum Vittala-Tempel aufgebrochen, der über den Weg zu erreichen ist, an dem sich unser Arbeitsplatz befand. Aufgrund einer Verletzung am Zeh konnte ich leider mit den anderen nicht so gut mithalten. Tja, da muss man sich eben so gut wie möglich durchbeißen. Aber während Pampa uns durch den Vittala-Tempel geführt hatte, wurde mir dann doch irgendwie langweilig…
Unser schönster Ausflug war am Donnerstag. An diesem Tag sind wir frühmorgens um halb sechs aufgestanden und auf den Matunga Hill gestiegen. Oben angekommen konnten wir einen wunderschönen Sonnenaufgang erleben. Anschließend sind wir über einen anderen Weg wieder vom Hügel hinabgestiegen und pünktlich zum Frühstück zurückkehrt. Dinesh war sauer, dass wir ihn nicht mitgenommen hatten.
Nach Dineshs Abreise am Freitagabend wollten wir am Samstag eigentlich die Wasserfälle auf der anderen Uferseite besuchen, doch leider hat uns der hohe Wasserpegel einen Strich durch die Rechnung gemacht, sodass Pampa umplanen musste. Und so fuhren wir mit dem Bus nach Hospet und ließen uns dort von Pampa das Archäologische Museum und den Pattabhirama-Tempel zeigen. Nach einer langen Wanderung sind wir dann an einen weiteren Tempel gelangt, der sich jenseits der Straße auf einer Anhöhe befindet. Dort trafen wir zufällig die Amerikanerin wieder, die mit einem gemieteten Fahrrad unterwegs war und dort einen Halt eingelegt hatte. Wir aßen zusammen Mittag, setzten unsere Wanderung fort und nahmen eine Rikscha zurück nach Hampi.
VIII. Resümee
Für meine Begriffe wurde ich von den ijgd aus gut auf das Workcamp vorbereitet, auch das Vorbereitungsseminar war äußerst zufriedenstellend. Ich habe viele nette Leute kennengelernt und bin nicht nur spielerisch, sondern auch informationsgebunden umfassend auf meine bevorstehende Reise ins Ausland vorbereitet worden.
Die Betreuung von Seiten der indischen Partnerorganisation war allerdings nur teilweise zufriedenstellend. Insbesondere gestaltete sich meine Ankunft in Bangalore mehr als schwierig. Mitten in der Nacht geriet ich an betrügerische Taxifahrer und musste Irrfahrten durch die fremde Großstadt auf mich nehmen. Obwohl ich in dem Partnerhotel ein Zimmer im Voraus gebucht hatte, war es überfüllt und bereits geschlossen. Glücklicherweise fand ich ein alternatives Hotel. (Anmerkung ijgd: eine Abholung der Freiwilligen vom Flughafen durch die Partnerorganisation ist im Fall von FSL nicht vorgesehen. Darüber waren die Freiwilligen im Vorfeld informiert.)
Demgegenüber war die Betreuung durch die Teamleitung und die Guesthouse-Familie in Hampi ausgezeichnet und hat bei uns Teilnehmern einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Die Erfahrungen in Indien haben mir sehr viel gegeben. Trotz der mitunter schweren und gefährlichen Arbeit fand ich, dass wir etwas Gutes geleistet haben und unsere Gruppe fest zusammen geschweißt wurde. Wir konnten nicht nur die indische Kultur und Lebensweise kennen lernen und mit Kindern arbeiten, sondern auch untereinander Kontakte knüpfen. Gerne möchte ich Dinesh und die Familie Gangadar, Alicia und Akihiko später einmal wiedersehen.





