MTV Indien
Gabriele H.
FSL India
physically & mentally handicapped project
März 2010- April 2010
Dauer: 2 Monate
Seon Ashram Trust, Indien
Ich weiß noch ganz genau, wie eigenartig es sich anfühlte, in Bangalore, der boomenden, weltbekannten IT-Stadt, ganz allein am Busbahnhof zu stehen und auf meinen Bus nach Kundapura zu warten. Da ich keine Zeit mehr hatte eine Nacht in Bangalore zu verbringen, bin ich direkt vom Flughafen zum Busbahnhof, um dort meine Reise fortzuführen;
Obwohl ich Deutschland vor gerade mal 15 Stunden verlassen hatte, war es so weit weg, wie noch nie zuvor in meinem Leben und alle anderen weißen Menschen auch.
Während der frühen Morgenstunden in Bangalore am Bahnhof, konnte ich meine ersten Eindrücke von Indien sammeln. Hunderte von Indern eilen quer über den Busbahnhof, IT-Fachkräfte mit Laptoptaschen unterm Arm und karierten, gebügelten Hemden; Familien, mit vier, fünf Kindern im Schlepptau, die Mütter in ihren bunten Saris, in einem würdevollen Schritt vorneweg, und die vielen Obdachlosen, die gerade von der einem Bahnhofsangestellten mit einem Stock unsanft geweckt werden, damit die Sitzgelegenheiten des Bahnhofs für andere Passagiere frei werden Im Hintergrund läuft indische Musik, das bisschen, das nicht übertönt wird von Motoren, Handygeklingel, dem Geschrei der Busfahrer, die ihre Zielorte laut ausrufen, als wären sie Markthändler,
Nach einer zwölfstündigen Fahrt mit einem Ordenry Bus des staatlichen Busunternehmens erreichte ich dann das kleine, überschaubare Städtchen Kundapura. Dort hat FSL, die indische Partnerorganisation, Ihren Sitz; In unglaublicher Vorfreude wieder Europäer zu treffen.
Die Partnerorganisation FSL India veranstaltet zu Beginn jeden Monats eine Orientierungswoche für die Freiwilligen eines MTV. Diese werden zu Beginn jeden Monats durchgeführt und auf dem dicht gepackten Programm stehen Einheiten, wie „Host Family Visit“, „Hindu Religion“, „Kannada“ (die Sprache vor Ort) usw., welche teils sehr nützlich sind, teils nicht wirklich notwendig.
Nach einem Abschlußausflug mit der ganzen Truppe in die Umgebung und dem Kennenlernen von vielen anderen Freiwilligen aus ganz Europa, mache ich mich dann endlich auf den Weg zum Projekt.
Als ich das letzte Stück der Strecke in einem Jeep hinter mich bringe, auf einer Straße aus roter Erde, gesäumt von Palmen und grünen Bananenpflanzen, konnte ich mir trotz vieler Berichte und Erzählungen anderer Freiwilliger nicht so recht vorstellen, was denn nun auf mich zukommt.
Endlich angekommen, wurde ich erst mal mit einem guten Abendessen von unserer „Host Family“ begrüßt. Am nächsten Morgen konnte ich dann langsam erahnen, was denn hinter diesem riesigen, grauen Betonkomplex verbirgt, und das war wahrlich nicht einfach die ersten Runden und Tage im Ashram. Die ersten Eindrücke sind natürlich besonders intensiv.
Als ich die Räume der Patienten betrete kommt mir stechender Uringeruch entgegen, die Luft steht, denn die Ventilatoren, die an der Decke angebracht sind bewegen sich nicht, es ist Stromausfall. Ich gehe zusammen mit den anderen Freiwilligen, die zum Teil schon mehrere Monate hier sind, durch die Räume um alle Patienten zu begrüßen; die Freiwilligen laufen fröhlich vor, shakern mit Patienten, die Englisch sprechen können. Dass sich mindestens 40 Patienten einen Raum, 2 Toiletten und 2 Waschräume teilen, auf einfachsten Metallbetten mit dünnen Matratzen gegessen und geschlafen wird, ist für die drei deutschen Mädls schon ganz selbstverständlich. Ganz im Gegensatz zu mir, so muss ich doch immer wieder die Luft anhalten und mich neu fassen. Im obersten Stockwerk, in dem Raum in welchem Kinder mit Schwerstmehrfachbehinderung untergebracht sind, muss ich dann meine Tränen hinunterschlucken. Wenn man sieht wie etwa zwölf Kinder in einfachen Bettgestellen liegen, kaum Spielsachen, kaum Bilder, und dann das Lachen, von dem elfjähreigen Mädchen Usha, die freudig lacht, wenn man nur ihren Namen nennt.
Nichts desto trotz, ich gewöhne mich schnell an die Begebenheiten und Umstände hier, freunde mich mit Patienten an und gewöhne mich an den Alltag im Ashram. Für uns Freiwillige heißt das, so gegen 9 Uhr beginnt der Tag mit der Morning Round, um alle Patienten zu begrüßen und sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, danach machen wir etwas Gymnastik mit ihnen. Im Laufe des Vormittags veranstalten wir etwa eine Stunde „English Class“, um willigen Frauen ein paar Grundkenntnisse in Englisch beizubringen und Regelmäßigkeit in ihren Alltag zu bekommen. Selbstverständlich wird das ganze sehr spielerisch abgehandelt, das ganze soll ja auch Spaß machen, und so kann man die Damen bei Laune halten. Nachmittags steht Drawing Class auf dem Programm, da werden Mandalas gemalt, Osterkarten gebastelt oder das eine oder andere Kunstwerk vollbracht. Nach einer kleinen Chaipause bringen wir noch zwei bis drei der Kinder mit Behinderung nach draussen, für mich persönlich immer der schönste Teil des Tages.
Bald neigt sich der Tag dann auch schon dem Ende; manchmal gehen wir noch zusammen in den nahe gelegenen Chaishop, mit dem unglaublich netten Besitzer, der einfach immer ein herzhaftes Lachen für uns auf Lager hat. Ansonsten ist in die Gegend sehr ländlich, abgesehen von der traumhaften Landschaften, gibt es dort nicht viel zu erleben. Wir Freiwillen teilen uns zusammen ein Zimmer im Ashram. An den weissgekachelten Wänden hängen Bilder aus Deutschland, von Freunden, Familien und Schule der Langzeitvoulunteere. Zusammen teilen wir uns ein kleines Bad, ca. 2 qm. Anfangs ist es schon sehr ungewohnt, es kostet Überwindung, aber auch das gibt sich, und schon bald ist alles ganz normal; beim Duschen von Geckos beobachtet zu werden, kein warmes Wasser zu haben, sich zeitlich und räumlich zu beschränken.
Das schöne an diesem Projekt ist, dass man wirklich etwas tun und erreichen kann. Es gibt genug Arbeit, man muss nur motiviert und etwas kreativ sein; und es ist auch schön zu sehen, dass der Ashram, eine wirklich sinnvolle Institution ist, und das Konzept, trotz permanenter finanzieller Notlage, sinnvoll ist. So haben die meisten der Patienten eine Aufgabe, wie Kochen in der Großküche, Pflanzen bewässern, oder sie sind gerade eingeteilt zu putzen. Jedes der schwerst-mehrfachbehinderten Kinder hat eine Bezugsfrau, die sich um sie kümmern muss. So haben diese Menschen, oft an einer Psychose erkrankt, doch meist eine Aufgabe. Auch wenn das in keinster Weise ihre Familie ersetzt, von der sie häufig verstoßen wurden; so werden sie dort doch etwas aufgefangen, zumindest ein Zufluchtsort geschaffen.
Ich persönlich bin froh diese Erfahrung gemacht zu haben; auch wenn ich mir bei den Vorbereitungen schon oft die Frage gestellt habe, warum ich mir dies denn alles antue; Man lernt einfach unglaublich über sich selbst, seine Grenzen und Standarts. So kann ich nur jedem raten, selbst einen Freiwilligendienst zu absolvieren und selbst solche Erfahrungen zu sammeln. Ich für mich selbst hoffe noch etwas von dem Aufenthalt in Indien zehren zu können, und die Probleme hier in Deutschland, welche das alltägliche Leben so mit sich bringt, nochmal ganz anders zu definieren und mich an eines der vielen, herzhaften, indischen Lachen zu erinnern.




