Workcamp in Indien 2010
Name: Andrea W.
Partnerorganisation: FSL-India
Workcamp: Tibetan culture/Kids/Environment, Dharamsala/McLeodGanj
Bereich: Teaching, Construction, Culture
Zeitraum: September 2010
Dauer: 3 Wochen
Ich habe mich im Frühjahr 2010 entschieden, ein Workcamp in Indien zu machen. Auf die Idee bin ich gekommen, weil ich eine Form des Reisens gesucht habe, bei der man (hoffentlich) etwas mehr Möglichkeit zum Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung hat, als es beim „normalen“ Tourismus der Fall ist. Hinzu kam der Wunsch, etwas zu tun, das der Bevölkerung in einem der ärmeren Länder der Welt vielleicht ein bisschen helfen kann und das den Austausch mit einer Kultur ermöglicht, die von unserer sehr verschieden ist. Außerdem hatte ich von anderen gehört, dass es sich in einem Land wie Indien, in dem zumindest einige Regionen touristisch noch nicht so stark erschlossen sind und in dem viele Reisende erst mal einen Kulturschock erleben, anbietet, das Land zunächst auf diese Art kennen zu lernen.
Es hat sich als sehr gute Entscheidung erwiesen. In meinem Workcamp waren wir 18 Teilnehmer aus aller Welt und drei Teamleader, davon zwei aus Indien und eine aus Mexiko. Die Teilnehmer kamen aus Deutschland, Österreich, Belgien, den Niederlanden, Italien, Frankreich, Spanien, Argentinien, Japan und Südkorea. Größtenteils waren sie im Alter zwischen 20 und 30. Die Gruppe war wirklich ein Glücksfall, alle waren sehr aufgeschlossen und engagiert und wir haben viel Spaß zusammen gehabt.
Untergebracht waren wir in einem Guesthouse in Dharamkot, einem kleinen Dorf, das zu Dharamsala gehört. Es liegt noch etwas höher in den Bergen als Dharamsala und McLeodGanj. Das Guesthouse war sauber, komfortabel und schön, mit Zweier-Zimmern (größtenteils mit eigenem Bad) und zwei großen Balkonen und einer wunderschönen Aussicht auf die dunkelgrün bewachsenen Berge, die meist etwas von Nebel verhangen waren. Wir hatten auch einen eigenen Essensraum, wunderschön eingerichtet, in dem wir dreimal täglich verköstigt wurden und in dem wir auch abends oft zusammen saßen. Unser indischer Koch hieß Ashok, er hat meist Reis mit Dhal (Linsengericht), Gemüse und Chapati (Brot) für uns gekocht, abends auch öfter mal Nudelgerichte und zum Frühstück Toast oder Pancakes, Porridge und Obst, manchmal auch Alooparantha, ein sehr leckeres typisch indisches Frühstücksgericht. Das Essen war regionaltypisch, extra mild gewürzt und nach einer gewissen Zeit etwas eintönig, aber immer lecker. Außerdem stand immer abgekochtes Wasser zur Verfügung, ein wichtiger Punkt in Indien. Zwei von uns hatten immer Küchendienst, so dass jeder genau einmal an die Reihe kam.
Gearbeitet haben wir in einer Schule, die drei Kilometer entfernt in den Bergen lag. Nachmittags hatten wir dann immer ein eher kulturelles Programm, wir haben tibetische Tempel, Kunsthandwerkszentren, Bibliotheken, etc. besichtigt. Meist sind wir überall zu Fuß hingelaufen, so dass wir viel in den wunderschönen Bergen unterwegs waren. Abends waren dann die Country Presentations angesagt, jeden Abend war ein anderes Land an der Reihe. Die Teilnehmer haben sich alle viel Mühe gegeben und es war immer sehr interessant. An den Wochenenden haben wir teilweise noch gemeinsame Ausflüge unternommen.
Zur besseren Verdeutlichung möchte ich hier einige Auszüge aus meinem Reise-Blog präsentieren:
15.9.10
Einer der beiden Inder aus unserem Camp bietet morgens um 5 Yoga an (dann ist die kosmische Energie am größten). Es ist toll. Yoga auf einer Terrasse mit Blick auf die bewaldeten Berge des Himalaya, während die Sonne aufgeht. Um 8.15 treffen wir uns dann in unserem Essraum zum Frühstück. Wir haben da einen Tisch, um den rundherum Kissen liegen, auf denen wir beim Essen sitzen. Sehr gemütlich. Wir verbringen auch abends viel Zeit da. Zum Frühstück gibt es meistens Porridge, eine Sorte Obst und Pfannkuchen und Marmelade. Sehr sehr lecker. Und natürlich "Chai-Chai-Chai", der wirklich köstlich ist. Um 9.30 machen wir uns auf den Weg zu unserer Schule, bis auf zwei, die Küchendienst haben. Wir müssen zur Schule ca. 3km durch die nebligen Berge laufen, was sehr schön ist. In den Bergen hängen überall tibetische Gebetsfahnen in allen Farben. Die Schule, in der wir arbeiten, ist sehr arm. Wir haben in einem schimmeligen Raum, in dem es von der Decke tropft, die Wände neu gestrichen. Da es weder Leitern noch Farbrollen gibt (nur Pinsel) hat das ewig gedauert. Jetzt machen wir dort educational painting an die Wände: eine Weltkarte, eine Karte von Indien, das Alphabet und einige Flaggen wichtiger Länder. Wir haben jetzt noch zwei Tage, um fertig zu werden, und werden das wohl auch schaffen. Da die Schule kein Geld für Lehrmaterialien hat, werden sie damit sicher was anfangen können. Wir retten damit natürlich nicht die Welt, aber ich bin froh, dass wir etwas machen, dessen Nutzen wenigstens erkennbar ist. Von unserem Teaching kann man das leider nicht unbedingt behaupten. Wir haben uns immer aufgeteilt, einige von uns sollten immer den Kindern etwas beibringen. Einfache Sachen, wie z.B. Körperteile oder Obstsorten auf Englisch heißen, am besten aufgelockert durch gemeinsames Singen und Tanzen. Die Kinder können meist erst wenig Englisch, da sie zuhause die regionale Sprache oder Hindi sprechen (wir haben übrigens auch schon eine Hindi-Stunde erhalten, beim Schulleiter, es hat großen Spaß gemacht und ich hoffe, dass er uns noch eine Stunde gibt). Und sie verstehen unsere diversen Akzente nicht, sie sprechen Englisch nur so, wie es in Indien gesprochen wird. Außerdem sind sie generell etwas unruhig (sie sind erst so um die 5 Jahre alt). Es ist also alles etwas schwierig. Meistens waren wir vollauf zufrieden, wenn wenigstens die meisten Kinder ruhig auf ihrem Platz saßen. Zu hoffen, dass wir ihnen nennenswert was beibringen können, ist völlig utopisch. Aber sie sind jedenfalls sehr süß und können ja auch nichts dafür, dass wir uns nicht verstehen. Sie lieben es, fotografiert zu werden.
Nachmittags besichtigen wir meistens irgendwas - die Residenz des Dalai Lamas samt Tempel, das Tibetische Museum, die Tibetische Bibliothek, das Tibetan Institute of Performing Arts, wo wir hoffentlich auch noch eine Abendvorstellung besuchen werden, und einen alten Hindu-Tempel mit heiligem Wasserfall dahinter. Die Ausflüge waren bisher mal mehr, mal weniger interessant, aber für einen Ausländer gibts hier überall so viel zu sehen, dass sich schon das Durch-die-Gegend-laufen lohnt. Wir sind meist so gegen 5 oder 6 mit unserem Programm fertig und oft dann auch durchnässt und müde. Wenn wir wollen, können wir dann noch bis zum Dinner in der Stadt (McLeod) bleiben. Dinner gibts um 19.30 Uhr, meist Suppe und Nudeln oder Reis und Chapati oder Poppadums (auch eine Brotsorte). Das Essen ist also wenig abwechslungsreich, aber es schmeckt immer. Der Ort (McLeod) ist faszinierend. Menschen, Kühe, Affen und Hunde leben einträchtig und anscheinend völlig unabhängig voneinander zusammen. An den unmöglichsten Stellen sieht man plötzlich Kühe gehen oder stehen. Affenfrauen mit ihren Babies am Bauch turnen durch die Gegend, und wirklich überall liegen wilde Hunde rum. Dazu jede Menge Inder, Tibeter, Touristen, tibetische Mönche, Rikschas, permanent hupende Autos, schreiend bunte Werbetafeln und bemalte Häuser, überall Muell und überall fließendes Wasser, und das alles in einem unglaublichen Tempo. Ich finde es wunderbar. Es gibt unglaublich viel zu sehen. Es ist alles etwas dreckig, aber daran gewöhnt man sich.
Am Sonntag haben wir selbst einen Ausflug organisiert, in 5 Autos zu einem uralten, wunderschönen Tempel (mit in den Felsen geschlagenen Ornamenten), dann zu einem kleinen verborgenen Tempel mit einer warmen Quelle, der sehr schön war, mit einem Becken in das heißes Wasser sprudelte, wie ein Whirlpool. Wir haben mindestens eine halbe Stunde darin verbracht. Danach haben wir noch ein Fort (eine Burg) besichtigt. Das Fort bestand nur noch aus Ruinen, die aber teilweise sehr malerisch waren. Das beste war aber die Aussicht von ganz oben, der Blick auf bewaldete Berge, teilweise mit Tempeln auf der Spitze, dazwischen sanfte Wiesenhänge mit einzelnen Bäumen, und das alles fiel dann ganz schroff zum Fluss hin ab. Über all dem ging gerade die Sonne unter. Wir saßen alle oben auf der Aussichtsplattform und wollten uns am liebsten nie wieder von der Stelle bewegen.
24.9.10
Es ist so weit, der letzte Abend in Dharamkot. Wir tauschen wie wild Fotos und email-Adressen aus und machen natürlich noch jede Menge Fotos. Es ist ein bisschen wie eine Klassenfahrt gewesen: man ist rund um die Uhr in derselben Gruppe zusammen, und inzwischen ist es ein bisschen wie eine Familie geworden. Für unsere Gruppe hat sich das Trek&Dine Restaurant hier im Ort zum Stammlokal entwickelt. Viele Leute haben das Essen im Guesthouse satt, weil es immer entweder "Dhal-Rice-Chapati" oder Nudeln gibt, und essen gerne auswärts, und generell ist inzwischen immer jemand aus der Gruppe in dem Restaurant anzutreffen, egal zu welcher Tageszeit. Ab und an geht jemand, jemand anderes kommt dazu, und es ist total nett. Wenn man gerade aus McLeod kommt, geht man schnell da vorbei, um zu hören, was wer grade so treibt und was es Neues gibt und um Verabredungen für den Rest des Tages zu treffen. In dieser Woche hatten wir dann unsere große Trekkingtour. Ehrlich gesagt war sie ein bisschen enttäuschend, was vor allem am Wetter lag. Am ersten Tag sind wir 8km gelaufen, im strömenden Regen. Übernachtet haben wir in einem alten Tempel auf einem Berg, ungeheizt, mit kaputten Scheiben, ohne Wasser zum Waschen oder Toilette, in Schlafsäcken auf dem Boden. Ich will mich nicht beklagen, aber ich muss zugeben, dass das nach einem wirklich anstrengenden Wandertag mit jeder Menge bergauf und bergab klettern und permanentem Regen eine ziemliche Herausforderung war. Außerdem bewirkt der ständige Nebel, dass alles immer irgendwie feucht ist und nie richtig trocken wird. Zum Glück hat der Regen dann aufgehört und wir hatten einen atemberaubenden Ausblick. Wirklich wunderbar. Und unsere Guides, die uns begleitet haben, haben sich wirklich Mühe gegeben, uns warm zu halten: als wir ankamen, gabs chai mit cookies, eine Stunde später heiße Suppe, und noch ein paar Stunden später dann Abendessen, alles über dem Feuer gekocht. Das war während der ganzen Tour so. Am Mittwoch konnten die, die wollten, dann zu einer weiteren Wanderung auf 3000m Höhe aufbrechen. Ich bin mitgegangen, trotz des üblichen strömenden Regens. Landschaftlich war das der schönste Tag. Die Hälfte der Gruppe haben wir unterwegs in einem Cafe verloren. Wir sind dann endlose Felshänge und Geröllhalden raufgeklettert, die letzte Stunde mussten wir die Hände zu Hilfe nehmen, weil es so steil war, und der Nebel war auf der Höhe dann so dicht, dass man praktisch nichts mehr sehen konnte. Irgendwann sind wir umgekehrt, haben einen Fluss überquert, indem wir von einem riesigen glitschigen Felsbrocken zum nächsten gesprungen sind, und sind dann all die Felsen wieder runtergeklettert, haben die anderen im Cafe wieder eingesammelt und sind zurück in unser britisches Haus, völlig am Ende unserer Kräfte. Am Donnerstag sind wir dann zum Guesthouse zurückgewandert. Wir haben es alle genossen, wieder zu duschen, auch wenn das Wasser kalt ist, und in einem richtigen Bett zu schlafen. Wir haben viel Zeit in unserem Stammlokal verbracht, in McLeod letzte Einkäufe getätigt, Wäsche gewaschen und uns ausgeruht, und morgen und Sonntag brechen wir nun alle nach und nach auf.
Soweit meine Erlebnisse. Das ijgd-Vorbereitungsseminar, das ich im Frühjahr hatte, habe ich als hilfreich empfunden. Bei einigen anderen hatte ich zwischendurch mal den Eindruck, dass sie vielleicht keine vergleichbare Vorbereitung gehabt hatten und für manche Probleme nicht sensibilisiert waren. Das Seminar war also auf jeden Fall sinnvoll.
Meine wichtigste Erfahrung in Indien war eigentlich etwas Banales: die unglaubliche Unterschiedlichkeit der Lebensverhältnisse und der Wertesysteme bzw. Anschauungen auf der Welt. Also etwas, das mir natürlich auch vorher theoretisch klar war, das aber ganz anders deutlich wird, wenn man es unmittelbar erfährt. Ich glaube, ich habe einiges an Toleranz und Gelassenheit dazugelernt. Allerdings ist auch meine Abneigung gegen jegliches westliches Überlegenheitsdenken gewachsen. Aber aus Indien habe ich die Einstellung „Leben und leben lassen“ mitgenommen und ich versuche, mich daran zu halten, auch wenn es in manchen Situationen vielleicht schwer fällt, Geduld und Toleranz aufzubringen.





