MTV in Indien 2010
Name: Juliane B.
PO: FSL India
Einsatzstelle: Governmetal School Kanchugodu
Tätigkeitsfeld: Teaching
Dauer: Februar-April 2010
3 Monate
Hallo! Ich bin Juliane und habe im Rahmen eines MTVs 3 Monate in Südindien, im Bundesstaat Karnataka gelebt und gearbeitet.
Den ersten Eindruck, den ich bereits am Flughafen in Bangalore von Indien gewonnen habe, kann ich auch nach 4 Monaten Indien (ein Reisemonat im Anschluss an das MTV) bestätigen: „Wenn du denkst es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein (ausgesprochen hilfreicher) Inder her!“ Trotz des unbeschreiblichen Chaos finden sich immer und überall Menschen, die wirklich gern bereit sind dir zu helfen, sodass dann auch ich den staatlichen Busbahnhof und dort in einem riesigen durcheinander von Bussen sogar den richtigen gefunden habe, mit dem ich dann hüpfender und schwitzender Weise 12 Stunden lang den Weg an die Westküste, direkt nach Kundapur zurückgelegt habe.
In Kundapur ist FSL ansässig, hier sind viele Freiwillige untergebracht und hier fand auch die Orientierungswoche statt, an der neben mir noch 3 weitere Mädchen teilgenommen haben. Neben vielen Seminaren, die teilweise mehr, teilweise weniger nützlich waren, diente uns diese Woche vor allem dazu, langsam mit dieser neuen Welt vertraut zu werden und die vielen bis dahin unbekannten Eigenheiten kennenzulernen: Mit den Fingern zu Essen klingt leichter als es ist und nur weil ein Inder fließend Englisch spricht, heißt es noch lange nicht, dass wir seinen Akzent verstehen.
So lehrreich diese erste Woche „Indien-light“ aber war, die Neugier auf Projekt und Gastfamilie wurde natürlich immer größer und ich war froh, als es endlich „richtig“ losging.
In meiner Gastfamilie war ich emotional und materiell gut versorgt. Ich teilte mir in einem – für indische Verhältnisse sehr großem Haus – ein Zimmer mit eigenem Bad mit meiner deutschen Gastschwester Martha, die bereits ein halbes Jahr in der Familie wohnte. Wir haben uns gut verstanden und ich empfand es als eine Bereicherung, die Erlebnisse des Tages abends in der Muttersprache auszuwerten.
Die Familie selbst stellte einen 8-Personen-Haushalt dar: Die Gasteltern und deren 16-jähriger Sohn, ihre Schwiegertochter mit zwei Kindern (6 und 8 Jahre) sowie eine kleine sehr alte Omi, ein 19-jähriges Hausmädchen und oft Besuch. Das klingt nach Stress, war es aber nicht, da die Familie, bereits an europäische Freiwillige gewöhnt, einem die Privatsphäre ließ, die man wollte, dh. niemals in unser Zimmer gekommen ist, sich aber auch gefreut hat, wenn man sich dem Familienleben anschloss.
Am meisten gespannt war ich natürlich auf die Schule, in der ich während meiner drei Monate arbeiten sollte. Nach einer 20-minüigen Busfahrt und 15 Minuten Fußweg erreichte man die kleine Dorfschule in Kanchugodu. Aus lauter Neugier und Freude kamen die Kinder in den ersten Tagen schon von weitem angerannt und versuchten, ein paar englische Floskeln auszuprobieren: Good morning madame! How are you? What’s your name? What’s your mother’s name? What’s your father’s name? Damit war der Wortschatz der meisten Kinder leider erschöpft und wenn man dann fünfzig Mal diese Fragen beantwortet hat, klingelt es hoffentlich zum Unterricht.
Da ich Lehramt studiere, bin ich mit recht hoch gesteckten Zielen in den Unterricht gegangen...und habe schnell gemerkt, dass die wohl in einer indischen Governmental School schwierig umsetzbar sind. Die Schule war, trotz ihrer wundervollen Kinder, der unglaublich schönen Lage, in der Nähe des Strandes und der hübschen Wandmalereien, für mich eine große Herausforderung. Die Lehrer saßen oftmals zeitungslesend im Lehrerzimmer, während immer mindestens drei Klassen unbetreut waren. Die englische Kommunikation mit den Lehrern war sehr, sehr schwierig. Der Unterricht bestand üblicherweise darin, seitenweise von der Tafel abzuschreiben und wurde vom Lehrer immer mit einem drohenden Lineal überwacht (trotzdem habe ich glücklicherweise nur einmal mitbekommen, dass geprügelt wurde).
Die Konsequenz dieser Umstände war natürlich unmittelbar an der Bildung der Schüler erkennbar und trotz jahrelangem Englischunterricht konnten die meisten kaum mehr als die erwähnten fünf Sätze. Die mündliche Kommunikation im Unterricht war also auf wenige Ausdrucksmöglichkeiten beschränkt. Die schriftliche war noch schwieriger, da nur etwa 50% der Schüler die englische Schrift beherrschten...! Aber in Indien gibt es immer einen Weg (klingt kitschig, ist aber so!) und so haben auch ich und mein Projektpartner Thomas, der schon seit mehreren Monaten an der Schule war, mit viel Mimik und Gestik, viel Musik (Achtung: Singen! Strom gab's nämlich nicht!) und vor allem viel Aufmerksamkeit und Herzlichkeit für die Kinder unseren Unterricht so gestaltet, dass die Schüler Spaß hatten und immer zumindest eine Kleinigkeit mitgenommen haben. Trotz der Schwierigkeiten war die Arbeit in der Schule eine ganz wundervolle Zeit, die ich auf keinen Fall missen möchte.
Ich war noch an der Schule, als bereits die Sommerferien losgingen und hatte, um nicht arbeitslos zu sein, ein Summercamp für die Schüler organisiert. Was zwar viel Stress bedeutete, allein mit 30 kleinen Quälgeistern, die einen nicht verstehen...aber trotzdem viel Spaß gemacht hat. Die Kinder sind gern gekommen, auch die Dorfbewohner sind immer mal gucken gekommen, was wir so machen und mit der Zeit haben sich mehr und mehr Kinder angeschlossen.
Durch diesen, noch persönlicheren Kontakt mit den Kindern konnte ich mich auch im Dorf noch besser integrieren, habe viele Familien kennen gelernt, an ihren Festen teilgenommen und gute Freunde gefunden. Der Kontakt mit diesen Menschen war ganz großartig und ein toller Einblick in die Lebensweise und die Kultur der Menschen.
Ja, und jetzt würde ich wohl so sehr ins schwärmen kommen, dass der Bericht hier einfach zu lang wird und dass könnte ja abschreckend wirken, soll es aber nicht, denn meine Zeit in Indien war so toll, dass ich nur jedem empfehlen kann, sich in dieses Abenteuer zu stürzen, denn auch wenn nicht immer alles glatt läuft und man auch mal Enttäuschungen oder Niederlagen erlebt (die ich, wie mir jetzt auffällt total ausgespart hab, aber das liegt wohl daran, dass man die im Nachhinein eh fast vergisst) … es lohnt sich tausendfach!



