MTV in Indien 2010
Name: Dorothee S.
Partnerorganisation: FSL
Tätigkeiten: Regular Teaching, Sneha School, Sullia (Karnataka)
Zeitraum: Januar-Februar 2010
2 Monate
Schon immer wollte ich einmal nach Indien. Direkt nach dem Abi hatte es nicht geklappt, da habe ich mich dann stattdessen für ein Workcamp in Finnland und einen Europäischen Freiwilligendienst in Norwegen entschieden. Jetzt, drei Jahre später, wollte ich meinen Traum dann aber endlich verwirklichen. Ein für mich noch völlig fremder Kontinent, mit einer völlig neuen Kultur und ihren Menschen warteten auf mich. Ein großer Schritt, bei dem ich nun trotz aller Abenteuerlust und Vorfreude um die bereits gewonnen Erfahrungen innerhalb Europas froh war.
Am 31. Dezember 2009 saß ich dann also im Flieger gen Asien. Nach einer tollen Orientierungswoche in Kundapur, fuhr ich gemeinsam mit meiner Schweizer Mitfreiwilligen nach Sullia, einem Örtchen, umgeben von immergrünem Regenwald, am Fuße des Westghat-Gebirges zwischen Mysore und Mangalore gelegen. Ich war froh, in einer eher abgelegenen Einsatzstelle gelandet zu sein, denn hier gibt es keinen Tourismus. Die Menschen hier haben noch viel mehr von ihrer eigenen Kultur bewahrt und leben noch unbeeinflusster von der westlichen Welt als in den Städten.
Meine Einsatzstelle war die Sneha Schule in Sullia: Eine Privatschule, die Kindergarten, Grundschule und eine weiterführende Schule mit Schülern bis ca. 16 Jahre umfasst. All das liegt genau wie das Haus des Ehepaars Damle, welche Schulleiter und auch meine Ansprechpersonen in der Einsatzstelle waren, auf dem gleichen sehr schönen naturbelassenen Grundstück. Gegen all meine Erwartungen bekam ich gemeinsam mit meiner Mitfreiwilligen ein eigenes großes Zimmer, mit eigenem Bad zugewiesen.
Wir waren die ersten Freiwilligen, die jemals in diesen Ort und diese Schule gekommen sind, und wurden sehr nett in Empfang genommen. Zwar aßen wir in der Regel gemeinsam mit einer Gruppe von Schülern, die ebenfalls auf dem Schulgrundstück wohnten und waren auf diese Weise nicht sehr in den Familienalltag eingebunden, doch lag unseren brahmanischen Gasteltern dennoch viel daran, uns ihre Kultur zu erklären und zu zeigen. So fuhren wir im Laufe meines MTVs zu unterschiedlichen Konzerten, Tempelfesten, Yakshagana-Aufführungen und auch zu einer Hochzeit. Da Mr. Damle zudem Soziologie-Professor an der in Sullia gelegenen Hochschule ist, lernte ich einen dementsprechend fast ausschließlich intellektuellen Kreis von Indern kennen. Das entsprach zwar nicht meinen eigentlichen Vorstellungen, in eine Einsatzstelle zu kommen, in der Hilfe ganz unbedingt nötig war, doch bot es mir dennoch die unschätzbare Gelegenheit, zumindest diese eine Seite der indischen Kultur sehr intensiv kennen zu lernen.
Was mir dort am wichtigsten war, sehe ich ganz einfach daran, was ich jetzt am meisten vermisse: Und das sind schlicht und einfach die Kinder und Jugendlichen. Gewöhnt an einen monotonen Unterricht, freuten sich die Schüler über die Abwechslung, die ich mitbrachte. Ich unterrichtete von Montag bis Freitag jeden Tag vier Stunden und machte mit den Kleinen (1.-6. Klasse) dabei vor allem Spiele, brachte ihnen Lieder und einfache englische Vokabeln bei oder malte und bastelte mit ihnen. Unserer Kommunikation stützte sich hauptsächlich auf Hände und Füße. Da ich ja „Spoken English“ unterrichten sollte, legte ich meinen Schwerpunkt vor allem darauf, die Klassen 7-10 zum Sprechen zu bewegen. Ich ließ sie Gruppenarbeiten machen, spielte mit ihnen Theater, übte mit ihnen zu diskutieren und eine eigene Meinung zu den Dingen zu finden. Wir hatten viel Spaß zusammen und ich fühlte mich bald von den Schülern als Freundin aufgenommen und gleichzeitig als Lehrerin akzeptiert. Ich habe ein Buch mit spielerischen Unterrichtsideen mitgebracht und dort gelassen. Zwar habe ich mir letztendlich das meiste doch selbst ausgedacht und vor allem viel improvisiert, doch hat es mir die Sache erleichtert, zu wissen, dass ich immer noch was in petto habe.
In Indien mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten, war für mich besonders wertvoll, da sie mir noch kaum Vorurteile entgegenbrachten. Sie verbrachten vor allem aus Freude und Neugierde Zeit mit mir und nicht aufgrund irgendeines Interesses an Geld, Sex oder Prestige, wie ich es bei manchen Erwachsenen (verständlicherweise vor allem in den touristischen Gebieten) feststellen konnte.
Ich habe mich in Sullia und in der Schule wohl und sicher gefühlt und konnte vor allem mit Ehrlichkeit, Geduld und Höflichkeit gute Gespräche mit meinen Gasteltern und meinem FSL-Betreuer führen, die herannahende Konflikte vermeiden konnten.
Schwierig waren für mich zum einen das Geschlechterverhältnis im Allgemeinen und zum anderen der niedrige Stellenwert der indischen Frau und die Einschränkung ihrer Rechte. Gerade bezüglich dieser Punkte steckt Indien zurzeit in einem Wandel: So sind die Stadtbewohner/innen in dieser Hinsicht schon sehr westlicher als die Menschen des versteckten Örtchens Sullia.
Natürlich empfand ich es erst als schockierend, dass Schulmädchen und –jungs ab der 5. Klasse Abstand zu einander halten müssen, kaum miteinander reden und nicht miteinander spielen dürfen und, dass erwachsene Frauen ihren Partner meist nicht selbst wählen dürfen, sondern den von ihren Eltern ausgewählten Mann meist erst an ihrem eigenen Hochzeitstag kennenlernen. Doch war es gleichzeitig auch faszinierend zu sehen, wie das alles für sie „normal“ sein kann. Und ich weiß, vielen von ihnen ging es nicht anders, wenn sie über mich nachdachten.
Und ging es mir mal schlecht, tat es mir immer gut am Wochenende mal jemanden von den anderen Freiwilligen besuchen zu fahren: Die Busverbindungen sind nämlich super!
So kann ich rückblickend sagen, dass diese zwei Monate in Sullia eine sehr aufregende und wichtige Zeit für mich waren. Und auch, wenn ich letztendlich nicht, wie erwartet, in einem armen und sozial schwachen Umfeld wirken konnte, so habe ich doch mein eigenes Weltbild und das der Menschen und vor allem der Schüler in Sullia um einen ganz neuen Aspekt erweitern können.



