MTV in Indien 2010
TVName: Susanna W.
Partnerorganisation: FSL India
Einsatzstelle: Japthi in Kundapur, Indien
Bereich: Physically Handicapped and Mentally Challenged Children’s Project
Zeitraum: Oktober – November 2010
Dauer: 2 Monate
Im Herbst 2010 habe ich an einem zweimonatigen MTV von FSL India teilgenommen.
Da ich zu dieser Zeit kurz vor Abschluss meines Studiums stand, wollte ich mir eine kleine Auszeit nehmen und ein so interessantes Land wie Indien kennen lernen. Ein Freiwilligendienst war da die ideale Möglichkeit, das Land nicht nur von seiner touristischen Seite zu erkunden, sondern als Arbeitskraft und Teil einer Gastfamilie die indische Kultur und Gesellschaft direkt mitzuerleben.
Natürlich war auch der Wunsch „etwas Gutes“ zu tun Teil meiner Entscheidung. Allerdings war ich mir nicht nur aufgrund des kurzen Aufenthaltes darüber bewusst, dass die Wirksamkeit meiner Arbeit in einem mir eigentlich fremden Berufsfeld ohne Kenntnis der lokalen Sprache stark begrenzt sein wird.
So flog ich Ende September 2010 mit gemischten Gefühlen aus Aufregung und Vorfreude nach Bangalore, der südindischen Millionenstadt im Bundesstaat Karnataka. Von dort aus bin ich, der ausführlichen Beschreibung von FSL India folgend, nach Kundapur gereist, wo die Einführungswoche stattfinden sollte. Vor Antritt meiner Indien-Reise erhielt ich von ijgd Kontaktdaten anderer Freiwilligen, die zur selben Zeit anreisten wie ich, sodass wir uns verabreden und unsere erste indische Busreise gemeinsam erleben konnten. Diese erste Busfahrt ist mir noch immer lebhaft in Erinnerung. Der Monsun war zu dieser Jahreszeit noch nicht vorbei. Es hat stark geregnet, geblitzt und gedonnert. Der Bus rappelte die kaputten Straßen entlang in einem mir viel zu schnellen Tempo und irgendwann hat es angefangen auf meinen Kopf zu tropfen, da das Dach über mir undicht war. Währenddessen lief die Klimaanlage auf Hochtouren. Trotz meiner netten Begleiterinnen aus Deutschland fühlte ich mich einsam und fragte mich: Was mache ich eigentlich hier? Als ich die Gardine zur Seite schob, konnte ich im Dunkeln ein Slum mit verwahrlosten Zelten am Straßenrand sehen, das vom Regen fast zu überfluten schien. Ich ärgerte mich über mich selbst und wusste wieder warum ich hier war.
In dem kleinen Ort Kundapur an der Westküste Südindiens trafen sich dann die Freiwilligen aus Deutschland, Italien, Japan und anderen Ländern zur Einführungswoche. In der Einfühungswoche wurde uns ein buntes Programm geboten, von Kennenlern-Spielen und Kinoabenden bis zu kurzen Unterrichtseinheiten in der Landessprache Kannada. Außerdem wurden uns sehr detailliert die „Do's & Dont's“ in der indischen Gesellschaft nahegebracht, was hilfreich und interessant war. Ich empfehle jedem Indien-Reisenden sich bereits vorher über die indischen Kleidungsverhältnisse (d.h. Knie und Schultern bedecken, keine tiefen Ausschnitte) zu informieren, was, wie ich in der Einführungswoche feststellte, nicht selbstverständlich ist.
In den ersten Tagen meines Aufenthaltes fühlte ich mich sehr unwohl in Indien. Auf die Armut der Menschen und die chaotische Straßenverhältnisse habe ich mich lange vor Anbruch der Reise einzustellen versucht, was mir bis zu einem bestimmten Grad auch gelang. Auf die unangenehmen Gerüche (wobei ich da wohl auch besonders empfindlich bin) und dieses extrem feuchte und warme Klima allerdings, hätte ich mich nicht vorbereiten können. Doch so sehr mich dies am Anfang gestört hat, so schnell hatte ich mich auch schon daran gewöhnt.
Spätestens mit dem Einzug in die Gastfamilie fühlte ich mich sauber und heimisch. Dort habe ich mir ein Zimmer mit einer anderen deutschen Freiwilligen geteilt und obwohl wir uns nicht gut verstanden, war es für mich kein Problem mit ihr zusammen zu wohnen. Meine Gastfamilie war sehr nett und ich wurde dort immer gut versorgt. Ich hatte allerdings auch kein tiefes Verhältnis zu meiner Gastmutter oder den beiden Gastschwestern, da ich seit Jahren gewohnt bin eigenständig zu leben. Von anderen Freiwilligen weiß ich aber, dass gerade dieses Familienleben ihnen sehr viel Kraft gegeben hat.
Nun zum eigentlich wichtigen Teil meines Berichtes: Die Arbeit in meiner MTV-Einsatzstelle. Einige Wochen vor MTV-Beginn hatte ich von FSL India bereits Informationen über die für mich geplante Einsatzstelle im Projekt „Women Empowerment“ in Bangalore erhalten. Demnach erwartete mich Büro-Arbeit und ein Leben in der Großstadt. Um so überraschter war ich, als ich in der Einführungswoche mitgeteilt bekam, dass ich aus organisatorischen Gründen doch nicht an diesem Projekt teilnehmen konnte. Alternativ baten sie mir eine Arbeit im Kinderheim mit behinderten Kindern an. Ich sagte erst mal zu, hatte aber doch große Bedenken über meine Eignung für diese Arbeit. Ich hatte vorher noch nie mit behinderten Kindern gearbeitet und war mir nicht sicher, ob ich z.B. die pflegerischen Aufgaben einer solchen Einsatzstelle übernehmen wollte. Wie sich später herausstellte, war dies das beste Projekt, was ich mir hätte vorstellen können. Im Kinderheim Manasa Jyothi Japthi wohnen und leben ca. 13 Kinder mit körperlicher oder geistiger Behinderung. Die Leitung von Japthi übernimmt seit einigen Jahren eine junge Frau aus Holland, die mit ihrer Art die Kinder zu betreuen und zu unterrichten eine tolle Arbeit leistet. So war (in Indien nicht selbstverständlich) Gewalt im Heim verboten und es wurden Erziehungsmaßnahmen angewendet, die meinen Vorstellungen entsprechen und denen ich mich gut anpassen konnte. Meine anfänglichen Bedenken lösten sich innerhalb der ersten Stunden in Japthi in Luft auf. Ich habe mich gut in die Arbeit integrieren können und fühlte mich (auch nicht selbstverständlich für Freiwilligenarbeit) sehr nützlich.
In meinem Projekt hat noch eine andere Freiwillige aus Deutschland gearbeitet, mit der ich mich sehr gut verstand. Morgens gingen wir nach Zähneputzen und Waschen immer mit den Kindern spazieren. Im Laufe des Vormittags haben wir mit ihnen gesungen, Bewegungsspiele gespielt oder bestimmte Geschicklichkeitsübungen mit einzelnen Kindern durchgeführt. Hierbei mussten wir Freiwilligen uns die Übungen nicht ausdenken oder selbst entwickeln, sondern bekamen stets Hilfestellungen von unserer Chefin. Jeden Tag lief ungefähr das selbe Programm ab, so dass sich die Kinder innerhalb der Woche an diesen Rhythmus gewöhnen konnten. Wir haben von Montag bis Freitag von ca. 9 bis 15 Uhr gearbeitet. Abgesehen von der ca. 20 minütigen Mittagspause waren meine Freiwilligen-Kollegin aus Deutschland und ich durchgehend beschäftigt. Das war natürlich ein anstrengender Arbeitsalltag, aber ich empfand dies als sehr schön, da man so nicht das Gefühl bekam, in der Einsatzstelle überflüssig zu sein.
An den Wochenenden bin ich in nahegelegene Städte oder Touristen Orte gereist. Ob alleine oder mit anderen Freiwilligen, war es immer eine schöne Abwechslung. In einigen Touri-Orten konnte man sogar im Bikini baden und Party machen. So fand ich eine gute Balance zwischen arbeiten und abschalten, was denke ich sehr wichtig ist. Ich wollte natürlich an der indischen Kultur teilhaben und mich in die Gesellschaft integrieren, aber ich habe mich auch frei gefühlt ich selbst zu bleiben und mir meine eigene Meinung zu bilden. Es gab Dinge wie das Frauenbild oder die Stellung von behinderten Kindern in der Gesellschaft; die konnte und wollte ich nicht akzeptieren. Und auch darin sehe ich eine wichtige Erfahrung des MTV. Andere Kulturen und damit auch seine eigene zu reflektieren und seinen eigenen Weg darin zu finden.
Außerdem habe ich durch die Erfahrungen mit FSL India Einblicke in die Abläufe einer NGO und damit auch in einen Teil der Entwicklungszusammenarbeit bekommen, was mich auch in meiner beruflichen Orientierung beeinflusst hat.
Mein MTV war auf jeden Fall eine super Erfahrung! Ich habe nicht nur viel über die indische Kultur gelernt, schöne Reisen erlebt und nette Menschen kennen gelernt. Ich habe auch 13 Kinder im Herzen, die ich nie vergessen werde.

