MTV in Indien
Name: Elmar L.
Partnerorganisation: Cultural Academy for Peace, Kochi, Indien
Einsatzbereich: CAP-04 Support Worker – Nonviolence and Conflict Resolution Training Center
Zeitraum: Oktober-Dezember 2011
Am 29.9.2011 flog ich für vier Monate nach Kochi in Kerala, Südindien, um dort bei der Cultural Academy for Peace als Volontär zu arbeiten und dabei, das war mein Hauptziel, mein Englisch deutlich zu verbessern.
Zunächst etwas zur Stadt: Es gibt einen historischen Teil “Fort Kochi”, sehr kolonial geprägt, auf einer Insel gelegen und ziemlich touristisch, wobei in der weiten Hauptsache für indische Touristen, und es gibt das Geschäftszentrum, Ernakulum, mit Gewühl, Märkten, Hütten, Palästen, Wohnvierteln, vielen Hospitälern und jeder Menge Kirchen, Tempeln, Moscheen, Synagogen und
dergleichen. Und dann noch viele viele Vororte, teils auf Inseln, insgesamt 1,3 Millionen Einwohner und die höchste Bevölkerungsdichte Keralas (das ist der Bundesstaat im Südwesten Indiens). Kochi ist geprägt von Portugiesen, Holländern und schließlich Engländern, und obwohl
alles sehr indisch ist, kann man diese Einflüsse durchaus sehen und spüren, vor allem an der
starken Präsenz der katholischen Kirche und etlichen ihrer “Anverwandten” (zum Beispiel der
syrischen Christen, die ihren Ursprung in einem Besuch des Apostels Thomas im 1. Jahrhundert
sehen, also weit vor der Ankunft Vasco da Gamas im 16. Jahrhundert). Der Alltag, die Farben,
Geräusche und Gerüche, der Lärm und Gestank, die qualmenden Müllberge und die
verführerischen Düfte, die Kontraste und die Geschwindigkeit der “Bildwechsel”, zum Beispiel
zwischen dem öffentlichen und privaten Raum, die “Verhaltensweisen im Straßenverkehr”
(wertfrei ausgedrückt), die unentwegt sich wiederholenden Stromausfälle, das alles ist mir noch
recht vertraut von meiner letzten Reise nach Tamil Nadu, und ich würde fast sagen, dass es hier
etwas moderater zugeht. Landschaftlich ist es hier sehr schön, es ist alles sehr grün, weil es viel
regnet (zwei Monsunzeiten), die Küste hat teils schöne Strände und viele Boddenlandschaften
mit Kanälen (die sogenannten Backwaters), man geht oder fährt auf schmalen
palmengesäumten Wegen zwischen den Wasserflächen, überall ein schwüler feuchter Duft nach
allem möglichen, derweilen die untergegangene Sonne den Himmel bunt färbt. Ins Land hinein
folgen alsbald recht hohe Berge, die Western Ghats, bis 2600 m hoch. Ich konnte mir immer
mehr vorstellen, dass den hier landenden Seefahrern dieses Land, die Gewürzküste,
märchenhaft schön erschien. Die Nähe des Meeres mit auflandigem Wind macht auch
heutzutage das Atmen in der Stadt erträglicher, obwohl sie immer noch unter die zehn
verschmutztesten indischen Städte gerechnet wird. Und man nimmt auch nahezu aller(!)orten
die unübersehbaren Spuren der Zersiedelung, Zernutzung und Verwüstung wahr, leider.
Zu den konkreten Dingen meiner Reise: Ich wohne und arbeite in Ernakulum; das Projekt, in dem ich arbeite, und die Unterkunft sind nur 10 min Fußweg voneinander entfernt. Ich wohne in Ashir Bahvan, einem Seminarzentrum der katholischen Kirche, der größten Religionsgemeinschaft in Kerala, betrieben von der Erzdiozese Verapoli, sie machen dort viele Veranstaltungen, Trainings und Schulungen (z.B. ein Marriage Preparation Youth Seminar für junge Paare, die heiraten wollen; diese müssen drei Tage Seminar mit Zertifikat machen, sonst können sie nicht von der
Kirche getraut werden). Ich habe ein kleines Zimmer mit zwei Fenstern (großer Luxus) und fühle
mich sehr wohl darin, nachdem ich vorher eins unter einem Flachdach hatte, was mir zwei
Nächte bescherte, in denen ich schwitzte wie in der Sauna, ungelogen. (Das Klima hier ist
zwischen 31 und 34 Grad im Sommer, sagte mir ein Einheimischer, und zwischen 34 und 31
Grad im Winter.) Zum Essen gehe ich dreimal täglich ins Refektorium, das ist ein Raum neben
dem Speisesaal, in dem die hier angestellten ungefähr acht Priester essen, ich als einziger Laie
am Tisch. Gegessen wird indisch, es gibt früh, mittags und abends Reis, in Variationen, mit
unterschiedlichsten Gemüsen, die ich oft nicht kenne, und Fleisch/Fisch, dazu Chapati und
immer die kleinen würzigen Bananen, bis auf diese alles unterschiedlichst und ordentlich scharf
gewürzt. Und hat mit “indischem” Essen, wie ich es von Berlin her kenne, nicht viel zu tun.
The Cultural Academy for Peace (www.culturalacademy.org) ist ein Projekt, gegründet von Mrs
Beena Sebastian, einer Frau mittleren Alters, in dem etwa 15 Frauen arbeiten, wohl fast alle
Mitte 20 oder jünger. Es geht vor allem um die Stärkung der Rechte von Frauen, was in Indien
nach allem, was ich darüber mitbekommen habe, mehr als nötig ist, um gewaltfreie
Konfliktlösungen (Active Nonviolent Communication) in der Familie und im gesellschaftlichen
Leben und um Veränderungen hin zu mehr Gerechtigkeit und Umweltbewusstsein in der
indischen Gesellschaft allgemein. Schwerpunkte der Arbeit sind ein Modelldorf in Vypin, einer
unheimlich dicht besiedelten Problemregion im Norden Kochis, eine Frauenberatungsstelle und
ein Frauenhaus, wo Frauen, die Opfer von Verbrechen und Misshandlungen wurden, versorgt
werden und wo sie daran arbeiten können, sich eine neue Zukunft aufzubauen. Diesbezüglich
habe ich in der kurzen Zeit nicht wirklich tiefgreifend Einblick bekommen, nur dass die indische
Gesellschaft wohl sehr sehr konservativ ist, egal welcher Religion, und dass eine geschiedene
oder “weggelaufene” Frau (unbesehen der Gründe dafür) meist keinerlei Rückhalt in der Familie
mehr hat und natürlich auch von Seiten der verschiedenen Religionsgemeinschaften so gut wie
nicht unterstützt wird, eher im Gegenteil. Es prallen halt im Alltag der Menschen die modernen
Entwicklungen, die Globalisierung, die moderne Gesetzgebung und die technischen Güter auf
die traditionellen Vorstellungen, Familienstrukturen und religiösen Wertesysteme. Das führt, wie
mir gesagt wurde, vor allem für die Frauen zu schweren inneren Konflikten, weil sie einerseits
studieren und verantwortungsvolle Berufe ergreifen können, andererseits in Familie und Religion
die überlieferten bevormundeten Rollen auszufüllen haben. Das geht bis hin zur Problematik der
arrangierten Hochzeiten, der ausufernden Mitgift-Praxis oder der „Vermeidung“ von Töchtern. Ein
weites Feld und unseren heutigen europäischen Vorstellungen eher fremd. Generell spielen in
Indien Religion und Familie unvergleichbar größere Rollen als in Deutschland, mindestens im
Durchschnitt.
Am Anfang war mir sehr unklar, worin denn meine Arbeit hier bestehen könnte. Denn so einfach
ist es nicht, die jungen Frauen haben alle studiert, sind Therapeutinnen oder Sozialarbeiterinnen
oder Marketingfachleute, da ist keine intellektuelle Not. Schließlich habe ich für ein geplantes
virtuelles Informationszentrum für Frauen (und nebenbei für die Organisation auch) ein kleines
open-source Kontakt-Management-System einrichten können. Außerdem habe ich zwei
Seminare zum Thema „Masculinity and femininity“ und „Fundraising and communication“ aus
deutscher und persönlicher Sicht halten können. In die direkte Arbeit mit den Menschen vor Ort
konnte ich nicht involviert werden, weil diese Arbeit ausschließlich in Malayalam geschieht; so
habe ich die entsprechenden Orte lediglich einmal besucht.
Womit ich bei der Sprache bin: Wenn die Leute hier nicht Malayalam sprechen, dann sprechen
sie malayalamsches Englisch (sehr eigen und in einem Affentempo gesprochen), ich aber
verstehe so schon kaum, wenn überhaupt. Vom Sprechen ganz zu schweigen. Hinsichtlich
Englisch, das wurde mir nach einigen Wochen klar, bin ich hier nicht am rechten Platz.
Aus diesem Grunde habe ich dann auch nach zwei Monaten meine Arbeit hier bedauerlicherweise abgebrochen. im Hinblick auf meinen weiteren Weg und meine Ausbildung
ab Februar muss ich zunächst danach schauen, wie ich am besten in der englischen Sprache
weiterkomme. Letztlich hatte ich jetzt zu entscheiden, was für mich in den letzten beiden
Monaten Priorität hat. Die Leute von meinem Projekt waren natürlich enttäuscht, konnten meine
Entscheidung jedoch akzeptieren. Es würde ja auch keinen Sinn haben, wenn ich nur aus einem
Pflichtgefühl heraus die Zeit abwarten würde, aber eigentlich unzufrieden wäre. So bin ich in ein
anderes Projekt in einer anderen Stadt gewechselt, wo mehr Ausländer arbeiten und
miteinander englisch sprechen.
Gefragt nach dem wichtigsten Eindruck meiner Reise, würde ich sagen: Das tägliche Entzaubern
und Neuerfinden. Damit meine ich, dass ich ständig daran gearbeitet habe, gewohnte
Verknüpfungen zwischen Wahrnehmungen und Bedeutungsgebungen, zwischen Verhaltensweisen
und ihren (selbstverständlichen) Bewertungen zu überprüfen und oft zu verändern, zu
erweitern, ins Gegenteil zu verkehren. Sowohl über das, was ich im Positiven und Negativen
über Indien bisher wusste, als auch über das, was ich über mich selbst zu wissen glaubte.