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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV in Semarang/ Indonesien

IIWC OF IIPPA INDONESIA, SEMARANG, CENTRAL JAVA
MTV STAIN UNIVERSITY PROJECT, SALATIGA
OCTOBER 2007 – JANUAR 2008

Nach vier Jahren Studium brauchte ich dringend eine Auszeit. Ich wollte mal raus aus dem Alltag, weg von all den Selbstverständlichkeiten und auch weg von der Kopflastigkeit des Studiums. Ausserdem wollte ich meine Offenheit und Anpassungsfähigkeit auf die Probe stellen und herausfinden, ob es mir gelingt, mich an einer völlig fremden, neuen Umwelt zurechtzufinden und wohlzufühlen. Nach langem Hin und Her meldete ich mich schliesslich für ein 3monatiges MTV-Programm bei IIWC Indonesia an und entschied mich für eines der Englisch-Unterricht-Projekte an einer Uni, weil ich dachte, dass dies am ehesten meinen Fähigkeiten entsprach.

Eigentlich hatte ich bereits bei der Anmeldung deutlich gemacht, dass ich möglichst nicht alleine in ein Projekt gesteckt werden wollte und dass mir der Kontakt zu anderen ausländischen Freiwilligen sehr wichtig sei. Trotzdem wurde ich dann aber vor Ort kurzfristig in ein Projekt ausserhalb Semarang versetzt, nämlich in das kleine Städtchen Salatiga, 1-2 Busstunden von der „Basis“ Semarang, wo die Organisation IIWC und die einheimischen und ausländischen Freiwilligen ihren Sitz haben. So richtig einsam und isoliert fühlte ich mich dann aber glücklicherweise nie, denn ich verbrachte meine Wochenenden und die Freizeit oft in Semarang mit den anderen Freiwilligen und es gab auch in Salatiga zwei einheimische Freiwillige (meine „contact persons“), zu denen ich einen guten Draht hatte.

Mit meinem neuen Zuhause war ich sehr zufrieden. Ich bekam ein eigenes Zimmer bei einem jungen Pärchen, den Leitern eines „Waisenhauses“, wo etwa 15 Buben im Alter von 12-16 lebten. So hatte ich die einmalige Möglichkeit mich einerseits jederzeit zurückzuziehen zu können, Privatsphäre und Unabhängigkeit zu geniessen, fühlte mich aber anderseits auch als Teil einer grossen „Familie“ und konnte mich jederzeit zu den Jungen im Waisenhaus gesellen um nicht alleine zu sein.

In den ersten Wochen wurde ich im meine neue Umwelt eingeführt, unzähligen Leuten vorgestellt und in der Nachbarschaft sowie an der Uni „herumgezeigt“. Manchmal war mir der Rummel um meine Person ehrlichgesagt etwas zu viel und mir war der „celebrity“-Status unangenehm. Ausserdem war ich schlicht nicht darauf vorbereitet gewesen, dass man als weisse Ausländerin in Salatiga (und auch in Semarang) stets die Aufmerksamkeit aller auf sich zieht, wo auch immer man ist. Man geht durch die Strassen und wird von allen Leuten gemustert, angestarrt und angesprochen: „Hello Miss! How are you? Where are you going?“ An manchen Tagen habe ich freundlich gelächelt und zurückgewinkt, an anderen wäre ich am liebsten unsichtbar gewesen.

Ich war die erste Freiwillige in diesem Universitätsprojekt in Salatiga. Deshalb war mir auch klar, dass viel Geduld und Verständnis gefragt war und dass es wohl eine Weile dauern würde, bis alles organisiert war und ich zum Einsatz kommen würde. Ich überliess es meinem Projekt-Koordinator (der auch Lehrer an der Uni ist) einen Stundenplan für mich zusammenzustellen und wartete geduldig bis endlich die Prüfungszeit an der Uni vorbei war und der reguläre Unterricht losgehen würde. Leider musste ich dann aber irgendwann einsehen, dass ich wohl nie regelmässig unterrichten und feste Klassen haben würde, weil es offenbar nicht gelungen war, mich als offizielle Lehrkraft in die Struktur der Uni zu integrieren. Die Lehrer hatten alle ihr fixes Pensum und schienen auch nicht sonderlich daran interessiert an einer Zusammenarbeit mir mir. Wir versuchten eine zusätzliche „extracurricular speaking class“ auf die Beine zu stellen, was dann aber an der mangelnden Motivation der Studierenden scheiterte. Immerhin durfte ich ein paar mal als Stellvertretung für eine ausfallende Lehrkraft einspringen. Ausserdem wurde ich auch ein paar mal zu „school visits“ in Highschools in der Umgebung gefahren, wo ich mich den SchülerInnen vorstellen, ihre Fragen zu meiner Person beantworten und sie zum Englisch Sprechen motivieren sollte. Und jeden Freitag traf ich mich mit einer Gruppe aktiver, motivierter Englischstudenten zur „English Discussion“, was immer sehr bereichernd war, weil beim Gespräch über Religion, Bildung oder Politik ein reger kultureller Austausch stattfand.

Als ordnungsliebende, leistungsorientierte Europäerin war es für mich zu Beginn schwierig, mit den chaotischen Zuständen an der Uni und der Unzuverlässigkeit, Ineffizienz und Planlosigkeit der Leute zurechtzukommen. Ich entwickelte dann aber (gezwungenermassen?) eine gewisse Gelassenheit und Erwartungslosigkeit, so dass ich mich auch ohne „richtige“ Arbeit wohl fühlte. Die kleinen Dinge des Alltags wurden wichtig, die Begegnungen, Gespräche und Beziehungen mit den Einheimischen. Viele Leute kamen auf mich zu und suchten das Gespräch mit mir, einfach um ihr Englisch am „lebenden Objekt“ auszuprobieren und zu verbessern. Nachhinein habe ich durchaus das Gefühl, meine Spuren hinterlassen zu haben, wenn auch nicht unbedingt in den Klassenzimmern. Im Zentrum meines MTV’s standen insgesamt vor allem der interkulturelle Austausch und die persönlichen Erfahrungen, und weniger die „sinnvolle“ Arbeit und deren langfristiger Nutzen.

Ich lebte in Salatiga in einem sehr muslimisch geprägten Umfeld; sowohl das Waisenhaus wo ich wohnte als auch die Uni waren islamische Institutionen. Die Religion ist sehr präsent und strukturiert den Alltag. So treffen sich etwa alle immer fünf mal täglich zum gemeinsamen Gebet, das erste mal um 4 Uhr morgens wenn der Azan (Muezzin) ruft. Und an der Uni war ich die einzige Frau weit und breit ohne Kopftuch. Nach anfänglichem Befremden gewöhnte ich mich mit der Zeit an dieses Umfeld und versuchte immer mehr zu verstehen. Ich bekam in diesen drei Monaten einen tiefen Einblick in die mir unbekannte Welt des (indonesischen) Islams, mit all ihren faszinierenden und inspirierenden Aspekten, aber auch ihren Widersprüchen und Schattenseiten.

Der Alltag als Freiwilliger in Indonesien ist oft unspektakulär und stets geprägt von stundenlangem Warten und Zeitvertreiben, wobei diese Stunden nicht als „Warten“ in unserem Sinn und blosses „Rumsitzen“ interpretiert werden sollten, sondern vielmehr als ein einfaches „Sein“. Die Indonesier haben einfach ein anderes Zeitkonzept. Die anderen ausländischen Freiwilligen und ich mussten  auch nach kurzer Zeit feststellen, dass man in Semarang und Umgebung nicht besonders viel „unternehmen“ kann, denn Sehenswürdigkeiten, Freizeitaktivitäten aber auch Kaffees in unserem Sinne oder das Nachtleben sind beschränkt. Oft trafen wir uns einfach mit unseren Freunden irgendwo, um zu plaudern, vielleicht in einem Warung etwas zu essen, oder auf dem Motorbike herumzufahren. Meist sitzt man einfach, und guckt...

Was ich im Nachhinein am meisten bereue, ist dass ich mich im Vorfeld nicht auf die Sprache vorbereitet habe. Es war mir schlicht nicht bewusst, dass in Indonesien (mangels Tourismus) kaum jemand auf der Strasse, im Bus, am Kiosk oder im Warung Englisch spricht. Deshalb war ich in den ersten Wochen manchmal ein wenig überfordert. Die Sprache war mir sehr fremd und ich konnte mich nicht verständigen, war auf Übersetzung und Begleitung angewiesen. Mit der Zeit erwarb ich dann aber einen minimalen Grundwortschatz und so fühlte ich mich immer sicherer und unabhängiger.

Die Verständigung und der Kontakt zu den einheimischen Freiwilligen gestaltete sich ziemlich einfach. Es sprachen alle relativ gut Englisch, hatten Erfahrung mit ausländischen Freiwilligen und gaben sich grosse Mühe, dafür zu sorgen, dass wir eine angenehme Zeit hatten. Probleme konnten eigentlich immer angesprochen werden und es wurde auch darauf geachtet, dass sich niemand allzu einsam oder gelangweilt fühlte. Trotzdem kann es ja eigentlich nicht ihre alleinige Aufgabe sein, den Ausländern die Zeit zu vertreiben. Aber meist entsteht die eine oder die andere gute Freundschaft und der „Zeitvertreib“ liegt in gegenseitigem Interesse.

Zu meinen wichtigsten Erfahrungen gehört in erster Linie die simple aber für mich sehr denkwürdige Erkenntnis, dass man sich an alles gewöhnen kann. Man fliegt auf die andere Seite der Welt, passt sich an eine völlig neue Umgebung an und lebt im Grunde einfach weiter, und zwar ein gutes Leben. Trotz der vielen kulturellen Schranken lebt man nach einer gewissen Zeit einen ganz normalen Alltag und findet Beziehungspersonen und gute Freude. In meinem Fall ging es so weit, dass ich irgendwann diesen Blick von aussen verlor und mich oftmals eher als „Einheimische“ denn als Gast oder Touristin verstand.
Etwas vom Schwierigsten war für mich das Nachhausekommen. Ich habe meine „neue Welt“ nur ungern verlassen und hatte Mühe, mich wieder der „Realität“ zu stellen. Ich glaube, eine der grössten Herausforderungen eines solchen MTV’s ist der Versuch, all die neu entwickelten Persönlichkeitsaspekte, Verhaltensweisen, Einstellungen und das Lebensgefühl aus dem Gastland nach hause zu exportieren. Denn wenn man nicht aufpasst unterliegt man  zuhause schneller als man denkt wieder den alten Mustern und Rollen, oder etwa dem Leistungs- und Konsumdenken unserer Gesellschaft.

 

BARBARA HAUENSTEIN