MTV in Indonesien 2010/11
Name: Lara S.
Partnerorganisation: IIWC
Ort: Semarang, Central Java
Einsatzbereich: Assisting Teaching English in the University IKIP PGRI, Semarang
2010/2011
Wenn du dir diesen Erfahrungsbericht durchliest, bist du vielleicht in einer ähnlichen Situation, wie Ich vor einem Jahr; Abi in der Tasche und neugierig auf die Welt. Das Studium konnte warten, denn ich hab mir gedacht, dass der Zeitpunkt um in eine fremde Kultur einzutauchen und sich dabei noch mehrere (im meinem Fall 4,5 ) Monate zu engagieren nie wieder so perfekt sein würde, wie nach der Schule. Eigentlich wollte ich nach Thailand, aber gerade da ging der Bürgerkrieg dort los und ich musste mich nach einem anderen Gastland umschauen. Ich wusste nicht viel über Indonesien, als ich mich für dieses Land entschied. Als ich anfing mich auf den Freiwilligendienst vorzubereiten war ich erstaunt über die Vielfalt, die Größe und die Kultur dieses Landes!!
Pünktlich zum Anfang der Regenzeit ging es Anfang Oktober für mich los. Ich hatte mich dafür entschieden, in einer Universität Englisch zu unterrichten, da ich durch ein Jahr in einer amerikanischen Highschool Vertrauen in meine Englischkenntnisse gewonnen hatte. Außerdem war ich mir zu dieser Zeit nicht sicher, wie gut ich in sozialen Projekten mit Straßenkindern oder Waisen umgehen könnte. Im Nachhinein traue ich mir das nächste Mal auch ein soziales Projekt zu, da ich durch die anderen Freiwilligen in Indonesien und Weekend Work Camps erfahren habe, wie viel Spaß es macht auch mit Kindern aus schwierigen Verhältnissen zu arbeiten.
In Semarang angekommen, habe ich die ersten Tage bei einer Mitarbeiterin der Partnerorganisation IIWC verbracht und auch bei ihr mit im Bett geschlafen, da die Unterkunft, die mir meine Universität zur Verfügung gestellt hat, noch von meinem Vorgänger besetzt war. Als ich eingezogen bin, habe ich es die ersten drei Tage erst mal nicht verlassen, da mich die „Traveller’s Disease“ (Durchfall und Erbrechen im Minutentakt) voll erwicht hat. Danach hat sich mein Magen Gott sei Dank an das neuartige Essen zusammen mit der anderen Hygiene gewöhnt.
Meine ersten Tage in der Uni sahen so aus, dass ich in verschiene Klassen gegangen bin und erst mal erzählen sollte, wer Ich bin, wo Ich herkomme und wie Deutschland so ist (zum Glück hatte ich Bilder aus Deutschland vorbereitet).
Die Studenten waren oftmals nur ein/zwei Jahre jünger als ich und manche sogar älter! Für zukünftige Englischlehrer war Ihr Englischniveau relativ niedrig und es war schwierig sie überhaupt zum Sprechen zu bringen. Die Meisten waren verlegen oder konnten sich einfach nicht gut genug auf Englisch ausdrücken, um auf meine Fragen zu antworten oder sich an Diskussionen zu beteiligen. Bevor Ich nach Indonesien kam, war ich unsicher, was ich als Schülerin, Studenten an einer Uni eigentlich beibringen könnte. Es hat sich aber herausgestellt, dass ich besser Englisch konnte, als viele der Unilehrer.
Eine Ursache für die Unsicherheit mit Englisch ist, dass in vielen Klassen über 55 Studenten sind und selbst bei 100 minütigen Stunden ist es fast unmöglich, dass jeder Student mehr als 1 oder gar 2 mal etwas in Englisch sagen kann. Die meisten Stunden sind so aufgebaut, dass der Lehrer spricht und die Schüler nur passiv zuhören.
In IKIP PGRI ist Englisch aufgeteilt in viele verschiedene Bereiche: Phonology, Writting, Reading, Cross Cultural Studies, Speaking, Integrated Course und noch viele mehr. Anfangs habe ich jede Woche einen anderen Stundenplan gekriegt und manchmal stand ich vorm ersten Semester und sollte „Reading“ unterrichten, in anderen Stunden habe ich versucht Fünftsemestlern etwas über „English Teaching“ zu erzählen.
Die Unregelmäßigkeit und das Wissen, dass ich die Klasse wahrscheinlich nicht wieder unterrichten würde, machte es schwer, effektiv die Studenten zu fördern bzw. Stunden vorzubereiten.
Ich habe mehrmals darum gebeten, einen regelmäßigen Stundenplan zu bekommen, um sinnvoll unterrichten zu können. Der Lehrer, der für mich zuständig war, hat dann kurzerhand seine „Speaking Class“ auf mich übertragen. Von da an war mein Ziel, den Studenten die Hemmung vorm Sprechen zu nehmen und den zukünftigen Englischlehrern neue und kreative Lehrmethoden zu zeigen, bei denen die Schüler aktiv sind. Englisch sprechen macht Spaß!! - Das war mein Motto. Ich habe die Studenten beispielsweise in Gruppen eingeteilt, die über ein Thema gegeneinander argumentieren sollten. Auch mit Liedern oder Sprachspielen haben sie sich getraut, mehr und unverkrampfter Englisch zu sprechen. Leider sind 3 Monate zu kurz, um tatsächlich Resultate zu sehen, aber ich habe positive Rückmeldungen von meinen Studenten gekriegt. Sie waren immer total gespannt, was wir nächste Stunde machen würden. Es war schön zu sehen, wie die Angst vorm Fehler machen dem Spaß an Kommunikation gewichen ist.
Ich habe außerdem die Lehrer der anderen Departments (Naturwissenschaften) in Englisch unterrichtet. Im kleinen Kreis habe ich mit ihnen ganz banal mit Grammatik und Vokabeln angefangen und hier hatte ich das Gefühl, dass es wirklich was gebracht hat!
Darüber hinaus bin ich anfangs einmal wöchentlich zum Englisch Debating Club (EDC) gegangen. Allerdings wussten die Studenten viel mehr übers Debatieren als ich und haben den Club so gut alleine geleitet, dass ich mich ziemlich überflüssig gefühlt habe.
Pro Monat habe ich von der Uni eine Million Rupien (ca.100euro) als Essens- und Transportgeld bekommen. Manche Tage war ich von morgens bis abends in der Uni und an anderen hatte ich ganz frei. Im Allgemeinen hatte ich aber mehr Freizeit, als ich erwartet habe. Damit hatte ich die Gelegenheit viel zu reisen und auch andere Teile des Landes kennen zu lernen.
In meinem Alltag war ich ziemlich auf mich allein gestellt. Ich hab zunächst allein in einem Haus direkt neben der Uni gelebt. Vorteil: kurzer Weg zum Unterricht und zu Essensständen (sogenannten Warungs); Nachteil: ich konnte nicht mal privat zum nächsten Supermarkt gehen, ohne dass ich Studenten begegnet bin. Ich hatte glücklicherweise eine Klimaanlage, ein „normales Klo“ und ein schickes Bett, aber dafür keine Gesellschaft. Nach einem Monat musste ich leider schon umziehen, da mein Gebäude abgerissen wurde um einem größeren Platz zu machen. Von da an hatte ich ein Zimmer in einem guten „Boardinghouse„ auf der anderen Seite der Kreuzung. Dort lebten auch ca. 8 chinesische Mädchen, mit denen ich aber nicht viel zu tun hatte. Drei fünfzehn jährige Dienstmädchen haben täglich meine Wäsche gewaschen und Reis gekocht. Mit ihnen und dem 18-jährigen „Wachmann“ habe ich mich gut verstanden. Sie haben mir Indonesisch und ich Ihnen Englisch beigebracht.
Um mich in der 1,5 Mio. Stadt fortzubewegen, habe ich Angkots genutzt. Das sind kleine orangene Busse, in denen ca. 7 Personen Platz haben und die ständig bestimmte Strecken abfahren. Es gibt keinen Plan oder gar Zeiten, aber irgendwie bin ich überall angekommen, auch wenn man viel Geduld und Vertrauen in die Fahrkünste des Fahrers mitbringen muss. Glücklicherweise war ich nicht weit vom Stadtzentrum und den modernen Malls entfernt.
In Indonesien ist es außerhalb von Bali sehr empfehlenswert Indonesisch zu lernen, da so gut wie niemand mehr als „Hello Mister/Misses“ sagen kann. Die Sprache öffnet viele Türen und ist eine der einfachsten Sprachen überhaupt ohne viel Grammatik.
Die Religion - also der Islam- ist allgegenwärtig. Man wird vom Muezin geweckt, an jeder Ecke steht eine Moschee, es wird 5 mal am Tag gebetet und ca. die Hälfte der Frauen tragen ein Kopftuch. Anfangs war es schon ein wenig komisch, aber wenn man die Sitten kennt und achtet (niemals die Linke Hand reichen!!) kann man sehr gut dort leben und die indonesische Form des Islam entdecken. Gerade in Semarang gibt es auch Kirchen und sogar ein paar Buddhistische Tempel aufgrund der vielen Chinesen, die dort leben. Die Religionen coexistieren hier relativ friedlich nebeneinander und man ist mir nie im Geringsten feindlich begegnet! - Im Gegenteil: als „Weiße“ fühlte ich mich als gern gesehner Gast und man musste mich dran gewöhnen, nach Fotos gefragt zu werden! Manchmal hat es mich schon genervt, wenn ich allein vor die Tür gegangen bin, angestarrt zu werden und auch „Hello Mister, I love you“ fand ich nach dem hundertsten Mal nicht mehr so toll. Allerdings kann ich diese Reaktionen verstehen (viele Indonesier haben noch nie einen „Europäer“ in echt gesehen, sondern nur in Kinofilmen). Ich habe auch gelernt damit umzugehen. Auf der anderen Seite sind die Menschen sehr herzlich und alle haben immer gerne geholfen, wenn ich mal wieder nicht wusste, wie ich wo hin kommen sollte.
Einmal im Monat habe ich mich mit den anderen Freiwilligen (meist Deutsche) und den Mitarbeitern meiner Organisation IIWC getroffen, um zu besprechen, wie es in den Projekten so läuft und um eventuelle Probleme gemeinsam zu lösen. Darüber hinaus haben wir Freiwillige auch oft gemeinsam am Wochenende etwas unternommen. Zum Beispiel sind wir zum Vulkan Bromo und in die Berge zu heißen Quellen gefahren. Bei Weekend Workcamps sind wir zusammen gekommen, um Mangroven zu pflanzen, Bänke für ein Waisenhaus zu bauen, einen Tempel von Vulkanischer Asche zu säubern oder Straßenkindern Hygienemaßnahmen (Händewaschen, Zähneputzen etc.) spielerisch zu vermitteln. Mit fast allen Mitarbeitern der Partnerorganisation hatte ich ein freundschaftliches Verhältnis und wir haben kulturelle Sehenswürdigkeiten in anderen Städten (Solo, Yogyakarta) besucht.
Um Neujahr herum bin ich mit 2 Freunden nach Singapur geflogen, um dort mein Visum zu verlängern und dieser Stadtstaat ist einfach das komplette Gegenteil von Indonesien: so unglaublich sauber, modern und konzentriert.
Nachdem ich mein Projekt beendet habe, habe ich die verbleibende Zeit genutzt um noch ein bisschen in Indonesien herumzureisen - was ich nur empfehlen kann!! Allein zwei Wochen auf Bali, Java’s Nachbarinsel, haben mir wieder eine ganze andere Seite Indonesiens gezeigt und bei mehr als 13.000 Inseln gibt es einiges zu entdecken!
Nun hier im kalten, grauen Februar in Deutschland, erscheint mir Indonesien mit seinen grünen Reisterassen, Bananenbäumen, exotischer Kultur und liebenswürdigen Menschen wie ein Traum. Ich kann immer noch nicht fassen, wie viel gesehen, geschmeckt, gerochen und gefühlt ich habe, von dem ich vorher nicht einmal wusste, dass es existiert! Auch wenn ich vielleicht nicht das Englisch meiner Studenten großartig verbessern konnte, denke ich, sie sind mir und meiner Kultur gegenüber aufgeschlossener geworden und andersherum war es bei mir natürlich genauso. Was ich an kulturellen Eindrücken mit nach Hause nehme, kann ganze Schatzkammern füllen und ich möchte keine missen, die Guten, sowie die Unangenehmen. Materielle Güter rücken in den Hintergrund, wenn man sieht, wie glücklich Indonesier in einer starken Gemeinschaft leben.. Land und Leute sind mir ans Herz gewachsen. Ich vermisse meine Freunde und das tolle, scharfe Essen.







