MTV an der Marie Primary School in Sagala
Bericht über mein MTV und die Teilnahme an zwei Workcamps in Kenia
vom 28.10.2003 bis zum 27.04.2004
1. An welchem MTV und an welchen Workcamps hast Du teilgenommen?
Ich leistete meinen Freiwilligendienst an der Marie Primary School in Sagalla, Kenia und wurde vor Ort von der kenianischen Organisation “KVDA“ betreut. Mein MTV begann Anfang November 2003 und endete Ende Februar 2004. Da im Dezember 2003 Schulferien waren, hatte ich durch den KVDA die Möglichkeit, an einem Workcamp teilzunehmen. Das Workcamp fand zwischen dem 25.11. und dem 21.12.2003 an der Kebaroti Secondary School in Kenia statt. Aufgrund meiner positiven Erfahrungen in diesem Workcamp nahm ich vom 06.04. bis zum 25.04.2004 an einem weiteren Workcamp teil. Dieses war wiederum organisiert vom KVDA und fand an der Lunjre Primary School ebenfalls in Kenia statt.
2. Wie war die Unterbringung?
Während meiner MTV-Monate in dem Dorf Sagalla war ich in einer netten, herzlichen und sehr engagierten und hilfsbereiten Familie untergebracht. Zu der Familie gehören neun Kinder, die mittlerweile aus dem Haus sind, so dass ich das große Schlafzimmer der Töchter die meiste Zeit für mich alleine hatte. Im Vergleich zu anderen Familien im Dorf ist meine Gastfamilie wohlhabend, sie besitzt ein gemauertes Haus mit Wellblechdach, Fensterscheiben und Mö-beln. Elektrizität und fließendes Wasser gibt es dort nicht und gekocht wird mit Feuerholz. Ich war in die täglichen Pflichten im Haushalt wie eine Tochter eingebunden und fühlte mich in meiner Gastfamilie sehr zuhause.
In beiden Workcamps war unsere Unterkunft eine Schule. Wir schliefen in Klassenzimmern auf Isomatten, was ich sehr o.k. fand. In beiden Camps hatten wir leider nachts Ratten in unseren Schlafsäälen, die sich an Speisevorräten labten, Wände hochkletterten, Pulloverärmel auffraßen... Das fand ich extrem ekelig und habe so manche schlaflose Nacht verbracht... Im ersten Workcamp konnten wir zum Glück in einen anderen Raum umziehen, im zweiten Workcamp leider nicht. Gekocht wurde wie überall auf dem Feuer, Waschmöglichkeiten waren ortsüblich und vollkommen o.k.
In meiner Familie in Sagalla lebten gleichzeitig drei weitere Freiwillige (Torsten und Lutz aus Deutschland und der Süd-Koreaner Min-Cheol), die auch an der gleichen Schule wie ich gearbeitet haben. Dass wir zu viert waren, war überwiegend von Vorteil. Zum einen konnten wir so die zeitaufwendige Hausarbeit im Team erledigen. Es war erleichternd, dass wir über unsere Eindrücke und Erfahrungen, sowie kulturelle Missverständnisse, immer reflektieren konnten. Auch für unseren Einsatz an der Grundschule war die Arbeit im Team hilfreich, da ich so ein viel größeres Selbstbewusstsein hatte, da wir in Diskussionen überzeugender waren, da ich nicht immer alleine im Mittelpunkt aller Aufmerksamkeit stand und da zu viert einfach mehr zu schaffen ist als als Einzelperson.
Ein kleiner Nachteil bestand darin, dass wir zu drei Deutschen mehr Deutsch gesprochen haben, als wir eigentlich wollten. Die Integration in die Familie war dadurch vielleicht etwas geringer als sie eigentlich hätte sein können. Insgesamt war ich aber froh, mit den drei anderen Volontären zusammen le-ben und arbeiten zu können.
3. Wie viele TeilnehmerInnen hatten Deine Workcamps?
In den Workcamps bestand unsere Gruppe jeweils aus ca. 20 internationalen Volontären. Das Verhältnis der Geschlechter war beim ersten Camp ungefähr ausgeglichen, bei meinem zweiten Camp haben die Teilnehmerinnen deutlich überwogen. Für die Stimmung in der Gruppe finde ich ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Frauen und Männern besser. Die Unterbringung in den Schlafräumen war nach Geschlechtern getrennt, was ich gut fand.
In meinem ersten Workcamp waren wir deutschen Volontäre zu dritt (Torsten, Lutz und ich), im zweiten Workcamp war ich die einzige deutsche Volontärin. Im ersten Workcamp kamen die TeilnehmerInnen aus Frankreich (4), Kanada (1), Australien (1), England (1), Japan (1), Süd-Korea (1) und der Rest aus Kenia. Im zweiten Workcamp kamen die VolontärInnen aus Italien (2), Süd-Korea (1), Japan (1), Irland (1) und der Rest aus Kenia. Über die Hälfte der TeilnehmerInnen kamen also aus Kenia. Eventuell war das der Grund dafür, dass viel Kisuaheli in der Gruppe gesprochen wurde und das Gruppengefühl nicht so groß war wie bei meinem ersten Camp.
In beiden Camps bestand das Gruppenleiterteam aus einem kenianischen männlichen und einer kenianischen weiblichen Freiwilligen. Das war sehr positiv!
4. War die IJGD-Vorbereitung ausreichend?
Zur Vorbereitung auf mein MTV in Kenia nahm ich im April 2003 an einem IJGD-Vorbereitungsseminar teil. Hier wurde ich zu einer kritischen Auseinandersetzung mit meinen Erwartungen und Vorstellungen über meine Rolle als Volontärin angeregt. Das Seminar hat mir gut gefallen, ich habe dort viel gelernt, bin mit einem viel klareren Bewusstsein für meinen Freiwilligendienst und auch mit vielen hilfreichen Tips nach Kenia geflogen. In Kenia habe ich mich einige Male an Diskussionen im Seminar oder an bestimmte Spiele und Seminareinheiten erinnert, die im Nachhinein sehr wertvoll waren.
In Kenia hatte ich oft das Problem, erklären zu müssen, dass wir Deutschen zwar einen luxuriöseren Lebensstandard haben und mehr Geld verdienen als die Kenianer, dass ich aber trotzdem nicht allen Kindern ihre Schulgebühren finanzieren kann etc. Dieser Konflikt wurde zwar auf dem Seminar thematisiert, trotzdem war ich mir in diesbezüglichen Diskussionen aber oft unsicher. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, sich im Vorbereitungsseminar noch mehr mit seiner eigenen Einstellung zu dieser Frage auseinanderzusetzen?
Im Vorbereitungsseminar war es etwas unbefriedigend, dass die Seminarleitung nur so wenige Informationen zu den verschiedenen Projekten hatte. Mehr Informationen hätten zu mehr Sicherheit und zu einer besseren Atmosphäre im Seminar geführt. Das Gespräch mit Ernest, dem Kenianer, der damals in Leipzig studiert hat und uns auf unserem Seminar Rede und Antwort stand, war sehr, sehr motivierend! Einen Vertreter des Landes zu treffen, der sein Land mit viel Begeisterung dargestellt hat, hat mir Sicherheit gegeben und Ängste genommen!
Insgesamt fand ich die IJGD-Vorbereitung gelungen, differenziert und auch ausreichend!
5. Was waren Deine wichtigsten Erfahrungen im MTV und in den Workcamps? Was hat Dein Aufenthalt in Dir ausgelöst? Hat das Konsequenzen für Dein Leben hier?
Die wichtigste Erfahrung war für mich das Erleben und Mitleben einer sehr fremden Kultur. Das Denken und Fühlen der Menschen in Kenia ist z.T. so anders als meine Art und Weise, die Dinge zu sehen. Wunderschön war es, trotz dieses Andersseins zusammen leben, diskutieren, arbeiten und Spaß haben zu können. Zu einigen Menschen, vor allem zu den Kindern und zu meiner Gastfamilie, ist eine große gefühlsmäßige Nähe entstanden. Mich selbst in einem neuen Umfeld zu beobachten und neu kennenzulernen war interessant. Durch das Erleben von Werten, die in der Kultur meiner Gastfamilie wichtig waren (z.B. starker Glaube, gegenseitiges Helfen, wenig Privates, alles gehört allen, Höflichkeit, Gastfreundschaft, Respekt vor alten Menschen, Toleranz, Durchhaltevermögen, Disziplin), habe ich meine eigenen Grundsätze aus einer anderen Perspektive gesehen und die eine oder andere Priorität in meinem Leben verändert. Die übertriebene Konsumorientierung vieler Deutscher kommt mir nach meinem MTV in Kenia z.B. ziemlich abstoßend vor... Und das krampfhafte Streben nach der Verwirklichung der persönlichen Lebensträume wirkt auch absurd im Kontrast zu den Wünschen, die ein Mensch in einem ke-nianischen Dorf wie Sagalla hat... Wenn wir mit etwas mehr Bescheidenheit die vielen Chancen nutzen würden, die wir hier ohne weiteres haben, anstatt unerreichbaren Idealen hinterher zu eifern, wär´ unser Leben hier in Deutschland nur „halb so schwer“!
Vor allem in den Workcamps habe ich die wichtige Erfahrung gemacht, dass Konflikte und Missverständnisse kaum zu vermeiden sind, wenn so unterschiedliche Menschen aus verschiedenen Kulturen und mit unterschiedlichsten Lebensgeschichten und Interessen zusammen leben wollen. Es wurde immer wieder deutlich, wie wichtig offene und ehrliche Kommunikation, Diskussion und Toleranz sind. Manchmal kam mir das Workcamp vor wie eine „Friedens-Gruppen-Übung“!
Sehr beeindruckend waren für mich auch die übersprühende Motivation, die Begeistgerungsfähigkeit und die Dankbarkeit der SchülerInnen, die ich unterrichtet habe. Die Kinder waren einfach super, und ich habe sie absolut in mein Herz geschlossen!
Sehr interessant war für mich das Bild, das Menschen von mir als Deutsche, als Vertreterin eines westlichen Wohlstandslandes, hatten. Erschreckend waren die z.T. negativen Vorurteile (z.B. bezüglich Rechtsradikalismus) und die idealisierten Vorstellungen von einem Leben in Deutschland. Manchmal war ich in der unangenehmen und traurigen Situation, dass Menschen übertriebenen Respekt vor uns hatten und uns vertraut haben, nur weil wir weiß sind. Oder dass Menschen dachten, wir Weißen könnten das kenianische Essen nicht essen oder auf Luftmatratzen schlafen.
Außerdem wurde mir vor allem in der Arbeit an der Grundschule deutlich, wie geprägt Menschen doch durch ihre kulturelle Sozialisation sind. In unserem MTV hatten wir den Anspruch, dass die LehrerInnen verstehen, warum wir gegen das Schlagen von SchülerInnen sind und dass sie unsere Alternativen akzeptieren. Wir mussten leider die Erfahrung machen, dass die LehrerInnen unsere Einwände nicht verstanden haben und daher auch nichts ändern wollten.
Durch meinen Aufenthalt in Kenia und durch mein Leben mit der Familie und der Dorfgemeinschaft habe ich ein Bewusstsein für die Mentalität und die Probleme der Menschen bekommen, das ich nie durch reines Lesen etc. erhalten hätte. Diese Erfahrung hat mich insgesamt stark in meiner Denk- und Handlungsweise beeinflusst und mich sensibilisiert für die Ungerechtigkeit, mit der die sogenannten „Entwicklungsländer“ ausgebeutet und missbraucht werden. Ich bin motiviert, auch von hier aus noch etwas zu tun, um die Situa-tion der Menschen dort zu verbessern und um sie weniger abhängig zu machen. Auch mit noch so kleinen Schritten von meiner Seite kann so viel bewirkt werden!!!
6. Wie war die Verständigung?
In Sagalla konnte ich mich mit meiner Gastfamilie und mit den LehrerInnen fließend auf Englisch verständigen. Auch die älteren SchülerInnen konnten relativ gut Englisch, zumal auch der Unterricht auf Englisch abläuft. Bei den jüngeren Kindern und den älteren Menschen gab es Verständigungsschwierig-keiten, da ich leider weder Kisuaheli noch Kitaita (die Sprache der Ethnie der Taita) spreche. Im Nachhinein bereue ich es, vor meiner Abreise nicht noch mehr Kisuaheli gelernt zu haben. Meistens war die Verständigung aber trotzdem kein Problem, selbst wenn keine gemeinsame Sprache vorhanden war. Da es in Kenia so viele verschiedene Sprachen gibt, sind die Menschen an Verständigungsschwierigkeiten gewöhnt. Und einen freundlichen spontanen Dolmetscher zu finden ist eigentlich nie ein Problem.
In beiden Workcamps war die offizielle Campsprache Englisch. Treffen mit der Dorfgemeinschaft wurden immer in die Sprache der jeweiligen Ethnie bzw. auf Englisch übersetzt. Da einige CampteilnehmerInnen nicht sicher waren in der englischen Sprache, gab es manchmal kleinere Probleme mit der Verständigung, die mit etwas Geduld aber immer behoben werden konnten.
7. Gab es Konflikte zwischen TeilnehmerInnen und Campleitung?
Große Konflikte gab es in keinem der beiden Workcamps, zumindest nicht von meiner Seite als Teilnehmerin. Die Verantwortung wird in KVDA Camps so gut es geht auf die TeilnehmerInnen aufgeteilt, indem die VolontärInnen sich einteilen in vier Gruppen: kitchen committee, work committee, health committee und entertainment committee. Diese vier Komitees sind dann für ihren Bereich verantwortlich und für die restlichen Freiwilligen Ansprechpartner in Sachen Küche, Arbeit, Gesundheit und Unterhaltung. Die Aufteilung fand ich sehr sinnvoll!
Ein nicht ganz einfaches Thema ist vielleicht die Autorität der Gruppenleitung. Es kam gelegentlich zu Diskussionen, wie streng die Campregeln sein dürfen, was die GruppeneleiterInnen festlegen dürfen und wo die Gruppe und einzelne Personen mitentscheiden dürfen.
8. Hast Du vor Deinem MTV eine Einführung der Partnerorganisation bekommen? Wie sah die aus?
Ja, wir haben zu viert (Torsten, Lutz und ich und Maiumi, eine japanische Volontärin) in Nairobi eine Einführung bekommen. Zusammen mit Mwachofi Godrick, dem Koordinator für Workcamps und MTVs vom KVDA haben wir uns an einem Morgen zusammengesetzt und unsere Erwartungen, Vorstellungen, Ziele etc. diskutiert. Ich fand das Gespräch sehr hilfreich, obwohl ich zuerst dachte, ich sei maßlos überfordert mit den Erwartungen, die die Organisation an mich als Freiwillige stellt. Die Kernaussage dieser Reflexion war vor allem, dass ich auf dem „driver´s seat“ säße. Das hieß, es würde in meinem Projekt niemanden geben, der mir sagt, was genau meine Aufgaben und Ziele sind. Ich bekäme eine Aufgabe, z.B. den Englischunterricht an der Schule, diese Aufgabe diente aber nur als Sprungbrett. Es wäre meine Aufgabe, zu beobachten, wo es Probleme gibt und wie ich mit meinen persönlichen Stärken helfen kann.
Außerdem erzählte Mwachofi uns viele Dinge über die Kultur der Taita, der Ethnie, zu der unsere Gastfamilie gehört. Endlich konnten wir Antworten auf all die Fragen bekommen, die beim Einführungsseminar vom IJGD aufgekommen waren. An dieses Gespräch mit Mwachofi habe ich mich einige Male zurückerinnert und konnte Energie und Sicherheit daraus ziehen.
Außerdem haben wir in Begleitung verschiedener KVDA-Volontäre, die uns alle sehr herzlich und freundlich empfangen haben, einige Stadtviertel von Nairobi besichtigt. Zusammen mit Mwachofi waren wir in dem Slumgebiet „Kibera“ und mit einer Gruppe von KVDA-Mitgliedern waren wir abends in einem Restaurant.
Die Einführung vom KVDA war sehr gut und umfangreich, zumal Mwachofi uns dann noch nach Sagalla, den Ort unseres MTVs begleitete. Die ersten Tage blieb er mit uns vor Ort, um uns der Dorfgemeinschaft und an der Schule vorzustellen und um zu warten, bis wir uns ein wenig eingelebt haben.
9. Wie wurdest Du während Deines MTVs betreut? War das für Dich ausreichend oder hättest Du Dir etwas anderes gewünscht?
Ich bin zusammen mit Lutz und Torsten nach Kenia geflogen, und wir sind am Flughafen von Mwachofi Godrick abgeholt worden. Wir wurden zum KVDA-Büro gebracht, wo wir sehr freundlich empfangen wurden, und später zur Jugendherberge. Der KVDA ist im Laufe der Zeit zu meiner zweiten „Familie“ in Kenia geworden. Da viele Mitglieder dort viel Zeit verbringen, habe ich bei jedem Besuch in Nairobi nette Menschen getroffen, die immer Zeit für mich hatten, sei es für einen Gang zum Markt, zum „immigration office“ oder einfach so zum Quatschen.
Besonders hervorheben möchte ich Mwachofi Godrick, der immer einen riesigen Berg Arbeit hatte, sich aber auch soweit es eben ging, Zeit genommen hat für mich, vor allem, wenn es ein Problem gab oder ich um ein Gespräch mit ihm gebeten habe. Im Laufe meines MTVs ist er auch mehrere Male nach Sagalla gekommen, um bei wichtigen Gesprächen dabei zu sein, um uns den Rücken zu stärken, um uns dort zu verabschieden etc. Ich bin ihm wirklich dankbar für seine fast schon selbstlose Hilfsbereitschaft und seine bewundernswerte Motivation und Energie. Ich habe mich immer sicher und gut von ihm betreut gefühlt.
Außerdem war unser Daddy in Sagalla eine große Hilfe. Er ist auch KVDA-Mitglied und sehr engagiert. Da er in Sagalla ein hohes Ansehen hat, war seine Unterstützung manchmal ziemlich hilfreich. An unserer Schule hatten wir keine bestimmte Betreuungsperson.
Kristien Knieper Mail schreiben