MTV an der Marie Primary School in Sagala
KVDA Projekt 03:
Marie Primary School, P.O. Box 10, Sagala, Kenya
vom 28.Oktober bis zum 1.April 2004
Am Flughafen von Dubai traf ich mich mit Lutz und Kristien, zwei Voluntärs-Kollegen aus dem tiefen Westen der Republik, um unseren gemeinsamen Weiterflug nach Nairobi zu nehmen. Wir hatten uns entschieden, gemeinsam nach Kenya zu reisen und auch gemeinsam im Marie Projekt zu arbeiten. Um es gleich vorweg zu nehmen, es war eine sehr gute Entscheidung. Anfangs hatte ich noch Bedenken, denn ich wollte ja nicht gleich ein deutsches Dorf gründen sondern eher als deutscher in eine kenyanische Community integriert werden, und da muss man schon aufpassen sich nicht durch zu häufiges Deutsch-Reden selbst aus zu schließen. Und gerne, so dachte ich zumindest damals, hätte ich diese Erfahrung auch alleine gemacht. Heute bin ich froh, dass ich sie mit jemandem teilen kann. Denn gemeinsam ist man doch sehr viel energievoller, ideenreicher, kräftiger und kann die anstehende Arbeit teilen, kann über eigenes Handeln reflektieren und hat jemanden an der Seite, der mit dem selben kulturellen Hintergrund auch die persönlichen Probleme in diesen Situationen versteht.
Die Ankunft in Nairobi war sehr gut. Wir wurden vom Flughafen abgeholt und erst mal ins KVDA-Office gebracht. Das Office ist ein kleiner Raum mit einem Tisch, zwei alten Computern und einem großem Balkon im vierten Stock, von dem man gut das ganze hektische Wirr-Warr der Stadt beobachten kann. Der Balkon ist nicht nur Dreh- und Angelpunkt für alle Neuankömmlinge, hier trifft man stetig Voluntäre aus Nairobi und aus anderen Projekten. Hier ist man nicht lange alleine, hat schnell Bekanntschaften und ich hab mich recht flott warm gefühlt mit den Menschen, der Organisation, diesem Balkon und auch der Stadt.
Vielleicht noch kurz erwähnenswert dass ihr bei der Ankunft erst mal den fälligen Betrag für Eueren Aufenthalt zahlen müsst. Deshalb rate ich ordentlich Bargeld mitzunehmen.
Wir blieben letztendlich fünf Tage in der Stadt, hatten eine Einführung über Stadt, KVDA, Projekt, Probleme und Kultur bekommen, uns wurden die Gegensätze der Stadt gezeigt und ausreichend Zeit gegeben, um uns an all das zu gewöhnen und auch gedanklich ganz anzukommen.
Doch dann war der große Tag da und wir brachen früh morgens auf zu unserer Reise nach Sagala. Eine aufregende und lange Busfahrt vorbei an kleinen, runden Lehmhütten, Giraffen und die erste Begegnung mit dem so erstaunlich grünem Hinterland. Ich weiss noch genau, wie ich am Fenster klebte und alles so unglaublich spannend fand.
Am frühen Abend dann endlich Ankunft in Voi. Von hier aus gings weiter mit dem Matatu, doch diese war noch nicht voll und so mussten wir noch einige Zeit verstreichen lassen, bis es weiterging. Mwochofi (KVDA-Koordinator) zeigte uns diese kleine Stadt, welche für die nächsten Monate unser Ziel für Wochenendausflüge war. Ich fands zu Beginn ein wenig ungemütlich, alles war neu und wir erhielten ungewöhnlich viel Aufmerksamkeit. Dazu fand ich mich ein wenig hilflos neben einem schwer angetrunkenem Mann wieder, der scheinbar durch nichts wieder abzuwimmeln war und auch kein Englisch verstand. Und als Mwochofi dann von uns wissen wollte, wie wir den jungen Mann nun vom Alkohol befreien können (schliesslich sind wir ja Sozialpädagogen) , kamen mir wieder Zweifel, ob ich dem ganzen nun gewachsen sei.
Nach zwei Stunden war das Matatu voll (übervoll) und die Fahrt ging weiter, den Besoffenen liessen wir ungeheilt dort. Holterdipolter den Berg hinauf, und wer jemals von den verehrten Lesern diese Strecke auf sich nehmen wird, der wird dann auch meinen Gefühlsmix aus Glück, Freude, Spannung und Staunen über diese Schönheit dieses Flecken Erdes nachempfinden können. Vielleicht lag es auch an dem schönem Licht der untergehenden Abendsonne und vielleicht war ich noch betäubt von all den neuen Eindrücken, aber ich für mich war Sagala in diesem Moment das Paradies. Ich war schwer beeindruckt!
Von der Matatu- Endhaltestelle gings dann noch eine Stunde auf Trampelpfaden den steilen Berg hinauf, mindestens zehn Secondary-Schüler halfen uns mit den Bergen von Gepäck und zeigten uns ihr Verständnis von Gastfreundschaft.
Erleichtert kamen wir dann irgendwann im Dunkeln oben an und ein alter Herr stellte sich uns als unser neuer Papa vor und hies seine Kinder (also uns) herzlich willkommen. Karibu Sagala. Am nächstem Tage gabs dann noch ne kleine Begrüßungsfeier mit traditional dance und Vorstellungsrunden und dann waren wir endgültig angekommen im Projekt.
Die Marie Primary School hat acht relativ kleine Klassen mit bis zu 23 Schülern, dazu noch eine Nursary, was so in etwa einem Vorschulkindergarten gleichkommt. Für jede Klasse gibt es ein Klassenzimmer mit teilweise betoniertem Boden, Fensterläden und eben diesen klassischen Holzbänken.
Das Lehrerzimmer sollte unsere neue Heimat werden und hier war alles etwas chaotisch. Herumfahrende Hefte und Bücher aus vielen jahrzehnten und dazwischen eingetrockneter Mais in Plastikschalen und kaum freie Fläche zum arbeiten. Es gibt dort sieben Lehrer mit denen wir zusammenarbeiten sollten.
Die Lehrer waren jedoch nicht so gut vorbereitet und es dauerte schon seine 3 Tage, bis wir endlich unsere Fächer hatten, in denen wir unterrichten durften. Ich wurde zum Englischlehrer der Klasse sechs erkoren und am Nachmittag zwischen drei und vier war Zeit für Sportspiele oder Deutschunterricht. Die Schüler waren im Übrigen seeeehr wissensdurstig nach Deutschen Liedern und Wörtern.
Wir bekamen Bücher nach denen wir unseren Unterricht aufbauen sollten, was eine gute Hilfe war. Das Unterrichten hat von Anfang an grossen Spaß gemacht und die Kommunikation mit den Schülern war toll. Da die Lehrer den Grossteil der Zeit nicht in den Klassenzimmern verbrachten, sonder versuchten im Staffroom irgendwie fleissig auszusehen, nutzen wir auch diese Nischen um zu unterrichten.
Die ersten Wochen brauchten wir natürlich um das ganze Schulsystem zu verstehen und uns die Arbeit zu suchen. Hierzu benötigt es schon einiges an Eigeninitative, denn niemand wird auf Dich zukommen und Dir klar sagen können, was du hier tun sollst, was wiederum nicht heissen soll, das es nix zu tun gibt. Es gibt nämlich ne Menge, man muss es sich nur suchen.
So vergingen die ersten Wochen und zum Ende des Terms gab es die grossen Prüfungen, bevor es im Dezember in die fünfwöchigen Weihnachtsferien ging.
Die Durchfallquote der Prüfungen war enorm hoch (mind. 90%) und bevor wir uns in die Ferien verabschiedeten, baten wir um eine kleine Auswertung der ersten gemeinsamen Arbeitszeit. Hierbei hatten wir auch einiges kritisches zum Lehrerverhalten loszuwerden, denn einen Lehrer in den Klassen zum Unterricht zu sehen war schon äusserst selten. Manchmal kamen die Lehrer auch erst zwei Stunden später mit dem Schlüssel des Staffrooms einmarschiert, indem sämtliche Lehrmaterialien der Schule eingeschlossen sind. Und dann war da noch das Thema des Schlagens, das zwar staatlich streng verboten aber leider in einigen ländlichen Regionen des Landes noch als gängige Methode gilt, welches wir zum ersten mal sanft ansprachen. Es wurde viel diskutiert, ausgetauscht und letztendlich Besserung nach den Ferien versprochen und somit gingen wir zufrieden in die Ferien (die wir irgendwie auch schon nötig hatten).
KVDA hat uns für diese Zeit die Teilnahme an einem Workcamp angeboten. Dieses fand in der westlichen Ecke des Landes bei Migori statt. Die Aufgabe war es Briks zu machen und einen Klassenraum zu bauen. Vor Ort war dann eine Gruppe von internationalen Voluntären aus 9 Ländern und es war unglaublich schön, diese internationale Energie zu spüren. Morgens wurde gearbeitet, abends diskutiert, gespielt, gefeiert und um das Lagerfeuer getanzt. Die lokale Community war auch mit eingebunden, half beim arbeiten und lehrte uns derren Tänze, Essen und Jagdmethoden. An den Wochenenden organisierten wir gemeinsame Ausflüge nach Kisumu und in den phantastischen Masaai- Mara und als das Workcamp zu Ende ging, hatten wir viele neue Freunde in Kenya und auf dem Rest der Welt.
Das MTV mit einem Workcamp zu verbinden kann ich nur wärmstens empfehlen, vor allem wenn ihr selbst noch ein wenig unsicher seid. Ihr könnt Euch zunächst innerhalb der Gruppe an das Land und die neue Situation gewöhnen, knüpft viele Kontakte und habt eine super Zeit und Erfahrung. KVDA bietet fast jeden Monat Camps an, vor allem in den Ferienmonaten April, Juli, August und Dezember sind sie hoch frequentiert.
Zurück nach Sagala. Nach den Weihnachtsfestlichkeiten kamen wir noch in den Geschmack, an einer großen kenianischen Dreitageshochzeit teilzunehmen, bevor wir uns gespannt mit den angekündigten Veränderungen an der Marie-Primary auseinandersetzten.
Tatsächlich waren die Lehrer zu Beginn ein wenig motivierter, doch die Motivation hielt nicht lange an. Wir versuchten über eine gute Beziehung an die Lehrer heranzukommen und sie so erreichen zu können. Wir luden sie zu einem aufwendig inszeniertem deutschem Cultural Day ein, an dem wir sie bekochten und viel interessantes zu berichten hatten. Eine andere Aktion war das 1.Marie-Fußballturnier, welches wir organisierten. Wir konnten die Lehrer davon überzeugen aktiv mitzuspielen, in den gemischten Mannschaften (Lehrer, Mädchen, Jungs und Voluntäre) und es war eine gelungene Aktion. Fussballtore wurden gebaut und auch ein Basketballfeld. Wir strukturierten unsere Nachmittage, boten regelmässig eine Theatergruppe an, mit der wir Prinzessin Kunigunde inszenierten. Ausserdem gab´s noch den sogenannten Language-Club und den Sport-Club. Oft waren wir dann an den Nachmittagen ganz auf uns gestellt mit den vielen Kindern und fanden uns etwas alleine gelassen vor.
Da die Situation mit den Lehrern sich nicht besserte, auch die Schüler hinter unserem Rücken mit den Rohrstöcken weitergeschlagen wurden und auch die Präsenz der Lehrer in den Stunden nicht wirklich besser wurde, luden wir wieder einmal zur Diskussion.
Gemeinsam mit ihnen erarbeiteten wir ein sogenanntes Guidance and Councelling- Programm, in dem wir nach alternativen Methoden suchten, die Kinder zu bestrafen. Nach den schlechten Ergebnissen in den Prüfungen stimmten dann auch alle Lehrer zu, sich in gewissen Punkten verändern zu wollen und stimmten auch unseren Ausführungen zum Thema „Kinder schlagen“ zu. Wir waren hoch erfreut im Glauben, etwas hier im Sinne der Kinder getan zu haben. Letzt endlich wurde aber doch weitergeschlagen und es ging den Lehrer oft nur darum, sich vor uns irgendwie gut zu verkaufen. Wir haben es weitert versucht, durch Gespräche den Lehrer Alternativen zu bieten und ihnen unsere Sichtweise zu erklären, haben die Kinder und teilweise auch Eltern über ihre Rechte aufgeklärt und letzt endlich auch den Education Officer eingeschaltet, welche sehr kompetent sind und so etwas wie eine Schulaufsichtsbehörde darstellen. Die weiteren Diskussionen klangen immer sehr gut, die Lehrer zeigten sich immer aufgeschlossen unseren Argumenten und meinten das Schlagen umgehend aufhören zu wollen, doch ihre Handlungen haben dem umgehend wiedersprochen.
Das Thema wurde ein wenig zum dem Thema, mit dem wir nach Aussen hin wahrgenommen wurden. Nicht alle waren davon begeistert, aber von der Community und unseren Eltern haben wir in der Regel Bestärkung bekommen. Unsere Zeit war dann irgendwann vollends abgelaufen und wir verabschiedeten uns zunächst für einen Monat, in dem wir auf Reise gingen. Es wurde eine grosse Abschiedsfeier geplant, die stattfinden sollte wenn wir wiederkommen. Doch ist während unserer Abwesenheit noch einiges passiert, was das sowiso schon gespannte Verhältnis zwischen Community und Lehrerkollegium hoch kochen lies:
Ein Mädchen wurde mit dem Stock in das Gesicht geschlagen, woraufhin es das Bewusstsein verlor und ins Krankenhaus gebracht wurde. Die Eltern kamen um sich zu beschweren, doch mit dem Bezahlen der Krankenhausrechnung konnten die Wogen nochmal geglätet werden. Hinzu kam noch das ein Lehrer, der ohnehin schon bekannt für seine freitägliche Sauftouren ist, sich bei einer solchen Tour in einer Prügelei wiedergefunden hat, wo sich dann einige Zähne gelockerthaben. Daraufhin konnte er Wochen nicht in die Schule kommen, und in einer kleinen, christlichen Gemeinde wie Sagala macht so etwas schnell die Runde und ist nicht besonders angesehen.
Die Lehrer machten uns daraufhin verantwortlich für das schlechte Ansehen der Lehrer innerhalb der Gemeinde und beschloss daraufhin, uns die Abschiedsfeier abzusagen. Dies wiederum brachte die Community dann endgültig in Aktion, denn sie hatten eine andere Vorstellung davon unsere Arbeit zu würdigen und auch ihre Gäste zu verabschieden. Kurzerhand wurde ein Meeting einberufen und eine Abschiedsfeier ohne die Lehrer organisiert. Die Feier war letztendlich sehr, sehr schön und wie warmer Balsam nach all den Enttäuschungen zuvor. Wir führten noch einmal unser Theaterstück auf, es wurde gesungen, getantzt und Reden geschwungen. Die Stimmung war ein wenig provokativ und die Communitymitglieder, sie hielten wilde Reden und hegten Pläne, die Lehrer nun versetzen.
Es war ein langer, schöner letzter Tag für uns in Sagala und die Trennung vor allem von den Schülern war nicht leicht. Beschenkt wurden wir noch mit Briefen und Andenken und wir liessen das Versprechen da, wieder zu kommen. Und das muss ich auch unbedingt machen.
Für uns war es eine sehr komische Situation. Natürlich wollten wir nicht von Sagala gehen und diesen Zwist hinterlassen. Doch auf der anderen Seite zeigte es sich uns, das sich etwas in Bewegung setzte und es nun die Community von Sagala in der Hand hat, daraus etwas zu machen. Die Probleme sind offensichtlich und eingefahren und eine Veränderung wäre in meinen Augen dringend notwendig, wenn man die Qualität der Schule verbessern möchte.
Ich fühle mich noch schwer verbunden mit den Menschen dort, und bin echt dankbar für all die Wärme, die mir entgegengebracht wurde. Wir wurden toll aufgenommen und waren eigentlich überall willkommen, haben die meisten der Schüler auch daheim besucht (nur weiterzuempfehlen). Auch in unserer Familie war es zwar richtig anstrengend, aber es war unser zu Hause. Wir waren gleichberechtigte Familienmitglieder, hatten Eltern, Schwestern und Brüder. Es wurde zwar auch viel erwartet von uns, denn wir mussten viel arbeiten im Haushalt und im Garten, doch dafür hatten wir eine richtige Familie und somit eine Nest zum Kraft tanken, in dem uns unsere Eltern auch immer kräftig unterstützt haben.
Falls sich ein Voluntär nun dazu entschliessen sollte, sein Projekt in Sagala zu wählen (was mich überaus freuen würde), vergesst bitte nicht all diese lieben Menschen dort von mir herzlich zu grüssen!
Für weiter Fragen zu Sagala, Marie oder allgemeiner Art mailt mich bitte an (kamaumau(at)web.de) , würde mich wirklich freuen jemanden von Euch weiterhelfen zu können!
Ansonsten ist auch KVDA ein einigermasen schneller und zuverlässiger Ansprechpartner!
Torsten Volker




