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MTV in Kirasha

Von Kälte, Kohl und Kindern – Ein Bericht aus Kenia

Am 14.Juli 2004 wurde es endlich ernst mit dem Abenteuer Kenia. Nach einer schlaflosen, hektischen, Rucksack-pack-Nacht ging es morgens um 5.00Uhr zum letzten Mal für die nächsten 3 Monate zur Tür hinaus. Ich hatte nicht die geringste Ahnung wohin ich mich von meiner Wohnung verabschiedet hatte, ich wusste nur, ich gehe nach Kenia und arbeite in einem Projekt...und dass es dort recht kühl werden könnte, hatte man mir gesagt. Das mit der Kälte hatte ich nicht besonders ernst genommen, denn immerhin ging es ja nach Afrika, dem Kontinent mit vielen Wüsten, Stränden und Menschen mit schwarzer Hautfarbe! Den Schlafsack hatte ich glücklicherweise doch eingepackt, aber dazu später mehr.

Jetzt ging es erst mal los. Aufgrund meiner Müdigkeit war der Flug nicht besonders angenehm und als ich landete war es schon 20.00 Uhr und damit dunkel im äquatorialen Kenia. Somit sah ich dann nicht einmal wie der Ort aussah, an dem ich angekommen war. Am Flughafen in Nairobi war ich, nach der anstrengenden Nacht und dem Tag, sehr froh das Schild „KVDA“ zu sehen, das zusammen mit einer kleinen KVDA-Delegation (die kenianische Organisation: Kenya Voluntary Development Association) in der Ankunftshalle auf mich wartete. Das hatte schon mal geklappt (ich hatte 2 Tage vorher noch angerufen, um zu sagen wann ich ankomme, sehr zu empfehlen!). Ich wurde dann zum YMCA-Hostel gefahren, wo ich völlig erschöpft in einen tiefen Schlaf unter dem Moskitonetz gefallen bin.

Am nächsten Morgen wachte ich zum ersten Mal gegen 6.00 Uhr vom Lautsprechergebet aus der nahegelegenen Moschee auf. Draußen hörte ich seltsame Vogelschreie und als ich mich gegen 9.00 Uhr auf den Weg zum Frühstück machte, bewegte ich mich sehr vorsichtig und aufmerksam, um nicht auf irgendetwas zu treten oder angefallen zu werden. Aber ich erreichte sicher die Cafeteria und aß mein erstes Cooked Breakfast auf afrikanischem Boden. Kurze Zeit später saß ich dann im Auto nach Nairobi ins Büro von KVDA und so sah ich zum ersten Mal wo ich gelandet war. Nairobi war ungefähr so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Chaotisch, laut, stickig und viele viele Menschen. Leute, die an der Straße entlang liefen, Leute die versuchten etwas wie Zeitungen oder sonstiges an roten Ampeln zu verkaufen und viele Leute die einfach im Gras herumlagen und schliefen („Idlers“). Bei KVDA angekommen, gab es erstmal einen Tee zur Begrüßung, eine kleine Orientierung zum Projekt und zu meinem Glück traf ich eine Volontärin aus meinem Projekt in Kirasha, die mir noch detailliertere Informationen geben und mich ein wenig durch Nairobis Business-District führen konnte.

Am zweiten Tag traf ich dann unerwartet meinen zukünftigen Gastbruder im Büro, der gekommen war, um mich abzuholen. So kam es dann, dass ich mich an meinem zweiten Tag in Kenia auf einmal mitten in Nairobis Downtown-Market hinter einem Verkaufsstand wiederfand, denn mein Gastbruder wollte eine Freundin von ihm besuchen, die dort arbeitete. War ein sehr komisches Gefühl, denn Mzungus (so werden „Weiße“ in Kiswahili genannt) kommen normalerweise nicht mal zum Einkaufen hierher und sitzen schon gar nicht hinter einem Verkaufstisch, weswegen ich dann auch nicht unbeobachtet blieb. Nachmittags fuhren wir dann zusammen mit dem Vorsitzenden unseres Projektes mit dem Matatu [(meist alter, rostiger) Nissan-/Toyotabus] raus aus Nairobi Richtung Hochland, denn der Projektort Kirasha liegt auf ca 2.700m Höhe. Ausserhalb von Nairobi dachte ich zunächst, wir kommen an den Slums vorbei, so sah es zumindest für mich aus, aber wie sich später herausgestellt hat, waren es nur „normale“ Vorortbretterbuden (später sah ich dann selbst den Unterschied).

Am Zielort empfingen uns schon die anderen Volontärinnen, die auch beruhigenderweise die erste Nacht zusammen mit mir bei meiner neuen Gastfamilie schliefen. Nicht, dass die Familie zum fürchten gewesen wäre –im Gegenteil-, aber es war beruhigend erst einmal im Beisein schon erfahrener Volontäre alles kennenzulernen. Das Essen war erstaunlich „normal“, denn es gab Reis, Kohl und Kartoffeln...und Selfservice, was sehr angenehm war, denn später kämpfte ich täglich mit den Portionen, die ich bekam. Ich hatte mir anderes Essen vorgestellt, war jedoch sehr beruhigt. Den ersten Abend und Morgen hatte ich erstmal Schwierigkeiten mich zurechtzufinden, denn um zu wissen wie man die Toilette -ein Loch im Boden- benutzt, sich die Zähne putzt oder morgens Wasser zum waschen bekommt, muss man sich zunächst durchfragen und ist etwas hilflos. Aber nachdem man alles einmal gezeigt bekommen hat ist es einfach und man gewöhnt sich schnell daran.

In der ersten Nacht teilte ich mir das Bett mit meinem Gastbruder und spürte dann auch gleich warum man mich vor der Kälte gewarnt hatte. Ich brauchte meinen Schlafsack plus zwei Decken, um nicht zu frieren. Ab der zweiten Nacht hatte ich dann auch mein eigenes Bett, da die Besucher wieder weg waren, wobei ich gemerkt habe, dass ein Bett teilen zwar unbequemer, aber doch wärmer ist.

Nachdem ich dann Sonntag sofort mit in der Kirche singen und tanzen war, ging es Montag endlich zum Projekt. Der Projektort Kirasha war vom Haus meiner Familie etwa 50 Minuten zu Fuss oder 25 Minuten mit dem Fahrrad entfernt. Das Projekt war ein Rehabilitation Center für Flüchtlinge, die vor einiger Zeit innerhalb von Kenia bei ethnischen Spannungen von ihrem Land vertrieben wurden und jetzt im Hochland ohne Land zu besitzen durchkommen müssen. Denn ohne Land lässt es sich in Kenia, wie überhaupt in vielen afrikanischen Ländern, nur schlecht überleben. Die Felder sind normalerweise sowohl Einkommensquelle, als auch Nahrungsversorgung.

In unserem Center gab es eine Standard 1-Klasse (erste Klasse Primary School) und eine Nursery-Klasse (so etwas wie Vorschulkindergarten). Ziel war es die Kinder, die noch keinen Platz in öffentlichen Schulen gefunden hatten, auf die Schule so gut es ging vorzubereiten. Dabei halfen wir (insgesamt 4 Volontäre) zum Beispiel durch Vertretung der Lehrer oder durch singen einfacher Lieder auf Englisch mit den Kindern in den Pausen. Ausserdem halfen wir ab und zu unserem „Handwerker“ beim Bau unseres Administration-Blocks. Mittags nach der Schule gab es für unsere Kinder –insgesamt etwa 140- Essen: Bohnen und Mais jeden Tag! Wenn die Eltern nicht kamen, mussten wir uns auch mal um das Essen kümmern, was aber eher seltener vorkam. Das war allerdings mehr oder weniger das Alltagsgeschehen und nicht wirklich die Hilfe für die wir 8000 KM gereist waren. Wir wollten auch längerfristig etwas bewirken und so machten wir uns Gedanken, wie das möglich wäre.

Es gab bereits Pläne für eine Erweiterung des Projekts um einen Workshop für Jugendliche, die sich die Secondary Education nicht leisten können. Dort sollten dann verschiedene Fertigkeiten wie Schneidern, Tischlern oder Waldarbeit vermittelt werden. Für die teilweise Finanzierung planten wir eine Spenden-Fahrradtour für 5 Tage durch das kenianische Hochland, was wir Anfang Oktober dann auch realisierten. Um das Projekt etwas professioneller und seriöser zu präsentieren bekamen wir Unterstützung von 2 ehemaligen Volontärinnen, die eine Homepage für das Projekt erstellten (www.kamaechildrencenter.com). Zur längerfristigen Finanzierung des Projektes starteten wir ein Feldanbau-Programm. Denn Land gab es schon länger von der Regierung, jedoch kein Geld um Saatgut zu kaufen.

Als ich Mitte Oktober das Projekt verlassen habe, waren also alle Voraussetzungen geschaffen, dass sich das Center bald selbst versorgen kann und endlich unabhängig von Spenden ist. Auch unser Workshop-Programm ist Anfang Oktober gestartet, mit ca 20 Jugendlichen und einer noch etwas dürftigen Ausstattung, aber immerhin ging es los.
Man kann also in den 3 Monaten etwas bewegen, wenn man sich engagiert und ein Projekt findet, das sich entwickeln lässt. Es hängt sehr viel vom persönlichen Einsatz und selbständiger Arbeit ab, ob man in der kurzen Zeit etwas erreichen kann. Ich persönlich bin sehr froh, dass ich ein sinnvolles Projekt gefunden habe und Hilfe zur Selbsthilfe, so gut es eben ging, leisten konnte. Denn darauf kommt es meiner Meinung nach an. Den Leuten soll geholfen werden, sich selbst zu helfen, was sinn- und würdevoller ist, als sie mehr oder weniger abhängig von Spendengeldern zu halten. Neben dem Projekt habe ich jede Menge liebenswerter Menschen kennengelernt, eine neue Familie gefunden und viele interessante Erfahrungen gemacht, die es auf jeden Fall wert waren, so weit zu reisen.