MTV in Kenia 2009
Organisation: KVDA
Projekt: Bena Academy (Kuria, Kenia)
Inhaltliche Ausrichtung: Teaching
Zeitpunkt: September bis November 2009
Dauer: 3 Monate
Es war im Sommer 2008 als mir klar wurde, dass ich mit meinem Sonderpädagogik-Studium bereits im April 2009 fertig werden und dann fast ein ganzes Jahr frei haben würde, ehe im Februar 2010 das Referendariat beginnen würde. Was tun in dieser Zeit? Für längere Zeit ins Ausland zu gehen und dort als Volunteer zu arbeiten war schon immer etwas gewesen, das mich sehr gereizt hat, da man so die Menschen und ihre Kultur ganz anders kennen lernt als wenn man nur für ein paar Wochen als Tourist von einer Jugendherberge zur nächsten wandert immer auf der Suche nach der nächsten Touristenattraktion, vor der man sich fotografieren kann. Nach endlosen Internetrecherchen, konfrontiert mit der schier endlosen Auswahl an Projekten, die von verschiedensten Organisationen angeboten werden und die einen in alle Teile der Welt bringen können, entschied ich mich gegen ein sechsmonatiges Projekt und für zwei „kleinere“ dreimonatige Projekte, eines davon das von ijgd angebotene Teaching-Projekt „Bena Academy“ in Kenia.
Am 30. August 2009 stand ich dann abends um halb zehn (kenianische Ortszeit) mit meinem riesigen Reiserucksack – zum größten Teil voller Dinge, die afrikanischen Schülern meiner Ansicht nach Freude bereiten könnten – in Nairobi auf dem Flughafen und hielt Ausschau nach einem Schild mit meinem Namen in der unüberschaubaren Masse schwarzer Gesichter, die einen anstarren – und ansprechen – sobald man in die Ankunftshalle kommt (und natürlich kennen alle KVDA und wissen, wo sie einen hinbringen können). Mein großes Problem: Ich hatte die Kontaktnummern Zuhause vergessen und konnte somit niemanden kontaktieren, um mir sagen zu lassen, welcher der vielen „hilfsbereiten“ Menschen nun derjenige war, der mich tatsächlich abholen sollte. Im Endeffekt wandte ich mich an eine vertrauenserweckend aussehende Dame, die in der Ankunftshalle in einem Büro für Safaris arbeitete und fragte sie, ob sie mir vielleicht die Nummer des KVDA-Offices im Internet heraussuchen könne. Der junge Mann, der mich schließlich abholte, konnte mir zwar nicht meinen Nachnamen nennen (meine routinemäßige Frage, um herauszufinden, ob diese Person wirklich ein Mitarbeiter von KVDA war), setzte mich aber zu seinen beiden Schwestern ins Auto (was schon mal mehr Vertrauen weckt als wenn man mit einem jungen Mann allein durch eine wildfremde Stadt in einem wildfremden Land fährt) und brachte mich zu einem Hostel.
Die kommenden „Orientierungstage“ sollten nicht weniger chaotisch verlaufen. Im Grunde verbrachten wir die meiste Zeit mit Warten (und das nicht nur eine, sondern im Extremfall wirklich drei Stunden oder gar umsonst): Warten auf einen KVDA-Mitarbeiter, der uns von unserem Hostel zum KVDA-Office bringen würde, warten auf einen KVDA-Mitarbeiter, der uns Informationen über unsere Projekte, die Gastfamilien, in denen wir untergebracht sein würden, oder einfach nur über das Programm der nächsten Tage informieren würde. Schließlich ging es dann endlich los zu unseren Projekten.
Mit nicht mehr als einer Telefonnummer auf einem Zettelchen und dem Namen meiner Vertrauensperson für die kommenden drei Monate saß ich nach vier Tagen Nairobi in einem typisch afrikanischen und daher ziemlich vollgestopften Überlandbus nach Kuria, einer unglaublich grünen und hügeligen Landschaft am Victoriasee an der Grenze zu Tansania. Meine Bedenken, ich könne mich in meinem Projekt und in meiner Gastfamilie nicht wohlfühlen (die aufkamen, als man mir mitteilte, ich sei die einige und zudem erste Freiwillige in der Bena Academy) verflüchtigten sich bereits am ersten Abend, als ich nach sechs ermüdenden Stunden Bus- und anschließenden eineinhalb Stunden Taxifahrt von meinem Gastvater und Manager der Bena Academy abgeholt wurde und mein Abendessen beim Schein zweier Petroliumlampen im Kreis seiner großen Familie zu mir nahm. Natürlich konnte ich mir die Namen all seiner acht Kinder zunächst nicht merken (dunkelhäutige Menschen gleichen sich ja auch wirklich zunächst wie ein Ei dem anderen und wenn man ihnen dann auch noch im Halbdunkeln vorgestellt wird, hat man keine Chance – sie denken übrigens das Gleiche über uns Weiße), aber die Atmosphäre war vom ersten Moment an sehr gut und man plauderte entspannt über Gott und die Welt.
Nach einem Wochenende, das mir half, meine Gastfamilie näher kennen zu lernen (zumindest die christlichen Namen meiner Gastbrüder und -schwestern hatte ich danach gelernt, die afrikanischen Namen zu lernen dauerte etwas länger), und auch die in der Nachbarschaft lebenden Verwandtschaft, war am Montag auch gleich mein erster Schultag und ich bekam meinen Stundenplan für die nächsten drei Monate: Englischunterricht in den Klassen 3 bis 7, drei Schulstunden täglich, Anwesenheit für die Lehrer (theoretisch!) von halb 9Uhr bis 16Uhr (war aber meistens echt nett mit den Lehrern zu reden, die gerade nicht im Unterricht waren, und es gab tatsächlich oft Tage, in denen ich viel für meinen Unterricht vorzubereiten oder Hefte zu korrigieren hatte und die Zeit echt brauchte), Unterrichtsinhalt... durfte ich mir selbst überlegen.
Im Endeffekt kann man den Inhalt meines Unterricht während der kommenden drei Monate am Besten mit „Story telling“ und „Storybook reading“ beschreiben. Mit den mitgebrachten farbigen Papieren und Buntstiften aus Deutschland durfte jeder Schüler zunächst eine Titelseite für sein persönliches Storybook gestalten (welchen Schülern kann man mit so etwas in Deutschland solch eine Freude machen?!) und im Unterricht drehte sich dann sehr viel um meine mitgebrachten Bücher mit kleinen Geschichten (auf englisch), aber auch ums Erzählen persönlicher Erlebnisse durch das Schreiben von Aufsätzen oder von Briefen an mich oder die Mitschüler.
Insgesamt betrachtet hatte ich den Eindruck, dass den Schülern mein Unterricht durchaus etwas gebracht hat, doch es war den meisten von ihnen durchaus bewusst, dass nichts von alledem im Examen abgeprüft werden würde. So hatte ich einige Male den Gedanken, es wäre besser, prüfungsrelevanten Stoff aus dem Lehrplan zu unterrichten, doch es hat natürlich auch seine Vorteile, niemandem Rechenschaft schuldig zu sein. Der Unterricht steht und fällt jedoch zweifellos mit der eigenen Motivation und mit der Anzahl an Ideen, die man hat, eine Unterrichtsstunde interessant zu gestalten. Als in meinem zweiten und dritten Monat in Kuria zwei französische Volunteers in meine Gastfamilie und in die Bena Academy kamen, merkte ich, dass diese Dinge nichts selbstverständliches sind und dass es sehr unterschiedliche Ansichten von einem Freiwilligendienst gibt, wobei die Skala hierbei von völliger Hingabe an ein Projekt bis hin zum Akzeptieren des Projektes als Notwenigkeit um eine Unterkunft zu haben und dann so viel wie möglich herumreisen, reicht (Platzierungen dazwischen sind hierbei natürlich selbstverständlich möglich und auch ich habe es natürlich sehr genossen, auch einmal andere Gegenden außerhalb von Kuria kennen zu lernen).
Auch wenn ich zunächst das fast einwöchige Vorbereitungstreffen (dummerweise auch noch während der Zeit meiner Examensprüfungen) als eher unnötig empfand, wurde mir während dieser Tage bewusst, wie wichtig es doch ist, sich über bestimmte Themen schon im Vorfeld Gedanken zu machen und sich darauf mental vorzubereiten. Obwohl man dann vor Ort seinen eigenen Weg natürlich noch einmal neu finden muss, ist man nicht völlig vor den Kopf gestoßen, wenn man beispielsweise auf dem Weg von der Schule nach Hause von einer älteren Frau begrüßt wird, nach ein paar freundlichen Worten sogleich für das Wochenende in ihr Haus eingeladen wird, um ihre Familie kennen zu lernen, und es dann im nächsten Satz auch schon heißt: „But if you don’t have time to visit me then you can just send some money.“ Aha! Als ich diese Begegnung meinem Gastvater schilderte und ihm sagte, dass man in solch einer Situation ja eigentlich nicht unhöflich sein möchte (vor allem nicht gegenüber einer älteren Frau) war seine Reaktion ein herzliches Lachen und der Vorschlag, ich solle solche Leute doch einfach an ihn verweisen, dann würden sie es sich zweimal überlegen, ob sie so etwas fragen. Am Ende meiner drei Monate hatte ich meinen Weg gefunden, auch ohne Verweis auf meinen Gastvater solche Situationen zu meistern. An einem meiner letzten Tage in Kuria schloss sich mir ein junger Mann auf meinem Weg an und versuchte, mich in ein Gespräch zu verwickeln. Er erzählte mir, woher er komme und dass ich ihn unbedingt einmal besuchen müsse. Als ich ihm erklärte, ich werde übermorgen abreisen, fragte er, ob ich denn irgendwann wiederkommen würde und was ich ihm dann aus Deutschland mitbringen würde. Statt betroffen und verärgert auf solch eine im Grunde unverschämte Forderung zu reagieren, reagierte ich mit einem Lachen und der Gegenfrage, warum ich ihm denn etwas mitbringen solle, wo ich ihn doch gerade mal fünf Minuten kenne. Direkte Antworten auf direkte Fragen sind etwas, was uns Deutschen schwer fällt. In Deutschland wollen unsere Mitmenschen auch teilweise sehr viel von uns, doch man verpackt es geschickter, gebraucht zum Beispiel sehr viele Konjunktive („Könntest du mir vielleicht...“, „Würdest du eventuell...“). Und wenn man auf solch eine Frage eine (negative) Antwort gibt, ist es üblich, dies ebenfalls durch die Blume zu sagen, um den anderen nicht zu verletzen. Wenn mich die Lehrer in der Bena Academy um ein bisschen Kleingeld baten (meist nur 20 Cent, aber als Weißer hat man ja immer das Gefühl – ob gerechtfertigt oder nicht sei einmal dahingestellt –, dass alle etwas von einem haben wollen und so ist man immer sehr vorsichtig), pflegte ich zum Beispiel zu antworten, sie sollten mir erst einmal einen Goldesel schenken und dann könne ich ihnen so viel Geld geben wie sie wollten. Gegen Ende meiner drei Monate stellte sich heraus, dass sie oftmals ein klares „Nein“ bevorzugt hätten, da sie sich durch den Verweis auf den „moneydonkey“ nicht ernst genommen fühlten. <//span><//span><//span><//span>
Ich habe keine einzige Sekunde bereut, die vergangenen Monate in Kenia verbracht zu haben. Ich bin mir bewusst, dass ich es mit meiner Gastfamilie wirklich sehr gut getroffen hatte und dass das keine Selbstverständlichkeit ist. Viele andere Volunteers erzählten, dass sie gemerkt haben, wie wichtig es ist in solch einer Situation „Weiße“ um sich zu haben, um sich über Erlebnisse austauschen zu können. Die Situation ändert sich definitiv, wenn man „Weiße“ um sich herum hat, mit denen man über die täglichen Geschehnisse sprechen kann – wenn ich mit meiner Gastfamilie über bestimmte Dinge geredet habe war das selbstverständlich anders als wenn ich später mit den beiden französischen Volunteers geredet habe, die mit mir ab dem zweiten Monat zusammen gelebt haben. Ich hatte allerdings das Gefühl, dass ich mich durch das Gespräch mit ihnen, distanziere, dass man über die Menschen redet und weniger mit ihnen, dass man mehr bewertet, mehr kritisiert, statt es einfach als Teil einer anderen Kultur zu akzeptieren und zu versuchen, sich auch einmal ein bisschen anzupassen, es zumindest ein Stück weit zu versuchen.
Geändert hat sich meine Einstellung zum Leben in Deutschland nicht wirklich. Doch es gibt sehr viele Situationen, in denen mir bewusst wird, wie anders mein Leben hier in Deutschland ist und in diesen Momenten würde ich sehr gern mit dem einen oder anderen aus Kenia sprechen, ihm meine Welt zeigen, um darüber reden zu können, so wie er mir seine Welt gezeigt hat und wie wir über die seine geredet haben. Und dann wird mir bewusst wie ungerecht es doch ist, dass es für uns soviel einfacher ist, mal eben kurz nach Afrika zu fliegen, und wie viel schwerer es für sie ist, nach Europa zu kommen.




