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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV in Kenia 2009

Mehr als Theater
Von Julia D
KVDA – Kenya Voluntary Development Association
Newstar Drama Group Kenya in Kisii
Schauspiel, individuelle Mitarbeit z.B. Regie eines Stücks über Umweltschutz, Hilfe beim Casting, Theaterarbeit mit SchülerInnen
August 2009 bis Januar 2010

Auch ich wollte nach dem Abi nach Afrika. Vor ein paar Jahren habe ich schon an einem Schüleraustausch mit Südafrika teilgenommen. Um nach einem kurzen Tunesienurlaub noch das „richtige“ Afrika kennenzulernen und mein Englisch wieder aufzufrischen, habe ich mich für Kenia entschieden. Das etwas Kiswahili das ich vorher schon von Freunden und durch Bücher gelernt hatte, konnte ich eindeutig verbessern, auch wenn ich nur einfache Unterhaltungen führen kann. Die sechs Monate, wovon ich drei ohne meinen Freund verbracht habe, waren eine gute Zeit um genug kennenzulernen. Meine Wahl fiel auf die Newstar Drama Group, weil die Gruppe herumreist und sich viel mit Menschenrechten, Umweltschutz und sozialen Problemen wie Aids und Korruption beschäftigt. Über solche Themen zu informieren ist mir wichtiger als auf der Bühne zu stehen. Ich bin keine professionelle Schauspielerin und habe in den letzten Jahren nur in einer Straßentheatergruppe mitgemacht. Auch wenn das Community Theatre, in dem Probleme der Gesellschaft thematisiert und gelöst werden sollen, während ich in Kenia war, wegen zu geringem Einkommen so nicht durchgeführt werden konnte, habe ich viel gelernt, gelacht und nachgedacht. 


Als ich in Nairobi angekommen bin, folgte gleich die erste Herausforderung und zwar hat der, der uns vom Flughafen hätte abholen sollen, verschlafen. Natürlich gab es trotzdem viele, die versucht haben, mich in ihr Taxi zu locken. Zum Glück war im gleichen Flug Tine, eine Dänin, die auch von KVDA abgeholt werden sollte. Ein Mann hat sogar, als er gehört hat, dass wir auf jemanden von KVDA warten, das extra auf ein Pappschild geschrieben, aber nachdem er nicht unsere Namen wusste, haben wir gewusst, dass er nicht der Richtige war … Mit meiner deutschen Simkarte konnte ich nicht telefonieren, dafür ging es von Tines Handy aus. Nachdem wir ein paar Nummern, die wir uns extra notiert hatten, ausprobiert haben, hat irgendwann jemand abgehoben. Circa zwei Stunden nach unserer Ankunft wurden wir dann abgeholt und ins YMCA-Hostel gebracht. Für die Verspätung haben sich dann auch noch ein paar im KVDA-Office entschuldigt. Im Hostel waren noch andere, die über KVDA bei Workcamps oder anderem mitgemacht haben. Ihre Erfahrungen waren gemischt und haben mich zum Grübeln gebracht.


Es gab einen sehr netten alten Rasta, der mich für KVDA über Kenia informiert und mir die Stadt inkl. Slums gezeigt hat. Der Spaziergang durchs Slum war von den Reaktionen der Menschen her angenehmer als die Stadt, die ich wegen der Überlaufenheit und dem Dreck eh nicht mag. Im Slum wurde ich nie von jemandem nach etwas gefragt, was sicherlich auch an meiner Begleitung gelegen hat. Kindern und Müttern habe ich sowieso nie Geld gegeben, einzelnen Straßenkindern haben wir manchmal was zu essen oder Milch gekauft oder uns mit ihnen unterhalten. Das haben wir auch manchmal mit den Händlern an den Busabfahrtsplätzen gemacht. Da man manchmal eine ganze Weile warten muss, bis so ein Matatu (Minibus) abfährt, kommen etliche Leute am Fenster vorbei, die einem irgendwas verkaufen wollen. Bei Manchen hilft es leider nicht, sie zu ignorieren, doch die Unterhaltungen waren oft lustig. Aber dass die meisten Slumbewohner trotz ihrer materiellen Armut und der fiesen Tatsache, dass gleich nebenan ein großer Golfplatz liegt, so glücklich sind, fand ich sehr beeindruckend.
In Nairobi wurde mir von KVDA versichert, meine Gastfamilie wüsste, dass ich Vegetarierin bin, was aber dann doch nicht der Fall war. Das war zwar nicht schlimm, weil meine Familie überhaupt sehr offen war und es sowieso nicht oft Fleisch gab, aber es wäre trotzdem gut gewesen, wenn sie es gewusst hätten, weil es in Kenia üblich ist zum Gastempfang etwas mit Fleisch zuzubereiten. V.a. bei der Vorhochzeitsfeier einer Nichte, bei der ich und mein Freund, der auch Vegetarier ist, dabei waren, hat man aber schon gemerkt, dass der Fleischverzicht nicht wirklich akzeptiert wird. So sollten wir mit ein paar Anderen zum Essen an einen Platz, der durch Vorhänge abgeschottet war.
Meine Gastfamilie war total nett, offen, hilfsbereit und ich habe mich bei ihnen sehr wohl gefühlt. Die drei Kinder haben mich im Gegensatz zu den meisten Kindern auf der Straße nie nach Geld gefragt und v.a. der Jüngste hat viel mit mir gespielt. Er ist vier oder fünf Jahre alt (so genau weiß man das selten) und hat mir viel beigebracht und seine Umarmungen haben mir viel Kraft gegeben. Der 8- und die 10-Jährige waren etwas schüchterner und haben mehr mit ihren Freunden gespielt, aber waren auch nett und interessiert. Mit diesen Dreien und teilweise auch noch der Cousine, die während den Ferien da war, hab ich mir drei Monate lang ein Zimmer geteilt, das kaum größer als das Hochbett war. Ich hatte aber eine Matratze für mich und außer zum Schlafen waren sie sowieso kaum im Zimmer. Es gab auch noch ein Haus- bzw. Kindermädchen, das mir viel Arbeit erspart hat, weil sie oft meine Wäsche mit gewaschen hat. Das war v.a. während dem Monat, in dem wir fast jeden Tag von ungefähr 5 bis 22h für Auftritte unterwegs waren, entlastend. Da ich es eigentlich nicht gut finde, sich so bedienen zu lassen, habe ich aber versucht ihr immer wieder mal eine Freude zu machen. Auch wenn ich mich mit ihr nicht viel unterhalten konnte, weil weder ihr Englisch oder Kiswahili sehr gut waren, noch ich Kenntnisse in ihrer Muttersprache hatte. Doch ihre Lebensfreude war sehr erfrischend. Die Gastmutter war auch sehr freundlich, auch wenn ich mal das Gefühl hatte, sie denkt auch, ich hätte Geld für alles. Was aber auch davon kommen kann, dass ich so manches gekauft habe, v.a. weil wir für das zusätzliche Zimmer, das wir dann gemietet haben als mein Freund kam, zumindest ein bisschen was besorgen mussten und der übliche Jiko – ein kleiner Kohleofen – während den auftrittsvollen Wochen zu umständlich war. Deswegen haben wir eine Zeit lang einen Gaskocher benutzt. Und obwohl mein Gastvater auch der Director der Gruppe ist und schon mit dem Fernsehen zusammen gearbeitet hat, hatte meine Familie nicht viel Geld, weil sie das Meiste für die Gruppe ausgeben. Caleb, mein Gastvater, lebt für seine Theaterarbeit. Die Gruppe ist Mitglied der International Drama/Theatre Education Association, weswegen sie seit Ende 2008 ein eigenes internationales Austauschprogramm anbieten. Ich war bis jetzt die einzige Freiwillige bzw. International Artiste, wie sie es nennen, weil für Caleb das Wort Volunteer zu wenig ist. So war ich mit den anderen ein vollwertiges Mitglied der Gruppe, jeder und jede konnte Vorschläge einbringen. Auch wenn Calebs Redelust dazu führt, dass seine „Reden“ eindeutig länger dauerten als alle anderen Beiträge. Und da es in Ostafrika heißt, Gutes kann nicht oft genug gesagt werden, habe ich mir so manches einprägen können. Die ersten vier Wochen wurde ich über die Gruppe und das Umfeld informiert. Als Teil des interkulturellen Austausches habe ich ein paar Seiten über mein Wissen und meine Erfahrungen zu Theater in Europa und später zu Unterschieden der Kulturen v.a. bzgl. der Jugend geschrieben und vorgestellt. Die anderen SchauspielerInnen waren alle KenianerInnen zwischen 18 und ca. 30 Jahren. Da nach den Auftritten im 3rd term, dem letzten Schuljahresdrittel, zwei SchauspielerInnen weggezogen sind und einer rausgeschmissen wurde (weil er wiederholt u.a. wegen Alkohol unzuverlässig war), gab es im Dezember in zwei Städten Castings für Nachwuchsschauspieler. Die meiste Zeit beanspruchten die Proben und Auftritte in High Schools. Wir hatten drei englische und zwei kiswahili Stücke und eine Zusammenstellung von kiswahili Kurzgeschichten im Angebot, wovon wir an jedem Tag, an dem wir einen Auftritt hatten, drei gezeigt haben. Ich hatte keine Hauptrolle und in den beiden kiswahili Stücken sowieso nur sehr wenige Sätze. Aber das hat mir auch gereicht und die Wartezeit backstage hab ich oft damit verbracht, bei den Hintergrundgeräuschen zu helfen oder kaputte Kostüme zu flicken. Da wir manchmal weit fahren mussten, sind wir oft früh aufgestanden und spät heimgekommen. Doch ich habe es genossen, die Landschaft an mir vorbeifliegen zu sehen, wenn wir nicht grade mal unser Matatu anschieben mussten, weil manche Schulen nur über sehr schlechte Straßen erreichbar waren. Auch wenn es viele KenianerInnen ungewohnt fanden, dass ich weder Fleisch, noch Schmuck, Schminke, Lederhandtasche, noch Coca-Cola-Produkte mag, hatten wir viele interessante und witzige Gespräche. Mit Caleb konnte ich mich auch viel über Politik und Kultur unterhalten. Nach den Auftritten haben wir noch SchülerInnen einer Primary School angeleitet und ich konnte ihnen ein paar Aufwärmspiele zeigen. Außerdem habe ich ein Musical übersetzt. Dann haben wir es mit ein paar der Schauspieler angepasst und in einer Primary School nach ein paar Sketchen gezeigt. Ein paar dieser Sketche hatten wir auch schon mal bei einer Marathonveranstaltung und einer Abschlussfeier aufgeführt. Das Musical war dann zwar weniger musikalisch, aber die Kinder fanden es immer spannend überhaupt Weiße zu sehen. Ansonsten war noch geplant einen Film über Aids zu drehen, was wir dann aber verschieben mussten. Auch die Arbeit an einem Kulturmagazin hat sich etwas verzögert, aber langweilig war uns nie, weil wir uns u.a. viel unterhalten haben. Teilweise habe ich mit meiner Familie auch noch auf ihrer kleinen Mais-Shamba (einem Feld) gearbeitet. Bei der Ernte dabei zu sein und alle handgemachten Arbeitsschritte mitzubekommen, war sehr interessant. Die ganze Arbeit lohnt sich auch, weil das selbstgemachte Maismehl (man kann die trockenen Körner dann in einer Mühle mahlen lassen) günstiger und besser als das aus dem Supermarkt ist. Zum Glück gab es zumindest in Kisii, der Stadt in der wir die meiste Zeit verbracht haben, ein vegetarisches Restaurant. (In den anderen Städten sind die zwar etwas teureren indischen, aber meist sehr leckeren Restaurants zu empfehlen.) Auch wenn es häufig bei mir so war, dass nur ca. ein Drittel dessen was auf der Speisekarte steht, dann auch wirklich grade angeboten wird, konnten wir dort lecker Chapati mit Bohnen-Sojaschnetzel-Mischung für ca.50 Cent essen. Auch in meiner Gastfamilie haben wir die Sojaschnetzel erfolgreich eingeführt, die nicht nur gesünder, sondern auch billiger sind. Da es in Kisii fast jeden Tag am Nachmittag ca. eine Stunde lang regnet, war es immer grün und Obst ist sehr günstig. Aufgrund der immer wieder vorkommenden Verspätungen mancher Mitglieder haben wir zwar manchmal erst um 16 Uhr Mittag gegessen, aber zum Einen gibt es an jeder Straßenecke Mandazi (Fettgebackenes) oder Erdnüsse und zum Anderen konnte ich den kurzweiligen Hunger auch leicht vergessen. An Festtagen wie bei dem der Vorhochzeit oder an Weihnachten gibt es dafür oft zu viel. So hatten wir an Heilig Abend zum Frühstück erst mal gar nichts außer Chai bis wir zu den Großeltern eingeladen wurden, die für uns etwas von ihrem wenigen Reis zubereitet haben. Das war sehr bewegend. Danach ging es in die Kirche, wo wir ca. drei Stunden auf den Beginn des Gottesdienstes gewartet haben und der dann noch mal ungefähr so lange gedauert hat. So gab es um vier oder halb fünf Mittagessen (Reis mit Bohnen und Chai) und nachdem ich dann auch noch zwei Abendessen bekommen habe, musste ich in der Nacht wieder etwas davon loswerden. Außer diesem Erbrechen, zweimal kurzem Durchfall und zwei Blasenentzündungen (die wahrscheinlich von den zwei Schwimmbadbesuchen kamen) war ich aber bis dahin nie richtig krank.
An freien Wochenenden und v.a. im Januar sind wir herumgereist. Nach Kisumu, Nakuru, in den Lake Nakuru National Park, zum Woofen auf die schöne Mfangano Island im Victoriasee, in den Kakamega Forest, nachdem wir beim Casting in Kakamega Town geholfen haben und um Weihnachten nach Western. Dann ging es weiter nach Mombasa, wo wir am Silvesterabend vergeblich eine Reggae-Beachparty gesucht haben und wo uns am nächsten Tag die teure Kamera aus dem Zimmer geklaut wurde. Vom touristenverseuchten Diani Beach, schnell über einen Umweg ins Elephant Sanctuary bei Kwale, weiter ins ruhige Lamu. Von der Küste haben wir nach Nairobi den wackligen Zug genommen und sind danach zum Marketing nach Eldoret und Kitale, dann an den Lake Baringo wo ich mir Malaria geholt habe. Deswegen waren wir dann noch drei Tage im Krankenhaus in Nakuru, wo ich unter den Nebenwirkungen von Chinin gelitten habe, welches ein Malariamittel ist. Zu guter Letzt sind wir dann nicht in die Massai Mara, sondern in den Nairobi National Park, wo wir kurz nach Sonnenaufgang Löwinnen und Giraffen von ganz nahe gesehen haben.

Insgesamt hatte ich eine sehr schöne Zeit in Kenia und war vor allem mit meinem Projekt und meiner Gastfamilie sehr zufrieden. Mit der Betreuung seitens KVDA war ich nicht immer zufrieden, da zum einen in meinem Fall Informationen anscheinend nicht weitergegeben wurden und ich mir persönlich mehr Kontakt gewünscht hätte. So wusste mein Gastvater, der auch Leiter vom Newstar ist, vor meiner Ankunft mein Alter nicht und damit auch nicht, ob ich nicht zu alt war für das mit den Kindern geteilte Hochbett und auch wusste er nicht, dass ich Vegetarierin bin. Auch wurden meinen Gasteltern falsche Informationen bezüglich meines monatlichen Beitrages gegeben. Des Weiteren hat sich KVDA in den fünf Monaten Freiwilligendienst vier Mal gemeldet, welches ich persönlich als zu wenig empfand.