MTV in Kenia 2009
Vicki Abresch
KVDA - Kenya Voluntary Development Association
Jora Women Group in Jora, Kenia
Income Generating Projects z.B. Ziegenzucht, Pilzanbau; Teaching
Januar-April 2009
4 Monate
Nach dem Abitur im Sommer 2008 entschied ich mich, nicht sofort mit dem Studium zu beginnen. Ich wollte etwas von der Welt sehen, nicht alltägliche Erfahrungen machen und zudem Einblicke in die Arbeit der Entwicklungshilfe und ein Entwicklungsland selbst gewinnen. Besonders Afrika hat mich sehr interessiert, also fuhr ich im November zum Vorbereitungsseminar. Allgemein wurde ich hier gut vorbereitet, allerdings habe ich kaum etwas über die einzelnen Projekte erfahren können, insofern war es mehr ein zufällige Entscheidung für die Jora Women Group in Kenia.
Anfang Januar ging es auch schon los. Ich flog nach Nairobi und wurde dort nachts am Flughafen von einem Fahrer von KVDA abgeholt. Er brachte mich in eine Jugendherberge, in der ich am nächsten Morgen auch eine Teilnehmerin wiedertraf, die ich schon vom Vorbereitungsseminar aus Deutschland kannte. In einer Dreiergruppe - ein Mädchen aus Wales war noch mit dabei - wurden wir morgens abgeholt und ins Büro von KVDA im Stadtzentrum Nairobis gebracht. Zwei Tage lang fand dort unsere Einführung statt, bevor wir in unsere Projekte gebracht wurden. Die Vorbereitung bei KVDA war gut, die Mitarbeiter waren freundlich und hilfsbereit. Besonders gut gefallen hat mir ein Besuch in einem der größten Slums Afrikas - in Kibera. Obwohl ich zunächst wirklich ängstlich war und natürlich geschockt und ernüchtert von den Lebensverhältnissen im Slum, war dieser Besuch ein tolles und prägendes Erlebnis, das ich unbedingt weiterempfehle.
Nach diesen zwei Tagen in Nairobi ging es für zwei von uns mit einem Mitarbeiter von KVDA in Richtung Küste, wo unsere Projekte lagen; die Dritte blieb in einem Projekt in Nairobi. Die Busfahrt war spannend, wir kamen durch den Tsavo National Park und konnten so einige Tiere aus dem Bus heraussehen. Nach ca. 6 Stunden Fahrt kamen wir in Voi an, einer Stadt an der Nairobi-Mombasa-Strecke, in der wir uns trennten. Wir wurden nun also in unsere individuellen Projekte begleitet; Jora liegt noch 1-3 Stunden (je nachdem wie oft das Matatu halten muss) von Voi entfernt. Als wir schließlich in dem kleinen Dorf ankamen, war es schon dunkel (so gegen 19.00 Uhr). Der Empfang war aber nicht weniger herzlich, viele Mitglieder der Frauengruppe waren gekommen, um mich willkommen zu heißen. Es war unbeschreiblich, es wurde gesungen und getanzt, alle wollten mich umarmen und persönlich begrüßen. Ich war vollkommen überwältigt. Es war schön und gleichzeitig so fremd.
An diesem Abend wurde ich schon in meine Gastfamilie gebracht. Bei dieser Familie lebte ich die ganzen vier Monate über. Sie bestand aus meiner Mao (Taita, die lokale Sprache, für Mutter), dem Vater, meiner Gastschwester und ihrer Tochter, drei Söhnen und dem Nesthäckchen Grace. Zusätzlich lebten erwachsene Söhne der Familie in Mombasa – auch sie habe ich zweimal besucht – und die dreizehnjährige Betty in der Familie des Onkels ebenfalls in Jora. Es war also eine richtige afrikanische Mehrgenerationenfamilie. Alle waren sehr freundlich zu mir, ich hatte ein eigenes, abschließbares Zimmer, habe aber ansonsten den Alltag der Familie geteilt. Besonders meine Gastschwester war mir eine große Stütze und Freundin, mit der ich auch immer noch in Kontakt stehe. Im Großen und Ganzen lief mein Aufenthalt in der Familie konfliktfrei ab, allerdings musste ich mir meine Freiheit ein wenig erkämpfen. Meine Gastmutter war recht streng und hatte gewisse Vorstellungen, mit wem ich Zeit zu verbringen habe und mit wem nicht. Nach einem klärenden Gespräch konnten diese Probleme aber gelöst werden. Hoch anrechnen muss ich meiner Mao (und dem halben Dorf) auch die große Fürsorge, die sie mir entgegengebracht hat, als ich krank war. Ich hatte wohl verunreinigtes Wasser getrunken und musste nach Voi zum Arzt, der mir Antibiotikum verschrieb; danach ging es mir aber schnell wieder besser.
Ich war die einzige Freiwillige weit und breit, was einerseits toll war, weil mir so gesagt keine andere Wahl blieb, als mir Anschluss unter den Locals zu suchen und ich somit enge Kontakte knüpfen konnte, auf der anderen Seite fiel es mir persönlich allerdings schwer, alleine etwas im Projekt zu initiieren. Natürlich konnte ich in schon bestehenden Projekten mitarbeiten. Leider waren einige Projekte, wie der Pilzanbau, der von World Vision gefördert wird, und die Ziegenzucht, von der großen Wasserknappheit zu der Zeit in der Gegend betroffen und somit gelegentlich schwer umzusetzen. Mittlerweile soll es allerdings in der Gegend geregnet haben und somit hoffe ich, dass sich die Probleme lösen werden. Vielversprechend und nachhaltig war zudem ein Projekt, in dem Hygieneartikel für Frauen hergestellt wurden. Die Frauen nähten wiederbenutzbare Damenbinden, da die herkömmlichen wegwerfbaren Alwaysbinden sehr teuer sind. Anfänglich war die Handhabung der fußbetriebenen Nähmaschinen nicht ganz einfach, aber schließlich hat mir die Mitarbeit in der Gruppe gut gefallen. Die Idee der Nachhaltigkeit und die Tatsache, dass die Frauen dadurch sich selbst und anderen kenianischen Frauen helfen, fand ich bemerkenswert. Das Korbflechten ist ein in der Gegend weitverbreitetes Handwerk, das so gut wie jede Frau beherrscht. Natürlich habe auch ich versucht, einen „Kiondo“ zu flechten und habe großes Lob geerntet für den ersten Versuch. Die Frauen brauchen lediglich einen Absatzmarkt und könnten somit ihr Einkommen erheblich aufbessern; ich bin mir sicher, dass gerade Touristen bereit wären, einiges dafür zu zahlen.
In der Grundschule habe ich anfangs einige Englischstunden gegeben, allerdings war die Verständigung nicht einfach, selbst die älteren Schüler konnten nur schlecht Englisch sprechen und das gestaltete den Unterricht mühsam. Weiterhin hatte ich zunehmend das Gefühl, dass einige Lehrer meine übernommenen Stunden für ihre private Freizeit nutzten anstatt sich zum Beispiel auf weitere Stunden vorzubereiten. Deshalb und aus dem Grund, dass ich ja eigentlich nach Jora gefahren bin, um der Frauengruppe zu helfen, habe ich das Unterrichten bald eingestellt. „Privat“ habe ich meinem Gastbruder und den zwei Nachbarskindern Nachhilfe gegeben und dem Kleinsten der Familie , ein eifriges Kerlchen, in Englisch geholfen. Sehr interessant und auch sinnvoll fand ich Stunden, in denen die achte Klasse und ich zusammen mit ihrem Lehrer über Unterschiede zwischen Deutschland und Kenia gesprochen haben. Es wurden nicht nur für die Schüler, sondern auch für mich viele interessante Unterschiede deutlich.
Nach einiger Zeit habe ich zugegebenermaßen immer weniger gearbeitet, was neben den umweltbedingten Schwierigkeiten bei meinem Hauptprojekt (dem Pilzanbau), hauptsächlich daran lag, dass in diese Zeit viele Hochzeiten und auch Beerdigungen fielen, an deren Vorbereitungen ich mitgeholfen oder einfach teilgenommen habe. Wenn jemand aus der Dorfgemeinschaft stirbt oder heiratet, geht das Leben nicht einfach so weiter, sondern ein paar Tage wird getrauert oder gefeiert, es muss viel vorbereitet werden, man ist für die Familien der Betroffenen da, unterstützt sie, wo es eben geht. In dieser Zeit bleiben dann Alltagsaufgaben auch mal liegen. Dadurch habe ich zwar weniger bei der Arbeit helfen können, andererseits konnte ich so viele Einblicke in die kenianische Kultur gewinnen, zu denen wohl nur wenige Freiwillige die Chance bekommen.
Jeder, der sich überlegt, in ein Projekt wie in Jora zu gehen, sollte sich darüber im Klaren sein, wie sich das ländliche Kenia vom städtischen unterscheidet. Ich habe mich damals ganz bewusst für eine sehr abseits gelegene Gegend entschieden. Ich sah es als Herausforderungen und habe es nicht bereut. Es gab weder Strom noch Handyempfang, ein Supermarkt war ebenfalls erst in Rukanga, dem Nachbardorf, das zu Fuß ca. 45 min entfernt lag. Internet, Restaurants und bessere Einkaufsmöglichkeiten befanden sich erst wieder in Voi; meistens hatte ich am Wochenende die Möglichkeit, dort Emails zu schreiben oder Einkäufe zu machen. Wasser musste zu Fuß oder mit dem Fahrrad einige Kilometer entfernt geholt werden, das erledigten meist die Jungs der Familie. Die Häuser bestehen aus Lehm, es gibt keine Fußböden, die Dächer sind aus Wellblech, man muss sich an Kakerlaken und anderes Kriechgetier gewöhnen. Es ist eine arme Gegend. Das Leben hier ist schwierig, die Menschen sind ungebildet. Die Ältesten sprechen gar kein Englisch, haben nie eine Schule besucht, die Jüngeren können sich verständigen, notfalls mit Händen und Füßen. Es gibt viele junge, ledige Mütter, die bei ihren Familien wohnen. Es gibt die klassischen sozialen Probleme und Problemfälle: Alkoholsucht der Väter, Perspektivenlosigkeit der Jugendlichen, Überforderung der Mütter…Es kann frustrierend sein. Aber es gibt so viele positive Seiten, wie Lebensfreude, Temperament, die Fähigkeit, das Beste aus einer schwierigen Situation zu machen, Gastfreude, Hoffnung…Eine vielleicht endlose Liste, die einem in schlimmen Zeiten hilft, nicht völlig Schwarz zu sehen. Ich denke, dass einige Monate in einem Dorf wie Jora einem Facetten Kenias oder generell Afrikas zeigen, mit denen man in Nairobi eher weniger konfrontiert wird. Ich sah das immer als Vorteil.
Ein weiterer wichtiger Lichtblick ist außerdem die britische Stiftung „African Promise“. Gegründet wurde sie von Charles Coldman, einem 24jährigen Engländer, der nach einem Freiwilligendienst in die Gegend zurück gekehrt ist und nun auch dort wohnt und es sich zur Aufgabe gemacht hat, die Grundschulen in der Gegend zu verbessern. Auch in meinen vier Monaten Aufenthalt hat sich viel getan und mit Charles konnte man das ein oder andere Problem bereden.
Neben den vielen positiven, musste ich allerdings mit KVDA auch ein paar nicht so erfreuliche Erfahrungen machen. Nach der anfänglichen Hilfsbereitschaft hat das Engagement der Organisation abgenommen. Zwar hatte ich keine Probleme in Jora, dennoch hatte KVDA regelmäßige Besuche versprochen. Nur einmal zum Abschlussfest kam der Projektkoordinator in mein Projekt. Vielleicht hat es daran gelegen, dass es eine weite Reise nach Nairobi ist, aber ich hätte mir da ein wenig mehr Engagement gewünscht. Auch intern schien es einige Unstimmigkeiten zwischen den KVDA-Mitgliedern und der Geschäftsleitung bezüglich der Transparenz der Entscheidungen und Finanzen gegeben zu haben; ein weiteres großes Problem in Kenia, von dem aber mit Sicherheit nicht nur KVDA betroffen ist. Traurig aber wahr, in dieser Hinsicht steht Kenia seinem eigenen Fortschritt oft genug selbst im Weg.
Nach meinen vier Monaten im Projekt habe ich noch weitere 2 ½ Monate in Kenia verbracht. Schon während meiner Zeit im MTV konnte ich Nairobi und Mombasa besuchen, da war die Frauengruppe glücklicherweise sehr flexibel, doch in den nächsten Monaten konnte ich die beiden Städte noch besser kennenlernen und ein wenig die touristischen Attraktionen genießen. Das waren zusätzlich schöne Erfahrungen.
Abschließend kann ich sagen, dass sich die Zeit in Kenia für mich persönlich absolut gelohnt hat und ich es jederzeit weiterempfehlen würde, da ich neues Selbstbewusstsein und Selbstständigkeit gewinnen konnte, ich habe wichtige Erfahrungen gemacht, die ich fast allen Menschen in meinem Bekanntenkreis voraushabe, ich konnte meinen Horizont erweitern und neue Freundschaften knüpfen.
Es war nicht alles perfekt, manchmal hatte ich Heimweh oder war gefrustet, aber ich habe es nicht nur überlebt, sondern es hat mich stärker, mutiger und weltoffener gemacht. Ich werde Jora nie vergessen!





