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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV in Kenia

Name: Derya B.
PO: CIVS
Einsatzstelle: Kipepeo Community Based Program, Western Kenya
Tätigkeitsfelder: Teaching, Straßenkinder, Computerkurse, Microfinance, Aids-Awareness-Projects
Zeitraum: Januar-April 2011
Dauer: 4 Monate

Bevor ich anfange zu studieren, will ich erst mal was erleben. Die Welt sehen und einfach mal was ganz anderes machen. Interessant und sinnvoll soll es auch sein – das stand für mich nach dem Abi fest. Also, anstatt mich in überfüllte Hörsäle zu setzen oder unbezahlte Praktika zu machen, bin ich dem ganzen Stress und der Bequemlichkeit entflohen, und zwar nach Kenia!
Warum ich mir genau Kenia ausgesucht habe, weiß ich nicht. Aber meine Intuition hat mich keinesfalls getäuscht, denn dieses Land hat mich vom ersten Tag an umgehauen. Da ich kein ganzes Jahr weg wollte und mir das Projekt selbst aussuchen, stand die Entscheidung für ein MTV mit ijgd schnell fest. Man ist einfach flexibel und muss sich nicht auf ein Jahr festlegen, oder sich einem Projekt zuweisen lassen.
So stürzte ich mich nach Silvester 2010/2011 also ins Abenteuer Afrika! Es war furchtbar schwer, meine Freunde und Familie zurückzulassen und natürlich hatte ich Angst vor dem, was mich erwarten würde. Man hört so viel von Krankheiten, hygienischen Bedingungen und Verständigungsschwierigkeiten. Aber im Nachhinein kann ich dazu nur sagen: Es ist alles halb so schlimm und selbst, wenn es mal Probleme gibt und nicht alles so sauber und durchgeplant ist, wie Zuhause: Der Charme dieses Landes und die Arbeit mit den Menschen macht das alles wett!
In Nairobi angekommen blieb mir Gott sei Dank wenig Zeit, über Heimweh nachzudenken, denn ich wurde vom Flughafen abgeholt und in eine Gastfamilie gebracht, bei der ich für die Zeit meiner Orientierungswoche untergebracht war. Mit mir zusammen fingen noch einige andere Freiwillige aus Deutschland, Finnland, Amerika und Frankreich ihr MTV an. In den ersten drei Tagen erhielten wir eine Art Orientation, wobei ich das meiste schon aus dem ijgd-Vorbereitungsseminar kannte. Viel hilfreicher war das Workcamp, das wir alle zusammen machten, bevor wir in unsere Projekte kamen. Nach der ersten Woche Nairobi ging es also für uns 7 internationale und 4 kenianische Volunteers in den Westen Kenias. Wir hatten keine Ahnung, was uns erwarten würde, denn Informationen gab es eher weniger. Also wir also im „Dschungel“ angekommen waren, traf uns alle erst mal der Schlag…oder besser der Kulturschock. In einem kleinen Dorf, etwa 30km von Kisumu entfernt, sollten wir in einem Bio-Gardening Projekt arbeiten, in Lehmhütten leben, zwischen Bananenblättern duschen und auf Feuerholz kochen. Am Anfang schien das alles unmöglich, aber schon nach ein paar Stunden hatten wir den Schock überwunden. Im Nachhinein kann ich nur sagen, es war viel besser, diesen ersten Kulturschock gemeinsam mit anderen Freiwilligen zu erleben, mit denen man sich austauschen konnte, und die einen verstehen konnten. Das Workcamp war eine tolle Zeit und eine gute Möglichkeit sich auf die Zeit im Projekt einzustellen.
Nachdem wir also drei Wochen im Workcamp waren, wurde es ernst: Wir kamen in unsere Einsatzstellen. Meine war ganz in der Nähe des Workcamps, also kannte ich die Umgebung und die Volksgruppe der Luyahs schon. Trotzdem fiel es mir am Anfang schwer, so ganz alleine in meine neue Gastfamilie zu kommen. Außerdem hatte ich vorher nicht gewusst, dass ich in einer so abgelegenen Gegend landen würde. Meine Gastfamilie bestand aus meiner Gastmutter, Gastvater, Gastschwester, Gastneffe und meinen Gastbruder Julius, der auch gleichzeitig einer meiner Einsatzstellenleiter war. Sofort wurde ich herzlich empfangen, wobei es am Anfang trotzdem komisch war dieser Familie gegenüberzustehen, die noch die einen weißen Menschen bei sich wohnen hatten und mit denen man jetzt die nächsten drei Monate zusammen leben sollte. Aus diesem Grund war ich auch sehr froh darüber, dass noch zwei andere Mädchen aus England in meiner Gastfamilie untergebracht waren. Die Unterbringung war in einer der drei Lehmhäuser. Wir teilten uns zu dritt ein Zimmer. Die Dusche war eine kleine Kabine aus Holz und Planen und jeden Morgen kochte unsere Gastmutter Wasser für uns zum Duschen. Das Klo war eine kleine Lehmhütte mit einem Loch. Am Anfang hat es mich immer viel Überwindung gekostet da rein zu gehen, aber irgendwann gewöhnt man sich daran und glücklicherweise bin ich nun gewappnet für alle ekligen Toiletten, die mich in meinem Leben noch erwarten werden ;-)
Strom und fließendes Wasser gab es natürlich nicht und zum Wasser holen mussten wir ca. 10 Minuten zur nächsten Wasserstelle laufen. Da unsere Gastmutter aber so fürsorglich war, hat sie uns meistens davon abgehalten Wasser zu holen. Gekocht wurde auf einer Feuerstelle in der kleinen Kochhütte und gegessen dann im Haupthaus an einem großen Tisch. Das Essen war immer sehr lecker und sehr reichlich.
Generell war die Verständigung mit der Gastfamilie und den Community-Mitgliedern nicht immer leicht, da sie nur schlechtes oder kein Englisch sprechen und ich in drei Monaten nur wenig Kisuaheli, geschweige denn Kiluyah (die lokale Sprache) lernen konnte. Im Grunde war aber immer ein Local da, der gutes Englisch sprach und für mich übersetzt hat. Und außerdem hat man so auch schneller die Sprache gelernt.
An einem normalen Tag bin ich morgens gegen halb acht aufgestanden, habe open air geduscht, lecker Chai mit Avocado und Mandazi gefrühstückt und bin in die Nursery School gelaufen, in der ich gearbeitet habe. Die Schule gab es erst seit ein paar Wochen und zusammen mit den zwei Freiwilligen aus England haben wir neben Teaching auch ein bisschen Struktur und Ordnung in die Schule gebracht. Da es keine staatliche Schule, sondern eine Community School ist, waren die Mittel mehr als begrenzt und wir mussten mit den wenigen Mitteln, die wir hatten auskommen. Es war eine wirkliche Herausforderung, aber es hat auch sehr viel Spaß gemacht. Wir haben einen Stundenplan erstellt, Lehrer- und Elternmeetings organisiert, Lernplakate gebastelt, Material gekauft und Schulgebühren eingeführt. Das Unterrichten war wegen der Sprache auch nicht immer einfach, aber mit Kindern kann man ja meistens auch ohne Worte kommunizieren und vor allem lernt man die Sprache viel schneller mit Kindern. Die Arbeit mit den Kindern hat mir unglaublichen Spaß gemacht und sie sind mir alle sehr ans Herz gewachsen. Es hat mich oft fassungslos gestimmt unter welchen Bedingungen die Kinder aufwachsen, wie wenig Liebe und Fürsorge sie bekommen und wie arm und krank sie oft sind. Aber trotzdem waren sie immer am Strahlen und Lachen und ich hatte das Gefühl wir haben etwas Gutes hinterlassen für die Kinder.
Nach dem Mittagessen ging es dann meistens in das Büro meiner Einsatzstelle im nächst größeren Ort. Dort habe ich dann 4 jungen Menschen, die sich keine Computerkurse leisten können und noch nie einen Computer bedient haben in Word, Excel, Powerpoint und Internet unterrichtet. Am Anfang dachte ich, dass ich das nie hinbekomme, aber es hat irgendwie geklappt und für die Jugendlichen einen Riesenschritt nach vorne bedeutet. Außerdem konnte ich so Freunde finden und wir hatten immer viel Spaß zusammen. Oft gab es nachmittags auch Mikrofinanzierungsworkshops mit Frauen-, Witwen-, oder anderen Gruppen. Außerdem haben wir ein Straßenkinderprojekt und mit den älteren Straßenjungs auch ein Mikrofinanzierungsprojekt gestartet. Die Arbeit mit den Jungs hat mich oft berührt, weil man sehen konnte, wie sie langsam Vertrauen zu uns gefasst haben und anstatt ständig nur an ihrem Kleber zu schnüffeln, ernsthaft über andere Perspektiven und Business-Ideen nachgedacht haben.
Sonntags war ich meistens bei einem Feeding-Programm für Waisen und Kinder aus armen Verhältnissen. Die Treffen sollten den Kindern ein Gefühl von Zugehörigkeit geben und ihnen eine warme Mahlzeit bescheren. Mit den Kindern haben wir getanzt, gemalt oder Sportolympiaden gemacht und es war (mit fast 80 Kindern) ein Riesenchaos und ein Riesenspaß!
 Die Kipepeo Einsatzstelle bietet noch viele weitere Möglichkeiten an, sich für die Communities im Umkreis zu engagieren und sie stark zu machen und einem wird sehr viel Entscheidungsfreiheit geboten. Ich war gleichwertiger Mitarbeiter und in jeden Entscheidungsprozess miteingebunden. Ich konnte eigene Projekte starten und auf mein Urteil wurde wert gelegt. Das hat die Arbeit sehr interessant und erfüllend gemacht.
Die Betreuung von Seiten der Einsatzstelle war großartig. Ich hatte immer einen Ansprechpartner und es gab mindestens einmal in der Woche ein Meeting, indem wir uns austauschen und über Probleme reden konnten. Von Seiten der Partnerorganisation CIVS war die Betreuung ok, aber verbesserungswürdig. Zwar ermöglicht es CIVS einem schnell, die Einsatzstelle zu wechseln, falls Probleme auftreten, aber es gab keine Anrufe oder Kontaktaufnahme von Seiten von CIVS, um zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Trotzdem habe ich mich sehr gut aufgehoben gefühlt.
Insgesamt kann ich nur sagen, dass das MTV in Kenia und speziell in der Kipepeo-Einsatzstelle, das Beste war, was mir hätte passieren können. Das Land, die Menschen und die traurigen, wie auch glücklichen Erfahrungen haben mich sehr viel weiter gebracht. Ich weiß alltägliche Dinge zu schätzen, kann besser mit schwierigen Situationen umgehen und habe Einblick erhalten in Entwicklungshilfe und die Probleme von sogenannten Dritte-Welt-Ländern. Ich habe das Gefühl einen kleinen Unterschied, irgendwas Bleibendes hinterlassen zu haben und vor allem haben die Kenianer mir sehr viel beigebracht. Ich konnte Vorurteile abbauen, bei mir und bei den Kenianern, die ich getroffen habe. Meine Einsatztselle und die Menschen, die  mit denen ich zusammen gearbeitet und gelebt habe, haben mich so erfüllt, dass ich unbedingt zurück will in dieses wilde und wundervolle Land!