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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

MTV in Kenia 2010

Name: Liv U.
Partnerorganisation: CIVS
Einsatzstelle: Organization for Health, Education and Research Services - OHERS
Tätigkeiten: HIV Prävention, Interviews führen, Schulkinder unterrichten
Dauer: Ende Februar bis Anfang Juni - dreieinhalb Monate

 

Nairobi, die ersten zwei Monate
Die letzten Stunden vor meiner Ankunft in Nairobi bin ich dann doch ganz schön nervös geworden. Davor musste alles ganz schnell gehen; Impfen lassen, WG-Zimmer vermieten, Verabschieden, Packen, da war kaum Zeit gewesen für die Gedanken die mir dann im Flugzeug kamen: Was ist, wenn ich um 21.30 Uhr in einer fremden Stadt auf einem anderen Kontinent stehe und niemand da ist um mich abzuholen? Ist um diese Zeit noch jemand von CIVS zu erreichen? Ist es sicher ein Taxi in die Stadt zu nehmen ohne sich auszukennen?  Ben, der Fahrer von CIVS, wartete dann aber geduldig inmitten der Gruppe von Abholern die wie er ein Schild mit Namen hochhielten. Der erste Eindruck vom nächtlichen Nairobi war unwirklich; die Wärme, Geräusche, Gerüche und Gestalten am Straßenrand... die knapp neun Stunden Flug hatten die Welt verändert.
Die nächsten Tage wohnte ich bei einer Familie in der Nähe des CIVS-Büros. Nach der Einführungswoche stellte sich heraus, dass ich mich noch einige Tage würde gedulden müssen, bis ich mein Projekt kennen lernen könnte. Die Zeit habe ich für erste Stadt-Erkundungen genutzt. Für 50 Kenia-Schilling ging’s mit dem Matatu No 58 in die Innenstadt. Die beste Route, wie ich später erfuhr, weil: die lauteste Musik, die coolste Bemalung, die meisten Flatscreens mit Musikvideos und die waghalsigsten touts (Anpreiser/Kassierer), die ihre Akrobatik in schnellen Kurven zur Schau stellten. Die Betreuung durch CIVS war in der Einführungswoche sehr intensiv, später wurde dann ab und an per SMS abgefragt, ob alles okay sei. Für mich war das völlig ausreichend und bei Problemen hätte ich um Hilfe bitten können. Der Umzug zu meiner neuen Gastfamilie und gleichzeitig zur Projektleiterin brachte mich in Laufweite zum Zentrum. Hier waren die Straßen teilweise nicht richtig befestigt, es gab viele kleine Wellblech-Shops und alles war insgesamt weniger aufgeräumt. Wie bei den meisten Mittelstandshäusern versperrten ein Metalltor und eine Mauer mit einbetonierten Glasscherben auf der Kante den Weg zur Haustür. Ich hatte dort ein eigenes Zimmer und bis auf fließend Wasser gab es fast jeden Komfort. Das also war mein neues Zuhause für die nächsten drei Monate. Im Gespräch mit meiner Chefin erfuhr ich, dass es auch gleichzeitig mein Arbeitsort sein würde; im Hof stand ein ca.8qm großer Schuppen, das Office. Die ersten zwei Wochen sortierte ich Akten und Dokumente. In dieser Zeit begann ich zu verstehen was "Small NGO" in Kenia bedeutet: Viel Improvisation, Initiative, nach Ressourcen suchen, Flexibel in Aufgabengebieten und Themen sein, nehmen was sich anbietet, informelle Kooperationen eingehen und "working at the ground". Ich lernte mich in die Projektfindung einzubringen und selbst zu überlegen, was sinnvolle Aktivitäten für die Zeit meines Aufenthalts sein könnten. Meine Motivation ein MTV zu machen war vor allem ein anderes Land kennen zu lernen und dabei mehr von der Kultur zu erleben, als es als Tourist möglich ist. Mich dabei in ein sinnvolles Projekt einzubringen, war dafür eine tolle Möglichkeit. Andere MTV-ler gab es keine und ich war die erste ausländische Freiwillige dort. In Nairobi kam ich ganz gut herum, habe in anderen NGOs mitgearbeitet, Workshops zur HIV-Prävention besucht, an Kongressen teilgenommen und die so genannten Community Health Workers auf ihren Outreaches beim Verteilen von Verhütungsmitteln und Wurmkuren in die Slums begleitet. Im Verlauf meines Aufenthalts konzentrierte sich die Arbeit meiner Organisation zunehmend auf „Family Planning“ und HIV-Aufklärung. Wir besorgten Materialien wie Kondome und Anti-Baby Pillen von der nahen Health Facility, um sie bei den Outreaches zu demonstrieren und zu verteilen. Mit selbst gemalten Plakaten machten wir uns auf zu nahe gelegenen Arbeitsstätten wie z.B. Märkten und Mechaniker-Plätzen. Die ersten zehn Minuten verliefen meist schleppend, doch dann scharrten sich immer mehr Interessierte um uns, hörten zu und stellten Fragen. Für mich war es allerdings häufig schwierig etwas beizutragen, weil viele Fragen auf Kisuaheli gestellt wurden.


„Rural Areas“
Am Anfang meines dritten Monats reiste ich in die Nähe des Viktoriasees in die Western Province. In Nairobi hatte ich viele Leute vom Stamm der Luhya aus diesem Gebiet getroffen, die mir von den alten Bräuchen und Traditionen erzählten. Bisher hatte ich aber keine Vorstellung was sie gemeint hatten, wenn sie von den „Rural Areas“ sprachen. Mit dem Bus fuhr ich 7 Std. Richtung Nordwesten über Kericho und Kisumu bis nach Luanda. Den Rest der Strecke bis zum Örtchen Mulwuanda, legte ich mit einem Matatu zurück. Keines wie die geräumigen in Nairobi, sondern ein Nissan Minibus mit theoretisch 10 Plätzen plus Fahrer und tout – theoretisch, denn das Matatu fuhr nicht eher los, als bis die Leute bis unters Dach gestapelt waren. Als nichts mehr zu gehen schien stellten sich noch zwei Fahrgäste in die offene Tür, vornüber gebeugt in den Innenraum hinein. Das Ortszentrum von Mulwuanda bestand aus einigen Shops und Kiosks. Von dort führten Pfade in verschiedene Richtungen. OHERS hatte dort ein Waisenkinder-Projekt. Zwei Lehrerinnen unterrichteten Kinder im Vorschulalter und organisierten jeden Samstag ein Treffen. Dort gab es eine Mahlzeit und die Kinder konnten sich austauschen. Was „Rural Area“ bedeuten kann, erfuhr ich dann als ich mit meiner Aufgabe begann, jedes Zuhause der ca.70 Waisenkinder zu besuchen. Meist waren die Kinder bei den Großeltern oder anderen Verwandten untergekommen. Ich sollte in kurzen Interviews erfragen, wie der Alltag der Familien aussah, welche Möglichkeiten sie hatten, Nahrung, Kleidung und Geld zu beschaffen und was die größten Probleme und Sorgen waren. Alle Kinder wohnten ausnahmslos in Lehmhütten ohne Strom und Wasser, deren Strohdächer oft undicht und deren Wände kaputt waren. Kaum jemand hatte eine Arbeit oder regelmäßige Einkommensquelle. Die Familien hielten sich mit Gelegenheitsarbeit und dem Verkauf  von Feuerholz über Wasser. Es fehlte an Geld für Kleidung, Schule und Gesundheitsversorgung. Es war nicht einfach einen Umgang mit der Erwartungshaltung, die ich automatisch erzeugte, wo immer ich hinkam, zu finden. Zudem sprachen die Menschen auf dem Land praktisch kein Englisch, sodass die beiden Lehrerinnen dolmetschen mussten. Nach einigen Tagen hatte ich mich einigermaßen in der Situation zu Recht gefunden. Mir wurde klar, dass mein Besuch für die Kinder eine deutliche Statusverbesserung bedeutete, auch wenn das für mich schwierig zu akzeptieren war. Ich besuchte außerdem verschiedene Gruppen und erfuhr viel über selbst organisierte Mikrokredite, so genanntes "Tablebanking" und andere kreative Ideen zur Einkommensbeschaffung. Mir wurde überall eine überwältigende Gastfreundschaft entgegen gebracht und die Herzlichkeit der Menschen werde ich nie vergessen. Die Zeit in der Western Province, hatte die intensivsten Momente meiner drei Monate in Kenia; Erfahrungen, die mich sicher nicht so schnell wieder loslassen werden. Ich bin sehr froh, dass ich die Gelegenheit hatte die Region und die Menschen dort kennen zu lernen. Im Vorbereitungsseminar von ijgd hatte ich schon Erfahrungsberichte von Kenia gehört und auch wie das Leben auf dem Land aussieht. Selbst mit den Menschen zu sprechen und sie zu Hause zu besuchen hat mich alles sehr intensiv begreifen lassen. In Nairobi hat mich das Lebensgefühl fasziniert. Die Musik überall, der Lärm, das Gewusel auf den Straßen. Ich habe dort sehr starke Menschen kennen gelernt, die auch unter widrigsten Bedingungen nicht aufgaben und immer wider neue Wege fanden ihre Arbeit fortzusetzen. Es war erstaunlich, mit wie geringen Mittel so viele Menschen erreicht werden konnten und diese von unserer Arbeit begeistert waren. Ich musste dort aber auch meine Ansprüche zurückstellen, selbstständig organisieren was mir wichtig war und Frust überwinden, wenn mal wieder Absprachen nicht eingehalten wurden. Jedes Ärgernis  und jeder Moment der Ratlosigkeit wird jedoch deutlich vom persönlichen Gewinn dieser Erfahrung überwogen. Ich hatte die Möglichkeit eine anderes Land und eine andere Kultur kennen zu lernen und das ist absolut fantastisch.