Workcamp in Marokko
Johanna Gielnik
Chantiers Sociaux Marocains (CSM)
Arabic Language Session – Rabat
Erlernen der arabischen Sprache
06.Januar-02.Februar 2009
ca. 1 Monat
Nach dem Schulabschluß erstmal ein wenig Auslandserfahrung sammeln und andere Kulturen kennenlernen -genau das ist es, wozu sich viele Schulabsolventen entschließen, bevor es mit dem wirklichen „Ernst des Lebens“ (also Studium, Ausbildung etc.) losgeht. Da ich persönlich nach dem Abi erstmal diverse Praktika absolvieren wollte, hatte ich leider derzeit nur wenig Spielraum was die zeitliche Planung eines Auslandsaufenthalts anbelangte. So war ich superglücklich als ich von der Möglichkeit des Workcamps hörte- nicht länger als ein Monat und man bekommt trotzdem einen recht tiefen Einblick in die Kultur.
Mein Interesse an der orientalischen Kultur gepaart mit dem Hobby, ausgefallene Sprachen zu erlernen waren so die perfekte Voraussetzung für das Workcampprogramm von CSM, „Arabic Language Session“, auf das ich beim Durchforsten der ijgd-Workcamp-Datenbank stieß. Durch das Erlernen der arabischen Sprache und dem Leben in einer traditionellen marokkanischen Gastfamilie sollte laut der Workcampbeschreibung einen tiefen Einblick in die marokkanische Kultur gewährt werden- im Nachhinein kann ich sagen, dass meine Erwartungen wirklich in jeder Hinsicht übertroffen wurden!!
Nach dem ijgd- Seminar, auf dem eine super Vorbereitung geboten wurde (v.a. auch Vorbereitung auf spezifische Situationen, wie sie sich dann in Marokko fast genau so ereigneten), stand dann auch schon bald das Abflugsdatum vor der Tür.
Voller Vorfreude gings dann also los und ich flog mit DER superkompetenten französischen Fluglinie über Paris nach Casablanca. Moment- vielleicht sollte ich noch den 9-stündigen Aufenthalt aufgrund Fluggesellschaftsinterner Koordinationsproblemen in Paris erwähnen..? Die ganze Warterei am Flughafen- so lästig mir es in dem Moment auch war- hatte aber den großen Vorteil, dass ich so auch viele mit mir Wartenden kennenlernte und mit diesen ins Gespräch kam. Also hatte ich gleich in den ersten Stunden meines Marokko-Trips viele marokkanische Bekanntschaften geschlossen und konnte schon gleich am Anfang die unglaubliche marokkanische Gastfreundlichkeit erfahren; mit vier der Leute hielt ich auch während des Aufenthalts in Marokko Kontakt und besuchte diese auch, was einfach nur supergenial war da ich so immer in jeder Stadt einen klasse Reiseführer hatte und so immer wieder neue Familien kennenlernte- dazu gleich mehr.
Obwohl ich Izzat, den Organisator von CSM, rechtzeitig über meine krasse Verspätung benachrichtigt hatte, war dieser dann doch unglaublich froh, als ich dann irgendwann spät Nachts in Rabat am vereinbarten Treffpunkt ankam. Die Begrüßung war total freundlich und ich fühlte mich nach dem ganzen Anreisestress echt wohl, von ihm und meinem künftigen Gastbruder Hicham so herzlich begrüßt zu werden. Mit dem Auto und voll aufgedrehten Boxen, aus denen lautstarke orientalische Musik klang (die auch laut mitgegröhlt/geklatscht wurde), fuhren wir dann noch ein bisschen ohne bestimmtes Ziel durch das nächtliche Rabat und ich fühlte mich sofort wohl in dieser frohen, lauten und bunten Atmosphäre. Später brachte mich Izzat dann zu meiner Gastfamilie nach Hause und Hicham kredenzte mir trotz der späten Uhrzeit (muss wohl so 1.30am gewesen sein) ein superleckeres marokkanisches Mahl, das mir nach allem Stress gleich doppelt so gut schmeckte und auch mit der Tatsache, dass alle mit den Fingern aßen, konnte ich mich gleich von Anfang an gut arrangieren. Übrigens lernte ich dann auch gleich die andere deutsche Freiwillige kennen, mit der ich mir ein Zimmer teilte, die zufälliger Weise beinahe aus meinem Wohnort in Deutschland stammte! Der Austausch über die verschiedenen Eindrücke am ersten Tag machte so gleich noch viel mehr Spaß.. Am nächsten Tag lernte ich dann auch die Gasteltern (Gastgeschenkübergabe!) und die restliche Verwandtschaft und im Laufe des Aufenthalts inklusive jeglicher Tanten, Onkels, Cousinen, Neffen und Nichten kennen.. Allgemein lässt sich sagen, dass der Begriff Familie in Marokko sehr groß geschrieben wird.
In den ersten Tagen nach der Anreise gings erstmal auf Sight-Seeing Tour durch Rabat und man lernte die anderen Freiwilligen, die in anderen Gastfamilien untergebracht waren kennen- schon bald fand ich mich in einer riesigen Gruppe (ca.25 Leute) von einheimischen Freiwilligen, die mitorganisierten und Gastbrüder waren, und anderen ausländischen Freiwilligen (Franzosen, Belgier, Amerikaner, Schweizer,..) wieder. So waren wir schon von Anfang an eine lustige Truppe und es war so klar, dass wir in der kommenden Zeit viel Spaß haben würden!!
Voller Neugier und aber auch Bedenken hatten wir (wir, das war eine kleine Arbeitsgruppe von 5 Schülern) dann die erste Arabischstunde, die von einem einheimischen Freiwilligen gehalten wurde- die Unterrichtssprache war eigentlich laut Plan Englisch, in der Praxis sprachen wir um in speziellen Fällen besser zu verstehen neben englisch auch französisch oder deutsch.
Der Kopf brummte nach der ersten Unterrichtsstunde und von dem ganzen „Geächtse“ (so klang es für uns in den Anfangstagen noch) war die Kehle wie ausgetrocknet, auch das Erlernen der Schriftzeichen kam uns anfangs wie ein unüberwindbares Hindernis vor.
Nach 3 Wochen tagtäglichen Lernens (ca. 4-5 Stunden Unterricht pro Tag, vormittags), intensivem verwirrendem Sprachtraining und Hausaufgaben, kann ich aber nun sagen, dass ich es wirklich niemals für möglich gehalten hätte, arabisch in dieser Zeit so gut erlernen zu können. Ich kann nun wirklich sagen, dass ich arabisch lesen kann (auch wenn ich nur die Laute sprechen kann aber nicht verstehe was es bedeutet, da es in dieser kurzen Zeit unmöglich gewesen wäre, sich einen solchen Wortschatz anzueignen) und auch schreiben. Natürlich gibt es viele grammatikalische Besonderheiten, die ich in dem Arabisch-Volkshochschulkurs für Fortgeschrittene, den ich bald beginnen werde, noch lernen werde; im Großen und Ganzen kann ich aber wirklich sagen, dass mir der Kurs super viel gebracht hat und ich zum Schluss der Reise hin überall auf große Begeisterung seitens der Einheimischen traf, wenn ich ein paar Brocken meines Kauderwelscharabisch zum Besten gab (Small-Talk Konversation war auf jeden Fall möglich)..
Nach den täglichen Unterrichtsstunden ging es immer nach Hause in die Gastfamilien, wo wir zu Mittag aßen (kl. Anmerkung- die marokkanische Küche ist sehr sehr köstlich, vorwiegend Gemüseeintopf mit verschiedenem Fleisch und Couscous, lecker zubereiteter Fisch, sehr intensive Gewürze etc.) und danach trafen wir uns in der Gruppe um den späten Nachmittag gemeinsam zu verbringen und um bei einem Thé à la Menthe oder Shisha gemütlich zusammenzusitzen.
Am ersten Wochenende fuhr ich mit zwei anderen Freiwilligen aus Frankreich und Belgien mit dem Zug nach Fès in den Norden Marokkos (übrigens- sehr gute Infrastruktur, Zug als Fortbewegungsmittel ist absolut top), eine wunderschöne Stadt mit einer sehr traditionellen ancienne Medina (Altstadt), man fühlte sich bei diesem bunten Treiben wirklich wie in ein Märchen von 1001 Nacht versetzt...
Am zweiten Wochenende ging es mit der gesamten Truppe in ein sehr bezauberndes und idyllisches Örtchen namens Chefchaouen im tiefsten Norden Marokkos, im Rif-Gebirge.. Einer der schönsten Orte im ganzen Land, was mir später sogar im Süden von Nomaden aus Marrakech bestätigt wurde(Besonderheit Chaouens: blaue Häuserfassaden, was zu einer sehr geheimnisvollen und idyllischen Flair beiträgt)! Es war ein unvergessliches, spaßiges Wochenende mit einer unvergesslich traditionellen, orientalischen Atmosphäre, da sich Chefchaouen mitten im Gebirge befindet und rein gar nichts von einem Großstadtmäßigen Treiben hatte. Falls die Möglichkeit besteht, sollte man diesen Ort bei einem Marokko Besuch wirklich nicht missen..
Kenitra bei Meknes (etwas südl. von Rabat) wurde von uns am dritten Wochenende unsicher gemacht, am letzten Wochenende stand Casablanca auf unserem immer spontanen Reiseplan (außerdem haben wir Freiwilligen unter uns selbstständig verschiedene Gruppen gebildet, die jeweils in andere Städte gefahren sind- so blieben einem immer genügend Entscheidungsmöglichkeiten)..
Abends gingen wir des Öfteren auch mal in eine Bar, wo es sehr außergewöhnlicher Weise Alkoholausschank gab. Nach einem Bier lagen die Einheimischen, die es mit dem Koran für einen Abend nicht sehr genau nehmen wollten, unterm Tisch.. Generell kann man sagen, dass der Glauben besonders von den jüngeren männlichen Einheimischen im Gegensatz zu deren Eltern vergleichsmäßig nicht mehr so strikt praktiziert wird. Vielleicht ist es auch beim Lesen schon aufgefallen, dass ich hauptsächlich von männlichen marokkanischen Freiwilligen spreche- die paar Male, als ich etwas mit marokkanischen Frauen außerhalb vom Zuhause unternahm, kann ich an einer Hand abzählen und auch die Schattenseiten der islamischen traditionellen Kultur lernte ich in dieser Beziehung kennen (Rolle der traditionellen Frau, Unterwerfung gegenüber männlichen Familienmitgliedern, fundamentalistische und seit Generationen vorherrschende Einstellungen/Meinungen ohne deren Sinn zu hinterfragen etc.). Aber auch positive Eigenschaften konnte ich dem traditionell-islamischen Glauben im Alltag abgewinnen, z.B. die Tatsache, dass Gutes wie Schlechtes ausnahmslos dankbar entgegengenommen und akzeptiert wird und man nicht mit dem Schicksal hadert.
Nach wunderschönen 3 Wochen ging das Workcamp in Rabat dann auch leider leider viel zu schnell zu Ende und ich hatte noch eine gute Woche, um über die Workcampzeit hinaus auf eigene Faust reisen zu können; dazu hatte ich mich vor der Flugbuchung entschieden, was ich im Nachhinein jedem empfehlen würde (alleine zu reisen ist im Übrigen sehr unproblematisch und ich wunderte mich wirklich über die ganzen Schauermärchen in diversen Marokkoguides).. Mein Ziel war: Marrrakech, Perle des Orients…und nun komme ich noch mal auf die Bekanntschaft im Flugzeug zu sprechen. Mit einem 20-jährigen marokkanischen modernen Mädel aus Marrakech, mit der ich mich während der Paris-Panne am besten verstanden habe, behielt ich während der Zeit in Rabat stetig Kontakt.. Natürlich hatte sie mich gleich beim Verabschieden in Casablanca am ersten Tag zu sich eingeladen und beteuerte auch in den darauffolgenden Wochen immer wieder, wie sehr sich ihre Familie freuen würde wenn ich sie besuchen würde. Nachdem ich Izzat zu seiner einschätzenden Meinung gefragt hatte (man konnte ihn generell über alles fragen und er wusste immer eine Lösung), ob ich dieses Angebot so ohne Weiteres annehmen könnte, reiste ich dann letztendlich voller Vorfreude auf Marrakech und die paar Tage in Sara’s (so heißt sie) Familie per Zug in den Süden.
Diese Tage in Marrakech bei der Familie waren wieder sehr interessant, mit offenen Armen wurde ich auch hier aufgenommen und ein weiteres Mal kam ich in den Genuß der bedingungslosen Gastfreundlichkeit der Marokkaner (natürlich habe ich auch hier wie in der ersten Gastfamilie Gastgeschenke mitgebracht). Marrakech ist ein absolutes Highlight, DIE orientalische Stadt schlechthin, leider aber sehr überlaufen von Touristen (wie gesagt, Geheimtipp Chefchaouen oder Essaouira).. Nach ein paar Tagen reiste ich dann noch in Richtung Agadir und Essaouira, wunderschöner Fischer- und Surfort, sehr idyllisch gelegen direkt am Meer.
Allgemein lässt sich sagen, dass die Landschaft und Natur Marokkos unglaublich vielseitig, abwechslungsreich und einzigartig ist..
Mit totalem Gepäckübergewicht meines Trekkingrucksacks (ist übrigens im Gegensatz zu einer Trolleytasche bei solchen Reisen sehr zu empfehlen) machte ich mich dann weinenden Herzens wieder zurück in die Heimat.
Um zu einem Schlussresumée zu kommen, kann ich das Workcamp wirklich sehr weiterempfehlen; diesen Einblick in die Kultur und Tradition, der einem durch das Leben in den Gastfamilien geboten wird, ist wirklich einzigartig und etwas sehr besonderes, man lernt Marokko von allen Seiten kennen. Auch ist es wirklich total spannend, wie viele Menschen aus verschiedenen Ländern man kennenlernt und wie multikulturell das Ganze abläuft! Ich bin sehr froh, das Workcamp gemacht zu haben, es hat mir in jeder Hinsicht sehr viel gebracht.