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Workcamp in Marokko 2009

Erfahrungsbericht Anika W.

CSM - Marokko
01.08.-29.08.2009 (2 x zwei Wochen)

 

 

 

Ein kleiner Sprung über den Teich, aber ein großer Sprung in eine andere Kultur

 

... gut von Sprung kann man wirklich nicht reden.

Ich flog ganz gemütlich mit Royal Air Maroc , was mich schon etwas auf die weniger anspruchsvolle Interpretation von Komfort einstimmte..

Am Flughafen in Casablanca angelangt musste ich zunächst warten... und warten.. und warten- endlich kam EIN Gepäckstück!!! Doch wo war das andere?

Mit meinem eingerosteten Französisch begab ich mich leicht verzweifelt auf die Suche- mit viel Hilfsbereitschaft seitens der Marokkaner erfuhr ich, dass mein Rucksack leider in Deutschland geblieben war. Am nächsten Tag könne ich ihn jedoch wieder am Flughafen abholen.

Kaum angelangt, hatte ich nun schon eine schlechte- alle Vorurteile bestätigende Meinung von meinem Gastland.

Allerdings musste ich an diesem Abend noch zu meinem Zielort, der Hauptstadt Rabat reisen.

In nur etwa 2 Stunden schafften es die unheimlich hilfsbereite Leila ,deren Koffer man ebenfalls verschlampt hatte, sowie ein freundlicher Herr und eine Dame - mein Bild über Marokko deutlich positiv zu verändern.

 

... nun also nachdem auch mein Rucksack wieder in meine Hände gelangte.. (aber das ist eine andere Geschichte, und soll ein anderes Mal erzählt werden.). konnten meine vier Wochen „Kulturschock“ beginnen.

 

Im Vorfeld hatte ich mich entschieden zwischen Abi und Studium „etwas Sinnvolles“ zu tun. Zunächst hatte ich erwartet, einen kleinen Entwicklungshilfebeitrag zu leisten, wurde aber bald aufgeklärt, dass es sich mehr um ein Austauschprogramm handelte.

Nun war ich gespannt ,was mich tatsächlich erwarten würde..

 

In den ersten 2 Wochen meines Aufenthaltes war ich in einem öffentlichen Gymnasium untergebracht, wo wir das Gelände von Unkraut befreiten sowie das Äußere der Schule mit Fresken verzierten (sogar das Fernsehen fand das berichtenswert J).

 

Trotz der Einfachheit der Unterkunft

à Dusche = Stehklo + Gartenschlauch

Schlafsaal  = Klassenzimmer +Matten und Matratzen

und der Tatsache, dass wir quasi auf dem Boden kochten ,war es eine wahnsinnig tolle Erfahrung.

 

Eine davon war, viele Menschen aus ganz Europa kennen zu lernen.

In meiner Gruppe waren es beispielsweise vier Spanierinnen ,eine Brasilianerin, eine Französin , eine Freiwillige aus Italien und noch ein Landsmann von ihr. In der 2. Woche bekamen wir Zuwachs durch weitere Italiener, Spanier , Deutsche und einen Engländer. Es halfen aber auch wirklich viele marokkanische Jungs sowie ein Mädchen an dem Projekt mit.

 

Die Verständigung erfolgte in einem Mix aus allen Sprachen, denen man mächtig war – hauptsächlich jedoch in Englisch .

Manchmal jedoch gab es Probleme, weil man mit seinen Landsleuten doch immer in die Muttersprache abdriftete und die anderen dann nichts verstanden.

Am Schluss sprach ich aber dann eine Mischung aus Spanisch, Französisch Englisch und einem arabischen Kauderwelsch.

 

Unser Tagesablauf war folgendermaßen: nach der morgendlichen Arbeit ,die eigentlich um 9 aber nach marokkanischem Verständnis meist gegen 10 (mit einer langen langen Teepause) bis mittags dauerte, machten wir Siesta und am Spätnachmittag Ausflüge- die je nach dem bis in die Nacht dauerten und wir irgendwann um 11 Uhr zu Abend aßen (übrigens alle meist mit der Hand und aus einem Teller).Danach saßen wir bis nach Mitternacht zusammen und diskutierten oder sangen gemeinsam und rauchten Shisha.

 

Hauptsächlich betreuten uns bei allem die marokkanischen Freiwilligen- was sie sehr gut machten. Am Anfang wollten sie uns aufgrund der dauernden Anmache anderer marokkanischer Männer nicht einmal 20 Meter zum Einkaufen allein vor die Türe lassen.

Da wir hauptsächlich Frauen waren wurden wir sehr behütet – vielleicht manchmal sogar etwas zu sehr.

 

Nach 2 Wochen war dieses Workcamp aber dann leider vorbei und ich verabschiedete mich von meinen neuen Freunden... ein neuer Abschnitt begann- dieses Mal in einer marokkanischen Gastfamilie, wo ich eine Woche bleiben sollte- zusammen mit 2 Italienern, einer Koreanerin, und 3 Gastgeschwistern. Hier stand eine Hennasession an ( wir haben uns einen Nachmittag lang Hände und Füße mit dieser beliebten Naturkosmetik bemalen lassen) und die Anprobe samt „Fotoshooting“ von schillernd ,glitzernd ,kitschigen Hochzeitsroben, die meine Mama Latifa verlieh.

Hier ist mir besonders die Offenheit, Gastfreundlichkeit und die Toleranz in Erinnerung geblieben.

Man könnte verstehen, wenn die Marokkaner eher feindselig gegenüber Menschen aus westlichen Ländern wären- da manche sich doch vom Westen ausgebeutet fühlen (z.B. von dem französischen Telekommunikationsunternehmen Méditel , das bald wohl den gesamten arabischen Markt beherrschen könnte und das viel des verdienten Geldes  nach Frankreich fließen lässt )- doch nein, sie nehmen einen auf als Gast und behandeln einen wie ein Familienmitglied.

Ich hatte mit meinem ältesten Gastbruder eine Diskussion über die Probleme in seinem Land und wie man als Europäer quasi auf der profitierenden Seite des Systems nicht helfen – ich würde sagen Gerechtigkeit schaffen kann.

Er meinte es sei wichtig, von Marokko zu erzählen und gab mir ein arabisches Sprichwort auf den Weg (Übersetzung sehr frei, da sie eher durch Zeichensprache zustande kam): wenn du deine Hand ausstreckst passiert nichts, es bedarf der Hand eines anderen der darauf klatscht, damit ein Ton entsteht.

 

Wie wichtig es ist, daran zu arbeiten, die Verhältnisse zu ändern ist mir in meiner letzten Woche als schärfster Kontrast vor Augen geführt worden.

Ich habe eine Trekkingtour in den Bergen gemacht – 2 Tage war ich zudem Gast in dem Haus meines Bergführers. Dieser lebt zusammen mit vielen Familienmitgliedern in seinem kleinen Haus - zwar seit 7 Jahren mit Strom und Fernsehen und seit 2 Jahren mit fließend Wasser aber ohne Sekundarschulbildung für seine Kinder in dem Dorf und ohne ausreichende medizinische Versorgung.

 

Durch ein Workcamp verändert man nicht die Situation in einem Land, aber man bekommt einen Blick hinein in die Kultur, das Land und die Menschen – und das verändert vielleicht einen Selbst- im Denken und im zukünftigen Handeln.