Workcamp in Polen
Wieliszew 2009
von Laura Ziegler
Polen? Pass bloß auf, dass dir nichts geklaut wird!
Wie oft ich diesen Satz vor meiner Reise gehört hab. Vorurteile ahoi!
Als ich im Camp (30km von Warschau) ankam, fehlte mir jedoch erstmal nichts, außer Schlaf. Wir waren unter den letzten Ankömmlingen (so ganz untypisch deutsch), aber die Stimmung war seltsam beklemmt für 15 junge Leute, die internationale Bekanntschaften machen wollten. „Say hello, you’re friends now!“, war die Empfehlung unserer Leaderin. Viel mehr ist an dem Tag auch nicht passiert. So verbrachte ich die erste Nacht auf einer Armee-Matratze im Klassenzimmer eines stillgelegten Internats irgendwo an einem polnischen Fluss.
Die Mitbringsel aus den unterschiedlichen Ländern (u. a. Wodka aus Serbien, der Ukraine und Südkorea..), die ersten Tage Küchendienst und Arbeit ließen das Eis dann doch brechen und der Unmut über unser “Festival“ brachte die Gruppe weiter zusammen. In Polen ist auch schon ein Konzert mit drei Bands ein Festival – gut zu wissen. Den Rest der Zeit wartete das Flussufer auf Säuberung durch uns. Jeder mit Handschuhen und einer Mülltüte bewaffnet (nein, kein Müllgreifer... Hände!) ging es vormittags an die Arbeit und danach zum Mittag. Der Nachmittag und Abend war unserer Kreativität überlassen und reichte von Ausflügen nach Warschau, Radtouren bzw. Sport im Allgemeinen, Spielen (u. a. ein selbstgebasteltes Twister), Kanu fahren bis hin zu Lagerfeuer am Strand – unserer Lieblingsabendgestaltung.
Abwechslung haben auch die Erzählanstöße unserer Leaderin gebracht, in denen es meisten um Europa/Asien bzw. unsere unterschiedlichen Nationen ging. Wer ist dein „national hero“? Oder haben dumme Leute in deinem Land ein einfaches Leben? Solche Dinge konnten frei interpretiert werden und brachten viel Gesprächsstoff. Genauso wie die tägliche Frage auf dem Flur, bei der man sich zwischen 0 und 100% einordnen konnte. „Do you know what is love?“ – Tolle Sache!
Wenn man von einer Organisation sprechen kann, dann war sie sehr chaotisch, aber das hat eigentlich niemanden so richtig gestört, bis es zu einer Nahrungsmittelknappheit kam. Die Großeinkäufe erledigte unser Koordinator, wir hatten lediglich einen kleinen Kiosk in 2km Entfernung, der nur das Nötigste hergab. So saßen wir, aufgrund mangelnder Absprachen, mal 2 Tage auf dem Trockenen (im Wahrsten Sinne des Wortes: nichts zu trinken und keinen Wasserkocher, nur Töpfe und Kartoffeln). Ja auch das kommt vor. Der Kühlschrank ist zwischen durch auch mal ausgefallen, dann mussten wir auf ein Eisfach umsteigen und unser Essen so 5h vor Verzehr rausholen. Solche Patzer haben jedoch auch grundsätzlich für viel Spaß gesorgt. Wer wollte denn nicht schon mal mit gefrorenen Eiern kochen?
Als sich das Camp nach 2einhalb Wochen dem Ende neigte, trat wieder die anfängliche Beklemmung ein. Schnell wurden noch Adressen und Versprechen über baldige Besuche ausgetauscht („I will spend my winter holiday in korea!“), Postkarten, Rucksäcke und T-Shirts mit dummen Sprüchen versehen („Bleib stark im Park!“), Gastgeschenke verteilt (Handyanhänger aus Korea, Made in China) und letzte My new Best Friends forever - Fotos geschossen.
So schnell geht das, wenn man Spaß hat. Unglaublich. Schon nach wenigen Tagen trat die Arbeit in den Hinter- und die Gruppe in den Vordergrund. Auch wenn die Englischkenntnisse unterschiedlich waren, bereicherten Insiderwitze bald jedes Gespräch („You’re so stupid!“). 9 Nationen, das ist ein geballter Haufen Kultur, aber auch ein Berg Vorurteile. Einige wurden aus dem Weg geräumt (Die Polen können nicht feiern, dachte ich), andere bestätigt (Taiwaner fotografieren wirklich alles, u. a. unser Essen – jeden Tag!).
Kurz gesagt: Es war DAS Erlebnis dieses Jahr für mich. Einige der Teilnehmer hab ich schon wieder getroffen und ja, i will spend my winter holiday in korea!
P.S: Unserem französischen Freiwilligen wurden Portemonnaie und Handy entwendet. Aber man übernachtet in Warschau ja auch nicht auf der Straße.



