Workcamp in Russland 2010
"Hope" für russische Kids
von Mira Schubert
Russland, ein Land tief im Osten, von dem man nicht viel weiß. Kreml, Wodka, die russischen Puppen und das wunderschöne Schlaflied Bajuschki-baju sind vielleicht dem ein oder anderen schon Mal zu Ohren gekommen. Aber Wissen kann man das nicht nennen. Vielleicht ist es eine leise Ahnung, die einem da im Kopf rumschwirrt, wenn man an dieses riesige und geheimnisvolle Land denkt.
Ich hatte zwei Tage der Anreise vor mir, als ich mir an einem Samstag meinen Rucksack auf den Rücken packte und in den Zug stieg. Ich hatte mich bewusst dafür entschieden mit Bus und Bahn zu fahren und schon die Hinreise war einzigartig. Der Bus kam aus Paris mit Endstation Moskau und es reisten die unterschiedlichsten Leute: Weltenbummler, Studenten, Familienangehörige, die ihre Familien schon besucht hatten oder noch besuchen wollten. Die Busfahrer sind nie schneller als 90km/h gefahren und alle drei Stunden wurde zum pausieren und Beine vertreten angehalten. So tuckerten wir gemächlich gen Osten und hatten sehr viel Zeit. Die Menschen waren herzlich, hilfsbereit und plauderten fröhlich drauf los.
Zwei Tage später kam ich dann tatsächlich in aller Herrgottsfrühe in Smolensk an. Smog lag über der Stadt, wegen der Waldbrände und es waren noch kaum Menschen auf den Straßen. Smolensk ist die erste russische Stadt hinter der Grenze zu Weißrussland und die Region gehört zu einer der ärmsten Regionen in Russland. Nie würden bei uns so klapprige Straßenbahnen vom TÜV zugelassen und (dank Steuergeldern ‚en masse‘) hätten die Straßen nie so viele Schlaglöcher. Das Durchschnittseinkommen in dieser Region beträgt 200 Euro. Die Stadt sah anders aus, als meine Augen es vom Anblick westlicher Städte gewöhnt waren: viel billiger Kitsch, an jeder Ecke Musikrekorder, die die Straße beschallten und sehr viel Müll.
Nun begannen zwei wunderbare Wochen in einem Kinderheim für behinderte Kinder. Ferienprogramm war gefragt. Jeder hatte Ideen. An den Nachmittagen veranstalteten wir Arbeitsgruppen und abends wurde getanzt oder Volleyball gespielt. Wir lebten für zwei Wochen mit diesen Kindern zusammen, die alle ihre ganz eigene Geschichte und ihre Behinderung mit sich in dieses Heim brachten. Die verschiedenen Sprachen waren bald kein Problem mehr. Das Nötigste wurde vom Russischen ins Deutsche übersetzt oder umgekehrt und schließlich hat man ja Hände und Füße um sich zu verständigen und das macht sowieso viel mehr Spaß. Wir durften erfahren, wie selbstbewusst diese Kinder sind, wie wunderschön sie lachen, wie schnell sie uns in ihre Herzen geschlossen haben und wie selbstverständlich sie sich zu Musik bewegen. Dieses Heim gibt diesen Kindern eine unglaubliche Chance, aber Heime dieser Art gibt es nicht viele in Russland, vielleicht zwei oder drei. Dieses Wissen und die Frage, wie es wohl woanders aussieht, blieben neben all dem Glück in unseren Hinterköpfen.
Wir waren untergebracht in einer umgebauten Garage, die sanitären Anlagen waren mehr schlecht als recht und was ein ‚Vegetarier‘ ist, war auch nicht ganz klar, aber für zwei Wochen lässt sich vieles aushalten. =)
Die Zeit in Russland war einzigartig, ich habe vielleicht ein paar Ideen mehr über dieses Land und weiß, dass ich unbedingt wieder hinfahren möchte. Vielleicht im nächsten Sommer…
