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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

Workcamp in Russland 2010

"Linguist" in Voronezh 2010

von Juliane Hinz
 
Eigentlich plante ich, einen Monat in Russland ein Workcamp mit Kindern zu machen. Es ging darum, mit anderen, internationalen Volontärs den Kindern fremde Kulturen näher zu bringen und die Angst vor anderen Sprachen zu nehmen. Von den Volontärs wurde „nur“ Englisch (und kein Russisch) als Sprachkenntnis vorausgesetzt. Deshalb fühlte ich mich sicher (ich konnte nur ziemlich schlecht Russisch sprechen).

Schon in der Vorbereitung wurde ich unruhig, da sich die russische Partnerorganisation nicht meldete und ich auf meine Informationen zum Camp wartete. Die ijgd hakten mehrmals nach und dann, 2 Wochen vor Abreise, bekam ich Mails von einigen russischen Leuten, die irgendwie zuständig waren und irgendwie doch nicht den Gesamtüberblick hatten. Das machte mich so nervös, dass ich es irgendwann aufgab mich zu beunruhigen und mir dachte „es wird schon irgendwie“. Das Schöne war, dass ich vom Flughafen abgeholt wurde, was mich sehr erleichterte.
 
Allerdings sollte es in dem Camp auch chaotisch weitergehen. Ich fühlte mich in das Geschehen „hineingeworfen“ und es gab nirgends einen richtigen Plan oder konkrete Pausenzeiten. In der Regel wurde auf Russisch kommuniziert, so dass ich erst am dritten Tag ein Gefühl für den Ablauf des Camps bekam. Ich fühlte mich in der Regel irgendwie fehl am Platze (es gab außer mir nur russische Mitarbeiter und 6 Amerikaner, die schon vorher in Russland waren und das Camp mit vorbereitet hatten). Allerdings erfuhr ich am Ende des Camps, dass die Campleiterin erst eine Woche vor Camp-Beginn von meiner Teilnahme am Camp erfuhr und deshalb keine richtige Verwendung für mich hatte. Dies erleichterte mich sehr. Vorher hatte ich den Fehler, dass ich das Gefühl hatte, überflüssig zu sein, immer bei mir gesucht.
 
Leider brannte es dann in Voronezh, in dem Wald, wo unser Camp stattfand und so wurde alles umorganisiert und das Camp in die Stadt verlegt. Durch den Waldbrand verkürzte sich das, erstmals für einen Monat geplante, Camp auf 14 Tage. Somit hatte ich nach 14 Tagen die Möglichkeit, entweder nach Hause zu fliegen oder in ein anderes Camp in Russland aufgenommen zu werden, wo ich mit anderen Internationalen Zäune streiche. Da ich nun der Organisation russischer Workcamps misstraute und das Gefühl hatte, bisher selten so überfordert von einer Situation gewesen zu sein, fuhr ich wider nach Deutschland zurück. 
 
 

Im Nachhinein

Im Nachinein sagte ich mir zunächst: Nie wider Russland!
Aber mit ein bisschen Abstand und durch die Auswertungsgespräche mit Christa von den ijgd sehe ich jetzt auch, dass ich wichtige Erfahrungen gemacht habe, die mich im Leben weiterbringen werden:
 
• Es kann immer anders kommen als man plant (zum Beispiel hatte ich vorher schon ein Workcamp (14 Tage) mit Kindern in England gemacht und hatte einen Jugendaustausch (1 Monat) in Russland. Beides war perfekt durchorganisiert. Deshalb ging ich bei diesem Camp auch davon aus, dass es so organisiert ist, dass ich dem gut gewachsen bin und ich die russische Mentalität einschätzen kann. Aber dieses Camp war das völlige Gegenteil dessen, was ich vorher erlebt hatte. Es gibt eben keine Garantie!
 
• Ich lernte nicht davon auszugehen, dass sich jemand um mich kümmert. Deshalb werde ich das nächste Mal hoffentlich eher selbstständig sagen „ich will/benötige jetzt…“ und versuchen es mir selbst zugänglich zu machen. Diese Erfahrung machte ich bei meiner Gastmutter, bei der ich vorher davon ausging, dass sie sich für mich Zeit nimmt.
 
• Ich darf nicht davon ausgehen, dass es in anderen Kulturen (so wie in meiner) geplant zugeht. Diese Erfahrung ist für mich, die ich mich als „ziemlich deutsch“ einschätze, eine wichtige Erfahrung.
 
• Ich habe vorher das Heimweh unterschätzt, das man bekommt, wenn man sich in der Fremdem einsam fühlt.
 
• Ich habe die Erfahrung gemacht, mich gut mit dem Gedanken abzufinden, dass das ganze „doch irgendwie einen Sinn für mich hatte“. Somit bereue ich diese (durch die Buchung des zusätzlichen Rückflugs extrem teuren) 14 Tage nicht- auch wenn ich sie als schrecklich empfand. Früher hätte ich so eine Erfahrung nicht so gut verkraftet und immer mit dem Schicksal gehadert.
 
Ich würde solch ein Workcamp nur den Menschen empfehlen, die Chaos nicht scheuen und keine vorherigen Erwartungen haben (es sei denn, sie erwarten Chaos). Über sich selbst lernt man in solchen Camps sicher in der Regel etwas.

Was ich zum Schluss noch anfügen möchte, um mit etwas Positivem zu enden.

Ich habe den Eindruck gewonnen: ALLE RUSSEN SIND SYMPATHISCH.
Dies habe ich bisher noch in keiner Kultur erlebt!