MTV bei Dhakar
Nach Afrika wollte ich eigentlich schon seitdem ich denken kann – begründen kann ich diesen Traum nun wirklich nicht. In der Schule lernte ich allerhand (was wohl abschreckend wirken sollte) über fremde (auch afrikanische) Kulturen und Gebräuche; und die Anziehungskraft dieses Kontinents wuchs und wuchs. Als mich zwei Jahre vor dem Abitur mein Ehrgeiz dann völlig verließ, begann ich eine passende Organisation zu suchen, die mich nach bestandenem Abitur entsenden sollte. So hätte ich ein Ziel vor Augen, das mir Kraft geben würde, die Schulzeit bis ans Ende abzusitzen und auch gleichzeitig eine Begründung, weshalb ich nicht prompt zur Universität zum Weiterlernen wechseln könne – eine bereichernde, interessante, lang ersehnte Auszeit in einer anderen Welt. Als ich die Hoffnung, fündig zu werden, schon fast aufgegeben hatte, entdeckte ich den IJGD. Die großen Vorteile dieser Organisation gegenüber sämtlichen anderen: Keine immensen Kosten, ordentliche Vorbereitung, Unterkunft bei Einheimischen, gewisses Arbeitspensum, längere Aufenthalte, bestmögliche sowie individuelle Betreuung und wenige Hindernisse (wie Alter oder berufliche Qualifikationen). So ergab sich doch noch ein Weg, den ich gehen durfte, wollte und konnte. Zudem gab es ein Angebot, das exakt meinen (im Hinblick auf den weiteren Lebensweg inzwischen doch etwas verfeinerten) Vorstellungen entsprach: Ein landwirtschaftliches Projekt in einem Land, dessen Verkehrssprache französisch ist.
Nachdem ich schon eine eigentlich noch ziemlich unbekannte „Freundin“, von der ich zufällig wusste, dass sie ein reiselustiger, spontaner und afrikabegeisterter Mensch sei, mobilisiert hatte, mich zu begleiten (mich hatte nun doch eine gewisse – wie sich später herausstellen sollte, durchaus berechtigte - Furcht vorm Allein- und Missverstandensein eingeholt) und wir gemeinsam mit ca. 40 mutigen Einzelreisenden im ersten Vorbereitungsseminar saßen, stellte sich heraus, dass besagtes Projekt nicht stattfinden könne. Jedoch wurde als neues MTV das vorherige Spezialcamp im Sénégal angeboten. Da die Camp-Teilnehmer den Bau des Behindertenzentrums abgeschlossen hatten, sollten sich nun erstmals Freiwillige über einen längeren Zeitraum an den sozialen Aufgaben innerhalb des Zentrums versuchen – immerhin traf der Aspekt der französischen Sprache zu, außerdem hatte die Reiselust uns bereits gepackt. Ansonsten war das Seminar kommunikativ, spaßig, aber für uns „feige Küken“ (die zu zweit loszuziehen gedachten und sowieso für die ganze Aktion eigentlich zu jung und unreif wären) etwas uninformativ – anscheinend hatten wir zu viel Vorarbeit geleistet. IJGD-Seminare beginnen wirklich bei einem Wissensstand der thematisch gleich Null ist und niemand braucht sich für Fragen wie „Ist AIDS eigentlich übertragbar?“ zu schämen (was vielleicht auch irgendwie traurig ist). Das zweite Seminar, welches glücklicher Weise auch Pflicht ist, war hingegen sehr viel aufschlussreicher – wobei ich auf die Länderecken inklusive Gespräche mit Rückkehrern und Einheimischen sowie Projektfotos anspiele, nicht aber auf die Abschlussrunde („Welcher Sonnenschutz ist der beste?“...). Außerdem äußerten sich doch plötzlich vereinzelte Stimmen, die ihren Neid auf unsere Zweisamkeit aussprachen und zugleich den Vorwurf der Unernsthaftigkeit zurückzogen (schließlich waren wir die Einzigen, die die Seminarpausen nutzten, um sich die jeweilige Landessprache – in diesem Fall Wolof – anzueignen).
So viel – in Deutschland völlig allgegenwärtige und teilweise auch ganz selbstverständliche – Selbstkritik und Ehrlichkeit sollte ich lange Zeit nicht wieder zu hören bekommen. Gerade damit hatte ich zu Beginn große Probleme und war durch und durch froh, einen Menschen bei mir zu haben, der ein ähnliches kulturelles Empfinden in sich trug. Wir sind in viele gefühlsmäßig schauerliche Situationen geraten und wurden oftmals mit einem (nicht vorhandenen) Respekt behandelt, der eher Tieren denn Menschen galt. Doch jetzt, einen Monat nach meiner Rückkehr, kann ich mich kaum noch an jene Vorkommnisse erinnern, da sie geradezu vollkommen von all den wundersamen, schönen, neuen, krafteinflößenden etc. Momenten, Gefühlen, Erlebnissen und Eindrücken verdrängt wurden. Wir lebten in einem eigenen Zimmer bei einer Gastfamilie – unser Gastvater hatte zugleich auch eine wichtige Stellung in ebenjenem Zentrum. Der Handlungsort nannte sich Guédiawaye – dies ist ein ärmlicher Vorort der Hauptstadt Dakar, um nicht zu sagen ein Ghetto. Der Ghettoflair kommt aber (meines Erachtens) nicht so sehr durch Versorgung, Behausung, Kriminalität und Hygiene zum Ausdruck, sondern vielmehr durch Bildungsmangel, Ungerechtigkeit, Respektlosigkeit und Dreistigkeit. So musste ich die Feststellung machen, dass zwei Wochen nach unserem Empfang vier Fünftel der Leute ihre Freundlichkeit bereits eingebüßt hatten. Positiv an dieser Tatsache ist, dass man die tatsächlichen Freunde (ja, von denen gibt es auch welche) sehr zu schätzen lernt. Traurigerweise ließ sich mit den meisten Frauen kein guter Kontakt aufbauen, da sie im Normalfall französisch nicht konnten und wir somit ihre leicht aufkeimende Wut gegen uns, nicht mit Worten zu besänftigen vermochten. Viele setzen voraus, dass man wirklich jede Verhaltensweise kennen müsse, die im Sénégal als normal gilt; jedoch kann es auch passieren, dass man genau Gegenteiliges beigebracht kriegt, um dann am Ende festzustellen, dass es eigentlich nur darum ging, dich zu verwirren. Man lernt auf jeden Fall, immer irgendwie ein Lächeln parat zu halten, mit dem man sich selbst zu Hoffnung und frohem Mut verhilft und wenn man augenscheinliche Boshaftigkeit mit etwas mehr Ironie betrachtet, lässt es sich durchaus auch Spaß haben.
Eine noch größere Verwirrung löste bei uns die „Arbeit“ aus, mit der wir konfrontiert wurden. Zunächst war von einer Eingewöhnungsphase die Rede, dann wurde plötzlich erwartet, dass wir mehrere Projektvorschläge abgeben könnten. Ohne direkte Aufforderung haben wir erst einmal in der, dem Behindertenzentrum angehörigen Schneiderei ausgeholfen, um tatsächlich einige Ideen zu entwickeln (wir hatten nicht damit gerechnet so vollkommen eigenverantwortlich arbeiten zu dürfen/müssen). Da wir (beide Abiturientinnen) kein spezielleres oder glaubwürdiges Fachwissen mitgebracht hatten und auch zu schlecht französisch sprachen, um Vorträge zu halten, mussten wir leider die Pläne größerer Infoveranstaltungen verwerfen. Irgendwie haben wir aber mit der Zeit eine Art Übung im (mehr oder weniger) Sinnvolle-Beschäftigungen-Aufdecken entwickelt (Büroarbeit, Geldeintreibung durch Spendenaufrufe und Planung von Flohmärkten und Krippenspielinszenierungen, Spielplatz- und Mülltonnenprojekt, Wandgemälde, die auf Missstände aufmerksam machen sollen, Dekoration für Feierlichkeiten). Als wir dann immer arbeitsamer und einfallsreicher wurden, schienen einige Mitglieder der Partnerorganisation vor Ort (Association Nationale des Handicapés Moteurs du Sénégal, ANHMS) ziemlich überrascht zu sein – es wurde wohl eher erwartet, dass wir etwas mehr Geld ins Zentrum stecken würden, um danach auf große Reisen innerhalb des Landes zu gehen. Überhaupt findet einfach jeder, dass weißhäutige Menschen mit Geld um sich schmeißen sollten – uns wurde sogar einmal erklärt, dass wir die ersten Weißen vor Ort wären, die kein Geld hätten. Natürlich fühlte ich mich oft gemein und dachte auch, dass ich eigentlich tatsächlich reicher bin als sie, aber deshalb muss man doch nicht wildfremden Menschen etwas schenken, wenn sie es befehlen; und ich denke, kein IJGD-Freiwilliger kann es sich leisten, über mehrere Monate alle Ausgaben des gesamten Bekanntenkreises (und der ist riesig, wenn man das einzige reflektierende Wesen weit und breit ist) auf sich zu nehmen. So bin ich abschließend doch etwas stolz auf die Art von Arbeit, die ich geleistet und aus dortiger Sicht quasi entwickelt habe, da sie im Bereich des Möglichen für jedermann liegt und außerdem (trotz des mangelnden materiellen Wertes) viel Dankbarkeit und Faszination ausgelöst hat. Es war zudem ziemlich schnell klar, dass der Hauptgewinn von Spenden etc. immer in die Taschen der ANHMS- Mitglieder zu gehen pflegte, die (selbst körperlich behindert und von einer Vergangenheit voller Intoleranz und Entbehrungen geprägt) sich dabei noch nicht einmal einer Schuld bewusst waren.
„Wie war es denn?“ ist die Frage die ich heute am Öftesten höre und am meisten hasse. Natürlich kann man nicht mit einem Wort („Gut“ oder “Schlecht“) antworten, sobald das Geschehene die Dauer eines Tages oder manchmal auch nur einer Stunde überschritten hat – dabei ist es egal, ob ich die letzten Monate hier oder sonst wo verbracht habe. Fest steht: Es war eine Erfahrung, die es wert war erfahren geworden zu sein. Und: Ich habe diesen Aufenthalt zu keinem Zeitpunkt bereut. Im Gegenteil: Ich beneide jeden von ganzem Herzen, der die Chance hat, dieses Projekt auf sich zu nehmen... Ich werde mich jetzt wohl meinem Studium stellen müssen – die Auszeit war lang genug. Ich weiß noch nicht, wohin ich gehen werde, aber: Herrlich ist es überall, wenn man sich erst eingelebt hat.
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