Workcamp in Mwanga
Ich wollte schon immer unbedingt nach Afrika: Damals mit meiner noch jugendlichen Vorstellung, mal etwas Sinnvolles in meinem Leben tun zu wollen. In diesem Jahr bin ich vierzig geworden und bei der Bilanz meiner erfüllten und unerfüllten Wünsche tauchte die Reise nach Afrika wieder auf. So war also klar: Wenn ich das nicht jetzt mache, wann dann? Aber wie die Sache organisieren? Ich hörte von Ute aus meinem Chor von Afrikaworkcamps. Ich war sofort Feuer und Flamme, denn den IJGD kannte ich sowohl von meinem Freiwilligen SozialenJahr als auch von einem Workcamp, an dem ich in Deutschland vor vielen Jahren teilgenommen hatte (und noch heute von schwärme).
Die Idee war geboren, auf dem Vorbereitungstreffen in Dransfeld wurde nun also kräftig überlegt, welches Land es denn sein sollte. Ich wollte gerne auf den Spuren meiner Großmutter reisen, die in den 30er Jahren ein Jahr lang mit einem VW Bus durch Afrika getourt war und meinem Vater den Vornamen Kagerus gab, weil er am Kager gezeugt wurde. So wollte ich also in ein englischsprachiges Land und mit Ute zusammen reisen und irgendwo da, wo meine Großmutter gewesen war. Utes Reiseziel war Uganda, auf dem Vorbereitungsworkcamp gab es viele Volunteers aus Uganda, die das Land so angepriesen haben, als ob sie selbst ein Reisebüro haben. Ich entschied mich für Tansania, weil es in der Nähe von Uganda liegt, weil der Kager da durch fließt und weil es englischsprachig ist. Viele pragmatische Gründe, die sich im Laufe der Reise als ganz schön kurzgedacht herausstellen sollten, denn ein Reisen wie in Europa ist nicht möglich. Eine durchschnittliche Stundenkilometerzahl im öffentlichen Verkehr, der fast immer aus Bussen besteht, ist 20-30 km/h. Die Länder sind groß, Tansania ist viel größer als Deutschland und demensprechend haben Ute und ich in unserer dreiwöchigen Tour durch Uganda und Tansania sehr viel Zeit in Bussen verbracht, was an sich schon ein Erlebnis ist. Ziemlich schnell war auch klar, dass ausserhalb der ausgetretenen Touristenwege eine Verständigung ohne Kiswahili nicht möglich ist, so dass wir Zahlen, Zeiten und Richtungen freiwillig lernten.
Für mich gab es für ein mögliches Workcamp zwei Orte zur Auswahl, beide am Kilimanjaro gelegen und eine Volunteerin des Vorjahres gab mir die Empfehlung, Mwanga zu wählen, weil das an der Hauptstrasse liegt und gut erreichbar sei. So wusste ich also, dass die Erreichbarkeit in Tansania durchaus ein Problem darstellen kann, weshalb ich meinen Rückflug auf drei Tage später als das Ende des Workcamps gebucht habe. Die Folge war, dass die anderen Volunteers viel früher wieder zurückgeflogen sind und ich alleine in Dar es Salaam noch Zeit hatte, was mir sehr freundlichen Kontakt zu dem Tansanier Benjamin beschert hat, mit dem ich einen ganzen Tag verbringen durfte.
Ich reiste als Einzige zu dem Workcamp nicht von Dar es Salaam an, sondern kam dank meiner Reise vorher von Nairobi und Arusha aus der anderen Richtung. So habe ich leider die Idylle von Uvikiuta, der tansianischen Organisation nicht kennengelernt. Sie setzen sich stark für erneuerbare Energien ein und kochen z.B. mit Kuhmist. Der umweltpolitische Gedanke bei Uvikiuta hat mich fasziniert, sie haben eine ganze Ecovillage errichtet, wo auch oft im Jahr workcamps stattfinden.
Ich war also am Busbahnhof in Mwanga per mail verabredet (in jeder größeren Stadt gibt es Internetcafes, in Mwanga wurden bei der Kirche extra Generatoren dafür angeschmissen, damit zwei Computer laufen konnten) und wartete dort auf einen Bus aus Dar es Salaam, der die anderen Volunteers ausspucken sollte. Es landeten viele Expressbusse, aber Mzungus (Weißhäute) waren nicht zu sehen. Ein freundlicher junger Afrikaner sprach mich auf englisch an, nachdem ich in der Sonne schmor, der Dinge harrte und auf kiswahili mit einer Frau mich versuchte zu unterhalten und dank späterer Übersetzung erfuhr, dass sie vier Kinder hat, während ich glaubte verstanden zu haben, dass sie keine Kinder habe (mit der Verständigung ist das doch ganz schön schwierig von wegen englischsprachig...) Richard gab sich auch als Volunteer des gleichen Camps zu erkennen und organisierte dank seines Handys (nie wieder reise ich ohne mein Handy, das ich in Deutschland gelassen hatte, weil ich dachte, dass ich das in Afrika wohl nicht brauchen werde), ein schnelles Abholen von uns beiden zu dem Guesthouse in dem wir zwei Wochen wohnen sollten.
In dem Haus gibt es Duschen mit fliessend kaltem Wasser, Wassertoiletten und getrennte Waschräume für Frauen und Männer. Diese Abgrenzung haben wir allerdings im Laufe der zwei Wochen aufgeweicht, da auf die zwei Männer neun Frauen kamen, wodurch die Schlangen zum duschen nach der staubigen Arbeit unverhältnismäßig wurden. Das Toilettenproblem löste sich auch dadurch, dass es im Garten eine Toilette mit altbekanntem Loch gab, was mir so vertraut war und ich gerne einem Warten fürs Wasserklo vorzog. Ich landete mehr zufällig in einem Zimmer mit einer Japanerin, einer Tansanierin und einer Brasilianerin, was eine heitere und liebevolle Mischung war.
Der Anfang des workcamps verlief eher ruhig, bis alle angekommen waren hieß es warten und Haus und Gegend erkunden. Überwältigend war das Empfangsessen, was die ganzen zwei Wochen dank der zwei Küchenfrauen Mariam und Mama Celina so bleiben sollte. So gut hatte ich in den ganzen letzten drei Wochen nicht mehr gegesssen. Für Lunch und Dinner wird jedes Mal neu gekocht, es gibt viel Gemüse, oft die gleichen Kombinationen, alles immer mit Erdnusspaste abgeschmeckt (wer das nicht mag, hat ein Problem). Für mich war es großartig, es gab immer reichlich, auch als Vegetarierin kein Problem. Auf den ersten Tag als Evaluationday hatte ich keine Lust; aber ich muss sagen, es hat Spaß gemacht und die Ansammlung von Menschen letzendlich zu einer Gruppe durch viel Gelächter bei Rollenspielen und Umsetzung von Gemeinschaftsregeln formiert.
1 Tansanier, 1 Tansanierin, 1 Italiener, 1 Brasilianerin, 1 Japanerin, 1 Slovenin, 3 Deutsche. Die Gruppenatmosphäre war hervorragend und genau die richtige Mischung aus Gemeinschaft und Alleinsein. Ich musste mich daran gewöhnen, dass in Afrika früh ins Bett gegangen wird und sehr früh aufgestanden wird. Auch die morgendliche Tätigkeit des Fegens des Staubbodens sowohl im Haus als auch draußen konnte ich als afrikanisches Ritual verstehen. Lustig war es trotzdem bis zum Ende! Wir hatten kleine Hilfsdienste zu machen wie morgendliches Tischdecken (zuerst natürlich fegen), Schneiden von Gemüse und Spülen nach jeder Mahlzeit. Auch wenn ich schon viele Jahre Erfahrung beim Spülen in Deutschland oder in Europa habe, musste ich es dort ganz neu lernen: Kein Flüssigspülmittel, sondern blaues Pulver (sieht eher aus wie Waschpulver) wird mit den Fingern aus einem Plastiksack gegriffen und bleibt an den Händen hängen, weil diese schon feucht sind. Für jeden einzelnen Teller wird dieses Prozedere wiederholt, als Schwamm oder Tuch wird eine Kordel benutzt, die ein bisschen aufgerollt zumindest das Format eines kleinen Schwamms erreicht und unter fliessend kaltem Wasser wird alles wunderbar sauber! Das fand außerhalb des Wohnhauses in einem speziellen kleinen Vorbau statt, wo am Abend die Maschine zum Wasserpumpen eine mögliche Unterhaltung beim Spülen auf viele Dezibel hochgetrieben hat.
Unsere Arbeit: ich habe mich gefreut, wenn ich Küchendienst hatte, das war im Gegensatz zur anderen Arbeit wie Erholung pur. Wir haben einen Graben gemacht, der rund um ein noch zu ebnendes Fußballfeld gebaut werden sollte, um eine Wasserpipeline darin zu verlegen, um Wassertoiletten bauen zu können. Eine Tribüne war schon errichtet, es standen auch schon Fußballtore. Als letztes sollte die Fläche als Rasen begrünt werden. In einem Workcamp vor uns hatten sie schon neben dem Graben kleine Bäume gepflanzt, die eifrig von den AnwohnerInnen gegossen wurden. Die andere Gruppe hatte mit dem Graben auch schon angefangen, uns sollte es zwei Wochen beschäftigen. Mit Pickel und Schaufel in der Gluthitze, obwohl wir um acht Uhr anfingen. Die Arbeit war anstrengend, die harte körperliche Arbeit waren wir nicht gewöhnt (mehr als jedes Fitnessstudio) und dementsprechend gab es Schmerzen im Rücken, in den Armen oder sonst wo. Die afrikanischen Menschen, die aus Mwanga immer wieder zum Helfen kamen und zum Teil auch in schicken Kleidern arbeiteten waren wesentlich kräftiger und erfolgreicher als wir. Es war offensichtlich, dass es bei dem Workcamp nicht nur um erbrachte konkrete Hilfeleistung geht, denn die war tatsächlich wenig. Viel mehr hatten wir die Möglichkeit durch Besuche in Jugendorganisationen, einem Frauenprojekt, einem Aidsprojekt und einer Gehörlosenschule Aktivitäten vor Ort kennenzulernen und mit den Offiziellen über den Sinn und Unsinn des Fußballplatzobjektes zu diskutieren.
An freien Tagen sind wir nach Moshi gefahren, um ins Internetcafe zu gehen, einzukaufen oder einfach mal den Kilimanjaro aus aller Nähe zu betrachten. Am Wochenende gab es eine gemeinsame Tour zum Arusha Nationalpark, die lustig endete, weil sie uns aus dem Nationalpark nicht mehr ausreisen lassen wollten, weil unser Fahrer gegen eine Einbahnstrasse gefahren war (im Nationalpark!). Es war eine tolle Zeit!!!



