MTV an einer Schule in Muang Gia/ Isan
MTV- Camp in Thailand
Ich habe Grund- Haupt- und Realschullehramt studiert. Nach dem ersten Staatsexamen hat man vier Monate Zeit, bevor man das Referendariat in der Schule antritt. Schon während des Studiums wollte ich gerne ins Ausland. Ich wollte vielmehr eine mir völlig fremde Kultur erleben, mit Menschen zusammenarbeiten, die ganz andere Lebensgewohnheiten haben als ich und eine Sprache sprechen, die ich noch nicht beherrsche. Nach längerem Suchen entschloss ich mich für das Praktikum mit der Organisation Greenway in Thailand (vermittelt durch die IJGD).
Nach zwei Vorbereitungsseminaren in Deutschland, einem kurzen Thai- Sprachkurs und einer Vorbereitungswoche in Thailand begann ich meinen dreimonatigen Aufenthalt im Nordosten Thailands, dem Isan, dem ärmsten Teil des Landes, der touristisch kaum erschlossen ist. Hier lebt man vorwiegend von der Landwirtschaft. Der karge Boden gibt jedoch so wenig her, dass die Bevölkerung nicht zu Reichtum kommen kann. In diesem Landesteil gibt es vier Greenway- Camps. Ich entschied mich für das Camp Payak. Die Kommunikation mit den Dorfbewohnern war zunächst sehr schwierig, weil Thailänder in der Regel schüchtern und sehr zurückhaltend sind.
Wir wohnten in dem Dorf Muang Gia, das etwa 300 Einwohner hat und nur einige Kilometer von der kambodschanischen Grenze entfernt liegt. Wir, das waren vier Volunteere aus Deutschland, Holland und Belgien. Das Haus, in dem wir wohnten, war äußerst bescheiden, ohne Warmwasser, ohne Waschmaschine usw. Regelmäßig setzten wir Voluntäre uns zusammen, um über unsere Ziele, Probleme und Möglichkeiten zu sprechen. Unser wichtigstes Projekt war der Englischunterricht in den verschiedenen Schulen der Gegend, denn gute Englischkenntnisse sind die einzige Möglichkeit für junge Menschen, eine befriedigende Arbeit in der Stadt oder in den Touristenzentren zu finden.
Das Hauptproblem in dem Dorf ist die Arbeitslosigkeit. Viele junge Menschen haben das Dorf verlassen, um in Bangkok als ungelernte Arbeitskräfte einen kärglichen Lebensunterhalt zu verdienen, viele Mädchen arbeiten in Bangkok oder in den Touristenzentren als Prostituierte. Diejenigen, die im Dorf bleiben, leben von ihren Reisfeldern, ihren Kautschukbäumen und etwas Tierzucht. Alkohol und Drogen sind ein riesiges Problem bei Erwachsenen wie Jugendlichen.
Der Kontakt zu den ersten beiden Schulen, in denen wir unterrichteten, wurde uns von ehemaligen Volunteeren vermittelt. Mit anderen Schulen kamen wir mehr oder weniger zufällig in Kontakt. Einmal fuhren wir per Anhalter in eine bestimmte Schule, doch der Fahrer fuhr ins in die Schule eines ganz anderen Dorfes, wo wir freudig aufgenommen wurden.
Hier einige Worte zu unserem Alltag in den verschiedenen Schulen: Jeden Morgen um acht Uhr versammelten sich Lehrer und Schüler auf einem Platz vor der Schule, um dem König, Thailand und Buddha die Ehre zu geben. Die Nationalhymne wurde gesungen, die Fahne gehisst und ein Gebet gesprochen. Außerdem hielt einer der Lehrer eine Rede, meist über ein religiöses oder moralisches Thema. Der Unterricht an sich begann um neun Uhr.
Ich war zunächst schockiert über die schlechten Englischkenntnisse der Schüler und auch der Lehrer und konzentrierte mich deshalb im Unterricht auf Gespräche, die im Alltag nützlich sind. Die meisten Schüler waren aufgeschlossen und interessiert – und sehr stolz, eine ausländische Lehrerin zu haben. Sie prahlten damit in anderen Schulen und in ihrer Familie. Einige der älteren Schüler jedoch hatten eine „No- Future- Mentalität“, sie hatten buchstäblich resigniert, denn sie wussten, dass ihre Zukunft auf dem Reisfeld der Eltern liegt, egal, wie sehr sich anstrengen.
Die Reaktionen der Englisch- Lehrer auf meine Gegenwart waren unterschiedlich. Insbesondere einer verließ, kaum hatte er mich erblickt, seine Klasse und überließ mir den Unterricht. Die meisten aber wollten am Unterricht teilnehmen, um selbst etwas zu lernen, und einige baten mich sogar um Unterricht für sie selbst. Grundkenntnisse in Thai, aber auch ein gewisses Verständnis für die Kultur Thailands sind unbedingt erforderlich, um mit den Dorfbewohnern in Kontakt zu kommen. Dazu gehören ein großer Respekt vor Mönchen, alten Menschen und Vorgesetzten.Wir versuchten, so weit wie möglich, am Dorfleben teilzunehmen. Wir gingen auf den Markt, nahmen an Tempelfesten, Sportveranstaltungen, Einweihungsfesten usw. teil.
Unsere Gegenwart zeigte den Menschen, dass wir ihre Kultur und sie selbst respektieren und ermutigte sie, uns anzusprechen. Dabei waren vor allem die Kinder eine große Hilfe. Die Kinder waren weniger scheu als die Erwachsenen und hüpften in unsere Arme, sobald sie uns sahen. Die Zuneigung der Kinder bahnte uns den Weg zum Vertrauen der Eltern.Um mich vollständig in das Leben der Bewohner zu integrieren, nahm ich an außerschulischen Aktivitäten teil. Ich ging z.B. regelmäßig in ein Trainingscamp für Thai- Boxen. Dadurch verbesserten sich meine Thai- Kenntnisse und die Kontakte zu den Thailändern wurden immer besser.Im Laufe der Zeit ist eine sehr enge Beziehung zwischen den Schülern, Lehrern und mir entstanden. Ich wurde zu den Festen benachbarter Schulen, zu den meisten Familienfeiern der Lehrer und auch oft ohne besonderen Anlass zum Essen eingeladen. Nach drei Monaten viel mir, aber auch den Schülern und den Lehrern der Abschied wirklich schwer.
Anschließend hatte ich noch die Möglichkeit, durch Thailand und Malaysia zu reisen.Mir persönlich hat dieser Aufenthalt sehr viel gebracht. Ich lebte unter prekären Bedingungen in einem kleinen Dorf, dessen Bewohner ich aufgrund sprachlicher und kultureller Barrieren eigentlich nicht verstehen konnte. Und doch ist es mir gelungen, von der Dorfgemeinschaft aufgenommen zu werden. Ich lernte die Sprache und passte mich den Gewohnheiten der Menschen an. Die Menschen vertrauten mir ihre Kinder an, damit ich ihnen Englisch beibringe und ihr Interesse für andere Kulturen wecke. Aufgrund dieser Erfahrung bin ich überzeugt, dass ich mich in jede andere Kultur einleben kann, jede beliebige Sprache lernen kann und es schaffe, von Menschen mit anderem kulturellen und gesellschaftlichem Hintergrund akzeptiert zu werden.
S. Meiners