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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

Wiederaufforstung in Nyive

„Ich mache nie wieder etwas wie meine Schwester!“ Das hab ich mir kurz vor meiner Abreise geschworen! Immerhin hatte sie mich überhaupt auf die Idee gebracht nach dem Abitur mal was ganz anderes zu machen und nach Afrika zu fahren. Schon vor dem ersten Vorbereitungsseminar hatte ich ganz schön Muffensausen! Aber wenigstens kannte ich ja schon jemanden: Emmanuel, von ihm und seinem Bruder, seit ca. 1 ½ Jahren mein Brieffreund wusste ich schon einiges über Land und Leute. Also auf ins Verderben!

Na ja, so im Nachhinein war eigentlich nur das endlose Sitzen und die lange Zugfahrt nicht so angenehm, ansonsten hat es sehr viel Spass gemacht, vor allem aus den Berichten der Rückkehrer konnte man viel lernen. Obwohl, da war noch was: Einige müssen echt noch lernen zu kochen, Erdnusssauce schmeckt nun mal nach Erdnuss, und nicht fruchtig! Aber essen konnte man es trotzdem! Was würde mich jetzt in Wirklichkeit erwarten? Wiederaufforstung in einem Dorf zwischen Kpalimé und der ghanaischen Grenze, das war klar, aber was genau? Ein paar Tage vor der Abreise hätte ich am liebsten alles abgeblasen, zum Glück war das nicht mehr möglich!

Die erste Hürde war dann schon mal geschafft, als ich samt Gepäck in Accra gelandet war, eine Seltenheit bei British Airways! Halt, halt, ihr habt schon richtig gelesen! Accra ist die Hauptstadt von Ghana. Der Flug nach Lomé wäre um einiges teurer gewesen! Zum Glück wurde ich dort von meinem Brieffreund abgeholt und am nächsten Tag nach Togo gebracht. Man war das heiß! Bevor das Camp begann, habe ich erst 10 Tage in Atakpamé und 2 Tage in Kpalime verbracht. Da meine Französischkenntnisse nicht die allerbesten waren und immer noch nicht sind, meiner Mutter als Französischlehrerin sträuben sich jedesmal die Haare, war die Verständigung etwas schwierig.

Kaum bei Astovoct angekommen, kam die erste schwierige Situation: Jemand kommt zur Tür rein, bleibt abrupt stehen, starrt mich mit weit aufgerissenen Augen an, umarmt mich und beteuert mehrfach wie schön es sei mich wiederzusehen! Moment mal, ich kenne dich überhaupt nicht! Nach einem mir endlos erscheinenden Moment „Ruth, n'est pas?“ NEIN, ICH BIN NICHT RUTH!!!  „Ah, la petite soeur!“ Ok, Olivier, den Leiter von Astovoct, hatte ich damit schon mal kennen gelernt! Diese Prozedur hat sich übrigens häufig wiederholt, für die Afrikaner sahen wir aus wie eineiige Zwillinge.

Nach der üblichen Vorrede ging es dann also endlich los nach Nyive, das Gepäck auf dem Dach ungefähr halb so hoch wie der Bus selbst, innen kaum Platz zum Atmen und mit 2 Djambés auch tierisch laut! Darauf folgte eine endlose Begrüßungszeremonie unter den Augen des ganzen Dorfes bis es dunkel wurde und danach ging es ans Kochen und Zimmer beziehen. Auch nicht so ganz einfach. Zunächst wurden alle Zimmer auf's genaueste gemustert, danach heiß diskutiert welches Zimmer man denn den 3 Mädchen überlasse!

Na schön, nachdem sich die Afrikaner dann endlich einig geworden waren, durften wir das Zimmer beziehen, aber schon nach wenigen Minuten begannen die ersten „Verbesserungsarbeiten“: Spinnen und Spinnweben entfernen, denn die Französin Virginie, so hat sich später noch öfter gezeigt, hatte vor allem Angst, was wie ein Insekt aussah! Da hatte sie ganz schön Glück, dass es keine Kakerlaken auf den Toiletten gab!

Aber nicht nur dieses Problem musste gelöst werden: Nach ein paar Tagen wurde es immer schwieriger die Tür zu schließen. Grund: Sie fiel samt Rahmen langsam aber sicher raus. Und das erneute Einzementieren hat auch grade mal 2 Tage gehalten! Sonst war die Unterkunft nicht schlecht. Alle hatten ausreichend Platz für ihre Siebensachen, eine überdachte Kochstelle, einen Brunnen direkt am Haus, nur die Dusche war auch etwas gewöhnungsbedürftig: Die Mauern waren so niedrig, dass die meisten während des Duschens nach draußen sehen konnten bzw. diejenigen, die am Brunnen Wasser geholt haben, auch rein. Aber irgendwann findet man sich mit allem ab, wie sollte ich das sonst 11 Wochen in diesem Land aushalten?
Eine Sache musste allerdings gleich beim ersten Essen geklärt werden: Ich mag keinen Fisch! Gar nicht so einfach, da Fisch dort Grundnahrungsmittel ist. Aber anschließend habe ich täglich einen Extrateller bekommen, meistens sogar mit einem Ei, echter Service!

Die eigentliche Arbeit hat sich auch als sehr lustig herausgestellt. Zunächst mussten wir mit Coupcoups, einer Art Machete, Gräser und kleine Sträucher bzw. Bäume fällen, wobei in Abständen von 5 m Bäume standen, die nicht gefällt werden durften. Daraufhin mussten die abgestorbenen Bäume markiert werden, Löcher ausgehoben, auch mit dem Coupcoup, und dann dort neue gepflanzt werden. Da nicht ausreichend Coupcoup vorhanden waren, gab es ausreichend Gelegenheiten für Ruhepausen und gemütliche Gespräche. Schwierig war einzig zu Beginn den Afrikanern zu erklären, dass auch Europäerinnen auf einem afrikanischen Feld, mit afrikanischem Werkzeug, unter afrikanischer Sonne sehr gut arbeiten können!

Aber natürlich gab es auch andere Dinge als die Arbeit. Nachmittag und Abend wurde häufig für Gespräche, meist in kleinen Gruppen, genutzt, wenn nicht größere Diskussionen auf dem Programm standen oder ein bisschen Tanz und Musik. Nach der ersten Woche hieß es jeden Abend nach dem Essen zunächst „Raubtierfütterung“. Inzwischen hatten so ziemlich alle Dorfkinder mitbekommen, dass sie die Reste des Abendbrotes bekommen. Damit es nicht zu Streitereien kam, wurden alle in Reihen aufgestellt, jede Reihe bekam einen Teller und dann wurde nacheinander vorgetreten und eine Hand voll gegessen. Dass hört sich ganz einfach an, war aber meist Schwerstarbeit, alle wollten am meisten! Hat ihnen wohl geschmeckt. Uns auch, ich wusste nicht, dass ein Mensch solche Portionen verdrücken kann!!! Unglaublich!

Wie üblich haben wir natürlich auch einen Ausflug unternommen. Die Schlossbesichtigung war zwar nicht sehr interessant, es war alt, marode, eingerichtet wie ein billiges Hotelzimmer und klein, aber die Aussicht war umwerfend und schließlich ging es ja auch im Wesentlichen um eine gemeinsame Aktion. Deshalb bin ich ja auch mitgefahren, vielleicht eine Fehlentscheidung nach dem Malariaschub 2 Tage zuvor. Aber auf die Afrikaner ist wirklich Verlass! Sie haben mich mehr oder weniger nach Hause getragen und am nächsten Tag gegen allen Protest zum zweiten Mal ins Krankenhaus geschleppt. Wieso passiert das ausgerechnet mir? Trotz Lariam!

Als dann der Tag der Abreise kam, waren alle traurig! Das Camp hat unheimlich Spaß gemacht, es gab kaum Ärger, wahrscheinlich auch, weil wir alles gemeinsam entschieden haben und alle haben sich gut verstanden, bei 15 Leuten schon nicht selbstverständlich! Im Nachhinein bleiben wirklich nur positive Erinnerungen, auch wenn der Anfang nicht ganz einfach war, da ich die einzige mit Sprachproblemen war. Ein Camp dieser Art kann ich jedem nur empfehlen! Und auch an die etwas Schüchtereren unter euch: Nicht aufgeben! Afrikaner sind unheimlich aufgeschlossen, verständnisvoll und geduldig, außerdem sorgt Astovoct schon dafür, dass ihr nicht völlig allein dasteht.

Und es ist wahrhaftig eine Erfahrung für's Leben, so erging es zumindestens meiner Schwester und mir. Solange man hier bei seiner Familie sitzt, kann man sich das Leben dort nicht im Mindesten realitätsgetreu vorstellen. Erst nachdem man diese Erfahrung gemacht hat, bekommen die Dinge des Erdkundeunterrichts eine Bedeutung. Mir ist im Besonderen deutlich geworden, welches Glück ich hatte, eine solch behütete und unbelastete Kindheit erlebt zu haben, ohne jegliche Sorgen oder Arbeit! Die Eindrücke, die bei einem solchen Aufenthalt gewonnen werden, prägen sich ein, sie lassen einen das eigene Leben in einem anderen Licht erscheinen und bringen Verständnis für die Probleme der Menschen und Länder. Viele Fragen werden beantwortet, andere tauchen auf.

Für mich steht fest: Es sollte mehr junge Menschen geben, die den Mut besitzen, ein anderes Land zu besuchen. Viele wissen gar nicht, wie gut sie es hier haben und vielleicht würde es auch helfen das gegenseitige Verständnis zwischen den Völkern dieser Welt zu verbessern!