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INTERNATIONALE JUGENDGEMEINSCHAFTDIENSTE IJGD

Workcamp in Anyronkope

Auf Grund des ersten Camps in Nyive bin ich schon super gespannt auf den Beginn. Sind diesmal mehr als 3 Europäer dabei? Wie viele insgesamt? Doch die Freude schwindet langsam aber sicher dahin und macht wachsender Ungeduld Platz. Wegen endloser Verzögerungen vor der Abfahrt sind wir dann endlich 22.30 Uhr im Dorf. Natürlich schlafen schon alle! Also erst einmal jemanden wecken, der wiederum jemanden weckt, der uns zum nächsten Haus begleitet, wo man uns endlich sagen kann, wo wir denn wohnen dürfen. Dort funktioniert die Toilette nicht, die nächste befindet sich an der Schule. Das bedeutet: Überleg es dir ja rechtzeitig! Zwar ist das Haus insgesamt sehr neu, aber dafür gibt's nur 3 Zimmer, die nicht nur die 12 Teilnehmer, sondern auch die Lebensmittel beherbergen müssen, ziemlich eng.

Aber schwieriger als das sind noch die Vorbereitungen für den Unterricht! Außer mir hat mal wieder keiner mit der Sprache zu kämpfen, klar, bei 9 Afrikanern, 1 Französin und einer Belgierin. Um es ja nicht zu einfach zu gestalten, wird mir Physik in der 6eme und 5eme angedreht. Eigentlich wollte ich ja gern ein bisschen Mathe und nur notfalls Physik, aber jetzt gibt es kein entrinnen mehr, Augen zu und durch! Viel Arbeit, nach europäischen Maßstäben schon, aber nicht in einer afrikanischen Dorfschule! Der Tag der Einschreibung: Oh je, wie sollen wir mit 12 Mann bloß so viele Schüler unterrichten? Vor allem die 3 unteren Klassen sind geradezu monströs mit 60 bis 100 Schülern! Unmöglich viel Arbeit gibt es aber nicht, stellt sich nach einigen Tagen heraus. Der einfache Grund: die Schülerzahl nimmt ständig ab! Freitags ist Markttag, bei Regen zu nass, nach dem Regen Bohnenernte und vor allem herrscht im Allgemeinen Unlust und obendrein noch Respektlosigkeit. Selbst die 6 und 7-jährigen kommen und gehen wann immer sie Lust haben, mal ohne Schulsachen, mal schlafen sie lieber 'ne Runde als ihre Ohren aufzumachen oder stellen sie einfach auf Durchzug! Kein Wunder, dass die meisten nicht mal bis 5 zählen können, einige in der 2. Klasse kennen nicht einmal die Vokale, geschweige denn die Zahl 2, unmöglich? Nein, afrikanisch!

Hier macht es sich bemerkbar, dass sich der Alltag auf das Überleben konzentriert und Schule für viele Eltern eher Nebensache ist. Aber eines können die Kleinen wirklich gut: SINGEN! Auch wenn die Lieder meist auf Ewe sind, da so gut wie kein Französisch gesprochen wird. Was soll man da als Europäer sagen, wenn jemand weinend ankommt und von der Lehrkraft erwartet, dass sie die Angelegenheit regelt? „A ta place!“ oder „Au tableau!“ verstehen alle! Na gut, verbringen wir die Zeit mit den Vokalen und den Zahlen von 1-10, mit wenigen Schülern auch von 1-20. In Physik sieht's nicht viel anders aus: Einen Abend Vorbereitungen für 3 Wochen Unterricht: Die Kapitel Feststoffe und Flüssigkeiten, sowie deren Massen und Volumen, im Buch 3 Seiten, werden so oft wiederholt, bis die Schüler es dann einmal für einen Tag behalten können, wenn innerhalb der letzten Woche überhaupt noch jemand zum Unterricht erscheint, eine eher unerfüllt gebliebene Hoffnung.

Leider gibt es für die Nachmittage keine aktionsgeladenen Abwechslungen. Die nächste größere Stadt liegt ca. 30 Taxi-Moto-Minuten entfernt, auf sandigen Wegen mit risikoreichen Fahrkünstlern. Außer einem Internet-Café gibt's sowieso nicht viel. Also bleibt Zeit zum Lesen, Karten spielen oder unterhalten, ab und zu auch mal Djembé-Unterricht. Abgesehen von diesen erschwerenden Begebenheiten stellt sich uns aber ein viel größeres Problem: Wasser. Zwar gibt es am Haus auch einen wunderschönen abgedeckten Brunnen, aber leider auch abgeschlossen. Auf zur Pumpe, allerdings läuft 2/3 des Wassers am Eimer vorbei, oder aber sehr weit bis zum Dorfbrunnen, bei dem man sich erst mal einen Schöpfeimer leihen muss und das Wasser. Die Idee der Dorfältesten, dass die Kinder uns als Gegenleistung zum Unterricht Wasser bringen, hat schätzungsweise 1 Woche funktioniert. Am Ende sind wir 2 Tage vor'm eigentlichen Campende abgereist, weil wir kein Wasser mehr hatten, Brunnen und Pumpe waren fast ausgetrocknet.

Ab und zu verdrückte ich mich lieber in irgendeine Ecke unseres kleinen Hauses. Vor allem während der letzten 1 ½ Wochen. Dauernd wird über das Essen gemeckert, irgendwie haben sie ja recht, im Ganzen gibt es 5 Arten von Essen mit immer derselben Sauce, bei 2 warmen Mahlzeiten pro Tag auf die Dauer etwas eintönig. Aber abgesehen von diesen Schwierigkeiten handelt es sich um eine lustige und oftmals auch alberne Truppe!

Den Ausflug dieses Camps beispielsweise werde ich so schnell nicht vergessen: Trotz des langen Weges, ca. 3h Busfahrt, geht's nach Kpalimé, leider erst nach 4 Stunden Wartezeit, langsam glaube ich das ist Standard bei togolesischen Bussen. Kaum angekommen, geht's sofort weiter zur ASTOVOCT-Fete, zu der alle Camps eingeladen sind. Da kann sich wohl jeder selbst vorstellen, dass das ein fröhliches Fest gibt, oder? Nach einer kurzen Nacht kommt eine Wasserfallbesichtigung. Da lohnen sich sogar die Strapazen zur Bewältigung des sogenannten Weges. Dieser einem Trampelpfad gleichenden Etwas ist teilweise mit Drahtgitter befestigt, über die Flüsse führen rutschige und wackelige Holzbretter und die Felsbrocken auf dem Weg sind halb so hoch wie ich selbst. Aber der Anblick ist fast atemberaubend! Angekommen, springen die meisten Afrikaner gleich ins kühle Nass. Und ich? Aus einem freiwilligen Fußbad wird zu meinem Leidwesen schnell ein unfreiwilliges Bad, bei dem nicht viel mehr als die Haare trocken bleiben. Igitt, und dann den ganzen Weg wieder zurück! Zum Glück sind meine Klamotten noch im Auto! Kaum haben alle diese Strapazen überstanden, kommt auch schon die nächste: eine Grottenbesichtigung, natürlich wieder halb auf dem Berg! Aber das beste dabei: in blindem Vertrauen folgen wir den ersten Bergsteigern und werden erst zurückgerufen, als wir die Spitze fast erreicht haben! Und wofür? Außer einem geschwärzten Loch, das angeblich als Küche gedient hat, sieht man nur noch eine kleine Gebetsstätte der Dorfbewohner! Und auch der nächste Ausflug ist ein Reinfall. Eigentlich sollten wir von einem atemberaubendem Ausblick von der Bergspitze beeindruckt werden, aber außer einem freundlichen Soldaten und ein paar nassen Bänken ist nur eines zu sehen: eine dichte Nebelwand. So geht es dann wieder auf die lange Busfahrt, diesmal hab ich sogar einen eigenen, wenn auch engen Sitzplatz, aber 1000x besser als 3h bei jemandem auf dem Schoß zu sitzen!

Im Nachhinein glaube ich nicht, dass die Dorfbewohner uns an diesem Wochenende vermisst haben. Schon 4 Tage vor der Abreise wollten die Hausbewohner die Schlüssel für die Zimmer zurückhaben. Zwar war der Unterricht schon beendet, aber immerhin stand noch die Geschenkeverteilung aus. Also was tun? Länger ausharren oder vorzeitig das Handtuch werfen? Da Wasser nun mal das wichtigste Gut in Afrika ist, haben wir uns für die 2. Möglichkeit entschieden. Auch nicht übel, so hatte ich noch mehr Tage, um durch's Land zu fahren. Was bleibt als Fazit zu sagen? Das Camp hat viel Spaß gebracht, hat aber eher dem Zeitvertreib als dem kulturellen Austausch gedient. Schade, aber vielleicht hatte ich auf Grund der Erfahrungen im ersten Camp einfach auch zu hohe Ansprüche. Lasst euch auf keinen Fall durch diesen Bericht von eurem Plan abbringen, denn trotz allem hat es doch sehr viel Spaß gemacht und hat mir viele neue Erfahrungen gebracht. Am besten ihr probiert es selbst aus! Viel Spaß dabei!