Workcamp in Kpalimé
Am Besten fange ich am Anfang an, mit der Landung in Lomé, bei tropischer Nacht. Ein einziges Durcheinander, tausendmal Anstehen an irgendwelchen Visa-Kontrollen, immer auf der Suche nach dem nächsten Luftzug einer Klimaanlage. Schließlich standen Nina und ich mit unseren 40 Kilo Gepäck draussen, total durchgeschwitzt, und wurden von zwei bis über beide Ohren grinsende Afrikanern namens Joe und Norbert empfangen. Die schleusten uns durch die Menge und machten uns ein Taxi klar, ohne aufzuhören uns willkommen zu heißen. Ins Taxi, und los gings über die dunklen, staubigen Strassen Richtung Hotel. Wir waren gerade eben aus dem AirFrance-Flieger ausgestiegen, wo jeder seinen eigene kleinen Touchscreen mit tausend Kinofilmen und Videospielen hatte, und jetzt fuhren wir auf einer innerstädtischen Sandpiste vorbei an Frauen, die am Straßenrand auf Kohleöfen alles mögliche kochten, bis auf die Scheinwerfer der Fahrzeuge und das Licht der Feuer war es dunkel. Gespenstisch.
Am nächsten Tag bekamen wir noch eine Kurzführung durch die Hauptstadt, Lomé, eigentlich eine Stadt, deren Bebauung nicht über zwei geschossige Häuser hinausgeht und sich über eine riesige Fläche ausdehnt – nur die Innenstadt, die erst von den Deutschen und später dann von den Franzosen geplant wurde, ist ein seltsames Sammelsurium aus romanischen Kirchen, 80er-fahre-Wolkenkratzern und klimatisierten Supermärkten mit europäischen Preisen, zu deren Füßen in lustigen Marktbuden alles nur erdenkliche verkauft wird. Reizüberflutung total, wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus und folgten einfach unseren Begleitern.
Am nächsten Tag gings schon weiter in die Berge nach Kpalimé, zu unserem Camp. Das was die erste Fahrt mit einem dieser lustigen Busse – die haben mich echt fasziniert. Am späten Nachmittag kamen wir an, und es regnete. Kein Aachener Regen, sondern so richtiger. Wir saßen im Hauptquartier unserer Organisation (ATSOVOCT), es lief eine Kassette mit Instrumentalversionen von Steve Wonder und Maria Carey und Weihnachtsliedern, dazu wurde getrommelt und geklatscht – und alle redeten auf Ewe. Nina und ich beschränkten uns auf Lächeln und Zusehen; Joe, der sich uns zuliebe auf die Baustelle eingeschleust hatte, verschwand in die Stadt.
Nach ein bisschen hin und her wurde unser Gepäck mit ein paar Kochtöpfen und Djembés (Trommeln in allen Größen) auf das Dach eines Kleinbusses gepackt und wir quetschten uns zu 17 in den Bus. Alle sangen und klatschen – das sollten wir die nächsten drei Wochen exzessiv üben – und holperten so über verschlammte Feldwege in einen Randbezirk von Kpalimé. Als wir bei unserem Zuhause für die nächsten drei Wochen ankamen war es schon so stockfinster, dass man seine Hand nicht mehr vor Augen sehen konnte, geschweige denn die Gesichter der Togolesen, und elektrisches Licht gab es nicht. Unser Camp war eine Art Hof mit zwei einfachen Gebäuden aus Betonsteinen mit Wellblechdächern, jeder bekam eine Kokosmatte und suchte sich einen Schlafplatz. Danach wurde gekocht, ich bekam irgendwelche Wurzeln zum Schälen in die Hand gedrückt und bekam die Frage gestellt: wie, ihr lernt nicht im Dunkeln zu kochen??? Es gibt so einiges, was wir nicht gelernt hatten.
Unsere Gruppe bestand aus einer interessanten Mischung aus Studenten und Handwerkern, alle sind Mitglieder dieser togolesischen Organisation, die überall solche Freiwilligen-Projekte am Start hat. Für alle ist es reine Ehrensache als Volontair zu arbeiten, wie überhaupt Arbeit als eine Ehre gesehen wird. Am nächsten morgen war um sechs wecken, und Frühstück kochen. Es dauert echt eine Stunde, bevor der Wasserkessel auf dem kleinen Kohleofen kochte, dann kam ein Bund Zitronengras rein und ein Esslöffel Kaffee – diesen Zitronen-Kaffee trinkt man dann mit zwei Löffeln konzentrierter Zucker-Milch, die ungefähr die Konsistenz von Vla hat. Echt sehr sehr lecker, diese Milch kriegt man hier leider nirgends.
Dann die Baustelle: Es standen nur die Fundamente des Krankenhauses, erstaunlicherweise hatte es verblüffende Ähnlichkeit mit dem, was wir schon in Mali aufgemessen hatten. Unsere Aufgabe bestand darin, das Klo zu bauen. Dort schippten wir für drei Wochen jeden Morgen von acht bis zwölf – in der prallen Sonne. Finanziert wird der Bau von einem pensionierten Anwalt ohne Grenzen, der seit Jahren jedes Jahr ein, zwei Monate dort verbringt und sich dieses Quartier als persönliches Hilfsprojekt ausgesucht hat. Er hat die Baumaterialien bezahlt, und gebaut wird Montags und Freitags von den Leuten des Quartiers – freiwillig, einzig mit dem Ziel vor Augen, am Ende ein eigenes Krankenhaus zu haben. Das finde ich großartig.
Drei Wochen lang lebten und arbeiteten wir also gemeinsam, das Leben war voll organisiert. Es gab Dreierteams, die jeweils eine Aufgabe pro Tag hatten wie Kochen, Spülen, Aufräumen, Wasser holen oder Ausruhen. Die Kochgruppe hatte immer am meisten zu tun, einfach weil es sau-zeitaufwendig ist das Essen für 16 Leute auf dem Feuer zu kochen. Desweiteren gab es noch einen Außenminister, der für die Kommunikation mit der einheimischen Bevölkerung und dem Quartierchef und dessen Mitarbeiterstab zuständig war. Ich war seine Sekretärin und musste immer mit, irgendwelche Besuchstermine abmachen und bestätigen. Die meiste Zeit saß ich nur daneben während sie auf Ewe ein paar Worte wechselten, dann kam eine Lobeshymne auf die Deutschen.
Togo war bis zum ersten Weltkrieg deutsche Kolonie, es gibt noch überall Spuren wie deutsche Friedhöfe oder ein deutsches Schloss mitten im tiefsten Dschungel – das war vielleicht bizarr! Alle erinnern sich gerne an die Deutschen, weil sie die Strassen und die Eisenbahnlinie gebaut hatten. Als dann die Franzosen die Herrschaft übernahmen sei alles den Bach runter gegangen. Also war es an mir zu erklären, dass die Franzosen einfach ein schlechtes Timing hatten, und wenn die Deutschen weite Kolonialmacht geblieben wären, hätten sie höchstwahrscheinlich ähnliche Fehler wie die Franzosen gemacht. Natürlich wurde mir nicht geglaubt und ein weiteres Glas Togo-Gin eingeschenkt. Togo-Gin – das ist ein schwarz gebrannter 80%er Fusel, den man auch schon mal gerne vor dem Essen trinkt – vor dem MITTAGessen. Oh là là.
Am Anfang war alles mögliche gewöhnungsbedürftig, wie das Klo, das 100m ausserhalb lag und aus einem Erdloch mit ein paar halben Baumstämmen darübergelegt bestand, umgeben von vier Wänden aus Palmzweigen. Die Dusche sah auch nicht viel anders aus. Beneidenswert: die Togolesen gingen immer ganz locker mit einem Handtuch um die Hüfte, einer kleinen Plastikbox mit ihrer Seife in der einen und dem Wassereimer lässig in der anderen Hand zur Duschen. Nina und ich wankten immer mit unserem ganzen Hausrat – zumindest Duschgel, Shampoo, Haarkur, Handtuch extra, der Kulturvortäuschungstasche und dem sau-schweren Wassereimer – zur Dusche.
Diese äußeren Umstände waren aber nicht das gewöhnungsbedürftige, eher die Tatsache total dem Wetter und den Tageszeiten ausgeliefert zu sein. Man ergibt sich einfach, ohne es beeinflussen zu können – oder auch zu wollen. Unsere Togolesen hatten eine krisensichere Antwort auf diese Umstände: Schlafen. Mittags in der brütenden Hitze, in der die einzige körperliche Betätigung darin bestand, dem Schatten hinterherzukriechen. Auch wenn es regnete – es regnete eigentlich jeden Nachmittag – schliefen sie. Egal wo. Wir konnten einfach nichts machen ausser Kartenspielen, also weder waschen noch duschen, weil alles bzw. man selbst sofort wieder nass war; und ein Gang aufs Klo war wirklich gefährlich weil rutschig.
Die Tatsache keinen Strom zu haben war auch eine Herausforderung. Ohne Taschenlampe ging nach sechs Uhr nichts mehr. Wenn wir dann abends noch in die Stadt gingen um ein Bier zu trinken war der Rückweg alles anderer als leicht. Erstmal: den richtigen Weg überhaupt finden, der letzte Kilometer Richtung Camp waren nur Feldwege durch mannshohen Mais, zwischendurch ein paar Behausungen oder mal ein Papayabaum. Dann die Schlaglöcher, und das alles im Licht der Taschenlampe. Da waren wir immer froh, einen Afrikaner zum dran klammern zu haben der alle fünf Meter „Vorsicht“ rief und uns umständlich um eine Stein führte. Sie waren alle sehr zuvorkommend, ganz dem Motto „la femme d’abord“ treu.
Und natürlich wurde jeden Abend zusammen gefeiert, mit den Djembés und dem berüchtigten Togo-Gin. Das Essen war im allgemeinen sehr lecker, nur viel und schnell – so gelassen Togolese in sämtlichen Lebenssituationen reagieren, so schnell sind sie beim Essen. Die togolesische Küche soll die beste Westafrikas sein, und das kann ich nur unterschreiben. Wir hatten das Glück einen Koch bei uns zu haben, der auch immer in der Küche rumwuselte und mir alles erklärte. Es gab zweimal täglich warmes Essen, was meistens aus Fufu (gestampften Maniok, ähnlich wie Kartoffelbrei im Geschmack nur zäher) oder Yams oder CousCous oder Reis oder Bohnen, dazu gab es eine Soße auf der Basis von Palmöl mit allem möglichen drin. Es war auch immer Fisch dabei, entweder so kleine getrocknete geräucherte, ganz oder zerrieben, oder größere fritierte oder gekochte. Natürlich immer mit den Gräten, die werden mit gegessen, Calcium. Auch Hühnerknochen werden mitgemessen, aber das habe ich doch nicht fertiggebracht. Und natürlich das Obst, herrlich! Ananas, winzige Bananen, Papaya, Orangen... und alles wächst nebenan.
Es war Wahnsinn, was wir in den drei Wochen beobachten konnten, allein das soziale Verhalten. Wobei das Camp natürlich nicht das richtige richtige Afrika war, denn alle waren Volontäre. Viele kamen aus Lomé, und lustiger Weise hatten die einige Schwierigkeiten mit dem Wasser und den Moskitos. Einer hatte die ganzen Arme voller Moskitostiche, und hat daraufhin ein Antibiotikum nehmen wollen, dass er bei einer Frau auf dem Markt gekauft hatte, die genau zwei Tablettenarten verkaufte: die grünen für Beschwerden der oberen und die roten für die der unteren Körperhälfte... einmal hatte einer einen Sonnenstich – kein Wunder, wenn man den ganzen Tag in der prallen Sonne schippt und dabei zwei kleine Becher Wasser trinkt – und meinte am Abend zu mir, er habe Malaria. Sonnenmalaria. Es gab auch einen mit einer Regenallergie. Ich habe ganz schnell die Rolle der Krankenschwester eingenommen.
Daraufhin wurde ich in viele Gebete eingeschlossen - und in so manche religiöse Grundsatzdiskussion hineingezogen. Die vorherrschende Religion ist dort das Christentum. Allerdings ist es eine Art mittelalterliches Christentum, das mit den animistischen Vorstellungen und Ritualen verschmolzen ist. Einerseits glaubt man auf eine sehr bildlichen und wörtliche Weise an das neue Testament, es wurde viel "ein-afrikanisiert" – so waren wir mal in einer Kirche, in der lauter Ikonen von schwarzen Heiligen hingen und deren Fensterbilder die Geschichte der Afrika-Reise der heiligen Maria schilderte. Es wird nicht gewagt, oder eher: es wurde nicht gelehrt, anzuzweifeln.
Viel geschah auch mit versteckter Diplomatie, was uns Joe (der sich als echter Schatz erwiesen hat) erst nach dem Camp beim Rumreisen erklärt hat. So hat er immer afrikanische Mädels eingeladen, damit sich die Baggerei nicht nur auf uns beide konzentriert. Allerdings haben Nina und ich davon eh nicht viel mitbekommen, weil uns keiner offen angemacht hat. Die Schande von einer Europäerin abgewiesen zu werden hätte den sozialen Tod in der Gruppe bedeutet. Im allgemeinen gibt es einen relativ strengen Kodex was Ehre und Schande bedeutet.
Auch Reichtum und Armut ist etwas anderes als hier in Europa. Einerseits muss jeder aus sozialem Prestige arbeiten, aber man arbeitet nicht für sein eigenes finanzielles Wohl sondern für die Familie. Wer nicht gerade in einer Stadt wohnt ist eigentlich auch immer nebenbei Selbstversorger, was ihnen eine gewisse Flexibilität bezüglich ihrer Tätigkeiten gibt. Die meisten halten sich mit irgendwelchen Jobs über Wasser, ob jetzt als Aushilfslehrer, Taxifahrer oder Fussballtrainer, obwohl sie Wirtschaftswissenschaften oder französische Literatur studiert haben.
Dieses Afrika ist voller Gegensätze und folgt Logiken, die ich nicht nachvollziehen kann.
Es war seltsam, unsere Gesellschaft völlig Außenstehenden zu erklären. Aber unglaublich lehrreich. Wir haben auch versucht ein Bild von unserem Europa zu vermitteln. Keiner von denen, die wir kennengelernt hatten, war je ausserhalb von Westafrika. Sie kennen „den goldenen Westen“ aus Filmen und von Leuten, die sich dorthin aufgemacht hatten und jetzt ab und an zu Besuch kommen und natürlich mächtig angeben. Wir haben von psychischen Krankheiten, Markenwahn, Individualisierung, unserem Sozialsystem, unserer schrumpfenden Bevölkerung, der Emanzipation der Frau, der Bedeutung von Partnerschaften und unserer Definition von Glück erzählt. Dabei saßen wir in der lauen Abendluft von Lomé unter einem Baum in unserer Bar und tranken togolesisches Bier.
Ein Traum!


